Kurt, die Meise

"Wann öffnet denn der McFly?"

Das ist Kurt. Wir lernten uns im Winter 2009 kennen.

Damals belas ich mich über heimische Wildvögel und habe erfahren, das hier aufgrund der durchgestylten Gärten mancherorts für Vögel kaum Krabbelviecher zum Mittag da sind. Die Vögel bekommen ihre Jungen im Sommer daher manchmal nur leidlich durch, Nistplätze gibt es für einige Arten auch nur noch wenige, und darum gibt es in meinem Wohnviertel wohl z.B.  auch so wenig Spatzen.

Spatzen gehören für mich aber zum heimatlichen Umfeld (der aufmerksame Leser wird sich an meine Herkunft erinnern), und da fiel mir der Spruch der Analphabeten- Kampagne wieder ein: „Da muss man doch was tun!“

Also bin ich in den Keller, fand eine Schranktür, die ich zum Futterhaus umzimmerte (womit ich auch nach mehreren Jahren endlich eine Daseinsberechtigung für die Stichsäge schuf, die ich mal für 15 Mark im Lidl fand und als Mann natürlich SOFORT haben musste), und band dieses Zeugnis meiner handwerklichen Fähigkeiten sodann an das Regenfallrohr neben unserem Wohnzimmerfenster. Das Winterhilfswerk konnte beginnen.

Nur: die vereinzelt vom Friedhof herübervagabundierenden Spatzen, für die es eigentlich gedacht war, scherten sich nicht drum. Wahrscheinlich hatten sie das formvollendete Kunstwerk des Nachbarn entdeckt, das es im Baumarkt mit günstigem Finanzierungsangebot zu kaufen gibt. Und die Spärlinge scheinen da wohl noch etwas von Ästhetik zu verstehen…

Glücklicherweise verstehen die meißten anderen Vögel nicht viel von Ästhetik, und so nahmen sie das Ding an. Und so fütterte ich neben einigen anderen Federbällen auch eine Bande Meisen durch.

Ja, und damit auch Nistmöglichkeiten geschaffen wurden, beschlagnahmte ich den Baum gegenüber meinem Fenster und installierte dort unter Einsatz meines Lebens und unter heftiger Gegenwehr einen Kasten aus dem o.g. Baumarkt. OK, für etwa 6 Euro war zwar kein Balkon und Zentralheizung eingebaut, aber es würde schon reichen. Eigentlich war die Wohnung für Spatzen gedacht. Die Umstände indeß waren aber wohl nicht so günstig: Spatzen nisten gerne in Mietskasernen, um nachbarschaftliche Partys zu feiern. Meine Bude hing da aber alleine im weiten Baum. Pech für mich. Doof für wohnungslose Spatzen.

Aber Meisen finden freihängende Bungalows ganz töfte, und so interessierte sich im Frühjahr auch eine Kohlmeise für die Liegenschaft: Kurt.

Er war wohl im Vorstand der Meisenbande, denn er war schon am Futterhaus äh… -Bauwerk schon immer vorne mit dabei. Eigentlich hatte ich schon überlegt, ihm das „Du“ anzubieten.

Jetzt fand er also das Fertighaus ganz ansprechend, und als er sich mit den übrigen Baumbewohnern über die Kronennutzung und die Flurwoche geeinigt hatte, zog er mit seiner Liebsten dort ein.

Geschafft! *jubilier!* -Ich bin ein Naturschützer!

Nachdem dann seine Bälger geschlüpft waren, hatte er den gleichen Streß wie seine Stammtischkollegen: Er musste jetzt nicht nur seine Frau, sondern auch noch die Schreihälse durchfüttern. Abermals schlug meine Stunde: Ich bot neben dem üblichen Vegetarier- Gekröse, das Vögel im Winter fressen, in meinem Fly-In auch Mehlwürmer an.

Kurt entdeckte dieses neue Futter schon schnell und richtete, wann immer ich den Imbiß bestückte, einen emsigen Pendelverkehr zwischen Baum und Fly-In ein.

Nun musste ich lesen, das Mehlwürmer für die Küken etwa so gesund sind wie der Frampf bei Mäckes. Viel zu fett. Da ich aber sowieso nicht immer da war, um etwas ins Häuschen vor dem Fenster zu legen, schränkte ich die „milde Gabe“ fortan etwas ein und achtete darauf, das Kurt seine Blagen nicht zu sehr mit diesem Junkfood vollstopfte.Ich wollte ja nicht, das seine flügge werdenden Kinderchen wie die Kartoffeln aus der Nistkiste purzeln.

Unter diesem Futterdruck wurde Kurt dann auch immer umgänglicher: Zunächst störte es ihn nicht mehr, wenn ich im Fenster liegen blieb, um ihn in etwa 70cm Entfernung beim Futter holen zu beobachten. Dann versuchte ich, ihm den einen oder anderen Wurm mit einer langen Pinzette feilzubieten. Und einige Zeit später kam er sogar auf meine Hand! -Na datt war ja watt Klasse!

Der Frühling wurde wärmer, die erste Brut war bald aus dem Haus. Da Meisen aber nicht viel von Verhütung verstehen, war es bald wieder soweit: In einem Baum, etwa 60m von unserem Haus entfernt, brüteten sie ein 2. Mal.

Gleiche familiäre Situation, gleicher Futterdruck, Kurt wieder aufdringlich. Er brauchte nur sehen, das sich am Fenster was rührte, und saß schon im Schnellrestaurant für verzweifelte Meisenväter, eifrig nach der Bedienung schreiend. Ich musste mich ganz schön beherrschen, um ihn nicht alles zu geben, was er verlangte! Die Kleinen sollten ja schließlich auch mal was Vernünftiges in den Schnabel bekommen.

Nun lüftet man ja auch mal die Bude durch. Eines tages hatte ich also das Fenster weit auf, saß am Laptop, und so mir-nichts-dir-nichts turnte plötzlich ein ungeduldiger Kurt auf dem Monitor rum und fragte, wann denn der Fly-In wieder geöffnet habe!

Nachdem ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, vergewisserte ich mich, das die Katze auch nichts mitbekommen hatte. Wir haben nämlich eine Wachkatze. Sie hat schon mal eine Einbrecher-Meise auf 30cm gezogen. Und jetzt wollte ich natürlich nicht, das sich dieses Drama wiederholt. Auch für den Teppich und so.

Katze hatte aber nichts mitbekommen (vonwegen: Wachkatze! Wass ’n das für eine Arbeitsauffassung?!) , und so konnte ich Kurt fortan sogar bequem vom Sofa aus versorgen.

War halt nur ein wenig lästig, das ich meine Durchlüft- Zeiten nach seinen Fütterungszeiten richten musste, da er jedesmal im Wohnzimmer saß, wenn das Fenster geöffnet wurde. Und er durfte ja nicht zu viel von dem FastFood bekommen…

Außerdem muss ich jedesmal die Augen verdrehen wie ein Chamäleon, um neben Kurt auch die Katze zu beobachten. Ich glaube zwar nicht, das sie Kurt kriegen würde, aber wenn sie so in Jagtstimmung ist, springt sie hinter dem durchs Fenster flüchtenden Kurt womöglich her. Und das würde sie mindestens 7 der neun Leben kosten. Mindestens.

Mittlerweile hat Kurt womöglich schon ein drittes Mal Küken durchgebracht, und kaum sind die Kinder aus dem Haus, kommt er auch viel seltener vorbei. Aber er kommt noch.

Manchmal ist eine seiner Töchter noch mit dabei. Bärbel.

Die ist noch nicht so zutraulich.

Aber die bekomme ich nächsten Winter rum. Bestimmt.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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Eine Antwort zu Kurt, die Meise

  1. Carsten schreibt:

    Ich wäre auch auf Würmer Meisen-Speise gekommen – kommt ja schließlich auch im Liedgut (Schneider, Der Meisenmann) vor

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