Smartphones, Apps und das Drama um die Netzneutralität

Wikipedia schreibt in dem Artikel über Netzneutralität:

„Netzneutralität ist eine Bezeichnung für die neutrale Daten-Übermittlung im Internet. Sie bedeutet, dass Zugangsanbieter (acces provider) Datenpakete von und an ihre Kunden unverändert und gleichberechtigt übertragen, unabhängig davon, woher diese stammen oder welche Anwendungen die Pakete generiert haben.

(…)

Einige Netzbetreiber wollen selbst bestimmen, wer ihre Netze benutzt und für die Benutzung ausgewählter Dienste auch zusätzlich Geld verlangen, (…)“

Aha. Die Provider möchten das Netz also für ihre Zwecke kanalisieren.  Geld verdienen. Soviel mal vorweg, damit wir darunter das gleiche verstehen. Ich stelle das so heraus, weil man meine Auffassung hierüber auch schon mal falsch verstanden hat, und mir eben diesen Link zu Wikipedia empfohlen hat.

Ich habe nämlich bei Twitter mal die These in den Raum geschmissen, dass sich Smartphone- Besitzer durch das Nutzen von Apps schon selbst so einer Kanalisierung unterwerfen. Und das völlig freiwillig. (Ich hatte im Tweet „eifohn“ geschrieben. War aber kein Schreibfehler. Ich wollte bloß nicht wieder von irgend so ’nem Apple-Bot verfolgt werden)

Ich bin nämlich der Meinung, das man zumindest über Smartphones garnicht erst den Umweg über Datenpaket-Verlangsamung gehen muss. Man bietet einfach keine App dazu an, dann ruft es auch niemand auf. So einfach ist das. Wer nicht zahlt, taucht nicht auf.

Eigentlich war ich auf den Gedanken gekommen, weil ich es schon immer für einen Krampf hielt, das „normale Internet“ per Handy zu benutzen. Es ist ein umständliches geprockel, als wenn man versucht, mit einem PKW in einer einständigen Garage zu wenden. Finde ich zumindest.

Seiten werden umgebaut serviert, viele Funktionen, die auf der „normalen“ HP eingebunden sind, fehlen, und durch das Rumgescrolle wird ein Artikel auch nicht gerade lesbarer.

Um zumindest das Aufrufen bestimmter Seiten zu erleichtern, gibt es unendlich viele Apps. Ähnlich der Lesezeichen.

Unendlich viele? Für alle Seiten?

Gerade kleinere Inhalte (z.B. auch dieses Blog) bieten keine App. Währe wohl auch uninteressant, da sich nicht so viel Interessantes hier abspielt, das man sich das Ding installieren würde. Also werden solche Seiten quasi freiwillig durch den App-Nutzer schon mal „diskriminiert“.

Über den PC ist es aber kaum ein Problem, „mal eben“ hier vorbeizuschauen.

Und über Smartphone? Eventuell noch über die Suche? -Wohl kaum. Rumscrollen, Grössen anpassen, immer wieder Ladezeiten abwarten…Ein Krampf eben. Weil man sich ausserhalb der Apps bewegt. Da bleiben viele wahrscheinlich lieber innerhalb ihrer kleinen App- Welt: Mit einem Touch aufrufen, ungeprüft konsumieren, Ende.

Wer tut sich da noch eine Online- Recherche an? Via Smartphone käme zumindest ich nicht auf die Idee, mir das ohne Bezahlung anzutun.

Und genau DAS verstehe ich unter freiwilliger Aufgabe der NN: Man lässt sich vom Betreiber vorschreiben, welche Seiten man benutzt. Keine App, kein Interesse.

Man möge mich verbessern, wenn ich jetzt Blödsinn schreibe, da ich selbst aus verschiedenen Gründen kein Smartphone nutze (die Antwort-Funktion sollte offen sein): Meines Wissens kommen die Apps für das IPhone ausschließlich über Apple. Ein Seitenbetreiber reicht sie bei Apple ein bzw. Apple schreibt sie selbst, und die veröffentlicht die Dinger. So hat man es mir zumindest vorgeworfen:

Die Betreiber sind doch selbst schuld, wenn sie keine App schreiben!

Aber ist das so einfach? Veröffentlicht Apple einfach alles? So ganz ohne Auswahl?

Ich belas mich ein wenig und kam nach etwa 3 Klicks auf die Seite

http://www.telekom-presse.at/Netzneutralitaet_versus_Monopol.id.13473.htm

(Mal bitte über Smartphone suchen! 😉 ) mit einem Artikel über Versuche der NN-Untergrabung, und musste feststelle, das es mit der NN bereits heute schon nicht mehr so weit her ist. Dort steht:

Die Politik von Apple
Einen Vorgeschmack gibt auch Apple mit seiner Politik, die Inhalte der am iPhone/iPad verfügbaren Inhalte zu kontrollieren. Apple hat tatsächlich für seine User bereits die Netzneutralität abgeschafft, indem es die Inhalte seines App Stores kontrolliert und den Zugriff auf andere als die eigenen Apps verhindert. Und natürlich dadurch, dass bestimmte Tools wie Flash nicht auf den Geräten zur Verfügung stehen. Was also Apple User zu sehen bekommen, wird durch die religiösen Ansichten des Apple Managements eingeschränkt.

(…)

Kartelluntersuchung
Die EU hat sich
kürzlich einer Kartelluntersuchung der Federal Trade Commission angeschlossen, die die Beschränkungen im App Store und auf den Endgeräten zum Ziel hat. Im Mittelpunkt des im Juni eingeleiteten Verfahrens sollen die im Mai neu eingeführten Nutzungsbedingungen für Apples App Store stehen. Darin werden bestimmte Entwicklerwerkzeuge verboten, mit denen Anwendungen plattformübergreifend nicht nur für das iPhone, sondern auch für Geräte von Mitbewerbern erstellt werden können. Dazu gehören Adobes Flash-Technologie, Novells Mono Touch und die Spiele-Engine Unity 3D
.“

(Hervorhebungen durch mich)

Aha. Es ist also schon soweit.

Und der nächste Schritt? Eine Übereinkunft mit der Bundesregierung, nur noch Apps zum Aufruf regierungskonformer OL-Zeitungen anzubieten, und den Rest bitte „zu Fuss“?

Auf dem Smartphone meiner Verlobten befand sich vom Werk aus nur eine App fürs Netz: Die für die BILD, dem grössten Propagandaorgan Deutschlands. Wenn das nicht schon ein Hinweis ist, wohin es geht!

Na, schönen Dank auch. Da bleibe ich lieber bei meinem „einfachen“ Handy von 2003 und gehe übers Laptop ins Netz.

Da ist – zumindest bis jetzt – die Auswahl von X- Beliebigen Inhalten so unkompliziert und schnell möglich, das ich auch mal einen Blick auf weniger frequentierten Seiten wage.

Ohne, das mir jemand mit Apps vorschreibt, was mich interessiert.

(mit Dank an @3erMPS , der mich dazu ermunterte, mich hierüber mal etwas zu informieren)

Nachtrag:

Zu diesem Post schickte mir @3erMPS einen Beitrag, den ich- auch, wenn er teilweise meiner Meinung widerspricht- hier wiedergeben möchte:

Hallo firefox05c,

ich habe deinen Blog-Eintrag jetzt mit Interesse gelesen und kann dir teilweise zustimmen. Allerdings bin ich der Meinung, dass du den Fehler begehst und einige Dinge in einen Topf schmeißt, die nicht in einen Topf gehören. Dafür nimmst du die aktuell entstandene Debatte um die Netzneutralität als Anlass. Eigentlich ist das auch nicht richtig ausgedrückt. Die Debatte um Netzneutralität ist nicht neu, si gibt es schon so lange, wie das Internet(z) selbst. Leider kommt ihr erst jetzt die mediale Beachtung zuteil, die sie schon seit langem verdient.
In deinem Blog-Eintrag zitierst du zu Beginn genau den Sachverhalt auf welchen ich dich aufgrund deiner Tweets aufmerksam machen wollte: Netzneutralität bedeutet, dass die Zugangsanbieter(!) Datenpakete unabhängig von Art, Größe oder Inhalt gleichberechtigt übertragen / weiterleiten. Dies ist ein wichtiger Grundstein auf dessen Basis sich das Internet so entwickelt hat, wie wir es heute kennen. Leider entspricht diese Entwicklung nicht dem Wertschöpfungsdenken der Unternehmen, die Zugänge zum Internet anbieten. Dies sind nämlich in den meisten Fällen Telekommunikationsunternehmen, welchen neben dem reinen Internetzugang auch noch weitere Dienste (meist im Vertrag direkt gekoppelt) anbieten. Hierunter fallen zum Beispiel Festnetz- sowei Mobiltelefonie oder Fernsehen. Dementsprechend möchten diese Unternehmen, dass du ihre Angebote auch nutzt. Also mit deinen Freunden zum Beispiel über den Festnetzanschluss telefonierst. Jetzt hat der technische Fortschritt eine wundervolle Technik hervorgebracht, welche sich Voice-over-IP nennt. Also das Übertragen von Sprache über IP-Datenpakete. Dies ermöglicht es dir, teils mit kostenlosen Tools (wie z.B. Skype), ein Telefonat mit Personen in der ganzen Welt zu führen. Und dies quasi zum Nulltarif (einen bestehenden Internetzugang jetzt vorausgesetzt). Eine solche Technik konnte sich nur entwickeln und durchsetzen, weil der Zugangsanbieter dazu „gezwungen“ ist, jedes Datenpaket gleich zu behandeln, egal ob es sich um den Textinhalt einer Internetseite oder um kodierte Sprachdaten handelt. Würde es sowetas wie Netzneutralität nicht geben, wären Dinge wie Skype, YouTube, BitTorrent oder ähnliches womöglich garnicht entstanden. Weil die Zugangsanbieter diese Dienste sperren würden, oder sich dies teuer bezahlen ließen. Und genau in diese Richtung geht es momentan leider, das ist der Kern der aktuellen Diskussion um die Netzneutralität. De fakto ist diese leider auch schon zu einigen Teilen abgeschafft. Man schaue nur einmal, wie der Zugangsanbieter T-Mobile es verbietet in seinem mobilen Datennetz ein Programm wie das oben genannte Skype zu benutzen. T-Mobile möchte natürlich, dass man über ihr GSM Netz telefoniert und Gebühren für die Nutzung zahlt. Ein kostenloser Service wie Skype schmälert den Gewinn und wird daher über die AGB ausgeschlossen. Ein Umstand der meiner Meinung nach nicht toleriert werden dürfte.

Du beziehst allerdings die Netzneutralität auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von bestimmten Applikationen auf einem Mobiltelefon, die es ermöglichen, größtenteils textbasierte Inhalte des Internets darzustellen (so habe ich dich verstanden). Gleichzeitig gibst du selbst zu, dass dein Mobiltelefon aus dem Jahre 2003 stammt, somit de fakto kaum in der Lage sein dürfte am „Erlebnis“ des heutigen mobilen Internets teilzunehmen. Moderne Smartphones, wie zum Beispiel das von dir genannte iPhone, stellen über mobile Browser (auch das ist eine App) einen, soweit mir bekannt ist, größtenteils uneingeschränkten Zugang zum Internet bereit. Größtenteils deshalb, weil natürlich Beschränkungen vorhanden sind. Diese sind aber meist technischer Natur, heißt ein Gerät ist schlichtweg nicht in der Lage bestimmte Inhalte (wie Flash- oder Silverlight-Seiten) zu verarbeiten und anzuzeigen. Dies stellt allerdings keine Diskriminierung eines bestimmten Anbieters, sondern ein Zugeständnis an die Mobilität der Plattform dar. Mir ist allerdings kein Mobiltelefon bekannt, wo ein Aufruf bestimmter Seiten per se unterdrückt wird. Auch sehe ich deinen Einwand, dass ein kleiner Blog keine Chance hat gegen einen großen Informationsanbieter wie z.B. den Focus, als falsch an. Dies ist sicherlich nicht ein Mangel der mobilen Plattform sondern einfach eine Sache der „Marktanteile“. Auf dem „Markt“ der normalen PC-Benutzer hast du sicherlich im Verhältnis zum Focus nicht weniger Leser als auf einer mobilen Plattform.
Auch gibt es nur für einen sehr sehr kleinen Teil der im Internet verfügbaren Webseiten zusätzlich eine dedizierte App für bestimmte Smartphones. Meistens bieten diese Apps auch keinen oder nur einen sehr geringen Mehrwert gegenüber der normal im (mobilen) Browser zu betrachtenden Internetseite. Auch dürfte der Marktanteil dieser Apps nur gering sein (aufgrund des wenigen Mehrwerts).
Es ist natürlich klar, dass ein mobiler Nutzer eher Seiten im Internet bevorzugt, die auf die Ausmaße eines Smartphone-Displays optimiert sind. Allerdings steht es doch jedem frei, seine Internetseite dementsprechend zu gestalten. Und wie ich dir auf Twitter schon schrieb: Der Hoster deines Blogs stellt auch eine für Mobiltelefone optimierte Seite zur verfügung, die wunderbar von unterwegs zu lesen ist. Auch ohne eine extra App. Also dein Argument „Kein App, kein Interesse“ halte ich schlichtweg für falsch. Eine gut gemachte Internetseite lässt sich von jedem modernen Smartphone komfortabel und ohne Probleme aufrufen und konsumieren.

Wo ich dir uneingeschränkt Recht geben muss, ist die Plattformpolitik von Apple, welche du anprangerst. Hier wird zurecht in Frage gestellt ob Apple bestimmten Anbietern ihre Plattform vorenthalten darf oder nicht. So sperrt Apple zum Beispiel diverse Inhalte von ihrer Plattform aus und begründet dies mit Jugendschutz. Du könntest es zwar trotzdem über den Browser konsumieren, aber andere Möglichkeiten über Apps lässt Apple nicht zu. Dies ist meiner Meinung nach falsch, jeder Anbieter eines legalen Produkts/Inhaltes sollte gleichen Zugang zu jeder Plattform erhalten. Ich sehe dieses Thema aber unabhängig von der Thematik der Netzneutralität.

Viel schlimmer finde ich da die Tatsache, dass Zugangsanbieter wie die Telekom ihre Verträge teilweise an bestimmte Geräte binden. So darf ich einen T-Mobile iPhone Tarif nur mit einem iPhone nutzen. Das surfen über andere Geräte ist nicht gestattet und wird technisch unterbunden. Genauso ist die Nutzung von bestimmten Web-Techniken wie VoIP oder VPN über diesen Vertrag untersagt. DAS ist für mich das Problem. Ein Zugangsanbieter sollte lediglich den Internetzugang über eine bestimmte Technik (DSL, TV-Kabel, Strom, Funk, o.ä,) anbieten und dem Kunden muss absolut selbst überlassen sein, welches Endgerät und welche Dateninhalte er versendet/empfängt. Dazu kommt noch die jetzt diskutierte Priorisierung von bestimmten Diensten, wenn die Anbieter Geld an die Telekommunikationsunternehmen zahlen. Dadurch ist die Diskussion ja zuletzt erst wieder in die Medien gekommen. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, Apples fragwürdige Produktpolitik mit Netzneutralität zu vermischen.

Gruß,
@3erMPS

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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