Das Schlangenseminar

Eine Kornnatter. Da diese regelmäßig befummelt wird, ist sie ziemlich umgänglich.

Wenn in den Wohnungen bestimmter Liebhaber vermehrt Reptilien unterschiedlichster Art gehalten werden, ist das für Gewöhnlich kein Problem. Als „Liebhaber“ befassen sie sich auch gewöhnlich genug mit den Tierchen und deren Haltung. Die meißten Schlangenbisse in unseren Breiten treffen auch ohnehin die Besitzer dieser Tiere.

Problematisch wird es erst, wenn die Geltungssucht bestimmter Individuen diese dazu treibt, sich irgendwelche giftigen Viecher zu halten, die denn auch nur dazu dienen, den Halter cool dastehen zu lassen. Ähnlich den tropischen Vögeln, die gerne bunte Sachen zusammentragen und um sich herum verteilen, um beim Weibchen besser zur Geltung und damit auch zum Schuß zu kommen, legen sich einige Männer eben Exoten zu. Solche Menschen wissen aber oft nicht so genau, was sie sich überhaupt in die Bude geholt haben. Da ein Wellensittig zwar ein Exot, aber eben nicht „Cool genug“ zu sein scheint, stehen sie dann in „Zoo Zajak“ und verlangen entweder „Die hübsche grüne da!“ oder fragen sogar direkt: „Haben Sie da irgendwas giftiges?“

Wenn solche Vollpfosten dann auf einen gewissenlosen Verkäufer treffen und dann irgendwann merken, dass die meißten Mädels eine Spinne oder eine Schlange nicht unbedingt auch so cool finden (wenn diese Hohlköpfe auch sonst nicht viel auf die Reihe kriegen, aber dass eine Grundlage des Lebens darin besteht, ein Weibchen zu finden, um sich zu vermehren, haben sie ALLE drauf), oder einfach damit überfordert sind, wenn der Alligator irgendwann über 1,5m Länge hat (wer hätte das gedacht?), setzen sie die Viecher manchmal einfach aus.

So kommt es dann, das klein Kevin mit einem schön bunten Wurm im Pizzakarton ankommt, oder Omma Helene sich im Waschkeller fürchterlich über „Soooo ’n‘ Oschi anne Wand“ erschreckt.

Und an dieser Stelle kommt dann auch schon mal die Feuerwehr ins Spiel.

Um dann die Tiere möglichst tierlieb zu fangen und zu transportieren, werden uns von Zeit zu Zeit Seminare beim Reptilienzoo angeboten.

Letzten Monat kam ich in den Genuss eines solchen Tages- Seminarplatzes im Terra-Zoo.

Nachdem wir eine Einführung bekamen, wo solche Tierchen überall vorkommen (also, wenn man das Dazutun der mental grundkonfigurierten mitrechnet, eigentlich überall), welche Arten heimisch sind und vor welchen wir uns in Acht nehmen sollten, ging es noch um die Unterteilung der Reptilien. Also, im Groben gibt es Spinnen, Schlangen und Echsen. Im Groben können einige beißen. Oder würgen. Oder würgen UND beißen. Auf jeden Fall nix für unseren Durchschnitts- Idioten.

Nach dem Erklären von Bisstechniken und Wirkungsweisen der Gifte wurden auch einige Mythen zerstört: Sowohl das Abbinden als auch (besonders!) das Aussaugen solcher Bißwunden á la John Wayne sind Blödsinn. Gerade beim Aussaugen sollte man allen heroisch anmutenden Ambitionen dringend widerstehen, da das Gift einer Schlange dann im Mundraum über die Schleimhäute aufgenommen werden kann! Die dann unter Umständen auftretenden Gesichtslähmungen würden einen ohne Weiteres zum Nebenjob in einer Geisterbahn qualifizieren.

Danach war erst mal Pause. Zwischen Waranen, Mambas und Krokodilen gab es Wurst- und Käsebrötges, Kaffee und Salat. Ja, der Neid der uns durch ihre zahlreichen Augen beobachtenden Spinnen war uns gewiß…

Nach der Pause dann die Praxis, während der auch das Foto entstand. Nachdem wir erst mal recht entspannt an einer nach Katzenklo duftenden Kornnatter fummeln durften, die schon so oft rumgereicht wurde, das sie diesen Umstand wohl für ihr natürliches Dasein hält, durften wir dann an Schlangen arbeiten, die mit wachsender Größe auch giftiger wurden. Besonders die Waldkobra hat mir dabei schon leid getan: Dieses arme Tier (als giftigster Vertreter) musste es sich gefallen lassen, mittels Schlangenhaken von etwa 15 mehr oder minder wild entschlossenen Feuerwehrmännern von einem Styroporkasten in eine Tonne und zurück gehakelt zu werden. Also: Ich währe ja anstelle der Schlange sowas von angepisst gewesen!

Als auch hier niemand zu Schaden kam (ja, selbst die Kobra verhielt sich anschließend noch artgemäß wie eine Schlange), ging es in die Terrarien mit den Riesenschlangen, die auch wirklich groß waren; denn wir haben auch gelernt, das es „Riesenschlangen“ gibt, die ausgewachsen nicht länger als eine luftgetrocknete Mettwurst sind.

Hier mussten wir einsehen, das die Boas und Pythons, die im übrigen bis zu 5m lang waren, nur zu tragen waren, wenn sie auch Bock dazu hatten. Sonst gehen nicht wir mit der Boa, sondern sie mit uns durch das Glashaus. In dieser Situation, wie Besoffen mit dem Monster auf dem Arm zwischen den Baumwurzeln torkelnd, klang es noch in unseren Ohren, was der Ausbilder uns freundlicherweise kurz vorher noch mitgeteilt hat: Das nämlich im letzten Seminar ein allzu zögerlicher Kollege eine Schlange so lange kirre gemacht hatte, bis sie völlig genervt zugebissen hat. Und so eine Boa hat ne Menge Zähne! Angeblich hat der Kollege gesichert um die 5 Liter Blut verloren und 6 Finger der linken Hand eingebüßt!

So trugen wir dann auch bereitwillig die Lederhandschuhe, zu denen man uns freundlicherweise riet.

Wie auch immer, wir hatten keine Verluste zu beklagen.

Nachdem wir ausgiebig mit den Schlangen getobt hatten, gab es noch eine Fütterungsvorführung an einem – sagen wir mal – etwas größeren Waran. Hätte ja nicht gedacht, wie fix solche Viecher sind!

Natürlich wurden zum Schluss noch Skorpione und Vogelspinnen rumgereicht. Ich hätte ja ZU GERNE eine auf die Hand genommen, aber ich musste LEIDER mit beiden Händen meine wild zappelnde Kamera festhalten, die panische Angst vor Spinnen hatte. Schade aber auch. (OK, zugegeben: Ich werde Spinnen wahrscheinlich auch weiterhin mit Schüppe und Besen fangen…)

Liebe Feuerwehrkollegen:

Solltet ihr mal die Gelegenheit zu einem solchen Seminar haben, greift zu! Als Fazit kann ich sagen, das ich mich jetzt gerüstet fühle, eine Schlange einzuschätzen und gegebenenfalls selbst zu handlen. Auch die Gefahren, die von Echsen ausgehen können, hatte ich unterschätzt.

Da ich jetzt also Experte bin, habe ich mir für alle Fälle schon mal einen Schlangenhaken in meinen PKW gelegt. XD

Im Ernst: Bei meiner Feuerwehr wurde jetzt ein Fahrzeug zusätzlich mit den erforderlichen Behältnissen und Haken ausgerüstet. Dass dann bei einem entsprechenden Einsatz auch ein „gehobener Laie“ hinzugezogen wird (ehrlicherweise sind wir jetzt natürlich keine „Spezialisten“ geworden), habe ich bereits kurze Zeit später bestätigt bekommen.

Dazu aber demnächst mehr.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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15 Antworten zu Das Schlangenseminar

  1. TickleMeNot schreibt:

    Okay, also nicht wie wild am gebissenen Bein rumsaugen. Aber warum nicht abbinden? Ich muss mich da mal schlau machen. Falls ich doch nochmal über jemanden stolpere, der gerade von einer Kreuzotter gebissen wurde.

    • firefox05c schreibt:

      Es soll – wenn ich die Ausführungen des Wurmkundigen richtig verstanden habe- eine geringe Blutzirkulation aufrecht erhalten werden, damit das Gewebe weiter versorgt ist und die Giftkonzentration an der Wunde durch den „Spüleffekt“ leicht vermindert wird (das Gift kann im Körper langsam abgebaut werden). Geringe Zirkulation, daher Gliedmaßen auch ruhig halten. Ein Abbinden hätte zur Folge, dass das Gift sich beim unvermeidlichen Lockern der Abbindung, das ja irgendwann erfolgen muß (drohende Nekrose), mit dem dann einsetzenden Blutschwall schlagartig auch in Richtung Herz verlagern würde. Und dort kann es natürlich so richtig was bewirken.
      Wenn du es genau wissen möchtest, würde ich mal einen Pfleger im Reptilienhaus fragen. Laut Aussage unseres seminardurchführenden Tropenheinis wurden die alle schon mal gebissen! 🙂

      • TickleMeNot schreibt:

        Elementarste Physik also, danke für die Antwort. In den Tierpark könnte ich mal wieder gehen, stimmt. Allerdings versuche ich im Reptilienhaus lieber die Lisztäffchen anzulocken, die rennen da nämlich frei rum, während alles was beisst und giftig ist hinter Scheiben ist.

        Mal sehen wann ich wieder in den Tierpark komme, vielen Dank für die Antwort!

  2. malenki schreibt:

    Juhu (Mist -.-) – hab das Blog durchgelesen. Sehr schöne Sache, das! 🙂

  3. Sandmann schreibt:

    Haha, ich hab es jetzt auch durch 😀

    • firefox05c schreibt:

      Respekt! 🙂

      • Sandmann schreibt:

        Da ich eine nette Antwort bekommen habe:

        Respekt und Kompliment für dieses Blog!
        Es hat mir mehr als einmal einen megabreites Grinsen sowie etliche unterdrückte Lachanfälle im Büro beschert.

        Mach weiter so!

  4. DontSwitch schreibt:

    Na dann trage ich mich auch mal in die „Hall of Fame“ ein: Durch! xD

    • firefox05c schreibt:

      Cool! Ist ja mittlerweile schon eine Herausforderung, selbst nur für einen der beiden Bereiche „Vollzug zu melden“! 🙂

      • Nobody schreibt:

        Auch durch.
        Da Weihnachten naht, sollte ich jetzt also schreckliche Deco für dich suchen.
        Übrigens wenn man einen Feuerwehrmann sagt, da brennt ein Weihnachtsbaum, dann verfallen die sofort in Hektik. 😉

      • firefox05c schreibt:

        Tja, aufgrund der recht geringen Resonanz habe ich den „worst deco contest“ wieder eingestellt. 😉

  5. KWW schreibt:

    xD
    Und der nächste Wahnsinnige, der sich einmal durch alle Beiträge gewurstet hat kann nun zufrieden an der Wand anschlagen und zurück nach Hause gehen…
    Aber das Blog.. das bleibt in den Favoriten, ganz sicher!

    Super Schreibstil, schön abwechslungsreich und gut zu lesen – danke dafür!

    Schöne Ostern – und auf die nächsten ~ 430 Beiträge. =)

    • firefox05c schreibt:

      Danke für die Geduld, alles zu lesen. 🙂

      • KWW schreibt:

        Bitte, gern!
        Wie schon gesagt…. ääähm: geschrieben: liest sich super!
        (Und dank des fiesen „die nächste Seite lädt automatisch beim Weiterscrollen“ ist es auch gar nicht so leicht, loszukommen .. „noch eine Seite, dann hör ich auf“.. jaja 😉

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