Tod an der Friedhofsmauer

Mein Schatz ist schon im Bett, muss früh raus. Ich suche um kurz vor Mitternacht noch etwas gehaltvolles im TV, da höre ich das Aufschreien einer Rennmaschine in der näheren Umgebung, einen dumpfen Knall, der Boden meiner Dachgeschosswohnung bebt.

Stille.

Das war keine Fehlzündung, da muss jemanden was passiert sein, denke ich, Motorrad vor Bus oder Laterne. Aber kein Scheppern von Glas und Trümmern?

Ich ziehe mich schnell an, um vielleicht Erste Hilfe leisten zu können, laufe auf die Straße. Die Nachbarin steht schon an der Straßenecke und ruft ihrem Mann zu: „Da brennt was an der Mauer!“

Ich laufe an ihr vorbei, sehe an der nächsten T- Kreuzung, etwa 50m weiter, ein brennendes Etwas an der Friedhofsmauer. Die Nachbarin schickt sich an, dorthin zu gehen. „Bleib besser hier, wenn der Fahrer da liegt, ist das kein schöner Anblick. Ruf lieber die Feuerwehr!“

Mir schwant, dass dort jede Hilfe zu spät kommt. Aber was war passiert? Hat der Motorradfahrer Probleme auf den Straßenbahnschienen gehabt? Ist er dann vor einen Mauervorsprung geschlittert? Und dann so einen Knall? Es passte nicht zusammen.

An der Unglücksstelle stehen schon zwei Autofahrer ratlos in etwa 10 Meter Entfernung zum brennenden Motorradwrack auf der Fahrbahn. Vom benachbarten Krankenhaus kommt noch ein weiterer Ohrenzeuge. Der erzählt später, er habe auf der Hospitaltreppe „noch eine rauchen wollen“ und den Knall gehört.

„Wo ist der Fahrer?“ – Achselzucken.

Stille.

Dann stehe ich zwischen Bordwerkzeug und kleineren Trümmerstücken auf der Kreuzung und werfe einen Blick auf das Wrack. Es liegt direkt an der Mauer. Ein Hinterreifen, der Tank, einige Trümmerteile. In der Mauer ein großes Loch. Und zwischen dem verbogenen Metall erkenne ich ein Bein, die Schutzkleidung bekommt schon Löcher. Der Körper liegt anscheinend unter der Maschine. Alles brennt in hellgelben Flammen. Hier gibt es nichts mehr zu helfen. Tot. Man hört nur die Flammen knistern.

Sonst Stille.

Mir wird klar: Der Fahrer hatte keine fahrtechnischen Probleme. Er ist auf die T-Kreuzung zugerast, hat nochmal richtig Gas gegeben und ist ungebremst geradlinig und frontal gegen die Mauer geprallt. Mit ziemlicher Sicherheit Selbsttötung.

Ich ziehe mein Telefon, ein Zeuge meint, er hätte schon angerufen. Aber ob bei der Polizei oder der Feuerwehr, weiß er auch nicht so genau.

Dem Leitstellendisponenten gebe ich mich als Kollege zu erkennen. „Der Unfall ist schon reingekommen. Habe schon was geschickt.“ Nach einer kurzen Lagemeldung ist das Gespräch beendet.

 

Jetzt stehen wir da: Keinen Feuerlöscher, man kann keinem mehr helfen, etwas Ratlos. Ich halte noch die Frau von der Krankenhauspforte auf, die sich dem Wrack nähert. Und einen Autofahrer, der noch dazukommt. Sie lassen sich auch bereitwillig zurückweisen und halten Abstand. Ich sehe wohl ziemlich betroffen aus. Man sieht auch als Feuerwehrmann nicht jeden Tag Leichen brennen.

Dann fährt es mir durch den Kopf: Und wenn der jetzt noch einen Sozius hatte? Der wäre womöglich über die Mauer hinweg geflogen? Liegt schwer verletzt auf dem Friedhof?

Einer der Autofahrer hat eine Taschenlampe. Mit ihm klettere ich über die etwa 1,60m hohe Mauer. Aber außer ein paar Ziegelbrocken und dem Heckfender mit dem Nummernschild ist auf den Gräbern nichts mehr zu finden. Zumindest über der Erde kein weiterer Toter oder Verletzter.

Stille.

Dann kommt der RTW. Die Besatzung gibt kurz Rückmeldung, einer nimmt den Pulverlöscher und löschen das Motorrad und den Fahrer, oder besser: deren Reste, ab. In kurzer Folge kommen noch ein Streifenwagen, der Notarzt und ein Löschfahrzeug. Aber es gibt nichts mehr zu tun.

Ich gehe wieder zurück an die Hausecke, an der das Nachbarehepaar noch steht. Wir reflektieren nochmal das Geschehene, bauen uns zusammen, wie es wohl passiert sein musste. Das Auto der „ANC News“ kommt auch schon.

Nach einigen Minuten trennen wir uns, gehen wieder in die Häuser. Ich sitze dann noch eine Weile im Wohnzimmer.

Die Stille wird immer lauter. Sie schreit mich fast an.

Mausi mag ich jetzt aber auch nicht wecken, und an Schlaf ist jetzt erst mal nicht zu denken. Zum Glück gibt es ja Twitter. Einige nachtschwärmerische Follower sind noch online. Bei ihnen werde ich meine ersten Eindrücke los, das reicht hoffentlich  erst mal.

Und wieder einmal wird mir bewusst, dass es etwas anderes ist, „privat“ zu einem Unglück zu kommen oder „dienstlich“.

Und wie laut Stille sein kann.

 

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4 Antworten zu Tod an der Friedhofsmauer

  1. Benjamin schreibt:

    Danke für diesen Text….Er war mein Freund….

  2. Zuhal schreibt:

    !!!! Manche kannten vielleicht die Umstände dieses Menschen !!!!
    !!! Man kann aber sehr wahrscheinlich nie verstehen: warum ? !!!
    !! das ist dass schlimmste für die die Ihm nahe waren !!

    Manchen haben so viele Niederschläge im Leben, dass man wirklich nicht mehr sagen kann: „OK, DAS LEBEN GEHT WEITER“ oder „DAS LEBEN IST TROTZDEM SCHÖN“, es frisst sich eben rein. Ich wünschte ich könnte ihn für meine Freundin wieder zurück holen.

  3. Jennifer schreibt:

    Es sind schon so viele Jahre vergangen. Doch es kommt einem vor wie gestern. Man kann es immer noch nicht verstehen und glauben. Danke, dass du dieses Erlebnis mit uns geteilt hast. Es gibt mir dieses Gefühl in diesem Moment ihm Nah zu sein. Er wird immer in meinem Herzen bleiben.

  4. Benjamin schreibt:

    Du fehlst mein Freund

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