Ergüsse der Unwissenden

…oder: Alte Klischees kindgerecht aufbereitet

Neulich war mal wieder der Wocheneinkauf fällig. Für Frauen schon fast ein Event, ist es für Männer eine Sache, die vielleicht mal von Amnesty International angeprangert werden sollte.

Da ich immer so eine unbändige Lust verspüre, zuzuschauen, was alles im Wagen landet, um mir auszumalen, wie sich am Monatsende wieder die Stirn meines Finanzberaters in Falten legt, haben mein Schatzi und ich uns darauf geeinigt, dass ich während ihrer Tour durch den Laden mal durch die Aktionsware streife. Also, ehrlich gesagt, hatte ich mich darauf geeinigt und es ihr mitgeteilt…

Wie auch immer. Beim letzten Streifzug lag dort jedenfalls so ein Wimmelbilderbuch. Für unwissende Männer: Ein Wimmelbild ist ein Bild mit tausenden Details, mit viel zum Gucken und Suchen. Ähnlich wie ein Tuning- Katalog. Nur ohne Titten.

Ich weiß nicht, ob es zum Angebot gehörte, oder es bloss von einer quengelnden Teppichratte verschludert wurde. Das Ding hieß fantasievoll und alle Möglichkeiten offenlassend „Wimmelbuch Feuerwehr“.

Bilderbücher zum Thema Feuerwehr gibt es viele, oft sogar sehr gute, einige etwas weniger. Und dann gibt es dieses Buch, welches dort rumlag.

Und was meine entsetzten Augen dann sehen mussten, wie sich die Autorin eine Feuerwehr vorstellt… Leute, ich musste fast weinen!

In einer Ecke des „Feuerwehrhauses“ saßen natürlich die skatspielenden Feuerwehrmänner. Und obwohl auf den nächsten Seiten zu sehen war, dass es Tag war, lümmelten sich andere Wehrmänner im Bett rum. Natürlich, denn wenn es nicht gerade brennt, machen die ja sowas. Der Zentralist geilte sich an Verkehrsüberwachungsmonitoren auf, und in der Fahrzeughalle wurde wohl Arbeitsdienst verrichtet: Neben den Autos unterhielten sich die Maschinisten, wahrscheinlich über Fussballergebnisse. So lernen die Kleinen schon im Kindergarten, dass Feuerwehrleute faule Steuerfresser sind, die man vielleicht auch durch Schaufensterpüppchen ersetzen könnte. Denn die tun ja eh‘ nichts. Chance vertan, mal zu zeigen, was „Feuerwehr“ noch so macht, wenn nicht gerade zu „Schlimm2“ ausgerückt wird. In anderen Büchern sieht man Fw-Leute in Action bei der Löscherwartung, unter dem Auto beim Reparieren, beim Lernen, beim Sport…Aber in dieser Wache waren die Arbeitsräume verlassen. In dem gezeigten Chaos hätte ich auch keine Lust, zu arbeiten. Ach so:

Die eigentliche Härte spielte sich im „Fitnessraum“ ab, der in diesem Buch allerdings nicht nur wie Kraut und Rüben aussieht (wobei den Kindern gleich vermittelt wird, dass ja nicht mal Erwachsene aufräumen brauchen), sondern auch verwaist ist. Kein Wunder, der Feuerwehrmann, der trainieren sollte, schläft ja auch.

Der Raum, der den Kindern hier als Muckibude verkauft wurde, beherbergte sogar eine Atemschutzstrecke. Oder vielmehr das, was sich die infantile Autorin in ihrer naiven Phantasiewelt darunter vorstellt, wenn sie hört, dass man dort durchkriechen kann: Einen Krabbeltunnel! Einen gelben, runden Plastikschlauch aus dem Kindergarten, der da lustlos in der Gegend rumoxidiert! Eine unglaubliche Verblödungsatacke auf unsere Zukunft, sprich: die Kinder!

Natürlich ist es schön, wenn die Kinder wissen, dass Atemschutzgeräteträger sich in Labyrinten und Kriechstrecken auf den Einsatz vorbereiten. Aber die Schmutzillustratorin, die hier das Papier vergewaltigt hat, weiß zum einen nicht, wie man das Wissen darum rüberbringt (wobei sie sich in anderen Büchern vielleicht mal hätte umsehen können), zum anderen hat sie womöglich ein Buch über ein Themenfeld in Umlauf gebracht, über dass sie so viel weiß, wie eine Kuh von Feiertagen! So, wie die gezeichnet hat, ist ihr das Umfeld einer Feuerwehr nur noch vage aus dem TV- Programm ihrer eigenen Kindheit bekannt.

Und sie scheint unseren Kindern nicht einmal die Fantasie zuzutrauen, eine Kriechstrecke auf ihr Spielverhalten zu projezieren, indem sie, wenn sie wissen, wie so ein Ding „wirklich“ aussieht, vielleicht von alleine darauf kommen, dass man das ja auch im Spieltunnel nacherleben kann.

Boh, ey, meine Herztabletten, Moment… *schluck*

Im Einsatz sieht es auch nicht besser aus. Nach dem Alarmstichwort „Weltalarm“ wachen die Sesselpuper aus ihrer Lethargie auf und rücken zu einer Gasexplosion aus, um in den Trümmern eines Wohnhauses einen unter Balken eingeklemmten Bewohner zu finden, der sich wie Bolle freut. Kekse zur Begrüßung hatte er jetzt aber leider nicht da.

In anderen Bilderbüchern sieht man an dieser Stelle einen Kochtopfbrand, einen brennenden Mülleimer oder auch nur Rauch. Im Zeitalter von RTL2 und Cobra 11 muss es aber mit dieser Katastrophe getoppt werden. Kommt ja auch jeden Tag mehrfach vor!

Erschlagen von diesem Eindruck und der Frage, ob ich vielleicht doch nicht bei der Feuerwehr bin, weil mein Alltag eigentlich ganz anders aussieht, konnte ich nur noch zitternd die nächste Seite mit den ertrinkenden Kühen flüchtig überschauen. Ja, es ist schon sehr Langweilig bei der Feuerwehr, weil die meißte Zeit ja keine Megaeinsätze und nationale Katastrophen passieren. Und kleinere Sachen machen wir ja nicht. Für den alltäglichen Kram, der in den anderen Kinderbüchern -oft sehr realitätsnah- so gezeigt wird, ist wohl doch der ADAC zuständig. Mal abgesehen davon, dass den Kindern (und auch den Erwachsenen, die es oft auch nicht besser wissen) mal wieder vermittelt wird, Feuerwehr ist automatisch hauptamtlich, und dabei unterschlagen wird, dass die meissten Fw- Leute dieses freiwillig tun.

Und für so einen Mist müssen Bäume sterben!

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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Eine Antwort zu Ergüsse der Unwissenden

  1. torenia schreibt:

    *quiiiiek*
    Das ist aber mal ein Beitrag, wie ich ihn liebe!
    Ich habe mich herrlich amüsiert.

    Auch wenn ich von Feuerwehr gewiss ähnlich viel Ahnung habe, wie die Autorin des Buches, habe ich Dein Unverständnis und Deine Empörung höchst amüsiert zur Kenntnis genommen.

    Ich finde Deine Schreibe SO gut, dass ich gewiss öfter mal hier hereinlese… (seit 2 Stunden wollte ich eigentlich ins Bett und lese noch immer hier herum…)

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