Wenn das Taxi zu teuer ist

…wird eben der Rettungswagen gerufen!

Um halb Fünf morgens werden wir in unserer Ruhezeit gestört. Zum Glück „ruhen“ Feuerwehrleute ja nur, sonst hätte der Alarm mich womöglich aus den Schlaf gerissen…

„HP [hilflose Person] an Haltestelle X-Straße, blutet“, hieß es in der Meldung. Die Meldung „HP“ umschreibt ja meißtens einen Betrunkenen, der sich in seinem Rausch an der Haltestelle zum „Ausruhen“ niedergelassen hat. Damit rechneten wir auch. Womöglich bezeichnete das „blutet“ in der Meldung ein Asphalt- Exzem, das der Betroffene sich beim Kuscheln mit der Rasenkante zugezogen hatte.

Angekommen „mit Blau“, stand an der Haltestelle ein Jüngelchen, das über die Straße zu unserem RTW gewackelt kam, bevor wir aussteigen konnten. Er telefonierte noch mit seinem, ja, wahrscheinlich Kollegen. Auf die Frage, was denn passiert sei, unterbrach er das Gespräch und gab meinem Spannmann das Handy: „Ja, sprechen Sie mal mit dem…“ – Hä?

Der Typ am Telefon faselte auch irgendwas von Blut und kalt und überhaupt. Ich stieg derweil aus und suchte hinter der Bushaltestelle nach, in der Hoffnung, dass dieser betrunkene, im übrigen völlig unversehrte Jungspund eben nicht „unsere“ HP war. Fehlanzeige. Bei der Gelegenheit warf ich auch einen Blick auf den Fahrplan: An dieser Stelle hielt nur eine Linie. Und Sonntags der Erste um 10.30Uhr. Das löste wohl bei unserem Spezi die Verzweiflung aus.

Nachdem ich dann nochmal fragte, was denn jetzt eigentlich sei (da er auch für eine HP viel zu gut beisammen war), fing er an, rumzudrucksen. Er kenne sich in dem Stadtteil ja garnicht aus, wisse nicht, wie er nach Hause kommen sollte. Er wohne in der Y- Straße, wüsste jetzt auch nicht genau, wie er das beschreiben könnte. Aber, Achtung, Hammer: „Aber in der Nähe ist eine Feuerwache, das weiß ich. Da könnten Sie mich doch mit hinnehmen! Ich habe nämlich auch kein Geld mehr für ein Taxi…“

Caramba! Mir kocht derr Blott! Wir kommen in der Großstadt ja auch alle von der einen Wache! Und machen gegen geringes Entgeld auch Taxifahrten!

Auf die Frage, ob er außer Bier noch was anderes genommen hatte, sagte er entrüstet: „Ja, und? Ich bin doch 18!“ – DAS war das Stichwort. Volljährig, in der Lage, gerade die Straße entlang zu gehen, nicht verletzt. Also: „Diese Straße entlang, bis zur nächsten Querstraße. Da fahren einige Linien lang, da ist eine Sparkasse. Bis dann mal!“

Ich hätte ihm gerne noch einiges mehr gesagt. Oder wegen Notruf- Mißbrauch angezeigt. Aber unser Chef meint, das könnte unser Ansehen schädigen. Also: Grummeln, zur Wache zurück, und das Frühstücksei mit dem Löffel verprügeln.

Aber wir sind ja für alles da. Ich hoffe nur jedesmal, dass bei solchen „Späßchen“ nicht 2 Straßen weiter jemand mit einem Herzinfarkt auf der Strecke bleibt, weil der nächste RTW „etwas länger“ braucht.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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11 Antworten zu Wenn das Taxi zu teuer ist

  1. Ich krieg gleich Plaque….Alter ist der bescheuert?? Und ja das Ansehen ist ja so wichtig… Wo ist meine portable Tischkante….

  2. bikibike schreibt:

    Ich finde, der hätte ’ne Rechnung kriegen MÜSSEN!

    Was macht es denn für ’nen Eindruck vom Rettungsdienst wenn Ihr Euch verarschen lassen (müsst)?

    • firefox05c schreibt:

      Das Problem: Wenn wir eine Rechnung schreiben, wird er sich darauf berufen, dass sein Kumpel angerufen hat. Und sein Kumpel wird beteuern, dass er sich ja echt Sorgen gemacht und in gutem Glauben angerufen hätte, weil er glaubte, der Betrunkene sei verletzt. Was wirklich abging, kann keiner mehr beweisen. Hat also leider keinen Sinn.
      Ob bei denen überhaupt was zu holen wäre, bleibt auch noch unklar: Wer Geld zum Saufen hat, hat (deswegen?) lange noch keines zum Schulden abbezahlen…

      • Wolfram schreibt:

        Na ja – die Nummer, die angerufen hat, wird doch aufgezeichnet, oder?

        Hier in Frankreich gibts eine Fernsehserie SOS 18 (18 ist der Feuerwehrnotruf), die rücken immer gleich mit zwei Krankenwagen aus… und sollten in der letzten Folge eine Schwangere ins KH fahren. Taxi sparen halt. Tja, die Schwangere haben sie am Ende gefahren, obwohl keine Eile bestand (aber man weiß ja nie…) – aber der werdende Papa hatte leider keinen Platz mehr im Auto…

      • firefox05c schreibt:

        Die Nummer wird in Deutschland auch aufgezeichnet. Selbst bei der Handyeinstellung „Rufnummer unterdrückt“. Aber wie ich schon schrieb: Wenn der Anrufer „in gutem Glauben“ handelt, kann man nichts machen.

      • Wolfram schreibt:

        Nur könnte sich dabei evtl herausstellen, daß der Anruf gar nicht von dem Freund kam.

  3. Inwiefern soll das denn das Ansehen schädigen? Gut, wenn die ganze Sache wirklich so schwammig ist mit dem „Telefon-Joker“, der angeblich nach bestem Gewissen handelt ist das noch etwas anderes.
    Aber wenn der Typ ja schon dreisterweise zugibt, dass er euch als Taxi-Ersatz gerufen hat, würde mir auch sicherlich die Hutschnur reißen und ich würde mir weitere Maßnahmen bis zur Anzeige überlegen. Anders lernen sie es doch nicht!
    Dass diesen Typen nicht in den Kopf will, dass sie dadurch einen RTW blockieren, der dann eventuell nicht für einen richtigen Notfall zur Verfügung steht…

  4. Lexy85 schreibt:

    Die 5 drücken, aufs J warten und dann die Pol zur Einsatzstelle beordern.
    Die werden ihm schon den Unterschied zwischen „Taxi“ & „RTW“ erklären 😉

  5. rettungsdienstblog schreibt:

    Meine Fresse, was ein Typ!

    Ich glaube, abseits von allem, hätte ich dem Mal ganz fix die Grenzen des guten Geschmacks aufgezeigt, die er eindeutig überschritten hat! Sowas von dreist und frech!

    Ihr hättet auch sagen können, so zack, einsteigen…nach Hause fahren..und dann mal eben die hübsche Rechnung über 500€ präsentieren…dann wüsste der schon, wie das mit dem Taxi besser geht!

    Vollspas***….schade, dass die Branddirektion da so restriktiv vorgeht und alles abblockt! Und schade, dass es soche Menschen echt gibt…^^

  6. Navid Zamani schreibt:

    Du raffst absolut garnicht, was in Deutschland das Problem ist:
    Du brichst dir ’nen Zeh, und kannst nicht mehr laufen. Taxi bezahlt die Krankenkasse nicht. Geld haste nicht. (Das Taxi zu bestellen bedeutet für mich DREI TAGE HUNGERN!!!) Ärztlicher Notdienst empfiehlt die 2km hinlaufen. *Mit ’nem gebrochenen Zeh!* JA NEE, IS KLAR!

    Also hab ich faktisch KEINE KRANKENVERSORGUNG! Nicht in Sibirien! IN FUCKING DEUTSCHLAND!!
    Das kann ja wohl nicht wahr sein!

    Ich kann jeden verstehen, der dann einfach den Krankenwagen ruft, nur aus „Ey, fickt euch doch alle mal, ihr hirntoten Bürkraten-Missgeburten!“

    Und das Beste ist, wenn so einer daherkommt, der von seinen Eltern so misshandelt wurde, daß er es normal findet, Leute die über gebrochene Knochen klagen als „Weichei“ zu bezeichnen, oder ähnliche geistig unterentwickeltes pubertierendes pseudo-männliches Gehabe an den Tag zu legen.

    • firefox05c schreibt:

      Zum Ersten: Nach 45 Jahren eigenen Lebens habe ich wohl schon oft genug Erfahrungen sammeln können, was Bagatellverletzungen und Erkrankungen angeht, für die von anderen – übrigens auch nicht nur von Leuten, die kein Geld haben, sondern auch von Leuten, die den Rettungsdienst als „kostengünstigen Dienstleister für alles“ ansehen – der RETTUNGSwagen gerufen wurde. Ich kann sehr wohl einschätzen, was geht, und was nicht: Für Erkältungen, Prellungen, kleine, kaum blutende Schnittwunden, leichte Übelkeit, 3 Wochen alte blaue Flecken, Schwindel nach Alkoholkonsum und viele andere Sachen, die leider viel zu Häufig unseren Einsatz fordern, ist in den meisten Fällen nicht einmal ein Hausarzt notwendig – geschweige denn ein RETTUNGSwagen, der zur Abwendung von lebensbedrohlichen Zuständen da ist.
      Zum Zweiten: Beim im Artikel beschriebenen Fall lag nicht einmal ansatzweise ein Notfall vor. Ich denke, das habe ich ausreichend beschrieben. Von daher weiß ich jetzt auch nicht, wie ein gebrochener Zeh hier hin passt.
      Drittens, was deinen Zeh angeht: Man kann natürlich am Telefon das Blaue vom Himmel jammern und einen „dringenden Notfall“ davon machen. Schmerzen sind schließlich subjektiv. Dann kommt der RTW, die Kasse (und damit die Allgemeinheit) zahlt dann 250-300€, und wenn du Pech hast, meint der Arzt in der Notaufnahme, dass eben ein „RTW“ nicht notwendig war- und du trägst die Kosten selbst, was erheblich teurer ist als z.B. einen Kumpel anzurufen oder den Nachbarn bitten, was früher Gang und Gäbe war, woran aber heute, wo man doch angeblich 1000 Freunde hat, niemand dran denkt. Die Freunde oder die Familie fahren dann lieber im PKW hinter dem RTW her.
      Was Ignoranten, denen der Rest der Welt (und damit auch parallele ECHTE Notfälle) egal sind, gerne vergessen, ist die Möglichkeit eines KRANKENwagens: Der kommt dann innerhalb von ein oder zwei Stunden (aber er kommt!), ohne den Verkehr und die Anwohner durch Sondersignal strubbelig zu machen, und schaukelt dich dann für etwa ein Drittel der Kosten völlig entspannt zum Krankenhaus. Dieses Auto ist nämlich extra für „Nicht-Notfallpatienten“. Und wenn man vor Schmerz nicht laufen kann, wird das der Arzt in der Notaufnahme auch auf dem Transportschein bestätigen und somit die Kostendeckung durch die Kasse ermöglichen.
      Viertens, zu deiner Einstellung: Wenn man sich natürlich sowieso nur als Opfer sieht und sich grundsätzlich angepisst fühlt, wenn man von „hirntoten Bürokraten“ wie mich zum Nachdenken aufgefordert wird, um auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, dann kann man natürlich schon mal Sauer werden, dass bei einer Schürfwunde der Notarzt verwehrt wird.
      Und Realisten wie ich sind dann eben unterentwickelte, pubertierende Missgeburten.
      Mein Problem ist nämlich nicht, dass ich „nicht raffe, was in Deutschland das Problem ist“, sondern dass manche Leute kein Bock zum Nachdenken und zur Eigeninitiative haben.
      Oder bist du wirklich so einsam, dass in deiner Familie und deinem Freundeskreis niemand ein Auto hat? Dann bliebe aber immer noch ein KRANKENwagen.

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