Sand inne Fresse

Dunkel. Und Schnee. Überall. Und Schweineglatt. So glatt Schweine nur sein können. Auch um unsere Einsatzstelle herum, wo wir eine Frau mit „Kreislauf“ abgeholt haben.  Nun stand der RTW da, die Straße leicht ansteigend. Omma war schon tapfer ins Auto gewackelt, ihr ging es eigentlich verhältnismäßig gut. Der besorgte Ehemann der Dame, etwa 70 Jahre alt, kam indeß schon mit einem süßen, bunten Eimerchen um die Ecke und fing an, mehr oder weniger taktisch sinnvoll Baustoff um unser Auto zu verteilen.

Auch das rückwärts schlingernde Rettungsvehikel schreckte diesen wackeren Hobbystraßenmeister nicht davon ab, auch (oder gerade deswegen) hinter der roten Gurke mit den blauen Warzen rumzuspringen, um zu streuen. Selbst einige deutliche Aufforderungen meinerseits, diesen gefährlichen Unsinn doch zu unterlassen, während der Kollege so mehr oder weniger unkontrolliert herumrutschte rangierte, fruchteten nicht. Naja, ist ja auch Winter, was fruchtet da schon…

Aber wir hatten ja noch einen Joker: Die Schleuderketten! *Tadaaa!*

Diese Dinger fahren auf Knopfdruck runter, ein Gummirad mit Kettensträngen legt sich an das Rad, und angetrieben durch das Rad werden nun die Ketten vor den Pneu geschleudert. Also, zumindest dann, wenn die Dinger auch runterfahren. Allerdings dachte die Einrichtung auf der linken Seite überhaupt nicht daran, bei dem Schietwetter ihren verdammten Job zu tun: Sie blieb auf halben Weg hängen!

So musste ich wohl oder übel mal beikommen, um Überzeugungsarbeit an der Mechanik zu leisten. Im „Gewalt gegen nicht funktionierende Teile anwenden“ sind Feuerwehrleute ja ganz groß: Entweder ist nachher alles in Ordnung, oder ein Fall für den Recyclinghof. Ganz oder garnicht.

Schleuderketten, heruntergeklappt. Hier unter einem Löschfahrzeug.

Ich kniete also im nassen Pappschnee, es schneite auf durch meine Haare (einige Flocken fielen sogar nicht durch das Gefluse hindurch, sondern blieben in dem durch das Alter ausgedünnten Flaum hängen, um später langsam über meine Kopfhaut zu zerfließen),  der schmutzige Schneematsch aus den Radkästen troff auf meine Schulter, meine Finger brachen vor nasser Kälte fast ab, und während der Kollege den „Platz an der Sonne“, sprich: auf dem trocknen Fahrersitz hatte und das Knöpfchen eifrig drückte, wühlte ich an der fuckin´ Schleuderkettenaufhängung rum.

Und Oppa mit dem Eimerchen wie ein Flummi um das Dienstgefährt rum. Auf der rechten Seite hatte er wohl schon genug gestreut, und als er den Raum rund um das Vorderrad beglückt hatte (wieviel ist in so einem 5- Liter- Eimer eigentlich drin, wenn man eng packt? 25 Kilo?), hielt er jetzt die Zeit für gekommen, auch das linke Hinterrad zu versorgen. Wo ich noch arbeitete. So hochkonzentriert, nichtsahnend und unterbezahlt. Und so vergaß „Old ßändmään“, dass meine Birne sich noch zwischen ihm und dem Rad befand.

„So, jetzt nochmal ver—-“ *wusch!* „—*sprotz- spuck- hust*“ <– ich.

Was ich gerne gesagt, oder besser: gebrüllt hätte, nachdem ich wieder Luft bekam und auch wieder sehen konnte, habe ich ob meiner dienstlichen Außenwirkung lieber geschluckt. Also, nach dem gefühlten Pfund Sand. Ich hätte den Senior gerne als Versuchsobjekt dem VHS- Kurs „Opa-Gami, die asiatische Kunst des Rentner- Faltens“ gespendet. Mein strafender Blick in Hulk- Manier hat aber zum Glück (des älteren Herren?) gereicht, um diesen Hektiker in seinem blinden Aktionismus augenblicklich zur Salzsäule erstarren und ein verlegenes, halblautes „O-Oh… Entschuldigung…“ stammeln zu lassen.

Ich habe ja Verständnis für seine Besorgtheit um seine Frau. Auch die Hilfsbereitschaft ist ja an und für sich lobenswert. Aber ich hätte mich an diesem Abend lieber an Pizza sattgegessen. Oder an meinem indonesischen Nudel- Chemiebaukasten. Jedenfalls aber nicht an schnöden Sandresten der letzten Pflasterarbeiten.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Sand inne Fresse

  1. Jonas schreibt:

    Herzlich gelacht. 😉
    Ist das mit den Schleuderketten Standard bei RTWs?
    Gruß Jonas

    • firefox05c schreibt:

      Da es im Stadtgebiet so einige Steigungen gibt und der Räumdienst kaum funktioniert, ist ein Großteil der Fahrzeuge mit Schleuderketten ausgerüstet, so auch die RTW.

  2. retterweblog.de schreibt:

    RTW mit Schleuderketten? Luxus-Gebiet 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ich halte die Schleuderketten, sprich: Anfahrhilfen, nicht für Luxus. Meißtens hat man keine durchgängige, geschlossene Schneedecke, um Ketten aufzuziehen, bei ungeräumten Steigungen kommt man aber nicht ohne Ketten weg. Dann sind die schon klasse. – Und festgegammelt sind sie immer nur bis zum ersten Schnee, danach hat man sie dann ja wieder gangbar! 🙂

  3. resuscianne schreibt:

    habt ihr nen rtw für uns über??? ich hätte auch gerne schleuderketten, aber wir bekommen die nicht … 😦

  4. Dominik schreibt:

    danke für diesen gloreichen Post, ich habe herzlich gelacht 😉

  5. chefarbeiter schreibt:

    Hahahahahahahahaha… Ich bewundere dich dafür, dass du ihn nicht (zumindest verbal) gefaltet hast 🙂

    • firefox05c schreibt:

      Tja, ich war ja leider nicht „privat“ da. Sonst hätten wir uns mal über die Möglichkeiten bei der Entlastung der Rentenkassen unterhalten. So von Mann zu Opfer…

  6. Manuel schreibt:

    So nun habe ich meine Tastatur vollgeheult…

    Sehr sehr lustig geschrieben!
    Grüße,
    Manuel

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