Wasserspiele in der Nacht

Es war so kurz nach dem Abendessen, da bekamen wir für unser Löschfahrzeug einen Einsatz: „Fahrt doch mal zum Geschäft X in der Fußgängerzone, da sollen Kerzen im Schaufenster brennen.“ -Ach was…

Nun gut, um die Weihnachtszeit sind viele Fenster geschmückt. Teilweise auch mit Kerzen. Was jetzt einige Passanten daran störte, war, dass das Geschäft bereits geschlossen hatte. Und die Kerzen hatte wohl jemand im Feierabend- Stress vergessen. Kerze flackerte, Leute guckten.

Als wir dort ankamen, stand im  Schaufenster des Geschenkeladens tatsächlich ein großes Windlicht (gefühlte 5 Liter groß) mit Stumpenkerze drin. Auch einige Teelichter waren aufgebaut, mangels Masse aber bereits dunkel. Nur dieses eine, riesige Windlicht stand im Fenster, leuchtete so gedankenverloren vor sich hin und dachte wohl nichts Böses.

Doppelflügel-Glastür verschlossen, keiner drin. Passanten erwarten interessante Handlungen. Einsatzleiter will nach Hause.

So baten wir die Leitstelle, die erste der auf die Tür geklebten Telefonnummern zu benutzen. Vor der Nummer stand „Inhaber:“, hinter der Nummer nur ein Anrufbeantworter. -Mööp!

„Was ist denn mit der Nummer da drunter?“- „Guten Abend, sie sind hier in der Zentrale der Kette. Wem die Filiale jetzt gehört, weiß ich auch nicht genau.- Steht denn da keine Nummer an der Tür?“ -Mööp!

Also die nächste Nummer. Sicherheitsdienst Knüppelschwing: „Nö, wir betreuen das Objekt schon länger nicht mehr…“. -Mööp!

OK, wir haben dann noch „Security Panzerknacker“: „Nö, wir kommen nicht raus, wir sollen bei Alarm nur die Polizei und den Inhaber verständigen. Ich habe da die Nummer. -Soll ich?“ -Mööp!

Und die Nummer da? „Willkommen bei Türen-Paul, Sie rufen außerhalb der Geschlechtszeiten an…“ -Mööp!

So´n Mist! 5 Nummern und keiner zuständig!

Kerze flackerte, Leute guckten. Und warteten auf Action. Wollten jetzt auch wissen, wie wir mit einem 150 000Euro teuren Auto und 4 Mann der einfachen Gehaltsstufe eine Kerze löschen. Da es in der Auslage etwas zog, hatte sich am Glasrand schon etwas Ruß von der flackernden Kerzenflamme niedergeschlagen. Und für die Passanten war Ruß = gefährlich! Wir konnten den Klüngelsladen ja nicht abbrennen lassen!

Kollege:“ Vielleicht könnten wir mit einem kleinen Schlauch durch den Türschlitz um die Ecke spritzen…“ – „So ´ne Zirkusnummer müssen wir uns jetzt vor den Leuten doch nicht geben!“

Die Tür war mit dem Öffnungswerkzeug, dem „Zieh-Fix“, nicht zu öffnen. Glastür einschlagen war auch doof. Also hintenrum, durch den Keller versuchen, reinzukommen. Kerze flackerte, Leute guckten.

Nachdem wir rausgefunden hatten, wo wir ins Gebäude kommen, und auch jemand von der Haustechnik da war, der uns die Kellerräume zeigte, dachten wir an ein kurzes Ende. Weit gefehlt. Vor einem Monster von Brandschutztür machte er halt:

„Hinter dieser Tür ist deren Lager. Aber… mein Schlüssel passt ja garnicht… der müsste aber doch… was ist das überhaupt für ein aufwändiges Schloß??“

Also: Zwei Kollegen unten vor der Kellertür, dritter Kollege und ich hielten oben die Stellung, damit das Kerzenfeuer ja nicht meinte, es könne sich so unbeobachtet aus dem Staub machen. Da fing der Mitmensch schon wieder an: „Aber man könnte doch durch den Schlitz… wir haben auf dem Rettungsrucksack doch Spritzen und so… bevor wir hier bloß dumm rumstehen…“

„Mein Gott, ja, dann versuch´s halt! -Aber mach so, dass die Leute das nicht so sehen!“

Kumpel also zum Auto, den Rucksack um eine Infusion, eine Kanüle und eine Spritze erleichtert und  zurück zum Schaufenster. Dort fing er dann an, die Spritze mit Ringer- Lösung zu füllen, um dann auf dem Boden knieend zu versuchen, mit der verbogenen Kanüle durch den Glastürschlitz um die Ecke die etwa 2m weiter im Schaufenster befindliche Windlichtöffnung (etwa 6cm Durchmesser)  zu treffen, um die Kerze zu löschen. Wieder und wieder. Kerze flackerte, Leute guckten.

Mann, war das peinlich! Ich kam mir vor wie bei „Dalli-Dalli“ mit klein´ Hans Rosental! Alle Passanten schauten gebannt zu, wie der Wasserstrahl hinter der Scheibe mal vor, mal hinter dem Windlicht runterkam, hatten natürlich gute Ratschläge, ich glaube, sie schlossen auch schon Wetten ab, die Würstchenbude wurde aufgebaut…

Während mittlerweile auch die Polizei im Keller war und wir schon daran dachten, irgendwas kaputt zu machen (machen wir ja gerne…) , fiel plötzlich nach mittlerweile fast 30min Zuschauen einer Schickse in Fellstiefelchen brühend heiß ein: „Meine Freundin ist hier Verkäuferin. Die wird auch einen Schlüssel haben. Soll ich die mal anrufen?“ -Hat hier zufällig jemand was großkalibriges? Pumpgun oder so?

„Ja sicher, Mann, äh, Frau, rufen Sie an! Natürlich!“

Blondie rief also an. Und anstatt zu sagen: „Hallo! Die Feuerwehr möchte eine Kerze in eurem Schaufenster löschen. Kannst du mit dem Schlüssel vorbeikommen?“ Tat sie das, was man von ihresgleichen erwartet: Sie kaute erst mal den Schichtplan durch, wer wohl den Kluntershop als letzte verlassen hatte, beschrieb ausladend, was hier so los ist, fragte, wann sie denn am nächsten Morgen anfangen würde, diskutierte, warum wir den Inhaber noch nicht angerufen haben… -Und die Kollegen im Keller packten derweil schon den Koffer mit der Flex aus!

„Jetzt fragen Sie doch endlich, ob sie einen Schlüssel hat! Und wann sie hier sein kann!“ -Jetzt fragte sie zwar, ob die Freundin einen Schlüssel hatte, da die Freundin aber nicht zu Hause war, der Schlüssel jedoch schon, fingen sie an, auseinanderzuklabüsern, warum ihr Mann sie nicht nach Hause zum Schlüssel fahren kann, warum sie nicht selbst fährt… GNAAAA!!!!  Die sich herumtreibenden Männer grinsten breit, deren Frauen schauten sie daraufhin böse an…

Kerze flackerte, Leute guckten.

„Kommt sie jetzt, oder sollen die Kollegen die Tür offenbrechen?“ -Das half anscheinend. Die Verkäuferin erklärte sich bereit, sich auf den etwa 20min dauernden Weg zu machen.

Derweil hatten die Kollegen im Keller mehr Glück: Als sie die Türscharniere abflexen wollten, fiel ihnen auf, dass der Scharnierstift auf der Unterseite nicht gesichert war. Halleluja! Gepriesen sei der Herr! Sie schlugen also die Stifte aus den Scharnieren, klappten die Tür nach außen ab und gingen durch das Lager in den Laden, über die von Kollega´s Zirkusnummer durchnässte Schaufensterdeko und pusteten unter dem Beifall des Pöbels das Windlicht endlich aus. Was für eine Geburt!

Anschließend setzten sie die Kellertür wieder ein. Just in dem Moment, als sie die Treppe wieder raufkamen, traf auch die arme Verkäuferin ein, die sich erst einen Einlauf von dem Haustechniker abholte, warum denn wohl das Schloß ausgetauscht worden wäre,  dann von unserem Wachführer eine Fortbildung über die Zugangsregelungen im Einsatzfall über sich ergehen ließ, um anschließend ihren schon wunden Po nochmals von der Polizei polieren zu lassen, jeder zweite Satz beginnend mit „Ich weiß, Sie sind nicht der Chef, aber…“

Irgendwie tat sie mir ja leid, die gute… -Na, wenigstens flackerte diese Kerze nicht mehr. Die Kerze, die ein Dutzend Menschen beschäftigt und ein weiteres Dutzend belustigt hatte.

Aber ihr Chef grübelt wahrscheinlich heute noch darüber nach, wie wir ohne Zerstörungen an der schweren Brandschutztür mit dem Hochsicherheitsschloß vorbeigekommen sind. Das haben wir nämlich nicht verraten.

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Feuerwehr und Rettungsdienst abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Wasserspiele in der Nacht

  1. Papa.Whiskey schreibt:

    Ganz großes Kino!
    Ich hab mich vor Lachen gekrümmt…auch wenn es euch wohl weniger Spaß gemacht hat! Die Art wie du schreibst ist echt super!
    Allerdings sollte man den Ernst der Lage nicht vergessen. Da fragt man sich doch, wofür Telefonnummern angegeben werden, wenn da eh keiner drangeht…Zum Glück war es hier nur ein Windlicht! Sonst hätte wieder etwas zu Bruch gehen müssen…

    • firefox05c schreibt:

      Wenn die Menschen mehr Augenmaß hätten, hätte uns garkeiner dafür angerufen. Das war eine reine Alibi-Veranstaltung für „den besorgten Bürger“.

      • Papa.Whiskey schreibt:

        Und irgendwann braucht ne Straße weiter gerade wirklich jemand Hilfe, die aber zu spät kommt weil die FW aus dem Nachbarbezirk anreisen muss…
        Aber das Thema hast du ja bereits auch in einem deiner Artikel aufgegriffen…
        Schade wenn Einsatzmittel so eingesetzt werden müssen…

      • firefox05c schreibt:

        Ich denke, nach den ersten Rückmeldungen war der Leitstelle klar, dass wir „abkömmlich“ waren.

  2. Wolfram schreibt:

    Vielleicht saß ja jemand neben dem AB und hätte sich gemeldet… bei öffentlich lesbaren Telefonnummern muß man ja immer damit rechnen, daß ein Spaßvogel sich im Vorbeigehen erinnert, daß er ja noch drei Minuten auf dem Handyvertrag frei hat.
    Ab ner bestimmten Zeit geht bei mir auch der AB dran, und ich rufe gegebenenfalls zurück.

    • firefox05c schreibt:

      Natürlich hat die Leitstelle auf den AB gesprochen. Leider haben wir aber für gewöhnlich keine Zeit, lange auf einen Rückruf zu warten.

  3. Grisu93 schreibt:

    Sehr schön geschrieben, und ich hab mich vor lachen gekrümmt! xD
    Aber auf die Idee mit der Infusion muss man auch erstmal kommen! 😉

    • firefox05c schreibt:

      Du weißt doch: Die Feuerwehr wird gerufen, wenn keiner weiter weiß. Darum brauchen wir dienstlich bedingt immer kreative Ideen! 🙂

  4. opatios schreibt:

    Einmalig, die Story!
    Auch wenn es sich nach „viel Lärm um nichts“ anhört:
    Wer weiss, wofür die Aktion im Nachhinein gut war… von dem, was man durch den ganzen Aufriss in der Zukunft verhindert hat, erfährt man nun mal recht selten.

  5. Julia schreibt:

    Brilliant.
    Ehrlich.
    Man weiß ja echt nicht, ob man lachen oder weinen soll …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s