Die Sache mit der halben Hygiene

Ich musste mal wieder zum Dentisten. So nur zur Kontrolle, also braucht hier keiner sein Gesicht zu verziehen! Da der eigentliche Warteraum schon voll war, setzte ich mich auf einen Sessel, der im Bereich der Empfangstheke auf dem Praxisflur stand. Von dort aus konnte ich ganz entspannt die Leute beobachten.

Die Kunden kamen und wurden aufgenommen, die Ärzte schlenderten von einem Behandlungsraum in den nächsten, die Karbolmäuschen huschten mit Patientenakten (Nein, keine Akte von Patienten, sondern AkteN, ihr Ferkel! 🙂 ) und Laborkistchen durch die Gegend…

Und dann fiel es mir auf:

Einige der Praxismädels hatten Latexhandschuhe an. Auf dem Flur.

Natürlich finde ich es gut, wenn diese Dinger zur Behandlung getragen werden. Aber danach? Und zwischendurch?

Die Damen der hygienischen Ahnungslosigkeit fassten mit den Handschuhen die Türklinken an, sortierten die Akten, befingerten die Telefone und die PC-Tastaturen (Hat schon mal jemand von einem Telefonhörer einen Abklatsch genommen? -Ich sage nur: Karstadt- Rolltreppe…), um dann wieder im Behandlungsraum zu verschwinden. Und dann die sterilisierten Geräte auspackten und mit den Handschuhen diese dem Doktor bereitlegten, oder den Absauger in die Futterluke der Patienten drappierten.

Wovor schützt so ein Handschuh noch? Eigentlich nur vor dem bisschen Körperschweiß der helfenden Hand. Und wer Ahnung hat, weiß, dass das noch die harmloseste Substanz an den Pfoten ist. Alles andere, was sich so unerkannt in der Praxis tummelt, wird schön in dem Gesicht des Patienten und auf die Geräte verteilt.

Auch die Praxistussi wird nicht ausreichend vor dem Patienten und seinen „Gästen“ geschützt, wenn man das selbe Paar über Stunden trägt: Durch mechanische Beanspruchung bekommt so ein Handschuh nämlich auch Beschädigungen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind. Für Keime allerdings Scheunentore.

Dann fiel mir ein, dass die gleiche falsch verstandene Hygiene auch woanders praktiziert wird. Zum Beispiel beim Bäcker, wenn die schöne Brötchenschickse mit dem Handschuh erst das Kleingeld von Frau Schlagbuffski anlangt, um dann mit dem gleichen Handschuh die Rosinenbrötchen für Heinz Haudraufski zu verpacken.

Nö, Leute, dann lieber ganz ohne Handschuhe, dafür dann lieber mal die Hände waschen…

Ein Thema, welches mir dazu noch einfällt, ist die Propaganda der Industrie, die den Hausfrauen weismacht, im privaten Bereich müsste auch alles klinisch desinfiziert werden. Und vor allem: Mit den angebotenen Mittelchen könnte das auch gleich jeder.

Laut Werbung der Ort, an dem Lebensgefahr herrscht!

Wer vom Fach ist, weiß, dass es nicht damit getan ist, mit irgendeinem Spray die Toilettenbrille einzunebeln, und mal grob mit einem uralten Wischtuch drüberzuhuschen. Da müssen nämlich Konzentrationen eingehalten werden, eine Einwirkzeit, es muss von dem Zeug auch bis in alle Winkel eine ausreichende Menge gelangen… Und das kann so eine Hausfrau? – Wozu musste in unserer Feuerwehr dann extra ein ganzer Hygieneplan geschrieben werden, Schulungen für alle Anwender durchgeführt und Nachuntersuchungen gemacht werden? Welche Hausfrau macht sich denn einen Eimer mit einer Desinfektionslösung fertig – und stellt einen zweiten mit der gleichen Lösung zum Ausspülen des Wischlappens daneben? Wenn mit einem Spray dann die Oberfläche der Arbeitsplatte in der Küche eingequanzt wird, was ist denn dann mit der Unterkante in Höhe der Spülmaschine? Wo es oft feucht und warm ist? Von der Bakterienparty im Küchenlappen haben Laien oft noch nie was gehört.  Und vom „Seifenfehler“ ganz zu schweigen. Ich bin mir jetzt auch nicht ganz sicher, was für mein Kind schädlicher ist: Die „normalen“ Keime, die überall „lauern“, oder die großzügig verteilten Chemikalien aus den Plastikflaschen, die eigentlich immer mit Warnhinweisen versehen sind. („Berühren mit der Haut vermeiden.“- Hallo? Ich sitze darauf mit meinem empfindlichen königlichen Hintern! Manchmal stundenlang!!)

Also, im Ernst, ich könnte noch mehr erzählen, warum man ohne Hintergrundwissen keine sinnvolle Desinfektion hinbekommt.

Aber jetzt mal die nächste Frage: Ist das Desinfizieren seiner privaten Umgebung denn überhaupt Sinnvoll? Nö. Es sei denn, man hat echt eine Seuche zuhause.

Wir kommen überall mit Keimen in Berührung, egal, wo wir hingehen. Im Bus, an der Arbeitsstelle, in der Schule, beim Einkaufen. Da ist die „Keimbelastung“ im eigenen privaten Bereich Pipifax. Wir tragen Bakterien auch in uns, ohne sie könnten wir nicht leben. Und unser Immunsystem wird – vor allem bei Kindern, die in der Sagrotan- Werbung zur Erzeugung eines schlechten Gewissens bei den Müttern immer so gerne vorgeschoben werden- durch die Exposition von Keimen erst so richtig ausgebildet. Es ist gewissermaßen also schon fast gesund für unsere Kinder, wenn sie im MediaMarkt mal am Glas der Rolltreppe Küsschen geben! Weil das Immunsystem sozusagen Anschauungsobjekte braucht, um wirksame Gegenmaßnahmen, also Antikörper, zu entwickeln. Daher ist es zumindest im privaten Bereich völlig unsinnig, klinische Verhältnisse herstellen zu wollen. Seit Jahren wird unter Anderem auch der Hygienewahn für die wachsende Verbreitung von Allergien verantwortlich gemacht.

Im übrigen: Durch fehlerhaft durchgeführte Desinfektion können sich Keime an das Mittel „gewöhnen“. Beim nächsten Wischen ist den Viechern das Zeugs dann völlig egal!

Also, Fazit: Zu Hause reicht im Alltag der „Alte Popper“, da die Keime, die da so rumschwirren, in der Regel für einen halbwegs gesunden Menschen ungefährlich sind.

Nur  auf das durch eine Behandlung vielleicht blutende Zahnfleisch möchte ich bitte keine Bakterien haben, die dort nicht hingehören. Zum Beispiel von der Türklinke. Das kann nämlich zu unangenehmen Folgen führen.

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Privat abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die Sache mit der halben Hygiene

  1. DelfinStern schreibt:

    Das frag ich mich manchmal auch. Oder der Metzger, der erst Nase putzt, dann Geld zählt und dann die Wurst anlangt.
    Komisch, laut Werbung dürften wohl alle ohne spezielle Reinigungsmittel nicht mehr leben, ich leb aber noch 🙂

  2. sueder80 schreibt:

    Ich hatte in meiner Jugend einen Zahnarzt der schon mit angezogenen Handschuhen ins Behandlungszimmer kam. Zum glück kann ich im nachhinein sagen hat der bei mir nichts rumgeschnibbelt.
    Da fande ich die Aktion bei der Schweinegrippe doch spassiger selbst wenn man einen normal nervenden Schnupfen hatte durfte man draussen am Hintereingang warten bis man einen Mundschutz bekam.
    Als es mich dann doch richtig erwischt hatte wurde das ganze nochmal verschärft.

  3. Will schreibt:

    Hm, einzige Erklärung die ich dafür habe:
    Da man unter den Handschuhen schwitzt hat man beim Wechseln immer Probleme das nächste Paar wieder an zu kriegen. Deswegen habe ich mir angewöhnt immer 2 Paar übereinander zu tragen. Dann hat doppelte Sicherheit gegen Durchstechen und viel weniger Ärger mit dem Wechsel 😉

    Natürlich könnte sie auch schludrig sein, aber hoffen wir mal das Beste 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s