Sterbehilfe

Manchmal fahren wir nur so durch die Stadt. Einfach so, um zu sehen, was so los ist: Schräge Vögel, Blechschäden, Schaufensterdeko… einfach alles, was einem so auffällt. Bei dem TV- Programm heutzutage oft die bessere Alternative.

Beim letzten Mal kamen wir an einem Garagenhof vorbei, ein Auto mit Warnblinkern stand in der Zufahrt, 5m weiter ein Mann, vornübergebeugt. Das kam uns komisch vor. Wer stellt sich mit Warnblinkern auf ein Privatgrundstück? War dem Mann vielleicht schlecht? Wir kehrten um.

Zurück an der besagten Stelle sahen wir, dass die Person über eine am Boden liegende Katze gebeugt war. Ich kurbelte das Fenster runter: „Brauchen Sie Hilfe? Ist was passiert?“ „Nö,“ meinte der Mann, „da hat einer die Katze angefahren, ich habe die Feuerwehr aber schon gerufen. Der Krankenwagen wird ja wohl gleich kommen.“ Soso. Krankenwagen. Für eine Katze..

Wir überlegten einen Moment, ob wir weiterfahren sollten. Aber die Katze lebte noch. Da brachten wir es einfach nicht übers Herz, die Katze da so liegen zu lassen. Also stiegen wir aus.

Das normale Vorgehen, wenn die Feuerwehr hier so etwas abarbeitet, ist, dass das nächste Löschfahrzeug geschickt wird. Die Kollegen kommen dann, packen das Tier (sofern aufgrund von Gebaren und Größe möglich) ein und bringen es in die Tierklinik. Natürlich ohne „blau“. Aber wer weiß, ob das nächste LF gerade frei ist? Und die Kollegen können ja auch nicht mehr tun, als die Katze wegzubringen.

Das Tier, eine grau getigerte europäische Kurzhaar, lag auf dem Gehweg. Sie hechelte stark, versuchte ab und zu, sich mit den Vorderpfoten vorwärts zu ziehen. Die Hinterbeine bewegten sich kein bisschen. Das Fell am hinteren Körper war schmutzig. Und sie hatte anscheinend große Schmerzen.

Wir hockten uns daneben, der Mann fing an zu erzählen: „Nicht anfassen, die versucht sonst, abzuhauen. Die hat sich schon von der Straße bis hier her gezogen.“ – „Haben Sie die erwischt?“ – „Nein, da ist vor mir so ein Geländewagen eingebogen, und als der weg war, sah ich sie auf der Straße liegen. Der ist einfach weitergefahren. Ich habe dann einen Krankenwagen gerufen. Die machen doch sowas auch?“ Ich klärte ihn auf, dass Katzen nicht mit dem RTW gefahren werden. Sondern mit einem Wagen des Tiefbauamtes, den die Feuerwehr nach „Geschäftsschluss“ besetzt, oder einem Löschfahrzeug in die Tierklinik gebracht wird. Aber wir wollten nicht warten.

Die Katze zitterte leicht auf dem nassen Gehwegpflaster und hechelte mit weit aufgerissener Schnauze. Wahrscheinlich war der Brustkorb auch verletzt und sie hatte daher Atemnot. Das Becken war womöglich sowieso zertrümmert.

„Ich möchte jetzt aber nicht noch länger warten, das Tier leidet so. Wir fahren die jetzt selbst in die Klinik.“ Wir holten  meine Werkstattdecke aus dem Auto und legten die Katze vorsichtig darauf. Mausi standen schon die Tränen in den Augen. Aber wer weiß, wie lange das noch dauert, bis die Kollegen da sind. Und die haben womöglich ja auch besseres zu tun, als Katzen einzusammeln. „Rufen Sie bitte nochmal bei der Feuerwehr an, und sagen Bescheid, dass die nicht mehr kommen müssen. Danke für´s Kümmern!“

Ich half meinem Mädchen, die das schwerverletzte Tier auf dem Arm hatte, beim Einsteigen, und wir fuhren los. Die Katze litt so sehr, dass sie vor Schmerz in die Decke biss. Ab und zu gab sie einen leisen, leidenden Ton von sich. Unterwegs ließen wir uns von der Auskunft noch mit der Tierklinik verbinden und kündigten uns dort an.

Mausi schimpfte auf den vermeintlichen Unfallfahrer. Ich versuchte, sie zu beruhigen: Wenn man mit so einem 2-Tonnen- Gefährt eine Katze anfährt, muss man das nicht unbedingt merken. Schon garnicht, wenn womöglich noch Musik im Wagen läuft.

Nach endlosen Minuten kamen wir dort an. Nach dem Klingeln die Frage:“Bringen Sie die angefahrene Katze?“ Man ließ uns ein, führte uns sofort an den anderen Tierbesitzern vorbei (obwohl es schon nach 22.00Uhr war, war noch einiges los). Wir legten die Katze auf den Behandlungstisch. Sie hatte aufgehört, zu hecheln, atmete nur noch unregelmäßig. Sie lag im Sterben. „Oh je, die hat ja nur noch Schnappatmung…“Die Reflexe am Auge waren schon stark eingeschränkt, die Lunge brodelte beim Atmen vom eingesickerten Blut.

Die Tierärztin klärte uns darüber auf, dass nicht mehr viel zu machen sei. Am Gesicht meiner Verlobten konnte man deutlich sehen, dass sie wusste, was jetzt passierte. Ein Praxishelfer kam herein mit einem Zettel: „Sie müssen das hier noch ausfüllen, Ihre Daten, und wo Sie sie gefunden haben.“ Die Gelegenheit war günstig, ich schickte Mausi mit dem Zettel raus.

Der „Pfleger“ suchte die bewußtlose, nur noch vereinzelt nach Luft ringende Katze noch kurz mit einem Scanner nach einem Chip ab, ohne Erfolg. Während dessen zog die Ärztin schon die Spritzen auf, um die Katze endlich zu erlösen. Eine Injektion stellte sicher, dass die Katze wirklich betäubt ist. Sie bekam einen kurzen Muskelkrampf, eine Nebenwirkung des Narkosemittels. Danach ein weiterer Stich,  und die Katze litt nicht mehr. Jetzt endlich war sie über die Regenbogenbrücke gelaufen. Ich sagte noch: „Der Mann hätte sie vielleicht sofort bringen können.“ – „Wir hätten trotzdem nichts mehr machen können.“ – „Ja gut, aber ihr wäre eine halbe Stunde Leid erspart geblieben.“

Die kurze Untersuchung der toten Katze ergab, dass es sich um ein älteres Tier handelte. Das Becken war zertrümmert, einige Rippen gebrochen. Sie hatte wahrscheinlich auch noch weitere massive innere Verletzungen. Die Ärztin klärte mich kurz darüber auf, dass diese Behandlung für uns kostenfrei sei, und bedankte sich noch für unseren Einsatz. Mausi hatte netterweise vorn am Thresen einen Becher Wasser bekommen.

Zurück am Auto brach es aus ihr heraus: Die Tränen flossen, ich tröstete sie. Sie meinte: „Genau das ist der Grund, warum ich meine Katze hier in der Großstadt nicht rauslasse!“ „Wenigstens wartet wahrscheinlich niemand wirklich auf sie. Sie war weder gechipt noch tätowiert. Ein verantwortungsbewußter Besitzer hätte das aber bestimmt machen lassen.“

Sie beruhigte sich aber recht schnell, auf dem Rückweg sprachen wir nochmal ausführlich darüber. Als Katzenbesitzerin so ein geschundenes, sterbendes Tier auf dem Schoß zu haben, ist eben nicht so einfach.

Das bekam dann auch zu Hause unsere eigene sofort zu spüren, die sich anscheinend sehr über die lästige Kuschelattacke wunderte…

Advertisements

Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
Dieser Beitrag wurde unter Privat abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Sterbehilfe

  1. Barbara schreibt:

    Das erinnert mich an die Geschichte, als ich in der Stadt mitten im Menschengewühl einen verletzten Vogel am Boden fand. Ein Mann wäre fast noch draufgetreten. Niemand kümmerte es. Brachte ihn voller Hektik zum Tierarzt, von dem ich nur hoffen konnte, dass er überhaupt da ist. Tja, ein kurzer Blick und dann ne Riesen-Nadel… Hab geheult wie ein „Schlosshund“ und kam mir wie eine Mörderin vor… Aber wär das etwa besser gewesen, noch lange leiden zu lassen???

    Grüsslis!

    Barbara

    • firefox05c schreibt:

      Bei einem Tier gibt es die Möglichkeit, wenn nichts mehr zu retten ist, mit einer Spritze das Sterben und somit das Leiden zu verkürzen. Was wir dabei gerne als „human“ („menschlich“) bezeichnen, steht dem Menschen aber hierzulande (D) eben nicht zu.
      Insofern haben es Tiere auf ihrem letzten Weg eigentlich besser als Menschen.
      Du bist keine „Mörderin“. Betrachte es ehr als Pflicht.

  2. Sarkastikum1 schreibt:

    Wenn man während des Fahrens auf die Straße schaut, bekommt man i. d. R. schon mit, wenn eine Katze oder ein ähnlich großes Tier unter den Wagen kommt.
    Meist haben die Leute aber Angst anzuhalten.
    Was soll man tun? Was, wenn das Tier doll blutet? Was, wenn es schreit? Was denken andere von mir, wenn ich wegen einem Tier hier anhalte und die Straße blockiere? Man kann es beliebig fortführen.
    Schön, dass ihr geholfen habt.

    S.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s