Wieso ich eine 90jährige küsste

…oder: „Lassen sie mal alles da…“

„Hausunfall. Platzwunde nach Sturz“ , stand nachts auf dem Melder. Die Adresse: Ein Altenheim. Und wie es meißtens so verläuft, rechneten wir mit dem fehlgeschlagenen Versuch einer Oma, die Nachtschwester zu belästigen. Irgendwie aus dem Bett gewälzt, unsanft auf den Boden aufgeditscht, unterwegs mit der Stirn noch dem Nachtschrank einen Besuch abgestattet: Platzwunde.

Dort angekommen, zogen wir routinemäßig die Trage aus dem RTW und legten den Notfallkoffer und den Beatmungsrucksack drauf. Wir nehmen bei Einsätzen in Heimen immer sofort die Trage mit, da die Trage von den räumlichen Möglichkeiten her bis zum Patientenzimmer zu fahren ist und die Patienten zumeißt sowieso nicht mehr laufen können.

Allerdings kam dieses Mal die Nachtschwester schon gelangweilt aus dem Haupteingang entgegengeschlendert: „Ich glaube, die Trage brauchen Sie garnicht, lassen Sie die ruhig da.“ – Nun gut, dann wird die Sache nach Meinung der Schwester wohl mit einem Pflaster zu handlen sein?

Also nur den Koffer in die Hosentasche, und rein ins Heim. Im Zimmer wartete die Patientin schon. Auf dem Boden. Was sie hatte: Eine Platzwunde am Hinterkopf. Was sie nicht hatte: Atmung, Puls und das übrige Gedöhns, was man zum Leben so braucht!

Die Frage, wie der Notfall entstanden ist, war recht klar: Omma geht zur Toilette, fällt mit „Herz“ um, haut sich am Türpfosten die Murmel ein. Was nicht klar war: Warum die Schwester nur eine Platzwunde gemeldet hat!

Tja. Jetzt standen wir da mit unserem kurzen Hemd. Ohne EKG. Ohne Beatmungs- Rucksack. Ohne Notarzt. Aber ein ganz tolles Fieberthermometer im Koffer… 😦

Da wir ja nicht wussten, wie lange die Frau schon so lag (und wir uns ohne eindeutige Todeszeichen auch kein Urteil darüber bilden dürfen), die Dame aber anscheinend vorher noch einiges an Lebensqualität hatte und noch warm war, schickte ich den Kollegen zum Fahrzeug, den NA nachzubestellen und die „restlichen“ Klamotten zu holen. Hurtig, bitte. Gehen Sie nicht über Los, ziehen Sie keine 4000 Mark ein. Die Schwester hingegen blieb etwas verpeilt im Raum stehen. Als mir das nach 2 min auffiel, schickte ich sie hinterher, um den Kollegen durch die automatische, nachts aber nur mit Code zu öffnende Ausgangstür zu lassen. Da hatte sie nämlich nicht dran gedacht. Derweil fingerte ich erst das Gebiss aus Frau’s Gesicht, dann eine Kompresse als notdürftigen Schutz aus dem Koffer, und näherte mich dann zärtlich dem Antlitz der verwelkten Blume, um als rettender Prinz dem „Bochumer Schneewittchen  1947“ den Lebensodem durch die Nüstern zu blasen… *schauder!*. Ein-Helfer – Rea. „Optimal“ ist anders.

Die Schwester steckte einige Momente später und wohl erstaunt darüber, dass ich überhaupt kein Pflaster klebte, den Kopf durch die Tür, fragte, ob sie mir nochwas bringen könnte („Stück Kuchen vielleicht, blöde Schnepfe!“) , und schaute dann weiter meinen Bemühungen zu.

Die üblichen Fragen nach irgendwelchen Vorerkrankungen konnte sie natürlich detailliert, äh, nicht beantworten. Auch toll.

Nach einer Weile wunderte ich mich darüber, dass der Kollege überhaupt nicht wiederkam. „Steht der vielleicht vor verschlossener Tür?“, fragte ich etwas gestresst die Pflegerin. „Äh… oh… da sagen Sie was…“ – Sie flitze jetzt wieder los. Anscheinend hatte sie verstanden, das es womöglich doch nicht nur an der defekten Kirsche lag, dass die alte Dame so verstockt schwieg.

Einige Zeit später kam sie mit Kollege, Rucksack und Defi wieder rein. Na, dann konnte es ja endlich losgehen.

Standard, wie in der Schule gelernt, bis hin zum Intubieren (Luftschlauch in den Hals), Zugang legen…

Dann klingelte bei „Schwester Merknix“ das Haustelefon. „Äh… wer ist da?… Der Notarzt? … Ach so, ja… ich komme“ – Hatte die die Tür immernoch nicht auf „Automatik“ umgestellt? Ist die bei Omma als Erbin eingesetzt? Also: Sie wieder runter zur Tür, den Arzt reinlassen. Als der dann endlich bei uns war, hatten wir die Dame schon transportfertig. Hatte ihn etwas gewundert. Er wusste ja nicht, wieviel Zeit wir drei schon so lustig miteinander verbracht hatten!

Aber wenn man so gut vom Pflegepersonal unterstützt wird, hat man ja schon mal etwas mehr Zeit…

Seit diesem Einsatz nehme ich auf jeden Fall bei solchen Notfällen auch immer einen Beatmungsbeutel mit.

Die Patientin hat sich übrigens nicht mehr bei mir gemeldet. Vielleicht hat sie nicht überlebt. Oder ich war trotz der erzwungenen Intimitäten nicht ihr Typ…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu Wieso ich eine 90jährige küsste

  1. Sueder80 schreibt:

    Ich frage mich manchmal wieviele inkompetente „Fachkräfte“ sich im Medizinischen und Pflegerischen Arbeitsbereich rumtreiben. Fast in jedem Blog den ich aus diesem Bereich gelesen habe stehen solche Geschichten.

    • firefox05c schreibt:

      Diese Damen und Herren werden schlecht bezahlt für viel Arbeit. Oft wird eine ganze Stelle in 3 Teilzeitstellen aufgeteilt (400-Euro- Jobs), weil das den Träger billiger kommt. Da darf man dann nicht allzu viel erwarten, schätze ich mal…

      • Elli schreibt:

        Den Türöffner auf Automatik umzustellen dürfte auch von Teilzeitkräften zu bewältigen sein. Denk mal an die verlorene Arbeitszeit durch das hin und her rennen.
        Aber das ist bestimmt kein Einzelfall. Ab acht Uhr abends steht man doch oft lange vor verschlossener Tür.
        Erst gestern haben wir inklusive Notarzt und meldebild Rea 20 Min vor der Tür gestanden.
        Was nutzt die ganze Ausrüstung wenn nicht aufgemacht wird.

      • firefox05c schreibt:

        20min? Da hätte ich längst einen Einsatz „Türöffnung“ aufmachen lassen! – Abgesehen davon haben wir hier auch schon mal nachts das Martinhorn vor einem Altenheim „dauerlaufen“ lassen, bis die Nachtschwester endlich was gemerkt hat.

  2. P_Unfallrettung schreibt:

    Hah. Kenn ich. Selbst auch schon ähnlich mitgemacht. Deshalb immer ne Beatmungshilfe am eigenen Schlüsselbund. Schön ist auch bei KT und vor Eintreffen in AH noch von LST mitgeteilt bekommen, dass man Sauerstoff mit reinnehmen solle (ohne Begründung) und drinnen wartet die REA.

  3. alltagimrettung schreibt:

    Mal ne dumme Frage 🙂 Hab ihr auf eurem Koffer kein „Schnüffelstück“?

    • firefox05c schreibt:

      Nein. Normalerweise sollte man ja auch immer reichlich Ausrüstung mitnehmen (wozu auch der Rucksack gehört), und zwar genau für solche Fälle! War im Grunde also auch eine – äh- kleine Nachlässigkeit, von der ich mich nicht ganz freisprechen kann…

  4. alltagimrettung schreibt:

    Okay..mhhhh würde aber mehr Sinn machen, den im Koffer/Rucksack zu verlasten, oder nicht?

    • firefox05c schreibt:

      Wir haben im Koffer alle Medis, Verbandstoff, Infusionen u.s.w., im Rucksack alles zur Beatmung und Intubation, + Stiffneck. Ich habe mich einfach nur darauf verlassen, was in der Meldung stand, sonst wäre es kein Problem geworden. Eine Art Nachlässigkeit durch Routine. Aber ich habe ja gelernt… 😉

  5. Hm, zum Pflegepersonal sage ich jetzt mal nichts 😉
    Aber trotz der prekären Lage ein wirklich schön geschriebener Beitrag, bei dem ich öfter mal schmunzeln musste.

  6. souly schreibt:

    Wenn ich das schon lese krieg ich ja so eine Krawatte, dass ich die alte #*§$&?#§$…..

  7. TickleMeNot schreibt:

    *schnaubt*

    Sag mal, hast du die Pflegeleitung des Altenheims später verständigt, wie der Einsatz abgelaufen ist, und was die Schwester alles falsch gemacht hat?

    Teilzeitstelle hin oder her, in solch hochsensiblen Einsatzgebieten darf sich eine Pflegekraft, die ja nun für sowas ausgebildet und zuständig ist, so eine Kette von Versagern einfach nicht leisten. Wenn es doch passiert, dann ist sie dort nicht an der richtigen Stelle. Immerhin hat sie dort Verantwortung für Leben und Wohlbefinden der Bewohner.

    Gleiches gilt auch für Krankenschwestern im Krankenhaus. Oder möchtet ihr in solch einen Altenheim leben müssen?

    Am besten nutze ich die Gelegenheit auch gleich, um Danke für den Blog zu sagen. Du schreibst wirklich wunderbar. Mein Lieblingsbeitrag war der mit dem Dümpel, ich habe wirklich Tränen gelacht. Aber auch schon einiges gelernt, z.B. was man unbedingt in ein Auto einpacken sollte, und vor allem, wohin.
    Vielen Dank 🙂

  8. sst89 schreibt:

    Das ist noch harmlos… Ich habe mal ein Jahr lang in der Beschäftigungstherapie in einem AH gearbeitet, wollte danach den Altenpfleger machen, um später in den Rettungsdienst einsteigen zu können. In diesem einen Jahr habe ich genug erlebt, um die Altenpflegelehre fallen zu lassen. (jetzt mache ich meine Fachkraft für Schutz und Sicherheit, ehrenamtlich im DRK tätig).
    Angefangen bei Leute, die aufmucken mit Medis ruhigstellen und ans Bett fesseln, über Bettklingel wegnehmen/ausstöpseln bis hin zu totalem Versagen bei Notfällen… zu solchen Leuten wollte ich nicht gehören. Und das bei diesen Preisen…

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