Silvester bei der Feuerwehr

Silvester. Aus Sicht der verschiedenen Hilfsorganisationen immer sehr aufregend. Besonders die Feuerwehr fährt für gewöhnlich von einem Kleinbrand zum nächsten, weil immer irgendwer so hackedicht ist, dass er anscheinend die Mülltonnen mit Böllern verwechselt. Allerdings sind jedes Jahr auch ein paar größere Feuer dabei.

Nun gut, meine Schicht auf dem Löschfahrzeug begann gleich mit einem Rettungsdienst- Einsatz. Dazu muß man wissen: Wenn hier der nächste verfügbare Rettungswagen nicht schnell genug vor Ort sein kann, weil er eine halbe Weltreise entfernt ist, wird als „First Response“ zusätzlich das nächstgelegene Löschfahrzeug geschickt. Entsprechende Ausrüstung haben wir natürlich auf den Löschfahrzeugen, die Kollegen sind auch alle im Rettungsdienst tätig.

Unser Notfall hieß eigentlich „Herz vor Büdchen“. Wir wurden zusammen mit einem Rettungs- und einem Notarztwagen alarmiert. Aber als wir dort ankamen, stand dort als „Patient“ ein Obdachloser, der sich wohl etwas Schöneres ausgedacht hatte, als sich um Mitternacht von angetrunkenen Jugendlichen Böller in die Tasche stecken zu lassen: Er jammerte dem Kioskbetreiber vor, dass er Schmerzen in der Brust hätte, und ließ sich den Rettungsdienst kommen. Silvester im 4. Stock eines Krankenhauses, im warmen Zimmer, mit einer Mahlzeit und einer Naßzelle, ist ja auch was Feines.

Nachdem wir uns also unterhalten haben und er uns erzählte, wie lange er sich schon dort rumtreibt, wieviel er getrunken hat, dass es heute ja schon ziemlich feuchtes Wetter ist, wie weit der Zug fährt, in dem er sonst übernachtet, und das wir ja eigentlich ganz feine Leute sind, erinnerten wir ihn daran, dass er doch Herzschmerzen hat. – Ach ja, da war ja was… Den Notarzt bestellten wir dann aufgrund seines Zustandes ab und übergaben ihn an die RTW- Besatzung. Wenn er sich nicht verplappert hat, hatte er einen schönen Abend…

Um etwa 17.00Uhr wurden wir dann rausgeschickt, um einen im Schnee festgefahrenen Krankenwagen zu befreien. Dort angekommen, kam uns der Sani schon mit einem Satz Schneeketten entgegen, die den Namen nicht verdient hatten: Ich weiß nicht, ob es das billigste im Baumarkt war, was unter dem Namen „Schneeketten“ verkauft wird, oder das größte, was bei Bijou Brigitte zwischen den Fußkettchen hing. Jedenfalls war dieses filigrane Kleinod mit der Last eines Transporter- Rades überfordert: offene Ketten-Fraktur 3. Grades. Auch ohne Röntgengerät deutlich zu erkennen. „Wo hasse diesen Mädchenschmuck denn her? Ypsheft?“ – „Nein, die hat mir eure Werkstatt rausgegeben. Sind nicht soooo toll.“ -Offensichtlich. Wie auch immer, mit vereinten Kräften, etwas Stochern auf den Eisplatten und 2 kg Bindemittel (Salz dauert auf Schnee zu lange, Granulat war aus. Ölbinder ist auch knorke…) und ein paar Tröpfchen Beamtenschweiß (seeeehr kostbar!) war die Karre frei. Eigentlich hätte es garkeinen Grund gegeben, bis auf den nicht geräumten Garagenhof zu fahren: Die Patientin konnte laufen und stieg nach der Aktion erleichtert mit ihrem gepackten Täschchen ein.

Dann war erst mal Ruhe. Abgesehen von der Tatsache, dass wir zwar Chili machen wollten, aber in ganz NRW kein Gehacktes dafür mehr aufzutreiben war, und wir stattdessen Gulasch mit Nudeln machen mußten, ein schöner, beschaulicher Abend. Gut, das Gulasch war ja auch lecker. Und der Lebkuchen, der vorher, nachher und zwischendurch sowieso gereicht wurde, gab Sodbrennen. Aber wir sind ja auch nicht zum Vergnügen da, sondern essen ihn dienstlich! Da muss man auch mal seine eigenen Leiden zurückstellen!  😉  Um kurz vor elf ging es dann weiter: Hilferuf des Löschzuges Mitte, eine Bude sollte brennen, es wären noch Menschen drin. Zum Glück hat sich die Lage dort schnell entspannt, so dass wir kurz vor dem Eintreffen abbestellt wurden. Später haben wir noch einmal einer RTW- Besatzung  geholfen, einen Patienten durch die Schneemassen zum Auto zu bekommen, dann war das alte Jahr zu Ende.

Die Raketen haben sich für die Bevölkerung  zumindest in unserem Viertel nicht gelohnt: Gegen Mitternacht zog eine Suppe auf, die mich an „The Fog“ erinnerte. Die Dinger zischten ab, verschwanden im Nichts, machten „Puff!“- Und von den Sternchen sah man meißt nichts! -„Wieder 3,50 im A…“

Nach dem Neujahrs- Anstoßen (ja, wir dürfen dann ausnahmsweise mit einem halben Glas ECHTEN Sekt anstoßen!), ging um halb eins das Alarmlicht an. Wohnungsbrand? Containerbrand? Lagerhalle? Etwas, mit dem man jetzt rechnet? – Nein. Der Chlormelder einer automatischen Überwachungsanlage gab Alarm. Am anderen Ende der Stadt. Nun gut, Reklame an und los.

Unterwegs wurden wir umdisponiert: Ein Containerbrand in unserem eigenen Bezirk. Nachdem uns auf der Suche nach dem Einsatzort im Vorbeifahren einige Leute angeschaut haben, wie eine Kuh, wenn´s donnert, hatten sie, nachdem wir immernoch suchend die Straße wieder zurückfuhren, endlich die glorreiche Idee, uns zu winken. Der Container stand nämlich hinter einer Trennmauer. Und dahinter wiederum eine starke Laterne, so dass wir das „Containerleuchten“ garnicht sahen. Aber der mündige Bürger hilft ja. Wenn auch erst im 2. Anlauf…

Nachdem wir hier die unerlaubte Müllverbrennung unterbinden konnten, wurden wir eine Querstraße weiter geschickt: Auf dem Gehweg liegende Pappe brannte. Die Männer im zeugungsfähigen Alter standen fassungs- und fantasielos daneben. Und waren schon fast beleidigt, als wir nicht den Wasserwerfer auf dem gegenüberliegenden Dach positionierten, um eine Riegelstellung zu den angrenzenden Gebäuden aufzubauen, sondern etwas lustlos mit den Stiefeln und einer Schaufel etwas Schnee auf den Abfall scharrten. (Ja glauben die denn, für so einen Mumpitz ziehen wir unseren schönen Schlauch aus dem Auto?)

Um zehn vor eins dann der nächste „Rettungseinsatz“: „Fußverletzung“. Alle RTW belegt, fuhren wir erst mal alleine. Der nächste freie Rettungsbomber sollte unser sein. „Auf Sektflasche getreten?“ – „Versucht, Böller wegzukicken?“ – „Oder den Nachbarshund…“ , rieten wir rum, während wir durch torkelnde Fußgänger  und bengalisches Feuer kurvten.

Am Ort angekommen, wurde uns nicht geöffnet. Nun ja, bei drei Typen wie Schränken, in dunklen Jacken und wegen des Wetters am Maulen, hätte ich vielleicht auch nicht geöffnet. Aber stetes Klingeln höhlt die Oma: Die Tür ging nach gefühlten 30min auf.

An der Wohnungstür eine ältere Dame, wahrscheinlich aus Dirschau. Auf weißen Socken. Ohne Blut. Alleine in aufgeräumter Wohnung. WTF?! „Schauen, tut iimmer wäh, iimmer märr. Muß Krankänchauß.“ – „Was ist denn passiert? Wo sind sie denn verletzt?“ – „Schauen Schultärr. Chabe große Schmärzen.“ Sie entblößte ihre Schulter, ein Eis-Pack kam zum Vorschein. Sie hob zur Demonstration, wie „schlecht“ sie sich ja bewegen kann, den Arm bis über den Kopf. Mit entsprechender Mimik, natürlich. Keine Verletzung, keine Fehlstellung… tolle Fußverletzung! „Wie ist denn das passiert?“ – „Biene gefallen, auf Schuultärr, chat erst nicht wäh gätahn, abär jätzt iiimmer schliiimmärr.“ – *Verdacht-schöpf* – „Und wann war das?“ – „Iist gäwääsen um etwa 10. Choitä Moorrgän. Chat garrnicht Schmäärzen. Abär gägän funf, chat angäfangän. Jätzt tut säähr wäh. Muß Krankänchaus. Jätzt.“ – Darf ich sie schlagen, oder möchtest du? Mal im Ernst: Da draußen tobt der Mob, der Rettungsdienst ist ausgelastet bis zur Grenze, die Tonnen brennen, … Und Oma fällt jetzt, etwa 15 Stunden nach dem Sturz ein, dass es doch etwas weh tut? Und macht trotzdem noch lustig Gymnastik mit dem soooo schmerzenden Arm?

Zum Glück traf der RTW gerade ein. Sollen die sich damit rumschlagen.

Auf dem Rückweg hörten wir dann über Funk schon etwas über unsere nächste Einsatzstelle: Ein LF der Freiwilligen wurde in eine Straße geschickt, in der jedes Neujahr mehrere Tonnen brennen. So angeblich auch dieses Mal „Containerbrand“. Als die FF über Funk meldete, dass sie jetzt ausrücken, kam von der Leitstelle noch die Info: „Fahren Sie mal mit beiden Fahrzeugen da hin, dort sollen mehrere Baustellen sein. Fahrt mal die ganze Straße ab.“ Kurz vor deren Eintreffen die Hiobsbotschaft, mit der auch wir in den Einsatz gezogen wurden: „Gebt bei Eintreffen sofort Rückmeldung, dort soll auch eine Küche brennen.“ Dieses Jahr übertrieben sie es in der Straße aber!

Dort angekommen, war es – äh – etwas unübersichtlich: Die Straße stand mit mehreren roten und grünen Autos voll, dutzende Bewohner hatten sich zum Spektakel eingefunden und diskutierten teilweise mit der Polizei über die Bürgerfreiheit, alle 50m brannte ein großer Müllcontainer, und die Freiwilligen, die als erste eintrafen, betraten gerade das Haus, in dem es in der Küche brannte. Party…

Das Feuer in der Küche war dann doch recht schnell gelöscht, außer dem Stolz einiger Gaffer, die die besten Plätze verlassen mußten, war niemand verletzt, und die nachrückenden Kräfte suchten sich alle ihren eigenen brennenden Müllhaufen auf Plastikdeckeln. (Viel mehr als ein Plastikdeckel bleibt von einem Kunststoff- Container meißt nicht übrig.)

Nach etwa 90Minuten war die Einsatzstelle wieder geräumt. Damit war dann auch unsere Silvesternacht überstanden, um 3 Uhr konnten ich dann den Abend Morgen bei einem guten Lebkuchen und ein paar Keksen ausklingen lassen. Tja, und das Problem übervoller Müllcontainer war in der „speziellen“ Straße auch gelöst.

Eigentlich könnten wir uns nächstes Jahr dort schon mal in Bereitschaft stellen. Die zünden bestimmt wieder alles an, was einen Deckel hat.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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3 Antworten zu Silvester bei der Feuerwehr

  1. Chris schreibt:

    Das klingt ja nach einer Menge „Spaß“ … vielleicht sollte in dieser Straße mal die Polizei mit ihren Wasserwerfern die Silvesterschicht übernehmen 🙂

  2. Ich muss mal sagen..du schreibst richtig gut 🙂 Und die Storry war für eucht bestimmt nicht zum schmunzeln..aber ich konnt es mir nicht verkneifen 🙂

  3. Lexy schreibt:

    Echt super geschrieben !!!

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