Was Alkohol alles löst

Oder: Der Mensch, an dem ich (mal wieder) sehen konnte, was Alkohol aus einen machen kann

Er teilte sich eine Wohnung mit der Schwester und ihrer Tochter. Ärmlich, spartanisch, aber für den Rahmen der finanziellen Möglichkeiten annehmbar.

Das Zimmer, das er seit Wochen anscheinend nur verließ, um Glühwein in Tetrapacks und Schnaps zu holen, war aber eigentlich unbewohnbar. Wenn man so ein Zimmer noch nicht selbst gesehen hat, kann man es sich nur schwer vorstellen: In der Mitte die Trümmer eines Couchtisches, der kürzlich wohl unter der Last des haltsuchenden Alkoholikers zusammengebrochen war, ein Bett, die Matratze durchweicht von frischen und alten Exkrementen, Siff, erbrochenem Blut und Glühwein, auf dem Boden eine große Pfütze des gleichen Mixes, leere Tetrapacks und Schnapsflaschen überall, eine klebrige Kommode mit einem stumpf schimmernden Fernseher drauf, und mitten drin, auf der durchnässten Matratze, mit nackten Füßen im eigenen Erbrochenen, saß der Patient- Baujahr ’87, eigentlich das ganze Leben noch vor sich. Er war reichlich abgefüllt mit Alkohol und Beruhigungsmitteln und erbrach unter anderem auch Blut. Und deswegen waren wir auch dort.

Die Schwester war verzweifelt: Ihr Bruder war bereits einmal vor 2 Wochen wegen des Magenblutens im Krankenhaus, irgendwann vorher auch schon wegen Depressionen und zur Entgiftung  in der Psychiatrie gewesen, und beim Hausarzt hatte er schon mal eine Überweisung in eine Nasenbleiche bekommen. Er hatte sogar schon einen Therapieplatz in Aussicht gestellt bekommen, schaffte es aber nicht, nüchtern zur Aufnahmeuntersuchung zu erscheinen. Das war vor 10 Tagen. Sie fragte, nein, sie bettelte uns an, ihren Bruder doch zwangsweise in eine Therapie zu bringen. Sie fragte auch, wie lange ihr Bruder denn wohl noch zu Leben hätte, wenn er so weitermache.

Der Patient selbst, der kaum noch aus den Augen schauen konnte, weil sein Gesicht vom Drogenmißbrauch so aufgeschwemmt war, bettelte nach Diazepam. Seine Karriere: Keine Arbeit, Depressionen, deswegen Alkohol, weil der nicht half Medikamente, dadurch Magen- und Speiseröhrenblutungen.

Da wir uns nicht trauten, ihn alleine aufgrund seiner „runden Füße“ die Treppe runterlaufen zu lassen, mit ihm aber auch nicht gerade kuscheln wollten, falls er Unterstützung braucht, ließen wir uns ein paar Kollegen zur Tragehilfe kommen. Oh Wunder: Drei der vier Kollegen kannten ihn auch schon.

So trugen wir den verwahrlosten jungen Mann in seinem bepissten und vollgekotzten Trainigsanzug mit einem Tragetuch zur RTW-Trage und dann ins Auto.

Unterwegs stank und erbrach er so vor sich hin, heimlich bespritzte ich bei einer günstigen Gelegenheit seinen Rücken und seine Hose wenigstens mit ein paar Tropfen Minzöl (welches solche Gerüche zumindest etwas überdeckt), und versuchte immer wieder, ihn davon zu überzeugen, doch in die Nierenschale zu spucken. In etwa 50% gelang ihm das allerdings nicht, so brauchte ich jede Menge Zellstoff, um ihm wenigstens die dicksten Jillys vom unrasierten Kinn und der Brust zu wischen, die immer wieder unkontrolliert seine kariösen Zähne durchquerten. Kurz vor dem Eintreffen im Krankenhaus versuchte er plötzlich in einem unbeobachteten Moment, die halbvolle Nierenschale auf dem Fahrzeugboden abzustellen – was mißlang. Die Schüssel war wieder leer.

Im Krankenhaus musste ich dann erst mal erklären, warum ich ihn für die Intensivstation angemeldet hatte, denn so viel Blut hätte er ja schließlich nicht verloren! Ich gab der Ärztin den Tipp, nicht nach der verlorenen Blutmenge, sondern nach dem konsumierten Alkohol und der unbekannten Menge unbekannter Medikamente zu fragen, wenn es darum ging, meine Entscheidung zu prüfen. Sie hat es dann auch eingesehen, dass er unter Beobachtung bleiben sollte.

Mir gruselt es bei solchen Einsätzen jedes Mal, was Alkohol und Drogen aus einem jungen Menschen machen können. Der Typ ist mit 23 Jahren schon so gut wie fertig: Wenn die Leber es aushält, säuft er sich das Hirn matschig.

Fazit: Alkohol löst vieles. Arbeitsverträge, Familienbande, Freundschaften, die Leber… nur keine Depressionen und Probleme.

Denn Alkohol ist keine Lösung, sondern ein Destillat.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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20 Antworten zu Was Alkohol alles löst

  1. alltagimrettung schreibt:

    Schlimm sowas..wobei ich irgendwann vielleicht zum Glück oder auch nicht damit angefangen habe, eigentlich kein Mitleid mehr mit solchen Patienten zu haben.

    • firefox05c schreibt:

      Mitleid habe ich auch nicht. Immerhin wurden ihm schon viele Hände gereicht, die er nicht ergriff.
      Aber manchmal mache ich mir schon meine Gedanken, dass ich froh sein kann, dass mein Leben bis jetzt so gradlinig verlief.

  2. Federkiel schreibt:

    Eindrucksvoll beschrieben. Das sollte man mal überall dort aufhängen, wo sich die Kids mit Alkohol eindecken.

  3. Sehr übel, und dass in so jungen Jahren. Echt traurig, dass sowas passieren kann.
    Ich könnte ja jetzt auch ne Story erzählen, wie wir neulich jemanden aus einer Toilette geholt haben. Aber der war auch schon locker 3x so alt.

  4. fuckbitchesgetmoney schreibt:

    Hut ab, ich könnte den Job nicht machen…

  5. Michael schreibt:

    Alkohol ist ein Lösungsmittel: Für Gehirnzellen. Nicht für Probleme.

  6. Julia schreibt:

    OMG … Da wo ich arbeite stehen andauernd Leute wie er.
    Ich hab auch schonmal nen RTW rufen dürfen und die Frau war dann zwei Minuten vor Eintreffen putzmunter (tja, war wohl eher Turkey für die Zuckungen verantwortlich als Epilepsie …) und hat dann den Sanis fröhlich gewunken.

    Und als ich heute von der Arbeit komme, sehe ich, wie einige von denen einen Passanten anquatschen: „Können Se nichmal’n Krankenwagen, der sieht so schlecht aus …“

    „Der“ ist Epileptiker (weiß ich zufällig), und ich kann mir schon vorstellen, dass Antiepileptika plus Alkohol ganz schön ballert!

    Ich könnte diesen Job nicht machen, Hut ab, ich hätte entweder selber gekotzt, wäre anschließend nervlich total fertig oder würde so wütend, dass ich dem eine reinhaute …

    Es ist echt schwer, so zwischen Mitleid und Wut klarzukommen, glaub ich.

    • firefox05c schreibt:

      Mitleid? -In diesem Fall ehr mit den Angehörigen, die wirklich schon verzweifelt waren.
      Alkoholismus ist eine Krankheit, ja. Aber eine selbstgewählte.
      Wut? -Nein. Wir waren ja nicht da, weil -wie es auch schon mal vorkommt- Angehörige einfach nur einen Besoffenen loswerden wollen, sondern, weil er aufgrund seiner Magenprobleme Blut erbrach. Dieses muss natürlich behandelt werden, auch, wenn er an der Ursache hierfür eventuell selbst schuld ist.
      Auch, wenn alkoholisierte Menschen sich mal „lang machen“, bin ich nicht wütend, wenn sie dann im Krankenhaus ihre Nasenbeinbrüche, Platzwunden und Asphaltekzeme behandeln lassen müssen. Fast jeder ist mal „Hacke- Dicht“ und trotzdem deswegen kein schlechter Mensch! 🙂
      Ich bin nur etwas ungehalten, wenn jemand nur ins KH will/ soll, weil er
      sich betrunken hat,
      keine Lust auf ein Taxi hat,
      kein Guthaben auf dem Handy hat (Notruf ist Gebührenfrei),
      nur nach Hause möchte,
      einfach nur in ein Krankenhaus möchte, ohne dafür einen Grund angeben zu können,
      seit Tagen Schmerzen hat, aber uns morgens um 3 Uhr ruft, weil er nicht schlafen kann,
      ….
      -Dann werde ich schon mal etwas unfreundlich. Ich finde, für diese Sachen ist der RETTUNGsdienst nicht da, dafür sollten wir nicht durch die Stadt kacheln und den Verkehr strubbelig machen.
      Man muss sich vor Augen führen, dass ein Rettungstransport (ohne Notarzt) den Kassen hier mit 268 Euro in Rechnung gestellt wird, und sich der eine oder andere „spezielle Kunde“ auch schon mal drei mal an einem Tag fahren lässt, weil er immer wieder aus dem KH abhaut. An der nächsten Bushalte spielt er dann wieder den sterbenden Schwan! Dafür zahlen wir dann alle unsere Krankenversicherung. (Für die betreffende Person zahlt meißt „das Amt“, also: auch wir.) Und das ist dann auch einer der Gründe für die Diskussion, ob das deutsche Rettungsdienst- System zu teuer ist. DAS macht mich dann wütend.

  7. Degster schreibt:

    Was Alkohol auch ganz kurzfristig anrichten kann durfte ich an Neujahr erleben:

    Alkoholisiert und deshalb nicht der Außentemperatur entsprechend gekleidet versuchte ein Jugendlicher bei uns am Neujahrsmorgen in den Nachbarort zu gelangen, zwei Tage später fand ihn unsere Hundestaffel…

    • Wolfram schreibt:

      Liegt er jetzt am Tropf – oder in der Kiste?

      • firefox05c schreibt:

        Ich denke, wenn er auf der Überwachungsstation ausgenüchtert wurde, wird man ihm sagen, dass er Alk und Tabletten aus dem Kopf lassen sollte und stattdessen eine Therapie anfangen muss. Solange er magenschädigende Medikamente nimmt, wird man an der Blutung nicht viel machen können. Und solange er keine Therapie macht, wird er auch Medikamente und Alkohol mißbrauchen. Dass alles mit der Therapie anfangen muss, hat er anscheinend aber noch nicht ernsthaft eingesehen, sonst hätte er die Chance auf einen Platz wahrgenommen. Oder die Einweisung zur Entgiftung. Also werden die Kollegen ihn in 2-4 Wochen wieder aus der versifften Bude holen, stockbesoffen und bedröhnt. Wir kennen das schon.

      • Wolfram schreibt:

        Mit „deinem Kandidaten“ wird das so lang gehen, bis eine Zwangeinweisung wegen Gefährdung (da ist ein Kleinkind im Haushalt, wenn ich es richtig gesehen habe?) möglicherweise der Hölle Grenzen setzt.

        Meine Frage richtete sich an Degster; wenn einer im Rausch zwei Tage im Kalten liegt, tut ihm das gar nicht gut…

    • Degster schreibt:

      Nein es tat im gar nicht gut, deshalb zählt der Ort jetzt einen Einwohner weniger…

  8. Schüsselklopfer schreibt:

    Alkohol ist die Hölle. Ich bin froh, dass es meine Mutter geschafft hat. Denn Sie ist seit einem Jahr trocken.
    Es kostet die betroffenen eine Menge an Überwindung überhaupt zu zugeben das ein Problem vorliegt.
    Alkoholismus ist ein Problem, dass sich durch alle unsere Gesellschaftlichen Schichten zieht. Wer Täglich sein Bier trinkt, ist ein Alkoholiker. Wer Täglich sein Glas wein braucht, ist ein Alkoholiker. Bis die meisten es sich wirklich eingestehen, ist es zu spät.

    Verharmlost es nicht. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

    • firefox05c schreibt:

      Wenn die Betroffenen so weit sind, sollte man ihnen natürlich jede Hilfe bieten. Aber du hast schon Recht: Der Betroffene muss selbst darauf kommen!

  9. chefarbeiter schreibt:

    Ich hatte mal einen Patienten im KTW, den wir Abends von der Notaufnahme des örtlichen Klinikums in die Suchtklinik gefahren haben. Wir haben dann erfahren, dass er am Vormittag aus eben dieser Suchtklinik entlassen wurde und das feiern wollte. Als wir ihn gefahren haben, hatte er 2,76 Promille…

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