Ein heißer Reifen im Stadtverkehr

Ich fuhr friedlich zum Dienst, da drängelte er sich an mir vorbei:

Der Traum der gesetzteren Herrschaft, die sich, nachdem die Kinder aus dem Haus sind und die Karriere beendet ist, nach dem zwölften Malle- Urlaub noch mal was gönnen wollen, bevor es langsam dunkel in der Runkel wird. Am Steuer allerdings nicht ein silberner Haarkranz, sondern ein nach hinten gegelter, schwarzer Schopf, geschätzte 25 Jahre alt.

Er zwängte sich rechts an mir vorbei, dann links am Vordermann, dann rote Ampel. Als es weiterging, bog der Fahrer zwischen uns nach rechts ab: An der nächsten Kreuzung war ich wieder direkt hinter ihm. Ampel grün, der erste Gang brüllt auf, das der Bolide noch einen zweiten hatte, fiel dem Fahrer wohl gerade nicht ein. So röhrte er los. Geschätzte 70 schaffte er: Rote Ampel. Ich schloß wieder auf.

Der Spezi schien auch was am Rücken zu haben, denn er war so weit nach rechts gebeugt, dass ich seine Glumse fast unter dem Innenspiegel sah. Ob der einen Behinderten- Parkausweis hatte? Jedenfalls hatte sein Porsche wohl die Sonderausstattung „Digitales Gaspedal“: „An“ oder „Aus“, dazwischen gab es nichts…

Grün: Nervös tanzte er hinter seinem Vordermann hin und her, bis er sich endlich rechts dran vorbeidrücken konnte. Nächste Ampel: Rechte Spur ein Rentner, dann Licky Nauda. Links zog ich gemächlich dran vorbei. Da ich später ankam, war die Ampel schon wieder Grün, bis ich da war- Ich kannte schließlich die Ampelschaltung!  🙂  Ich konnte mich beherrschen, ihm zu winken, denn der Oppa vor ihm kam nicht inne Puschen.

Na gut, bis zur nächsten Ampel war er wieder hinter mir, kurz danach vor mir. Das Spielchen zog sich etwa 6 km durch den Stadtverkehr: Ich immer gleichmäßig weg, er immer die Zahnräder des ersten Gang strapaziert, hin- und herwedelnd seine Pellen für sein imaginäres Rennen warmfahrend , den Kopf in der Mitte. Vielleicht mochte er ja auch den perfekten Stereoklang aus seinem Radio? – Er kam jedenfalls nicht schneller vorwärts als ich, was mir bestätigte, dass im Stadtverkehr auch Super- Racer nicht fliegen können.

Eine Querstraße vor der Autobahn bog er jedenfalls nach links ab. Schade, sonst hätte er gleich seinen Vorteil womöglich ausspielen können!

So hatte ich nach dem Auffahren auf den Highway die Straße für mich, jetzt konnte ich mal zeigen, was mein Prachtstück drauf hatte: Das Gaspedal bis knapp über den Asphalt getreten, zerrte die Kurbelwelle agressiv am Getriebe, der Fahrtwind rauschte zunehmend über die Dachkante, der Auspuff brüllte, Autos flogen an mir vorbei, die auf den Kotflügeln aufgeklebten Flammen glänzten silbern in der Sonne, und die Karosserie wurde durch die auf 4 Zylinder übersichtlich verteilten 42 PS brutal auf Höchstgeschwindigkeit katapultiert: 120km/h!  Ich glaube, es presste mich dabei sogar etwas in den Sitz! – Etwas. Wenn ich genaaauuu hinfühlte.

Zugegeben: Die Autos flogen von hinten nach vorne vorbei…

Ja, so ein Seat Marbella ist schon ein tolles Auto, dem kein Sportwagen das Wasser reichen kann!

Im Stadtverkehr… 😉

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Ein heißer Reifen im Stadtverkehr

  1. Gilly schreibt:

    Hrhr, großartig geschrieben.

    Das von dir beschriebene kann man hier täglich am Ku’Damm beobachten. Die Leute jagen ihre Sportwagen von einer Ampel zur nächsten. Vermutlich damit Reifen und Bremsen die richtige Temperatur haben… Könnte ja sein, dass doch plötzlich irgendwo mitten in Berlin eine freigegebene Strecke auftaucht. Bereit sein ist alles.

  2. Christian schreibt:

    Hach, das ist wieder erfrischend gut geschrieben.
    Das Phänomen kenne ich nicht nur als Autofahrer, sondern auch als Radfahrer.
    Es gibt anscheinend sowas wie ein Paket aus Sprit-, Reifen- und Werkstattflatrate.

  3. Federkiel schreibt:

    Sehr schön geschrieben 🙂
    So einen Text sollten sie mal in den Fahrschulen verteilen. Obwohl … helfen würde es vermutlich auch dann nicht, wenn die Geschichte für den Porsche im Graben geendet hätte und Du erste Hilfe hättest leisten müssen. Für den Fahrer, nicht für den Porsche 😉

  4. Wieder einmal sehr genial geschrieben. „dunkel in der Runkel“, digitales Gaspedal und dann zum Schluss die Highway-Auffahrt. Ich habe mich echt köstlich amüsiert. Bitte mehr davon 🙂

  5. sueder80 schreibt:

    Mit dem Kopf immer in der Miete hab ich eine persönliche Theorie. Der Sportwagenfahrer war einfach zu gross um in seinem Boliden aufrecht zu sitzen. Also hat er sich nach rechts gebeugt und dafür immer Abends Rückenschmerzen.

  6. phoenics schreibt:

    Großartig geschrieben. Hat richtig Spaß gemacht deinen heutigen Eintrag zu lesen 🙂
    Was die Sache mit dem Kopf in der Mitte betrifft: Vielleicht wollte er sich nur andauernd selbst im Spiegel sehen. Es soll ja solche selbstverliebten Schönlinge geben 😉

  7. chefarbeiter schreibt:

    Sehr geil geschrieben!

    Aber ich muss gestehen, dass ich auch häufig zu der Kategorie von Autofahrern gehöre, die unsinnig Streß schieben und in der Stadt links und rechts jede Lücke nutzen. Mir ist durchaus bewusst, dass ich dadurch nicht schneller voran komme, aber so hab ich wenigstens ein bisschen was zu tun, denn das stupide Fahren in der Kolonne nervt mich extrem. Ich kann da einfach nicht ruhig bleiben. Ist so…

  8. Wolfram schreibt:

    Wie wahr.

    Hat der Marbella echt 4 Zylinder? Ich hätte dem bloß 3 zugestanden… (aber mit 3 Zylindern unter der Haube und der Wartburg auf der Lenkradnabe macht man ähnliche Erfahrungen – und auch da ist, für Touristen, bei 120 Schluß…)

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