Angeln. Oder besser: Was ich dafür halte.

„Wir müssten vielleicht auch mal wieder Angeln gehen. So anne Ruhr.“ , sagte ich leichtfertig am Telefon zu einem Kollegen. Ungeachtet der Wettervorhersage, der Jahreszeit oder des Wasserstandes. War ein Fehler, soviel schon mal vorweg…

„Klar!“, schallmeite es aus meinem Handy von nach dem letzten Krieg, „Am besten gleich Morgen!“

Beim Blick aus dem Fenster bereute ich den Vorschlag auch schon wieder: Regen, Wolken, Wind, zwischendurch auch mal Niederschlag oder schlechtes Wetter. Also, nicht, dass ich ein „Schön-Wetter-Angler wäre, ich habe auch schon im Schneegestöber am halb zugefrohrenen Forellenpuff gestanden (übrigens waren die Fische und ich dort an dem Tag sogar alleine! Herrlich…), aber die Ruhrwiesen waren durchweicht und der Fluss hatte nach dem Hochwasser noch nicht so ganz seinen normalen Pegel erreicht. Also eigentlich schon mal schlechte Voraussetzungen.

Ich bin ja ehr so der „Streckenangler“, also jemand, der durch Büsche und Gestrüpp hindurch am Ufer entlangstolpert und vielversprechende Fangplätze abgrast. Das sogenannte „Ansitzangeln“, bei dem man die Ruten ins Wasser hängt, den ganzen Tag dösend im Klappstuhl sitzt und auf den Abend wartet, ist da ehr was für Männer, die einfach mal einen Tag lang Ruhe vor ihrem Hausdrachen haben wollen. Diese Angler haben Gerüchten zufolge auch schon mal keinen Köder am Haken, sondern eine schöne Granate von Stauder zum Vorkühlen an der Strippe ins Wasser gehängt. Ist mir zu öde. Streckenangeln- Da bisse mitte Natur auf „Du“!

SO hatte ich mir den Tag vorgestellt. In etwa.

Am nächsten Morgen stiefelten wir also durch den Nieselregen über die schlammige Aue unter eine Brücke. Dort zog ich dann meine Teleskoprute aus. Oder besser: Ich hatte es vor, denn der Wirbel am Ende der Angelschnur, die ich immer durch die Ringe gefädelt lasse, verfing sich zwischen den Ufersteinen- und das oberste Rutenglied verabschiedete sich mit einem fröhlichen „knurps!“ in die Ruhr. Tolle Wurst. Soviel also zur vorherigen Frage des Kollegen, warum ich denn gleich zwei Ruten mitschleppen würde.

Die zweite Rute bekam ich ohne Zwischenfälle zusammengebaut, hängte einen Blechköder dran, und nach dem 2. Wurf geschah das Unvermeidliche: Der Köder hakte sich irgendwo unter Wasser ein. Hatte wohl kein Bock mehr auf das ewige wegschmeißen und einholen. Alles Ziehen und Zerren half nicht, ich bekam „den Fisch meines Lebens“, wie angehakte Äste und Steine in Erzählungen auch schon mal genannt werden, nicht gelandet. Irgendwann riss die Strippe. Und tschüss! Wieder 2 Eumel im Wasser versenkt.

Etwa 30 Minuten später das gleiche Spielchen. Und danach irgendwann nochmal. Also, wenn jemand reich werden möchte: Nach einer Dürre im Sommer mal am Fluss entlanglaufen und das ganze Altmetall aus dem Flussbett holen. Man wird dort so viele verlorene Köder finden, dass man sich durch den Verkauf bei eBay den nächsten Urlaub finanzieren kann. Zumindest dort, wo ich immer angle…

Die Fische lachten sich derweil wahrscheinlich halbtot über mich: Mal blieb meine Dunstkiepe im Gebüsch hängen, mal der Köder, dann stürzte ich fast in die Ruhr, versaute mir die Buchse, das alles untermalt von einer Kulisse aus bedrohlichen Wolken und kräftigen Regenschauern! Es muß herrlich ausgesehen haben!

Nun gut, jedenfalls konnte ich deutlich sehen, bis wohin ich meine Jacke mit Imprägnierspray behandelt hatte. Zumindest, bis sie völlig durchgeweicht war. Und die Hose. Und der Hut. Und überhaupt…

Zu allem Überfluß hatte sich Petrus überlegt, uns daran zu erinnern, dass es noch Januar war: Der nächste Schauer hatte seinen Aggregatzustand gewechselt. Zusammen mit dem Wind ergab sich da schon ein mittlerer Schneesturm, vor dem wir uns dann unter eine Brücke flüchteten. Wenigstens wurden wir dort nicht auch noch von Chaoten verscheucht. Es mussten sich schließlich des öfteren welche dort aufhalten: Man roch es deutlich, unten an den bunt besprühten Brückenpfeilern…

Der Kollege quengelte schon etwas rum, als wir unsere anglerähnliche Tätigkeit hinter eine Schleuse verlegten. Dort toppte ich die ganze Erfolgsstory noch: Mit einem 22-Gramm-Blinker („Wenn der Fisch schon nicht beißt, erschlage ich ihn damit vielleicht…“) machte ich einen Gewaltwurf, der an der Schleuseninsel vorbei in dem sogenannten Rückstrom hinter der Insel landen sollte. Eigentlich eine fängige Stelle. Und ich fing! – Zumindest den etwa 30m entfernten Busch am Inselufer. Na Klasse… Wenigstens brummelte der Kollege tröstend: „Klasse Wurf. So weit komme ich nicht.“

Also packte ich mein Bütterchen und einen Schlüpper zum Wechseln ein und machte mich auf den Weg: 100m bis zur Schleuse zurück, über die Brücke, über das Brückengeländer (Danke, jetzt war ich auch im Schritt naß!), und hinein in das Gestrüpp der Insel. Habt ihr schon mal versucht, euch ohne Werkzeug einen Weg durch hartnäckig angreifende Brombeerbüsche zu bahnen, immer den Hinterlassenschaften des vorangegangenen Hochwassers ausweichend, wie Kleidungsresten, Damenbinden und sonstigem Treibgut, das sich jetzt in Kopfhöhe befand? Indiana Jones hatte wenigstens eine Machete!

An der Inselspitze angekommen sah ich freudestrahlend meinen schönen Blinker im Gebüsch hängen und seinen Job tun: Blinken. Erleichtert, endlich durchgekommen zu sein, wenn auch etwas zerkratzt,  machte ich den letzten Sprung aus den Büschen – in ein Schlammloch. Nochmal: Toll. Bis zu den Knöcheln stand ich im Schlick. Wenigstens hatte ich Schuhe mit halbem Schaft an, so dass mir die Soße nicht auch noch reinlief!

Nachdem ich den Köder aus seiner mißlichen Lage gerettet hatte, kämpfte ich mich wieder zurück. Ein hartes Stück Arbeit!

Nun gut. Etwa eine Stunde und einen verlorenen Spinner später beendeten wir dann den fruchtlosen Angeltag: Kollege quängelt, beide Durchnässt, ich sah aus wie Sau, hatte 4 Köder verloren, eine Rute geschafft, war durchgefrohren – aber (fast) zufrieden: Wieder mal „Natur – Hautnah“ für 4,50 erlebt!

Der Aufwärm- Kaffee und die zerbrochene Rute

Abends gab es dann wegen der, sagen wir mal etwas geschönt: Suboptimalen Angelergebnisse, Pizza. Die Fische scheinen im Januar wohl doch Betriebsferien zu haben. Hätte man mir ja auch mal sagen können. An meinen Künsten kann es schließlich unmöglich gelegen haben. So als routinierter Star- Angler… 😉

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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9 Antworten zu Angeln. Oder besser: Was ich dafür halte.

  1. Erzdaemon schreibt:

    Sau genial geschrieben! 🙂 Mal wieder… ich hab gut gelacht. Vielen Dank dafür!

  2. derretter schreibt:

    köstlich 😉

  3. Julia schreibt:

    Sehr schön.
    Ich musste im ersten Regenschauer aus dem Haus, den zweiten großen bekam ich aus dem Seminarraum mit und irgendwann guckte ich nur raus und meinte: »Et schneit …«

    Angeln is ohnehin komisch. 😉

    • firefox05c schreibt:

      Warum komisch? Die Herren der Schöpfung leben damit ihren Jagttrieb aus. 😉 Und gegenüber einer Jagt auf Wild haben die Fische eine echte Chance!
      Vorausgesetzt, der Fisch wird sofort fachgerecht getötet und später auch selbst gegessen, denke ich, dann ist nichts dabei. Es gibt aber auch Menschen, die mehr angeln, als sie selbst essen. Den Fisch dann zu verschenken oder (verletzt?) wieder zurückzuwerfen, finde ich nicht gut. (Übrigens, an alle Fisch-esser-und-trotzdem-angler-hasser: Schon mal Gedanken darüber gemacht, wie eure Filet- Fische gestorben sind?)

      • Julia schreibt:

        Neinnein! Ich hätte nur diese Geduld nie, das wollte ich damit sagen. 😉 Wobei das »Streckenangeln« nicht so komisch klingt wie das »Ansitzangeln«, das ich normalerweise mit dieser Tätigkeit verbinde und die ich ebenfalls als sehr langweilig einstufe.

        Ich wollte auch noch fragen, ob die gefangene Beute auch gegessen wird – ist das der Fall, habe ich mit Angeln nämlich kein Problem. Das »Zurücktun« finde ich sehr inkonsequent.
        Aber Fisch esse ich, sehr gern sogar – und ich weiß auch, dass die nich auf’m Baum wachsen. 😉

      • firefox05c schreibt:

        Das Fangen und Zurücksetzen, sog. „Catch and release“, wird häufig in Holland gemacht. Aber wozu angel ich dann? Nur, um den Fischen ein Piercing zu verpassen, das sich beim Haken entfernen womöglich zu einer schönen Verletzung ausweitet? -Da bin ich ehr der „Leib- und Magenangler“, der Fische nur zwischen „lecker“, „essbar“ und „nicht essbar“ unterscheidet! (wobei „nicht essbar“ meistens „geschützt“ bedeutet! 😉 )

  4. Lexy schreibt:

    Wer den Schaden nicht hat….
    XD

  5. malenki schreibt:

    Des einen Leid – das andern Lacher! 😉

    Köstliche, vielen Dank!

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