Wie schwer es ist, eine Ablehnung zu erhalten

Der Amtsschimmel in (voraussichtlich) drei Akten

Erster Akt.

Mein Schatzi war krankheitsbedingt für ihren erlernten Beruf nicht mehr fit und absolvierte deshalb über „das Amt“ eine Fortbildung. Diese wurde mit einem Praktikum in einem Betrieb abgeschlossen, in dem sie nun glücklicherweise zumindest schon mal einen Minijob bekommt. Und die Ausbaumöglichkeiten für den Job sind anscheinend auch gut.

Jetzt ist ihr Job, der maximal 400 Euro abwirft, nicht sozialversicherungspflichtig. Und darum  meinte ihr Fallmanager „vom Amt“, sie solle, auch, wenn sie durch mein Gehalt sowieso eine Ablehnung für Leistungen bekäme, trotzdem einen Antrag auf „ALG2“, also Hartz4, stellen.

Der Hintergrund war mit den Bröckchen, die er ihr hinwarf, nicht so einfach zu durchschauen: Er brummelte in Richtung seines Bildschirmes irgendwas von „Rentenanwartschaft“…

Nun gut, wird schon zu etwas gut sein. Mausi also zum Job Center. Zur Terminabsprache.

Die Dame schaute wenig motiviert von ihrem PC auf. Erste Frage: „Wohnen Sie denn alleine?“ – „Nö. Mit meinem Verlobten.“

„Ist der denn in Arbeit?“ – „Ja.“

„Dann haben Sie ja eh´ keinen Anspruch…“ -und wandte sich wieder ihrem elektronischen Arbeitsplatz zu.

Als mein Schatz darauf bestand, dass sie trotzdem einen Antrag aufnehmen soll, weil der Fallmanager das angeraten hatte, kam eine Antwort, die ich auch bei Verkäufern total liebe: „Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Na klar. Eigentlich sollte man ja sowas antworten wie: „Ihr begrenztes Vorstellungsvermögen sollte Sie nicht davon abhalten, ihren Horizont ab und zu trotzdem zu erweitern.“ Aber man will ja höflich bleiben. Also hat  Mausi sie aufgefordert, mal Rücksprache zu halten. Der Fallfutzi erklärte es ihr dann. Aber ihre Fantasie reichte wohl nicht dazu aus: Sie rief tatsächlich noch einen weiteren Kollegen an, der ihr das selbe nochmal erklären musste!  Dann hatte sie es entweder verstanden, oder, was ich ehr vermute, sie hatte einfach aufgegeben.

„Na gut. Dann brauche ich jetzt Ihren Perso. Und den von Ihrem Verlobten. – Wann hat er denn die Schule besucht?“ Ja, meint die denn, Mausi hat mir den Perso geklaut, damit ich das Land nicht heimlich verlasse? Warum sollte sie den denn mit sich rumschleppen?

Meine Verlobte tat das einzig richtige: Um nicht durch Angabe geschätzter und vermuteter Daten über mein Leben noch eine Anzeige wegen versuchtem Leistungsbetrug zu bekommen, machte sie lieber einen anderen Termin fest, zu dem ich dann mitkommen sollte. Mit Perso. Und einem Lebenslauf nach „VerBIS“. VerBis? Was´n das schon wieder?? Ich kannte nur „Verbiss“. Das ist ein Forstschaden, wenn Rehe junge Bäume anknabbern. Das konnte es aber glaube ich nicht sein…

Bis zum Termin beschaffte ich mir erstmal etwas Input, worum es eigentlich geht. Vereinfacht gesagt läuft das so: Durch den nicht sozialversicherungspflichtigen Job werden auch keine Rentenbeiträge abgeführt. Wird dieses nicht begründet, fehlen diese Zeiten später bei der Rentenanwartschaft. Man kann diese Fehlzeiten aber umgehen, indem man sich beim Amt weiter als arbeitssuchend führen lässt. Das geht zum Beispiel, indem man, wenn das ALG1 ausläuft (wie jetzt bei meinem Schnubbel), durch einen Antrag auf Hartz4 weiter in der Arbeitssuchenden- Kartei geführt wird. Auch, wenn dieser Antrag abgelehnt wird. So ungefähr.

Ich habe vorher auch eine Schulungsunterlage für das „VerBIS“- Programm im Netz gefunden, mit dem ich rausfand, dass dieses Programm die Aufnahmedatei für Arbeitssuchende ist. Und das wollen die für mich schreiben? Nicht, dass ich meinem Chef noch als Schwarzarbeiter verkauft werde, weil das große „A“ so eine Arbeitssucher- Datei über mich anlegt!!  Zumindest konnte ich mir daraufhin erst mal einen entsprechenden Lebenslauf zusammenschustern. Mit Schulbildung, erlernten Berufen, sonstigen Qualifikationen… Also alles zur Jobvermittlung. Amtsschimmel halt…

Donnerstag sind wir dann beide hin. Außer dem Ordner mit Arbeitsverträgen und Zeugnissen habe ich auch noch ein paar  Lohnabrechnungen mitgenommen. Ich fühlte mich vorbereitet für meinen Lebens- Striptease vor dieser Schreiberluzie.

Zweiter Akt.

Die Sachbearbeiterin war so trocken, dass sie beim Pinkeln staubt. Bestimmt. Außerdem kommandierte sie bestimmt auch ihren Mann rum. So sah sie zumindest aus. Das einzig persönliche auf ihrem Schreibtisch war ihre Kaffeetasse. Kein Bild, kein Blümchen, kein Naschwerk. Selbst für so einen bekackten Bürospruch auf der Tasse hatte sie noch zu wenig Humor: Die Tasse hatte einen einfachen schwarzen Rand. Kein Zweifel: Sie war bestimmt eine draufgängerische Partymaus!

Nachdem sie uns frohlockend mitgeteilt hatte, dass sie sich mittlerweile auch zumindest ansatzweise vorstellen konnte, worum es bei unserem Antrag eigentlich ging (sie hatte sogar 3 Büros weiter eine Mitarbeiterin ausfindig machen können, die auf Ablehnungen spezialisiert war!), ging die Wühlerei in der Unterwäsche meines Daseins los. Und gleich die ersten Probleme.

„FOSR? Was ist das für ein Abschluss? ‚Befähigung zum Besuch einer Hochschule‘?“ – Nö, das wäre Fach- Hochschul- Reife…“ – „Fachabitur?“ – „Nö. Aber das könnte ich damit machen.“

„Damit einverstanden, wenn ich Realschul- Abschluss mit Qualifikation eintrage? Was anderes bietet der mir nicht an…“

„Landmaschinen- Schlosser? Steht hier nicht…“ – „Steht aber hier im Arbeitsvertrag. Guckst du hier…“ -„Damit einverstanden, wenn ich Landmaschinen- Mechaniker eintrage? Der bietet mir nichts anderes an…“

„Baumaschinen- Schlosser? Hier steht nur „Bauschlosser“. “ – „Steht aber hier im Vertrag. ‚Tätigkeit: Baumaschinen- Schlosser‘. ‚Bauschlosser‘ ist was anderes. Wennse mal reinschauen möchten…“ – „Damit einverstanden, wenn ich Baumaschinen- Mechaniker eintrage? Der bietet mir nichts anderes an…“

Somit stand für mich fest, dass es für den Programmierer dieser Arbeitsmaske Berufsbezeichnungen wohl erst ab etwa 1998 gab. Und Trulla anscheinend auch keine Arbeitssuchenden über 40 kennt.

Von mir sind jetzt beim Amt offiziell  erfasst: Schulabschluss, Lehre, Arbeitsstellen, von wem wann gekündigt, Fremdsprachen, Führerschein,  Monatsgehalt. Nur die Schuhgröße wollte sie nicht wissen. Um ein Haar hätte sie diese auch als Abdruck auf ihrer Stirn lesen können. Die ganze Fragerei, obwohl der normal denkende Mensch zur Berechnung meines Einkommens auch mit meinen Gehaltsabrechnungen klargekommen wäre!

Als ‚ausgeübte Tätigkeit‘ trug sie korekterweise ‚Beamter im mittleren feuerwehrtechnischen Dienst‘ ein. Bot ‚er‚ ihr sogar an! 😉

Dann wollte sie den Sozialversicherungs- Ausweis. Von mir als Beamten.

Hat eine Weile gedauert, bis ich ihr erklärt hatte, dass ich keinen gültigen Sozi-Ausweis habe, da ich beamtet bin.

Sie posaunte noch, dass ich zum nächsten Termin (Antragsabgabe! Jahaaa, die Fragerei war NICHT für den Antrag!) alles mitbringen sollte: Kontoauszüge,Versicherungen, Mietvertrag, Gehaltsabrechnungen und Arbeitsvertrag. – „Äh, Arbeitsvertrag?“

Hat eine Weile gedauert, bis ich ihr erklärt hatte, dass ich keinen Arbeitsvertrag im üblichen Sinn habe, da ich beamtet bin.

Der Gehalts- Nachweis vom Arbeitgeber entfalle „Ausnahmsweise“ für mich. Hä? Ich hätte ehr gedacht, dass der ganze Rest für mich entfällt?!

Hat eine Weile gedauert, bis ich ihr erklärt hatte, dass ich da sowieso nicht lügen könnte, da jeder mein Gehalt der BAT- Tabelle entnehmen könnte, da ich beamtet bin.

Sie taute langsam auf und wagte eine Bemerkung, die so schlecht war, dass ich eine Weile brauchte, um zu kapieren, dass sie lustig sein sollte. Da hatte sie sich aber auch schon wieder dafür entschuldigt: „Hihi! – War nur Spaß…“ – Durch ihr Leben flutete offensichtlich nur selten Sonnenschein. Naja, welch´ Brüller will man von jemanden erwarten, der es wahrscheinlich schon als Gipfel des Humors betrachtet, Tassen mit schwarzem Rand zu benutzen. Wie frivol!

Die Schnepfe konnte auf mein skeptisches Fragen jedenfalls keine Auskunft geben, wozu die Angaben denn alle gebraucht werden. „Aber FALLS Sie mal Arbeit suchen würden, hätten wir Sie schon mal im System!“

Hat eine Weile gedauert, bis ich ihr erklärt hatte, dass ich wohl kriminell werden müsste, um nochmal einen Job suchen zu müssen, da ich beamtet bin. Habe schließlich „Lebenslänglich“.

Also im Grunde die reine Datensammelwut: Jeder, der es wagt, die Schwelle zu einem Büro im Job Center zu überschreiten, wird gnadenlos erfasst! – Aber, hey! Ich habe jetzt eine Fallnummer bei der Arbeitsagentur! Ist das nichts?

Gab es eigentlich nicht vor kurzem eine Nachricht über Datenschiebereien beim Amt? Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass die GEZ mal einen vermeintlich 18jährigen anschrieb, er möchte bitte seine Geräte anmelden. Die Eltern waren etwas geschockt: Dieser Mensch war als Säugling im Krankenhaus gestorben! Die GEZ konnte die Daten also nur zwischen dessen Geburt und dessen Tod vom Einwohnermeldeamt erhalten und 18 Jahre lang gespeichert haben!

Man sitzt bei solchen Terminen übrigens mitten im Leben: Nebenan fragte ein Hosenpuper, ob er Taschengeld beantragen könnte, da er bei seinen Eltern lebt, die ihm nichts geben. Außerdem wolle er zu Hause ausziehen, da ihm der Vater auf den Sack geht. -Also „VerBIS“-Akte anlegen. „Was haben Sie denn gelernt?“ – „Nichts. Bin während der Probezeit rausgeflogen.“ Er fläzte sich auf dem Stuhl, dass seine Beine bis fast unter den Stuhl der Sachbearbeiterin ragten. In mir manifestierten sich Vermutungen, worin wohl der Grund für sein kurzes und anscheinend einziges Gastspiel in der Arbeitswelt zu suchen war.

Außerdem könnte ich schwören, der Panflötenspieler aus der Fussgängerzone sass vor dem Arbeitsplatz gegenüber. Er gab an, keine hier anerkannte Ausbildung zu haben. War kurz davor, rüberzurufen, dass er zumindest für seine Ausbildung  im Panflötenspiel doch von den meisten Passanten Anerkennung bekommt. -Er müsse im Übrigen auch Unterhalt für 4 Kinder zahlen. Na, wenn er sonst keine Hobbies hat…

Andere Seite: Türkin mit etwa 28jähriger Tochter, die für ihre Mutter sprach, weil Mutter kein Deutsch konnte. Die Enkelin turnte derweil auf ihrem Schoß.  – „Fähigkeiten?“ – „Etwas Deutsch, fließend Türkisch“. Ach was…

Unsere Behördentante konnte derweil auch keine Fragen zur Anrechnung meines Gehaltes bei Mausis Grundsicherung beantworten. Oder zu Schatzis  Altersvorsorge- Beiträgen. Oder zur Krankenversicherung. Oder wie man Rouladen mit Rotkohl macht. Oder überhaupt. Sie fülle eben nur VerBIS aus. Ich bekam den Verdacht, dass man womöglich auch einen Affen dafür dressieren könnte.  Hauptsache, sie haben schon mal meine Daten! Und das mir, wo ich mich noch nicht mal am Telefon mit meinem Namen melde, wenn es klingelt!

Ich habe jedenfalls jetzt schon Sodbrennen, wenn ich an den nächsten Termin denke, und mir Fragen zu meinen Abbuchungen gefallen lassen muss! Und das alles nur, um es amtlich zu haben, dass wir KEIN Geld vom Amt bekommen. Und mein Schatz mal eine Mindestrente bekommt. Vielleicht.

So. Pause. Der 3. Akt kommt dann, wenn wir den Antrag abgegeben haben.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Wie schwer es ist, eine Ablehnung zu erhalten

  1. rettungsdienstblog schreibt:

    Mal ein Fall von purem deutschem Bürokratismus! Hauptsache, man hat alle möglichen Daten mit denen man im Grundsatz nichts anfangen kann (ausser verhökern an den Meistbietenden). Natürlich hat die gute Frau keine Ahnung, was mit dem Antrag passiert, der muss erst in ein anderes Büro, dann in ein noch anderes Büro und dann wieder den gleichen Weg zurück….
    Und das mit den offenen Büros ist was ganz nettes, nicht? Wer braucht schon Datenschutz, so ein Humbug….^^

    Oh Man, Deutschland, wenn ich an dich denke in der Nacht…

  2. Marcus schreibt:

    Ja, da lacht man in sich rein und schwelgt selbst ein wenig in Erinnerung. Der Wahnsinn!

    Vielleicht sollte ich auch mal meine Erlebnisse mit dem anderen großen deutschen A (die mit der Krankenkasse) aufschreiben. War eine ähnliche Chronologie des Versagens.

  3. Scully schreibt:

    Nachträglich noch einmal mein vollstes Verständnis für dein Unverständnis. Dass da so ein Aufriss notwendig ist, für nen Schrieb, auf dem das steht, was alle Beteiligten schon von vorn herein wissen, grandios! Dafür missachtet man also das Datenschutzgesetz, welches vorschreibt, dass nur notwendige Daten erhoben werden dürfen? Und nur so lange, bis der Vorgang abgeschlossen ist, für den sie benötigt wurden? Es sei denn, der Besitzer der Daten stimmt zu? Da war doch irgendwas … Naja, die Sache mit der GEZ (ohnehin ein Verein der Seinesgleichen sucht … und seinen Meister in der GEMA fand), die ja immer mal wieder versucht, von Verstorbenen Knete einzutreiben, hätte bei Einhaltung der Gebote der Datensparsamkeit nicht passieren dürfen. – Eigentlich.
    Eigentlich, ein Wort, das ich mir mal auf ein T-Shirt drucken sollte – eigentlich …

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