Abendkurs: Einparken für Senioren

Die Alarmdurchsage verhieß nichts gutes: „Brennt PKW in Hochhaus- Tiefgarage!“ Bei einer Androhung einer taktisch so anspruchsvollen, arbeitsintensiven Lage mit hohem Gefährdungspotential spielen sich im Kopf eines Feuerwehrmannes die dramatischsten Szenarien ab:

Riesige, unübersichtliche Tiefgarage mit Null- Sicht, auslaufender Kraftstoff, der mehrere PKW in Brand setzt, offene Brandschutztüren, die das Hochhaus- Treppenhaus verrauchen lassen, dadurch eingeschlossene, in Panik geratene Senioren (sonst haben sie Mühe, alleine auf Töpfchen zu kommen, aber wenn man bei solchen Lagen eh´ schon genug zu tun hat, hängen sie plötzlich im Nachthemd an der Balkonbrüstung!) … Überhaupt nicht zu vergleichen mit „Katze auf Baum“ oder ähnlichem täglichen Gedöhns!

Zudem lag die Einsatzstelle keine 500m von der Wache entfernt!

Also im Schweinsgalopp mit Atemschutzgerät ausgerüstet, Funkgerät, Feuerwehrleine und Fluchthauben umgehängt, das Löschfahrzeug hatte schon vor der Tiefgarage gehalten, noch schnell die Handlampe geschnappt, und wärend der Maschinist die Leitung mit Verteiler bis vor die Garagenzufahrt verlegte, packten mein Angriffstruppmann und ich die Klamotten für den zu erwartenden Löscheinsatz zusammen.

Unterdessen versuchte unser Gruppenführer, sich durch die seitliche Zugangstür der Garage eintritt zu verschaffen, da das Garagen- Rolltor fast geschlossen war. Der verbliebene Kollege lief unterdessen zur Unterstützung der Erkundung die PKW- Einfahrt hinunter und wunderte sich zunächst, dass das Rolltor nicht nur etwa 30cm offenstand, sondern an den unteren beiden Faltsegmenten stark beschädigt war.

Um einen Blick in die vermeintlich dramatische Lage in der Tiefgarage zu erhalten, steckte er also auf allen Vieren seinen Kopf unter dem Tor durch und sah –

unter den Rock einer verwirrten Seniorin, die vor der Innenseite des Tores auf und ab lief, um den Schaden zu fassen! Nicht gerade das, was er erwartet hatte…

Laute Schlagermusik drang aus der Garage, weiter im Inneren stand ein Auto etwas schräg in der Durchfahrt, und Omma lief völlig durcheinander hin und her.

„Hallo? Brennt´s da drinnen?“ – „Nein! Es ist ja so furchtbar…“

„Ist ihnen etwas passiert?“ – „Äh… ja… es tut mir so leid…“

Der Kollege entschloss sich, seinen Heldenleib unter dem kaputten Tor durchzuschieben, um den immernoch verzweifelt an der Fussgänger- Zugangstür kratzenden Wachführer von innen die Tür zu öffnen, damit man gemeinschaftlich in Ruhe den Kern vom Pudel ausgräbt. Oder so. Zwischenzeitlich gab er uns schon mal eine Rückmeldung, dass wir aufhören können, den Vorplatz mit den Löschgeräten aus dem Fahrzeug zuzumüllen, und zur Beruhigung langsam und gleichmäßig in eine Tüte atmen könnten.

Drinnen stellte sich die Lage dann ganz anders dar, als wir das erwartet hatten: Ein PKW fernöstlichen Fabrikats stand blutend und mit ausgelösten Airbags vor einer Betonsäule, das Dach und beide Seiten waren verbeult und zerkratzt, das Garagentor war auf der unteren Hälfte aus den Verankerungen gebrochen und baumelte gelangweilt vor sich hin. Omma war völlig aufgelöst, das Autoradio kotzte Florian Silbereisens Hausmusik in die Parkhalle. Ratet mal, was passiert war! Ihr habt 1 Versuch. – Richtig!

Ab hier ging es abwärts mit der Dame

Die alte Dame hatte aus irgendwelchen Gründen nach dem Schalten des Tores oben auf der Zufahrt Vollgas gegeben, womöglich in der Hoffnung, dass das Gaspedal sich irgendwie zum Bremspedal verwandelte, wenn sie nur lange genug darauf stehen blieb. Das arme Tor war auf seine ebenfalls schon alten Tage nicht schnell genug oben. Indeß nahm das Auto darauf keine Rücksicht, touchierte erst beidseits die Begrenzungsmauern der Rampe, semmelte die unteren Segmente des Tores weg und versuchte noch mit großem Trotz, den Betonpfeiler in der Garage wegzupöhlen. Aber dieser war standhafter. Also: Autofront wird brutal kaltverformt, Omchen bekommt die Airbags in die Fresse, das Öl der Lenkhydraulik verabschiedet sich, und weil das Talkum, mit dem die Airbags vor dem Werks- Origami eingequanzt werden, mülmte wie ein Sack Zement, hat die gute Frau gleich mal ein Feuer gemeldet.

Während wir also jetzt auf die Polizei warteten und den Rest der Roten Armada abbestellten, die teilweise schon die nähere Umgebung verstopfte, teilweise noch den städtischen Verkehr strubbelig machte (bei einer brennenden Hochhaus-Tiefgarage ist so einiges unterwegs!), traf auch der Blockwart der Vorsitzende der Eigentümergemeinschaft ein, erkundigte sich besorgt nach der alten Dame, um uns dann etwas echauffiert mitzuteilen, dass er sowieso der Meinung sei, die Frau sollte kein Auto mehr fahren, da sie schon schwer tüdellig sei und sich kaum noch ohne Rollator bewegen könne. Nun ja, dachte ich, ist ja wie bei den Besoffenen: Wer nicht mehr laufen kann, will eben fahren…

Nachdem die Polizei alles begutachtet hatte, die Dame sich weigerte, zur Untersuchung mit ins Krankenhaus zu fahren, und wir den Zündschlüssel des Wracks irgendwo im Auto gefunden hatten (den hatte Omchen wohl abgezogen, damit das Auto nicht á la „Christine“ (Steffen King) noch mehr Betonpfeiler gefährdete), konnten wir auch einen Abstellplatz in der Garage ausfindig machen, der für das Auto ohne weitere Probleme erreichbar war. Wir warten ja noch darauf, dass wir eine Beschwerde des Besitzers vom Platz 14 bekommen, weil wir da wiederrechtlich Autowracks abstellen.

Nach dem Einpudern des Ölfleckes vor der Betonsäule konnten wir dann auch abrücken. Um das Tor mussten wir uns nicht mehr kümmern, da die Garage eine zweite Ausfahrt hatte, die jetzt eben bidirektional genutzt werden musste.

Das Glück, welches die Dame und andere Menschen hatten, beschrieb ein Kollege lakonisch- treffend: „Zum Glück war es nur ein Garagentor, und keine Bushaltestelle.“

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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8 Antworten zu Abendkurs: Einparken für Senioren

  1. Peter schreibt:

    Also, die Art, wie du deine Beiträge schreibst, ist einfach genial! 🙂 Bringen mich immer wieder zum Lachen!

  2. Hightower schreibt:

    Pruuust !

    Nachdem mir autoschrauber.de schon länger keine erheiternden Artikel mehr geliefert hat *seufz*, kommt dieser dem dortigen Schreibstil schon sehr nahe, und ich wurde von meinen Kollegen irritiert angeguckt, was den so lustig sein kann….
    Toll geschrieben, auch wenn man ansonsten lieber auf der Couch gelieben wäre, hätte man hier nicht aus der Mücke den Elefanten gezaubert.

    „Werks-Origami“ *pruust*

    Gruß

    Hightower

    • firefox05c schreibt:

      Ja, ich stelle mir vor, dass in asiatischen Autofabriken ein uralter Chinese seinen Bart über die Schulter wirft und zur entspannenden Ying- Yang- Musik bedächtig den Airbag in sein Gehäuse faltet… 😉

  3. souly schreibt:

    Man ist das klasse, ich bin fast vom Sofa gefallen vor Lachen. Und wie du einfach in jeder Situation, egal wie ernst, furztrocken solche Bretter rauskloppst. Aber ich kann’s mir einfach super bildlich vorstellen – der Knaller! Nach dem Einsatz erst mal eine Packung Baldrian für die Mannschaft, was? 🙂

    • firefox05c schreibt:

      So´n Stress macht echt alt. Panik für nichts- und schon wieder eine Falte mehr an der Rosette… 😉
      -Aber ganz so „einfach“ mache ich mir das auch nicht. Ihr sollt ja nicht nur trockne Berichte à la „Ruhrorter Lokalanzeiger“ zu lesen bekommen!

  4. Admin Rettd schreibt:

    Das ist wirklich sehr genial geschrieben 🙂 hab deinen Blog gleich mal bei mir mit verlinkt. Und mir nen RW – Einsatzhorn an die Soundkarte gebastelt *lach*. Schreib weiter so !

  5. Anna schreibt:

    Ich hab mich beim Lesen echt weggeschmissen vor Lachen 😀
    Hab dein Buch auf Anraten meiner Schwester gelesen und deine Seite erst danach endlich mal gefunden -> die Geschichte kenn ich schon. Hier im Blog sind die ‚bekannten‘ Geschichten ein wenig anders aber mindestens ebenso lustig. Diese hier war schon im Buch eine meiner Lieblingsgeschichten 🙂
    Einfach weiter so!

    • firefox05c schreibt:

      In einem Buch muss man schon etwas anders schreiben als im Blog. Da ist einiges an Freiheit verloren gegangen, anderes an Details aber auch hinzu gekommen.

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