Gedankenspiel: Die Tütchen am Wegesrand

…oder: Soziale Armut

Ich schlendere so die Straße entlang. Der Blick schweift über den Unrat, den die Menschen so in den Grünflächen und auf dem Gehweg hinterlassen. Parkscheine, Zigarettenpapier, Kleinverpackungen. Dann fallen mir diese Tütchen auf, die immer wieder dazwischen liegen: Gewürztütchen, die in diesen asiatischen Nudelsnacks stecken, um die Nudelsuppe ähnlich etwas Nahrhaftem schmecken zu lassen. Wie kommen die dahin?
Die Erklärung kennt wohl fast jeder:
In unmittelbarer Nähe befinden sich zwei Schulen und einige Haltestellen verschiedener Busse und Straßenbahnen. Die Tütchen bleiben übrig, wenn ein Kind sich morgens oder mittags als „Mahlzeit“ im Kiosk nebenan diese Fertiggerichte holt. Die trocknen Nudeln knabbert das Kind weg, die Nudeln quellen im Magen auf, das Kind ist für 60 Cent erst mal für eine Weile satt. Die Gewürzmischung, die beiliegt, bleibt dann im nächsten Busch zurück.

Warum essen die Kinder diesen asiatischen, ungekochten Frampf? – Bilder in meinem Kopf: Es kümmert sich keiner um diese Kinder. Sie verlassen wahrscheinlich ohne Frühstück das Haus, nachdem sie schon alleine aufgestanden sind. Natürlich haben sie dann auch kein Pausenbrot mit. Weil es ihnen niemand beibringt. Wenn sie am Mittag nach Hause kommen, wartet womöglich auch nur ein Zettel auf dem Küchentisch, von Mutti, mit ’nem Fünfer drunter. Oder die große Schwester läuft mittags eben zur Frittenschmiede. Nebenbei: Die Pizzeria an der Ecke ist auch jeden Mittag voll von Kindern…

kurz satt für weniger als einen Euro

Ich möchte nicht behaupten, dass solche Kinder aus finanziell armen Haushalten stammen. Aber sie leiden bestimmt unter „sozialer“ Armut. Sei es, dass sich niemand kümmert, weil die Eltern mit sich selbst oder mit Trash- TV zu tun haben, oder weil sie arbeiten sind. Solche Ideen entstehen zumindest so in meinem Kopf.

Meine Eltern waren auch beide vollzeit arbeiten, als ich noch ein Schulkind war. Aber sie haben, wenn es die Arbeitszeit zuließ, mit mir gefrühstückt, darauf geachtet, dass ich vernünftig angezogen bin, und sie konnten mir beibringen, auch alleine „ordentlich“ zu frühstücken und mir ein Pausenbrot zu machen, wenn sie mal nicht für mich da sein konnten. Das gibt eine Richtung vor, nach der man sein eigenes Verhalten einrichtet.

Was entwickelt sich wohl aus dem Leben der Kinder, die so auf sich allein gestellt sind, dass sie sich Instant- Nudeln als Frühstücks- Ersatz kaufen? Ist es auch später für sie normal, sich von Snacks zu ernähren? Werden sie dadurch träge, übergewichtig? Richten sie auch ihr übriges Leben und wichtige Entscheidungen nach dem „einfachsten Weg“ aus? Und versuchen sie, so, wie sie sich jetzt schon um „vernünftige“ Mahlzeiten mogeln, sich auch später irgendwie so durchs Leben zu wurschteln? Ohne ein weites Ziel, Hauptsache, „jetzt satt“?

Ich habe die Befürchtung, dass sich diese Grundeinstellung des „kurzfristigen Erfolges“, die sie jetzt durchleben, auch weiterhin bei ihnen durchs Leben zieht. Ob aus ihnen dann aber ein Mensch wird, der die Gesellschaft mitträgt? Oder jemand, der es als normal ansieht, sich mit Aushilfsjobs den Fernsehabend mit Chips zu finanzieren?

Diese Gedanken kommen mir so, wenn ich diese Tütchen in den Büschen liegen sehe. Jedesmal. Vielleicht liegen sie ja auch um die Schule in eurer Nähe rum. Achtet mal darauf.

Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich irre: Mir tun diese Kinder leid.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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5 Antworten zu Gedankenspiel: Die Tütchen am Wegesrand

  1. Marcus schreibt:

    Das was Du beschreibst ist die linke untere Ecke des Eisbergs. Die ganze Realität was den Nachwuchs in diesem Land angeht ist noch viel schlimmer. Ich habe 15 Jahre als Jugendsozialarbeiter gearbeitet und behaupte mal ganz arrogant das ich weiß von was ich rede. In 12 Jahren RD habe ich noch nichts erlebt was die anderen 15 Jahre hätte toppen können. Sad but true!

  2. Seismo schreibt:

    Die Nudeln werden nicht nur als Nahrungsersatz gegessen. Meine kleinen Schwestern (9 und 19 Jahr alt) knabbern die im ungekochten Zustand weil sie ihnen einfach schmecken. Ich habe von meiner Mutter erfahren dass die momentan bei den Kindern sehr beliebt sind. Das hat gar nichts mit einer Mahlzeit zu tun, sondern die werden einfach als Knabberzeug gegessen. Über Geschmack lässt sich natürlich streiten, aber ich denke mal dass die nicht ungesünder sein werden als eine Tüte Chips oder ähnliches.

    • firefox05c schreibt:

      Wie ich bereits schrieb: Diese Gedanken kommen mir, wenn ich diese Tütchen so rumliegen sehe, ohne zu sehen, von wem sie stammen. Ob jetzt die Kinder, welche ausgerechnet diese Tüten weggeworfen haben, unter „sozialer Armut“ leiden, weiß ich natürlich nicht. Aber ich weiß, dass es bei vielen (bestimmt nicht bei allen) Kindern nicht nur ein „Nasch- Ersatz“ ist, sondern das Pausenbrot ersetzt.
      Werden diese Dinger nur als Ersatz für Schoki oder Chips gewählt, ist es natürlich die gesündere Alternative, da hast du schon Recht.

  3. souly schreibt:

    das schönste ist: nach diesem artikel bin ich erst mal in die küche gegangen… und hab mir ein tütchen nudeln gegönnt 🙂 ohne gewürz natürlich.

  4. emm schreibt:

    So gesund ist dieser Snack gar nicht, die Dinger werden naemlich vorfrittiert, damit sie – bei sachgemaeszen Gebrauch – innerhalb von ein paar Minuten gar sind. Koennte man wohl genauso gut Chips essen und muesste nicht noch muehsam das Gewuerzpaeckchen entsorgen, waere aber weit weniger cool (;

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