Schnitzeljagd bei der Feuerwehr…

…oder: „1 Verletzter Feuerwehrmann nach Waldbrand!“

„Bing- Bong- Boing!“ Das Alarmlicht geht an. „Einsatz für das Löschfahrzeug. Flächenbrand. Wachführer bitte Leitstelle anrufen!“

Wenn ein Einsatz so anfängt, kann es nichts vernünftiges sein. Für einen Zimmerbrand oder einen Verkehrsunfall braucht man keine näheren Erläuterungen durch die Leitstelle, da fährt man hin und gut. Wenn aber der Wachführer vor dem Ausrücken Rücksprache halten soll, ist immer irgendwas krummes auf der Liste.

Entsprechend wenig überrascht waren wir, als der Chef am Auto meinte, dass wir ohne Alarm zum Einsatzort fahren.

„Da hat eine Frau angerufen. Wenn man die X-Straße runterfährt, geht rechts ein Waldweg ab. Und da kommt dann irgendwo eine Bank, da soll es kokeln. Seit drei Tagen.“ – Ja gut, dann kommt es jetzt echt nicht auf die Minute an!

Hier findet wohl öfters eine Schnitzeljagt statt...

Wir fuhren also los. Am Waldweg, der nicht befahrbar war und steil einen Hang hinaufging, mussten wir zu Fuß weiter. Also: Schaufel und Axt geschultert und losgeschlunzt. Erst mal erkunden. Bei dem tollen Wetter war gegen eine kleine „Wandereinlage“ nichts einzuwenden!

So trotteten wir durch den idyllischen Wald, ließen uns von Hunden anbellen und stellten den Besitzern die etwas peinliche Frage, ob sie vielleicht ein Feuer für uns hätten. (Wir kamen uns vor wie die sieben Zwerge. Wir waren zwar nur drei, aber bei der Feuerwehr herrscht ja sowieso immer Personalknappheit. Passt schon…)

Nach über einem halben Kilometer Wanderung öffnete sich der Weg in ein Wohngebiet. Zu Ende. Aber kein Feuer gefunden. Unnu? – Also rief Chef nochmal unser Callcenter an. Nun gab es neue Infos, ganz heiße Tipps:

„Das soll am Anfang des Weges gewesen sein. Etwas unterhalb einer Bank sind drei Stufen, da hätte die Anruferin einen Pfeil aus Ästen für euch hingelegt, da sollt ihr nach rechts ins Gelände…“ – Wie bitte? Schnitzeljagd? Ich frotzelte noch: „Wenn da jetzt aber zur Belohnung kein Snickers unter einem Topf liegt, bin ich beleidigt!“ Und „Herr Müller, zur Macheten- Ausgabe, bitte…“

Tatsächlich: Ein Pfeil... (o.O)

Also zurück. Und tatsächlich: Etwa 150m vom Anfang des Weges entfernt lag ein Pfeil aus Ästen am Wegesrand! Watt spannend!!! Sowas haben wir früher in der Kinder- Ferienwoche auch immer mit Begeisterung gesucht! *freu!* Also hinein ins Gestrüpp.

Die Putzkolonne hatte wohl schon seit längerem Betriebsferien: Die vermodernden Bäume lagen kreuz und quer, Löcher von irgendwelchen Tierbehausungen lauerten, Äste schlugen nach uns, und hinter dem nächsten Busch ging es steil bergab. Drei unterbezahlte Volksdiener stolperten so durchs Unterholz und suchten Leckerchen fürs Strahlrohr, kletterten über Baumstämme und legten sich am rutschigen Hang aufs Maul. Macht ja auch mal Spass.

unter dem Gestrüpp im Hintergrund kokelte es

Nach längerem Suchen fanden wir dann auch die Stelle: Etwa 30m vom Weg entfernt, mitten in der von unserer Zivilisation unerschlossenen Wildnis, in bester Hanglage, qualmte es so vor sich hin. Ein Flächenbrand von etwa 5×8 Metern, der nicht so recht wusste, ob er auflodern oder doch lieber sterben soll.

Unser Anstaltsleiter schaute etwas Skeptisch und bremste uns in unserem Drang, sofort mit den Erdarbeiten zu beginnen: „Äh, neenee, lass´ das erst mal in Ruhe. Bevor wir hier alles durcheinanderwühlen, hätte ich gerne noch einen Blick mit der Wärmebildkamera draufgeworfen. Brandnester und so… Verstehsse?“ – Sprach es und forderte das Löschfahrzeug der Nachbarwache an.

Hierzu muss man wissen, dass hier nicht jedes Löschfahrzeug eine solche Kamera besitzt. Und ratet mal, ob wir dazu gehören…

Also: Verstärkung rufen. Der Gedanke vom Chef, auch eine Drehleiter nachzufordern, die dann von der Straße aus den Steilhang anleitern soll, um aus dem Korb heraus den Hang zu bewässern, wurde wieder verworfen: Die Einsatzstelle lag zu hoch über der Straße, und durch die Bäume, die sich verzweifelt am Berg festkrallten, wäre man sowieso nicht nahe genug herangekommen. Letztendlich will man ja auch nicht gleich ein riesen- Fass aufmachen. Dachte ich.

„Wir gehen dann nochmal zurück, um die Kollegen einzuweisen. Halt du hier mal die Stellung. Nicht, dass das Feuer noch ausgeht…“

herrliche Aussicht!

Jetzt stand ich also alleine da im Wald, am Steilhang, neben mir die gelangweilt vor sich hin kokelnde Humusschicht, vor mir eine grandiose Aussicht auf den Fluss und die Auen bei strahlendem Sonnenschein, unter meinem Kinn den Schüppenstiel geklemmt (wir haben übrigens nicht die Sicherheits- Stiele vom Grünflächenamt, die einen Gummiball am Stielende aufgesteckt haben, um Dekubitus im Kinnbereich zu verhindern… 😉 )

Hummeln summten, Vögelchen zwitscherten, 30m unter mir rauschte eine Hauptstraße, der Duft von Löschknecht- Arbeit wehte von der verbrannten Fläche herüber… schöööön… Und das bekam ich sogar bezahlt!

So hatte ich etwas Zeit dafür, mal darüber nachzudenken, was eine „Spaziergängerin“ so weit abseits des Weges im Unterholz zu schaffen hatte. War ihr Hund dorthin gelaufen? Genoss sie dort die Aussicht? Oder traf sie dort ihren Lover? Alles sehr merkwürdig…

Nach etwa… ach was, es war noch länger… kamen die Kollegen wieder zurück. Vorne weg unser Häuptling, dahinter der Kordelträger der Nachbarwache mit seiner Wärmebild- Kamera, und als Nachhut ein Kollege mit einer Kübelspritze (handbetätigte Pumpe, 10 l Inhalt, für z.B. Mülleimer, brennende Kochtöpfe oder faule Praktikanten).

Nun fing der Leithammel der Nachbarwache, der eine Bart wie Kaiser Wilhelm vor sich her trägt, eifrig an, mit der Kamera den Ort des Geschehens zu begutachten. Und musste feststellen, dass die Lage nicht ganz so einfach war, wie gedacht: „Kratz mal da vorne was weg, da ist´s hell in der Kamera… nee, weiter links! Oh….“ – Das verhieß nichts gutes! Tatsächlich kam unter der Oberfläche aus Laub eine heiße Schicht zu tage. Na klar: Das Feuer hatte ja auch mindestens 3 Tage Zeit, sich da rein zu fressen! Also der Entschluss unseres Vormundes: Wasser muss her. Aber nicht nur die 10 Liter aus dem Blechkübel, sondern so richtig Party mit Schläuche durch den Wald ziehen und so!

strammer Anstieg für die Darmverleger!

Mein Vorschlag, dann doch gleich auch etwas Netzmittel (Feuerwehr- Deutsch für „Flüssigseife“ 😉 ) beizumischen, wurde allerdings durch den Mann, der am Bart hing, abgelehnt: „Damit kann man bei Erde doch nichts bewirken…“ – Aha. Und ich bekloppten Hydrantenaufdreher lasse mir jahrelang erzählen, dass durch Netzmittel die Oberflächenspannung des Wassers vermindert wird und es daher in jede noch so feine Oberfläche eindringt! Was müssen die anderen Feuerlöscher doch bescheuert sein, die bei Bränden in z.B. Spänebunkern, Papiercontainern und Blumenkübeln die ganze Gegend einschamponieren! Man lernt nie aus…

Wie auch immer: Während die übrigen Kollegen im Schweiße ihrer Füße also damit anfingen, eifrig unsere Wasserdärme den Waldweg entlang zu drapieren, durfte ich weiter im Gelände auf das warme Gestrüpp aufpassen. Weil: Ich hatte ja als Rückfallebene das Schüppchen am Mann! *frohlock!* Jahaaa, ich hätte die grausame Bestie bei deren Erstarken unbarmherzig und todesmutig niedergeschlagen! Bestimmt! Glaube ich…

Nachdem also dann auch irgendwann Wasser am Rohr war, fing der Bart an, den wilden Spritzer am Mundstück durch die Kamera zu koordinieren. Also, in etwa, wie eine ferngesteuerte Wasserpistole: „Halt mal da rüber, da ist es noch heiß… nee, weiter links… und jetzt etwas den Hang runter… nee, das war zu tief…“ Der Schlauchhalter trug emsig bestrebt so nach und nach gute 20cm der oberen Erdschicht mittels Wasserstrahl ab, die dann den Hang hinunter flossen, so dass ich Sorge hatte, dass gleich ein Verkehrsteilnehmer von der Hauptstrasse aus anrufen würde, um der Feuerwehr besorgt mitzuteilen, dass ja ein Bergrutsch bevorsteht.

So arbeiteten sie eine Weile fleissig vor sich hin, während ich aufpasste, dass uns keine Wölfe in den Rücken fielen. Oder so… (Mir deucht, irgendwie hatte ich bei diesem Einsatz einen verdammt klasse Job!)

Zwischenzeitlich drohte dem einspeisenden Löschfahrzeug noch der Tank auszutrocknen, so dass die Kollegen, die sich nicht ins Unterholz gewagt hatten, auch noch eine Wasserversorgung zum nächsten Großwasserpfosten aufbauen mussten. Aber wir sind ja gründlich, da braucht man schon mal watt mehr an Wasser!

Nachdem die dort versammelten Büsche dann irgendwann nasse Füße hatten und die Wärmebildkamera ein mehr oder weniger gleichmäßiges Grau auf dem Monitor zeigte, durften wir dann auch aufräumen. Nun gut, wenigstens daran habe ich mich dann beteiligen dürfen.

Also, eine Einsatzstelle durch eine Schnitzeljagd zu finden, habe ich auch noch nicht gehabt. Und demnächst wird vielleicht ein empörter Naturschützer Anzeige erstatten, weil wir womöglich sowas wie einem westtibetanischen Knubbelholunder die Wurzeln freigespült haben.

Aber ich muss wohl noch einen Eintrag ins Verbandbuch machen:

„Einsatz Nr. xxxx, 1 Verletzter: Verbrannte Platte nach Brandbewachung bei klasse Wetter und prima Aussicht“. Ja, sowas geht schnell…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu Schnitzeljagd bei der Feuerwehr…

  1. Bernd schreibt:

    Meinten Sie: Schnitzeljagd?

  2. Lele schreibt:

    Das ist mal ein genialer Job. 🙂

  3. alltagimrettung schreibt:

    Was man nicht alles aus so einem doch „Routine“ Einsatz machen kann. Ich finds genial geschrieben!!

    • firefox05c schreibt:

      Na ja, „Routine“ wäre ein wild winkender, die Apokalypse verkündender Spaziergänger um die 70 gewesen, der am Rande der Leistungsfähigkeit seines Schrittmachers vor uns hergesprintet wäre, um uns aufgeregt neben einer Parkbank glimmende Blätter zu zeigen, die er mit ein wenig guten Willen auch selbst hätte auspinkeln können.
      Dass wir jetzt über einen Pfeil aus Ästen in so unwegsames Gelände gelotst werden, ist zumindest für mich nicht so ganz alltäglich! 🙂

  4. petrahannover schreibt:

    Herrlich geschrieben! Konnte mir ein extrem breites Grinsen einfach nicht verkneifen. 🙂

  5. mercator schreibt:

    Hahahaha! Spätestens bei der Versorgung durch den „Großwasserpfosten“ mußte ich laut lachen…

    Aber mal im Ernst: so ganz ohne ist es mit der Waldbrandgefahr ja momentan ja nicht. Zumindest bei uns (westliches Nordbayern).

  6. Harznavigator schreibt:

    Ich habe selten einen so genial geschriebenen “ Einsatzbericht“ gelesen! *lach*
    Herrlich, herzerfrischend, großartig. Mich hat es vor lachen fast aus den Stiefeln gehauen. Hoffentlich kommt da in Zukunft noch etwas mehr an Berichterstatterei.
    Kameradschaftliche Grüße aus dem Harz.

    Weiter so

  7. Andreas schreibt:

    Zum Thema, warum geht einer so tief ins Gestrüpp: Schonmal vom Geocachen gehört? Die Ziele liegen nicht unüblich etwas abseits.

    Jedoch hätte der Anrufer dann auch gleich die korrekten GPS-Koordinaten angeben können ;).

    • firefox05c schreibt:

      Angerufen hatte wohl eine Frau mittleren Alters, die angab, mit dem Hund spazieren gegangen zu sein. Mitten durchs Gestrüpp wäre für den Hund aber ein toller Service… 😉

  8. Anna schreibt:

    Genial geschrieben 😀
    Ich kenn die Geschichte ja schon aus deinem Buch, aber man bemerkt doch ein paar kleine Unterschiede. Trotzdem lohnt es sich!
    Ich bin aus dem Lachen nicht mehr heraus gekommmen 😀

    • firefox05c schreibt:

      Im Buch muss man eben etwas anders schreiben als im Blog. Hier kann man etwas „spontaner“ schreiben und muss sich auch nicht darum kümmern, wenn die eine oder andere Redewendung beim Leser nicht ankommt. 😉

  9. jacob schreibt:

    Die „verbrannte Platte“ lässt aber darauf schließen, dass Schutzbekleidung nicht getragen wurde… oder ist der Helm etwa durchlässig für UV-Strahlen?

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