akuter Wahnsinn

Wir kamen morgens von einem Rettungseinsatz zurück und mussten an der Hauptkreuzung in der Nähe unserer Feuerwache vor der roten Ampel warten. Da fiel er uns auf: Ein Typ, etwa 20, stand auf einem Bein und wild mit den Armen fuchtelnd an der Ampel. Dabei erzählte er sich sehr angeregt etwas.

„Was ist das denn für ’ne Type? Hat der was geraucht?“ , witzelte ich. „Der ist bestimmt von gestern Abend übrig geblieben…“, meinte der Kollege. Als unsere Ampel und auch die des Typen auf Grün sprang, hüpfte der seltsame Kerl auf einem Bein gazellengleich über die Straße. „Der hat ja gar keine Schuhe an?!“„Die wurden ihm bestimmt geklaut, als er im Park eingeschlafen war!“ Wir amüsierten uns noch einen Moment, der Hüpfer war aus dem Blick, wir vergaßen ihn. Etwas „Scheckig in der Birne“ zu sein ist schließlich keine Straftat. Und mancherorts schon fast normal.

Kaum auf der Wache, klingelten unsere Klingeldinger. Die Adresse kam uns bekannt vor: „Dingensweg, HP [hilflose Person] vor Imbiß“. Das Alarmschreiben wies als Anrufer – unseren Wachführer aus!

„Das ist bestimmt der Knaller von eben“, vermutete ich. Da wir in dieser Schicht schon mehrfach zum Besten gehalten wurden (unter anderem wurden wir mitten in der Nacht mit dem Stichwort „Gynäkologischer Notfall“ in ein Asylbewerberheim gerufen, um die neuesten Pickel im Gesicht einer jungen Schwangeren zu bewundern!), war der Kollege sehr motiviert: „Ey, wenn das jetzt DER Typ ist, dann mache ich den wieder flott. Der fährt garantiert nicht mit. Schließlich konnte der eben noch laufen!“

Weisungsgemäß ohne Notarzt rückten wir aus. Der Doc blieb am Krankenhaus.

Wir fuhren also zur angegebenen Stelle und wurden von den Kollegen, die von der nahegelegenen Feuerwache rübergelaufen waren, in Empfang genommen. „Wir gucken aus dem Fenster [siehe den Artikel „Baustelle“ 😉  ] , da liegt der hier mitten in der Ausfahrt. Irgendwie ist der gut drauf.“

Ja, da lag er nun tatsächlich: Der Gazellenspringer ohne Schuhe, dafür mit löchrigen Socken, hatte es sich mitten auf der Ausfahrt der Frittenschmiede bequem gemacht, zappelte etwas mit den Beinen und brabbelte seelig lächelnd irgendwas vor sich hin. Der Kollege, am Rande seiner Geduld, sprach den Menschen etwas barsch an: „Hey! Wass‘ los? Aufstehen! Eben bist du doch noch gelaufen?“ Irgendwie ließ sich unser Kunde davon aber nicht im seeligen Brabbeln beirren. Völlig weg von dieser Welt…

Nun sollte er ja irgendwie eine Reaktion zeigen, im besten Fall vielleicht sogar mit uns kommunizieren. Irgendwie. Bei Betrunkenen funktioniert das am Besten, wenn man sie etwas ärgert. Viele, die irgendwo im Weg liegen, wollen nämlich einfach nur in Ruhe gelassen werden und haben die Hoffnung, dass wir wieder abhauen, wenn sie sich tot stellen. Je nachdem, bei welcher Witterung oder bei welchem Verkehr sie an welchem Ort liegen, geht das aber nicht. Also „ärgerte“ der Kollege den Ausfahrtsokkupanten, indem er ihm mit den Knöcheln etwas auf dem Brustbein rieb. Das ist nämlich ungefährlich, aber sehr unangenehm!

Damit legte er beim Betroffenen wohl einen Schalter um: Der Typ fing an zu schreien und zu schimpfen, trat und schlug um sich: „Ey!!! Lasst mich in Ruhe, ihr Arschlöcher! Ich muss noch wachsen! Lasst mich in Ruhe wachsen! Teufel! Teufel! Ihr seid dreckert!“ – Mit dem letzten Begriff war klar, dass der Herr einer fremdländischen Bevölkerungsgruppe aus dem bayerischen Raum entstammte. (Ich dachte, die bekommen keine Visa mehr?…) Obwohl wir alle (wir waren zu sechst!) sofort etwas Abstand nahmen, ging er auf uns los, schlug um sich, trat, brüllte zusammenhangloses Rhetorikdiarrhoe und drehte eben voll am Rad!

Nebenan  an einem Vereinsheim standen etwa 30 Eltern mit ihren Kindern, fertig für eine Radtour, und ergötzten sich an diesem seltsamen Vorgang. Was die Kinder für einen Eindruck von den beteiligten Akteuren bekamen, interessierte die Eltern wohl weniger. Für einige der erschrockenen Kinder sind wir dann demnächst deswegen wohl rüpelhafte Raufbolde. Denn da der Patient völlig ausrastete und sich auch nicht wieder fing, stattdessen unter kryptischen Wortsalat immer weiter auf uns losging, entschieden wir uns nach etwa (verdammt langen!) 10 Sekunden dafür, uns einfach alle draufzuschmeißen und ihn am Boden zu fixieren, damit er nicht noch sich oder uns verletzt.

Der Drops war schnell gelutscht: Brüllend vor Wut am Boden liegend blieb ihm lediglich noch ein Versuch, einem der Kollegen in den Oberschenkel zu beißen. Glücklicherweise bemerkten wir diese Idee schnell genug. Was wir außerdem noch bemerkten: Sein Shirt rutschte beim Kampf hoch und es blitzten keck ein paar EKG- Klebeelektroden hervor! Aha, der Herr war also aus einem Krankenhaus stiften gegangen!

Ich sagte noch zum Kollegen: „Der braucht keine Polizei, der braucht einen Exorzisten! Soll ich mal zur Kirche rüberlaufen?“ Da auch 5 Mann reichten, um ihn am Boden zu halten, lief ich zum Rettungswagen, drückte den „dringenden Sprechwunsch“ und gab der Leitstelle einen kurzen Überblick der nicht ganz alltäglichen Szene: „Gewalttätige Person greift uns an, wir brauchen die Polizei und den Arzt. Das Löschfahrzeug ist jetzt erst mal nicht verfügbar. -Wenn unser Arzt noch im Haus ist, kann ich den selbst abholen!“ – Da wir nur etwa 2 Minuten vom Krankenhaus entfernt waren, erschien mir das die schnellere Alternative, als wenn der nächste RTW erst zum Hospital fährt, um unseren Akademiker aufzunehmen. Ich bekam das OK vom Callcenter und fuhr los. Alleine! Mit Sonderrechten! – Wann fährt man schon mal alleine im Notarzt- Einsatz! 🙂 *hechel!* Die 5 Kollegen fixierten derweil weiter den brüllenden Bayern. Kämpferisches Volk eben, diese Eingeborenen nördlich der Alpen. Und so kam es, dass unser Doktor auch mal eine Fahrt vorne sitzen durfte. Das Kellerkind darf ja sonst immer nur hinten mitfahren…

Zurück an der Einsatzstelle hatten sich bereits zwei Polizisten der nahen Wache dazugesellt und beaufsichtigten interessiert die sich im Knäuel rollenden Kollegen. Zusätzlich kam jetzt noch eine Streifenwagen- Besatzung hinzu und stellten sofort die naheliegende Frage, wieso der Deliquent noch keine „8“ angelegt hatte. Die beiden Polizisten, die zuvor zu Fuß von der Wache gekommen waren, mussten kleinlaut zugeben, dass sie keine Handfesseln mitgebracht hatten…

Nachdem der Patient dann gefesselt und auf die Trage des Rettungswagen verfrachtet und verschnürt war, legte unser Arzt im Auto eine Kanüle in den sich heftig wehrenden Durchgedrehten, der immernoch augenrollend tobte, und spritzte ihm „Leckerchen“ zur Beruhigung. Das nahm etwas den „Drive“ aus dem Happening.

no drugs!

Während die Chemikalien ihre Wirkung entfalteten, erzählte uns der Streifenpolizist, worum es hier überhaupt ging: Der Mann war am Vorabend zur Polizei gekommen und gab an, irgendwelche Drogen genommen zu haben. Er wurde in eine „einfache“ internistische Aufnahme ins Krankenhaus gebracht, wo man ein Drogenscreening durchführte, und da man dabei nichts spezivisches fand, der Patient aber ansonsten umgänglich war, legte man ihn auf die Überwachungsstation (besser bekannt unter „Intensiv“). Dort passten dem Menschen aber wohl die Farben nicht, die er in seinem Zustand so hörte, also trennte er seine Strippen vom Körper und sprang im 1. Stock aus dem Fenster. Ohne Schuhe. Und verletzte sich wohl leicht an der Ferse. Daher auch diese gazellenartige Gangart an der Kreuzung…

Die Suche der Polizei blieb zunächst erfolglos. Bis über Funk etwas von einem Durchgedrehten beim Burgerdiscount kam: *Bing!* Datt isser wohl!

So fuhren wir mit einem nun sichtlich ruhigeren Drogenjünger Richtung Psychiatrie. Mit Sondersignal, denn ich wollte dort sein, bevor unsere hauseigenen Mittelchen in der Wirkung nachlassen. Im Krankenhaus war er zwar immernoch beruhigt, aber trotzdem noch sehr, sagen wir mal, speziell: Er behauptete, er hätte „Forrest Gump“ im Hintern. Ganz, wie er auf Nachfrage versicherte. Außerdem wohne er in der ‚Hirschvogelgasse‘ (wahrscheinlich gleich neben dem ‚Wolperdingerweg‘), denn er wäre beim Naturschutzbund. Er bezahle auch regelmäßig seine GEZ. – Ob ich ein Türke sei? Ich würde so aussehen. Und wenn nicht, ob ich seine „Abfahrtszeiten“ nehmen könnte. Da ich weder einen Zug noch eine Skischanze sah, lehnte ich freundlich ab. Was er sonst noch so von sich gab, war so wirr, dass sich mein Arbeitsspeicher weigerte, dafür Speicherplatz zu verschwenden. Kennt ihr das? Es kommt ein Klopper, und während man noch versucht, das Gehörte mit dem realen Universum in Einklang zu bringen, ist der nächste Spruch schon wieder vorbei…

Die aufnehmende Psychiaterin meinte übrigens, dass ein negatives Drogenscreaning nicht viel bedeute: Einige Tests haben wohl z.B. mit LSD Probleme. Unser Patient offensichtlich auch. Einsatzende.

Folgerichtig befand ich später auf der Wache auch, dass beim Ausfüllen des Wachbuches für diesen Einsatz unser Standartstichwort „HP Straße“ nicht ausreicht. Jetzt steht dort hinter der Einsatznummer etwas zutreffender: „akuter Wahnsinn“. Ich denke, das ist treffender.

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Über firefox05c

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13 Antworten zu akuter Wahnsinn

  1. petrahannover schreibt:

    Klasse geschrieben, … aber irgendwie mußte ich die ganze Zeit an einen Kollegen denken…. Dem wäre nämlich GENAU DAS auch zuzutrauen… 😉

    • firefox05c schreibt:

      Interessant fand ich vor allem, dass er selbständig bei der Polizei auftauchte und um Hilfe gefragt hat. Er hatte wohl gemerkt, dass er „zu viel des Guten“ drin hatte.

  2. jule_ schreibt:

    Dein Schreibstil – und natürlich der Inhalt – gefällt mir gut. Weiter so.

    Übrigens: „Verse“ schreibt man mit F, ich glaube nämlich kaum, dass er sich eine Verletzung in Zusammenhang mit Lyrik zugezogen hat (-;

  3. Frollein Ronja schreibt:

    akuter Wahnsinn… gnihihihi! Sehr gut!

  4. notizbuchfragmente schreibt:

    Oh-oh … Ich muss gestehen, ich habe das mit mulmigem Gefühl gelesen.
    Hab auf der Arbeit auch hin und wieder (Gottseidank nicht oft) mit solcherlei Leutchen zu tun – und ich bin dann doch immer froh, wenn sich die Ladentür hinter ihnen schließt und ich dann wieder GANZ alleine bin … :/

    • firefox05c schreibt:

      Was mir immer etwas Angst dabei macht: Man weiß nie, was als nächstes passiert. Bleibt der Ruhig? Versucht er zu manipulieren? Wird er gewalttätig? You´ll never know…

      • notizbuchfragmente schreibt:

        Genau, das ist auch mein Problem. Der Knaller ist, dass ich meistens mit Sturzbetrunkenen zu tun habe – und die sind ja keinen Deut besser … Ist dann nicht so cool, wenn man alleine im Laden mit dem ist (die männliche Kundschaft hat sich dezent zurückgezogen) und der fängt an, sich in Rage zu reden …

        … ich hab Wundertüten ja noch nie leiden können. 😉
        Aber ich freu mich, dass es bei euch ja noch glimpflich abgegangen ist.

  5. souly schreibt:

    hahaha, ich hab schon wieder gebrüllt vor lachen. zu göttlich – und akuter wahnsinn trifft es wie den nagel auf den kopf! schon allein wie sich 6 feuerwehrmänners auf einmal auf einen total irren kerl draufschmeissen… eigentlich nicht witzig, aber wär ich dabei gewesen, ich hätte wohl tränen gelacht 😀

    • firefox05c schreibt:

      In dem Moment ist es weniger witzig, da du nicht weißt, was der Kerl „drauf hat“ und ob sowohl er als auch wir ohne Verletzung aus der Nummer rauskommen. Laufen lassen kannst du so einen nicht, und wenn du Pech hast, hat der Kampfsport gemacht und staubt dir womöglich den Anzug aus.

  6. rettungsdienstblog schreibt:

    Hier würde ein NEF-System seinen Vorteil ausspielen: Du bräuchtest nicht den NAW quasi alleine zum NA holen fahren und ihr hättet sogar einem Mann mehr um den Mann zu behandeln 😉

    😉

    Aber auf jeden Fall eine gut geschrieben Story!

  7. souly schreibt:

    verbesserungsvorschlag – ruft das nächste mal die tierrettung mit dem „TRTW“ und leiht euch mal eben das blasrohr aus… hilft bestimmt ungemein… 😉

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