Entenjagd

Einfach mal machen lassen...

…oder: Die Natur funktioniert auch ohne uns.

Enten sind ja klasse Schwimmer und können recht gut fliegen. Trotzdem sind sie ziemlich beschränkt, wie ich finde. Sie brüten ihre Eier aus, und wenn der Nachwuchs dann da ist, stellen sie mit Erschrecken fest, dass die Blagen nicht fliegen können! Wie also zum Wasser? Und das jedes Jahr aufs Neue…

So watscheln sie im Sommer dann mit den aufgeregten Tennisbällen zu Fuß durch die Großstadt in Richtung Tümpel.

Und jetzt kommen die Menschen ins Spiel: Die sind nämlich auch beschränkt. Einige zumindest. Denn anstatt sich darüber zu freuen, dass Mutter Ente ein Gelege erfolgreich ausgebrütet hat, und die Karawane kurz durchwinken, schmeißen sie die Arme in die Luft: „Um Gottes Willen! Tiere! Die armen Tiere mitten in der Stadt! Die sind ja so hilflos!“ – und rufen die Feuerwehr, damit die ach-so-wehrlosen Viecher, die bestimmt zweifellos ohne unsere Hilfe kaputt gehen, ins Tierheim gebracht werden. Oder zum Arzt. Oder sonstwohin. Weil aus Gründen… *stöhn!*

Und jetzt kommen wir ins Spiel: „Fahrt mal zur Dingensstraße, Ecke Bude, Jodokus Quack läuft da mit seinem Nachwuchs rum. Der mündige Bürger ruft um Hilfe.“ – Was für uns heißt: Entenjagd. Und da wir Unterwegs waren, hatten wir nicht mal einen Karton dabei. Toll…

An besagter Budenecke trieb sich auch tatsächlich eine etwas überfordert wirkende Entenmutter mit ihrer 6köpfigen Rasselbande rum. An sich keine Notlage. Daher ist es zwar wenig Sinnvoll, sie wegen Landstreicherei festzunehmen, aber der Bürger will ja was sehen, wenn wir da sind. Einfach mit den Händen in der Tasche wieder abrücken geht ja nicht. Also den Kescher vom Dach geholt, vom angrenzenden ALDI- Markt einen Bananenkarton konfisziert, und vier erwachsene Männer hüpfen auf einer Grünfläche, auf der reichlich biologischen Tretminen liegen, hinter einer Entenfamilie her. Dabei waren wir immer darauf bedacht, uns sofort zurückzuziehen, wenn die Mutter zu sehr in Aufregung geriet. Denn was viele nicht bedenken, wenn sie verlangen, dass wir diesen Wildtieren „helfen“: Wird es der Mutter zu viel und sie fliegt davon, kann es sein, dass sie nicht wieder zurückkommt. Und das ist für die Küken (die man an sich problemlos fangen kann) oft das Todesurteil. Kükenpflege ist nämlich gar nicht so einfach.

Wir versuchten also unser Bestes, die Mutter nicht einfach kopflos zu jagen, sondern sie mitsamt ihrer Familie z.B. durch an-der-Kioskwand-entlangtreiben zu überlisten, damit sie uns quasi freiwillig auf den Kescher lief. Aber das Geflügel roch jedes Mal kurz vor dem „Zugriff“ Lunte und schlug einen Haken. Und die sechs Federflummies natürlich hinterher…

Irgendwann war es dann fast so weit: Die Mutter flog in Panik etwa 50m weg, rief aber noch nach ihren Jungen. Die Küken indess piepsten so wild durcheinander, dass man nicht sicher verstehen konnte, was sie wollten. Ich vermute aber, sie riefen ebenfalls nach Mama.

Taktikänderung:

„Wenn wir die Rotzigen festsetzen, kommt die Alte vielleicht dazu und lässt sich fangen?!“

Also: Karton über die Tennisbälle, Durchsage: „Die Kinder der Familie Jodokus Quack möchten aus dem Smaland abgeholt werden!„, und hoffen.

Aber der Kollege war noch nicht ganz weg vom Karton, da… -erwähnte ich, dass es ein Bananenkarton war? So einer mit den Luftlöchern?

Es sah aus wie bei der Ziehung der Lotto- Zahlen. Nur ohne Nummern auf den rauspurzelnden Bällen. Und anstatt die Mutter zu den Kleinen, flitzten die piepsenden Knäule quer über die Wiese zur Mami. Laut protestierend.

Reset. Von vorne anfangen…

Glücklicherweise lief das schnatternde Federvieh samt Reproduktionsergebnis durch einen Busch und einen dahinter stehenden hohen Zaun in eine friedliche Wohnstraße, an deren Ende sich laut Anwohner das vermutliche Ziel der Bagage befand: Zwei kleine Teiche. Gerade noch mal gut gegangen: Entenfamilie auf dem rechten Weg, die Passanten der Hauptstraße konnten die Viecher nicht mehr sehen, so dass der Rest der Reise ohne Probleme von statten gehen konnte. Und das hätte wohl auch geklappt, wenn wir nicht „gestört“ hätten. Einsatzende.

An dieser Stelle möchte ich mich nochmal kurz über

Duett im Löschfahrzeug

„Wildtiere in der Stadt“ auslassen: Viele der Einsätze mit Tieren sind völlig unnötig! Die Entenmutter weiß, wo der Teich ist. Wenn sie über die Straßen, die sich auf dem Weg befinden, gelassen wird, findet sie den Weg völlig selbstständig. Man muss sie nur lassen.

Verliert sie stattdessen beim Fangversuch die Nerven und lässt ihren Nachwuchs in Stich, haben die Küken trotz menschlicher Hilfe geringe Überlebenschancen. Im Vertrauen erzählte mal ein Tierheim-Mensch, dass gebrachte Küken schon mal verfüttert werden, weil die Prognose eh‘ schon schlecht ist.

Auch die berühmte „Katze im Baum“ oder „auf Dach“ ist ehr genervt, wenn wir kommen: Oft genug war die Katze schneller vom Baum, wie der „Retter“ oben, und eine Katze, die aus einem Dachfenster abgehauen ist, kann dort auch wieder hinein. Ich schätze, dass höchstens 25% der Katzen wirklich Hilfe brauchen.

Hier gab es auch mal einen Schwan, der am Flügel eine große, abgeknickte Schwungfeder abstehen hatte. Man hätte ein eigenes Wachbuch für ihn führen können: Ständig riefen Passanten an, die den an sich unauffällig dahinschwimmenden oder -watschelnden Schwan als „schwer verletztes Tier“ meldeten. Kann man da nicht ein wenig beobachten, bevor man Alarm schlägt? Gott sei Dank war der kosmetische Fehler nach der nächsten Mauser behoben.

Ein anderes mal gelang es einem Autofahrer, eine auf der Verkehrsinsel Siesta haltende Ente zu überraschen und festzuhalten. Hätte er sie losgelassen, wäre sie wohl geflohen. So brachten wir sie zum Fluss und ließen sie frei…

Ein Gastwirt rief uns mal, weil im Windfang seines Lokals ein Igel lag. Kneipier beobachtete den Igel, der wartete zusammengerollt, dass der Wirt weggeht. So belauerten sie sich eine Weile, bis der Gastwirt die Feuerwehr rief. Und der Wirt war stinkesauer und wurde laut, als wir den Igel zwar einsammelten, um ihn an „unauffälliger Stelle“ wieder auszusetzen, aber ihn darüber aufklären wollten, dass das Viech schon wieder abgehauen währe- wenn er es in Ruhe gelassen hätte!

Natürlich gibt es auch „echte“ Notfälle. Erwähnte ich, dass Enten irgendwie blöd sind? Sie kriegen es z.B. auch nicht auf die Kette, dass ihre Federflummies kleiner sind als die Regeneinläufe der Straße: Mama läuft drüber weg, die Kleinen wie die Lemminge in den Gully… #fail !

Das sind dann die wenigen Fälle, in denen unser Eingreifen notwendig ist.

Ach so, wo es gerade Brutzeit ist: Nestlinge, die schreiend auf der Straße sitzen, sollte man möglichst einfach sitzen lassen. Meisenjunge z.B. werden von den Eltern weiterversorgt. Sitzen die zerrupften Piepser im Weg, setzt sie einfach an die Seite: vor eine Hecke, unter einen Baum… denn entgegen der weit verbreiteten Meinung orientieren sich Vögel nicht so sehr an Gerüchen wie etwa Säugetiere (Rehe usw.). Daher macht es nichts, wenn man einen flügge werdenden Nestling kurz an die Seite setzt, damit keiner drauftritt oder er etwas Schatten bekommt.  Er muss halt nur in der direkten Nähe des Fundortes bleiben, da Mutti ja noch weiß, wo der Kleine den letzten Käfer bekommen hat.

Aber für viele andere Fälle gilt: Wir leben nicht alleine in den Städten. Und nicht alle Tiere gehören in den Käfig. Oft fangen die Probleme für so ein Tier erst an, wenn der Mensch sich irgendwelche Gedanken macht. Also: Schauen, freuen, und in Ruhe lassen.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu Entenjagd

  1. Christian schreibt:

    Watt bin ich froh, aufm Dorf zu wohnen. Kann mich an keinen Tiernotfall erinnern…

    • firefox05c schreibt:

      Da hast du etwas angesprochen, was ich auch schon bemerkt habe: Der „Homo Erectus Metropolensis“ ist in seinem Alltag anscheinend so festgefahren, dass ihn Begegnungen mit Wildtieren häufig aus der Bahn werfen, so dass er nicht mehr weiß, was er machen – oder auch lassen – kann. In meiner Heimatkleinstadt habe ich in all den Jahren bei der Feuerwehr noch nie Enten eingesammelt, Igel aus Keller befreit oder Katzen vom Dach geholt. Das kenne ich nur aus der Großstadt. „Echte“ Notfälle sind natürlich schon vorgekommen, wenn sich z.B. Tiere in Röhren oder Spalten verklemmt hatten.

    • Hauptstadtsani schreibt:

      A propos „Homo Erectus Metropolensis“: Bei uns in der Haupstadt gibt es ja Kinder, die haben noch nie eine Kuh oder ein Pferd etc. gesehen. Wenn hier mal eine Kuh von einem Viehtransporter ausbrechen sollte, rufen die in Verkennung der tatsächlichen Nahrungskette bestimmt die Polizei+Fw, weil sie Angst haben, von dem gefährlichen Raubtier gefressen zu werden 🙂

  2. notizbuchfragmente schreibt:

    Sehr schöner Bericht – besonders die „Ziehung“ hätte ich gerne gesehen! 😀

  3. Fydus schreibt:

    Also ich hatte auch mal so einen Einsatz mit so kleinen gelben Kugeln. Da wurden wir angerufen und mussten raus. Durch die Jagd, die die Passanten aber mittlerweile veranstalltet hatten war Mama weg und die kleinen im Gulliauffangkorb gelandet. Dort sammelten wir sie dann ein. Mama fanden wir dann auch wieder und haben die Famielie zum Glück wieder vereinen können.

  4. Jasmin schreibt:

    Herrlich! Ich trinke gerade meinen dritten Kaffee und surfe nichtsahnend in der Gegend herum, und dann das! 🙂

    Aber da sieht man mal, wie hilflos die Menschen doch sind und die Tatsache, dass sie – wie auch immer – besorgt sind, gibt doch Hoffnung!
    Wenn sie sich doch nur bei anderen Gelegenheiten so trauen würden und um Hilfe rufen…
    Und ich bemerke mit Wohlwollen, dass selbst Ihr harten Männer in den Bann der „Federflummis“ gezogen werdet – allein bei dem Ausdruck muss ich schon wieder lachen 🙂
    Ich selbst würde vermutlich nicht Alarm schlagen, sondern versuchen, unter Einsatz meines Lebens die verirrte Brut eigenständig von der Straße zu treiben. Womöglich wirklich in einen Gulli-Kanal hinein… dann bräuchte ich wohl doch Eure Hilfe! 😉
    Vielen Dank für diesen grandiosen Artikel
    Jasmin

  5. steffifeuerpatsche schreibt:

    Oh weia, das kenne ich auch aus unserer recht kleinen Stadt. Diesen Winter durften wir mal wieder einen „festgefrorenen“ Schwan retten. Der war dann aber wirklich am Fuß verletzt. Sah aber trotzdem irgendwie komisch aus, als zwei erwachsene Männer mit einem Schlauchboot auf dem brüchigen Eis dem inzwischen befreiten Viech hinterherrutschten, das panisch versuchte den Beiden zu entkommen. Das Ende vom Lied war ein leicht ramponiertes Schlaubboot, zwei nasse Feuerwehrler und ein not-very-amused Tierarzt, der sich dann um den völlig erschöpften Schwan kümmern durfte. 🙂

  6. Murgs schreibt:

    Oh ja … Entenjagd in der Apotheke hatte ich auch schon.
    Eine einzelne halbstarke Ente, teils Federn teils Flaum, aber sehr flott zu Fuß. Aber am Ende war sie doch im Karton und die bei der Jagd hilfreiche Kundin nahm sie mit zum Tierpark mit dem nächstgelegenen Teich.
    Diese Woche war das Tier kleiner und auch sehr flink: Eine Eidechse. Doch am Ende vertraute sie zu sehr auf ihre Tarnung auf dem graubraunen Fußboden. Hinten und an der Seite schnitt ich ihr mit Kistendeckeln den Weg ab und nach vorne wartete meine Kollegin mit einem Karton. Deckel drauf und ab mit dem hübschen Tierchen in den nächsten (20 m) Grünzug .
    Im Studium hatte ich mal eine dusselige Entenmami, die in einen gemauerten Trog (ein Beet, aus dem wegen Undichtigkeit gerade die Erde entfernt war) hinein und wieder hinausgehüpft war, wobei ihre flaumigen Federbällchen zurück die Sprunghöhe aber nicht schafften. Die haben wir dann herausgehoben.

    Ich wäre übrigens nie auf die Idee gekommen, die Feuerwehr zu rufen.

  7. opatios schreibt:

    Ich habe nur einen solchen Feuerwehreinsatz mitbekommen. Auf einem Straßenfest in Frankfurt hatte jemand ein Eichhörnchen in einem Hinterhof aufgestört, und es floh mitten durch die flanierenden Menschen in einen Lederwarenladen… mein Rat an die ratlosen Angestellten, die erst glaubten, das Tier wäre zahm und sein Besitzer in der Nähe: Feuerwehr anrufen, die wissen Rat. Im Endeffekt kamen die Jungs dann mit diversem Fanggerät, schafften es allerdings, das Tier nur aus dem Laden zu treiben, es brachte sich dann selbst in Sicherheit.

  8. MadDog schreibt:

    Das mit den Vögeln und die jungen Tiere sitzen lassen kenne ich (leider) auch..wir hatten mal zwei junge Singdrosseln im Garten, beide noch nicht flügge…wurden aber von der mama gefüttert..jedesmal wenn wir rauskamen gab es wildes Spektakel.
    Da unser Garten augenscheinlich die Hauptverkehrsstraße für alles ist, was in der Nachbarschaft auch nur Ansatzweise unter die Rubrik „Katze“ fällt, waren wir auch leicht beunruhigt. Der ältere der beiden konnte recht schnell weghüpfen, der jüngere versuchte es immer mit unauffällig rumsitzen und bloß nicht bewegen.
    Ich hab dann bei der Wildtierhilfe angerufen. Eine leicht gestresste Dame meinte , dass wenn Mama noch da ist, man sich keine Sorgen mache sollte, ich solle die Lütten wegen der Katzen ruhig in die hand nehmen und in einen Busch setzen, die Mama würden das nicht riechen.
    Die Versuche schlugen fehl…der größere konnte schon gleiten und entfleuchte so immer von den Ästen, um dann wild hüpfend irgendwo anders im Garten zu verschwinden, der Kleine machte immer einen auf Kamikaze und plumste sehr unelegant auf den Boden.
    Ergebnis: Zwei verstörte Jungvögel und eine entnervte Mama, die dann noch beide in verschiedenen Ecken des Gartens versorgen musste (also hin und herflitzen)
    Wir haben uns dann zurückgezogen.
    Den nächsten Tag auf dem Weg zur Arbeit habe ich den Lütten mitten auf dem Rasen sitzen sehen und noch überlegt was zu unternehmen..habs aber dann gelassen. Abends waren an der Stelle dann leider nur noch zwei zerkaute Flügelchen…..that`s nature….aber trotzdem traurig 😦

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