Bequemlichkeit vs. Arbeitsschutz

Das ist Aspirin. Das gibt es im Rettungsdienst als Herzmedikament zum Spritzen als Trockensubstanz, die in 5ml Flüssigkeit aufgelöst werden muss. Hierzu hat der Hersteller – wohl aus Kostengründen – einfaches Wasser (linke Ampulle) den Klinikpackungen beigepackt. Dieses ist für einige Kollegen wohl ein Dogma, welches sie dazu veranlasst, die Wasserampulle mit Pflaster an die Pulverampulle zu kleben. Und das ist eine ganz tolle Idee.

Denn es ist nicht nur verboten, da je nach Pflastertransparenz und Flaschenposition kein Haltbarkeitsdatum oder Hinweise zum Medikament mehr zu erkennen sind, sondern auch noch verletzungsgefährlich: Die obige Kombination lag so zerbrochen im Notfallkoffer. Das Wasser war ausgelaufen und wurde begierig von anderen Packungen aufgesaugt, und die Bruchstücke warteten gespannt auf die nächsten Hände, die womöglich unaufmerksam hineingriffen. Passiert so immer wieder.

Selbst bei „bestimmungsmäßigen Gerbauch“ findet man sich in der Situation wieder, dass man nach dem Aufziehen des Wassers mit den Fingern immer direkt neben der Bruchkante weiterarbeiten muss, um die Trockensubstanz aufzulösen und wieder in die Spritze aufzuziehen.

Aber daran denken die Kollegen nicht, die dieses Zusammentüdeln verteidigen, da ihnen der zweite Griff in den Koffer, um ein 10ml – Plastikfläschchen mit Kochsalzlösung herauszuholen und daraus 5ml zum Auflösen des Medikamentes heraus zu ziehen, zu viel und zu umständlich ist.

Dann lieber eine kleine Verletzung unter einem kaputten Handschuh in Kauf nehmen, die womöglich eine Infektion ermöglicht. Das ist vielleicht bequemer, und dann gibt es vielleicht sogar „gelben Urlaub“…

Nachtrag:

Da Zweifel in den Kommentaren aufkamen, ob man Aspirin auch mit anderen Lösungen aufziehen kann, und ich auch aus Unwissenheit keinen Mist verbreiten will, habe ich Bayer als Hersteller direkt angeschrieben. Bayer antwortete mir, dass keine Bedenken beim Herstellen der Lösung mit NaCL oder Ringer bestehen.

Im Folgenden die Antwort von Bayer:

Von: bayer-vital@bayerhealthcare.com
An: ||||||||||||||||||||||||||||
Datum/Uhrzeit: 01.07.2011 / 11:03(Empfang)
Nachrichtenart: E-Mail
Betreff: Ihre Anfrage vom 30.6.2011

Sehr geehrter Herr Xxy,

vielen Dank für Ihre E-Mail und Ihr Interesse am Themenbereich „BV CC\Medizin
\Aspirin Schmerz“. Gerne erhalten Sie folgende Antwort aus dem zuständigen
Unternehmensbereich:

Aus der Fachinformation von Aspirin i.v. ist folgendes zu entnehmen:

Für die folgenden Infusionslösungen wurde
Kompatibilität mit Aspirin i.v. nachgewiesen:

Natriumchlorid 9 mg/ml (0,9 %)
Glucose 5 mg/ml (5 %)
Glucose 10 mg/ml (10 %)
Ringer-Lösung
Ringer-Lactat-Lösung

Wird das Arzneimittel einer Kurzinfusion beigemischt, soll eine Durchstechflasche Aspirin i.v. auf nicht mehr als 250 ml Lösung zur Infusion hinzugefügt werden. Die rekonstituierte Lösung ist nur für den einmaligen Gebrauch und nicht verwendete Lösung muss verworfen werden.

Freundliche Grüße
Bayer Vital GmbH
Sigrid Doll

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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19 Antworten zu Bequemlichkeit vs. Arbeitsschutz

  1. retterweblog schreibt:

    Theoretisch darf man Aspisol doch garnicht mit NaCl auflösen. Oder ist das von Bayer so freigegeben?

  2. rettungsschnepfe schreibt:

    Oh ja, das Thema kenn ich *seufz*

    Ganz schlimm war es mal eine zeitlang, als es eine Anweisung gab, das direkt oben angeführtes Aspirin ausschließlich NUR mit dem beigelegten Aqua von der herstellenden Firma aufzulösen sei, da sonst wohl gaaaaaanz böse Dinge geschehen würden (ich hab keine Ahnung mehr, warum. Ich glaub „Klümpchenbildung“ war der Grund…) und die Herstellerfirma es wohl nicht schafft, dieses in Plastikampullen beizulegen.

    Nach dem ich mir tatsächlich schonmal den Zeigefinger an so einer zerbrochenen Ampulle im Täschchen mit den Trockensubstanzfläschchen aufgeschlitzt hatte und mich lauthals beschwert hatte, gab es dann die dazu passende Anweisung von Seiten des FDL, dieses Zusammengepäppe doch bitte tunlichst sein zu lassen. Und seitdem war Ruhe.

    Mal abgesehen vom Gefluche der Kollegen Marke Faultier, dass man zum Suchen vll. doch mal die Brille hat aufziehen müssen, zumal es im Auto in einer Plastikbox mit den kleinen NaCls und Glukose zusammengepfercht ist und man ja guggen müsste… -.-

  3. fwink112 schreibt:

    Machts einfach mit nem kleinen Gummiband fest.
    Acetylsalicylsäure (Aspisol) darf nicht mit NaCl…. oder?

  4. Mr. Gaunt schreibt:

    „Nur“ Wasser ist deshalb dabei, weil das Pulver durch Gefriertrocknung hergestellt wurde. Deshalb fehlt halt nur Wasser, was wieder dazugegeben werden muß. Das Verfahren ist notwendig, wenn der Wirkstoff in Lösung nicht stabil ist. Für grössere Wassermengen gibt es spezielle Überleitungssysteme, wo das Was von Glas A nach Glas B läuft.

    Richtig glücklich ist die Lösung der zwei separaten Teile für den Rettungsdienst nicht. Erklärungsbedürftige Mischsysteme sind im Notfall auch nicht so prall, wenn sie selten genutzt werden. Dann schon besser die einfache Lösung 1x Vial mit Pulver und 1x Ampulle mit Wasser.
    Schreibt doch mal an Bayer (ist ernst gemeint!), dann erkennen die vielleicht das Problem, was sich im Rettungsdienst ergibt. Oder Ihr habt im Umkreis einen cleveren Bastler, der z.B. eine Halterung dreht, so dass ihr beide Teile gemeinsam in einem Kästchen zusammen geschützt aufbewahren könnt.

  5. tofu schreibt:

    Das erste was im Krhs und im RTW (dort ja jedoch deutlich seltener, da seltener genutzt) im Abwurf landet sind diese Wasser-Ampullen. Schrecklich! Bei SDH sind die ja auch dabei. Wenn da die Apotheke Nachschub liefert, werden erstmal alle Packungen aufgerissen und eben jene Ampullen entsorgt. Nachher kommt noch irgendein Kollege auf dumme Gedanken…

  6. rettungsdienstblog schreibt:

    Als Kompromiss ist es bei uns so, dass wir die beiden Ampullen mit dem Wulst von nem zerissenen Latex-Handschuhe zusammentüdeln. So kann man die Ampullen wieder voneinander trennen und sie sind trotzdem im Koffer/Rucksack zusammen.

    Gruss
    RDBlog

  7. tofu schreibt:

    Bei Aspirin kommt es ja jetzt nicht auf Sekunden an, daher sollte dem gemeinen Rettungsdienstler doch zuzumuten sein, zwei Ampullen aus dem Koffer zu kramen…

  8. alltagimrettung schreibt:

    Wir fixieren das auch mit nem Gummiband, und es gab noch nie Probleme damit.

  9. Martin schreibt:

    Bei uns wird es auch so gehandhabt, dass die Ampulle mit nem zerlegten Handschuh an die Stechampulle drangebastelt wird. Hält meistens, ab und zu gibts aber immer noch Sauerei im Rucksack.
    Grüße,
    Martin

  10. buchstaeblich schreibt:

    Ist der Hersteller zu dämlich, eine Zweikammer-Verpackung zu entwickeln, die unmittelbar vor Einsatz auf Knopfdruck eine Membran öffnet, und so die beiden Substanzen zusammenführt?

  11. Choga Ramirez schreibt:

    Also ich finde diese Bequemlichkeit nicht gut …

  12. bergretter schreibt:

    In meiner rettungsdienstlichen Heimat nutzen wir Rücksäcke in Modulbauweise.
    Das Medikamentenmodel beinhaltet kleine Schlaufen in die die jeweiligen Ampullen eingesteckt werden können. Schönerweise wurde bei der Beschaffung offenbar sogar soweit gedacht, dass man Aspirin (große dicke Ampulle) und Wässerchen (klein und schmal) direkt nebeneinander einpacken sollte. Daher gibts nebeneinander je 2x große Gummizugschlaufe für Aspirin und daneben 2x kleine Gummizugschlaufe fürs Wasser.
    Tolle Lösung!
    Selbst für Sondergrößen wie zB. das Nitrofläschen gibts passend große Schlaufen. Nix verrutscht. Nix geht kaputt. Alles ist immer am gleichen Platz.
    Gut so!

    • tofu schreibt:

      Und in zwei Jahren, wenn Bayer das Design ändert, freut sich Pax, weil ihr neue Modultaschen kaufen müsst… 😉

  13. bloggaspritze schreibt:

    Ich kenne es auch nur mit einem Gummi. Bei uns bleiben die Glasflächen dran und so wird es auch aufgezogen. Wäre natürlich viel einfacher wenn eine bessere Lösung gefunden würde. Die Methode mit dem Doppeldorn-Schnüffelstück ist hier leider auch unmöglich. Aber auch dies ist wieder eine kleine Tücke des Rettungsdienstes und wir kennen sie alle 🙂

  14. firefox05c schreibt:

    Für meine Kommentar- Abonnenten:
    Achtung!
    Im Nachtrag zum Artikel „Bequemlichkeit vs. Arbeitsschutz“ jetzt die Mail von Bayer zur Frage, ob Aspirin auch mit anderen Flüssigkeiten aufgezogen werden darf!
    (Vorweg: Ja. 😉 )

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