Bandenkriege

„HP im Hinterhof“, stand auf unserer Depesche. An der Zieladresse wurden wir schon winkend vor einem Friseursalon erwartet: „Mein Kollege hier im Salon wollte im Hof eine rauchen. Da hat der den Mann da gefunden, lag da einfach im Hof!“ – Hätte nur noch der Zusatz gefehlt: `Was die Leute alles wegwerfen…‘

Im Hof lag im strömenden Regen ein Mann halb auf dem Weg, halb auf der Rasenfläche. Der Figaro hatte ihm eine Decke übergelegt, unter der der etwa 60jährige Patient so vor sich hin zitterte. Bei näherem Betrachten fanden wir heraus, dass der Herr lediglich Unterhemd, Schlüpper und kaputte Socken trug. Sein Knie und sein Unterarm waren aufgeschürft, er lag mit der Hüfte ziemlich genau auf einer ca. 3cm hochstehenden Rasenkante. Zwar war er bei Bewußtsein, wusste aber nicht, wie er in den Hinterhof gekommen war. Etwas verwirrt, der Herr.

Erst dachte ich an Unterzucker. Bei näherem Hinsehen bekam ich aber den Eindruck, dass etwas anderes passiert war: Im 1. OG stand ein Badezimmer- Fenster offen! Das würde auch erklären, wieso keine Tür zum Hinterhof offenstand und der Mann bei diesem Sauwetter nicht einmal Pantoffeln anhatte. Fenstersturz!

Also forderten wir den Notarzt nach. Während der Kollege noch das weitere Equipment wie Vakuummatratze und Schaufeltrage holte, legte ich ihm eine Cervicalstütze an und untersuchte ihn genauer. Ergebnis: Becken stabil, Brustkorb staibil, die Schmerzen im Lendenwirbel- Bereich seien schon bekannt und würden orthopädisch behandelt, Arme und Beine ganz, Runkel ohne Schäden. Vielleicht Glück gehabt? Wir waren trotzdem vorsichtig. Der Typ war schließlich aus irgendeinem Grund ziemlich durcheinander. Das konnte eine Folge oder auch die Ursache des Sturzes sein, hatte aber vielleicht auch garnichts mit diesem Notfall zu tun.

Während ich also schon mal einen Zugang in eine Vene legte, um eine Infusion anzuschließen, versuchte der Kollege, von anderen Bewohnern des Hauses herauszufinden, ob der Mann auch wirklich hinter dem offenen Fenster wohnte. Schließlich hatten wir bisher lediglich den „Verdacht auf Fenstersturz“. In ähnlicher Lage hatten wir nämlich auch schon mal „Flüchtlinge“ der Psychiatrie oder Übriggebliebene einer Party gefunden!

Langsam regnete mir der Notfallkoffer voll. Es pisste wie aus Eimern, aber ich wagte nicht, den Mann einfach so zu zweit auf die Vakuummatratze umzulagern. Wenn er jetzt doch etwas an der Wirbelsäule oder am Becken hatte?

Als der Notarzt da war, folgten nochmal kurz einige Untersuchungen, während derer der Patient sich auch wieder daran erinnern konnte, in besagtem Haus zu wohnen. Allerdings sagte er aus, er sei aus dem Fenster gestürzt, weil er den Geschossen irgendwelcher bewaffneten Banden ausgewichen sei!? Wir hingegen hörten keine Gewehrsalven oder ähnliches… Nun gut, wenn jemand aus dem Fenster stürzt, kann das Oberstübchen ja auch schon mal etwas durcheinandergewirbelt werden.

Als wir das Guerilla- Opfer mit Vakuummatratze im Auto hatten, untersuchte der Arzt noch einmal eingehender, um zu entscheiden, ob eine „normale“ Klinik zur Weiterbehandlung reichen würde oder doch lieber ein Haus der Maximalversorgung (mit Neurochirurgie usw.) angefahren werden sollte. Der Arzt entschied sich für „das mit den Fähnchen“, da keine Brüche zu finden waren und der Patient keine „neuen“ Schmerzen angab.

Im Krankenhaus kreuzte wieder eine Schwester in der Aufnahme auf, die wohl nur internistische Notfälle kannte: Wir stehen dort, Patient mit Schürfwunden und Halskrause auf der Vakuummatratze festgebunden, und sie grinst uns naiv an: „Schade, jetzt seid ihr schon am Bettenbahnhof vorbeigelaufen! Wartet, ich hole ein Bett…“ – Hatten wir das nicht schon mal?? Heureusement kam der Chirurg gerade um die Ecke, der sofort das Röntgen anordnete. Patient übergeben, wir wieder frei.

3(!) Stunden später klingelt unser Melder erneut: „Verlegung von der ZNA [zentrale Notaufnahme] X- Hospital, Ziel: Schockraum Y-Klinik. Mit NA.“ – Den Namen des Patienten kannte ich irgendwie… 🙂

Im Gipsraum des Krankenhauses lag unser „Fenstersturz“  immernoch mit „Nackenfix“ auf dem Gipstisch. Der diensthabende Chirurg klärte unseren Notarzt über den Untersuchungsbefund auf: Der Gute hatte eine Beckenring- Fraktur vorne, einige angebrochene Rippen und instabile Brüche an der Hals- und Lendenwirbelsäule. Und alles ohne Schmerzen! – Wenn der Typ nicht mal vorher irgendwas genommen hatte… Wegen dieser doch recht umfangreichen Mängel im Patientenzustand sollte er jetzt in eine andere Klinik verlegt werden. Mit Musik, aber vorsichtig. Fahrtzeit etwa 15min.

Auf dem Transport merkte ich, dass der Patient mittlerweile schon erheblich klarer war, als an der Unglücksstelle. Da es mich denn doch interessierte, wie die Sache jetzt genau war, fragte ich ihn nochmals: „Und? Wissen Sie jetzt mittlerweile, wie das passiert ist?“ Etwas genervt, weil ihm anscheinend schon so einige Male diese Frage gestellt wurde, betete er runter: „Mein Name ist Erich Sowieso, bin dann-und-dann geboren, ich wohne in der X- Straße Nummer 27 im 1. Stock, und ich musste immernoch den Geschossen der bewaffneten Banden ausweichen. Dabei bin ich aus dem Fenster gestürzt. – Haben Sie denn von den Bandenkriegen nichts gelesen? Das ist furchtbar, jeden Abend, sogar in meinem Wohnzimmer!“ Nö,“ entgegnete ich etwas irritiert, „da stand nichts in der Zeitung. Die Regierung möchte wohl nicht, dass wir das wissen…“ Zweifelnd daran, ob wir beide in der selben Realität leben, wandte ich mich lieber wieder den Papieren zu.

Nun gut: So klar, wie er die übrigen Fakten kannte, ist die Guerilla- Theorie offensichtlich keine Folge des Sturzes gewesen. Er scheint wohl auch vorher schon – sagen wir mal- ein wenig beschmiert gewesen zu sein…

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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3 Antworten zu Bandenkriege

  1. Choga Ramirez schreibt:

    Was es nicht alles gibt … Aber sehr interessant, was euch so alles in den RTW kommt …

  2. bloggaspritze schreibt:

    Ich weis dass ist jetzt etwas ironisch, aber ich hab das auch des Öfteren bei mir zu Hause und in der Zeitung und im Internet steht auch viel darüber… Nur bei mir ist es der TV und die Programmzeitschrift.
    Vielleicht litt der Patient doch an einer Erkrankung seines Geisteszustandes der nicht ganz so offensichtlich war.
    Liebe Grüße

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