Nachruf an eine Freundin

Es ist soweit: „Treu in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der TÜV uns scheidet.“

Im Jahre 1992 gebaut, fand dieser Kleinwagen im August 2007 zu uns. Betagt war Bella schon, aber ganz gut in Schuss. OK, beim Bremsen bekam man Zerrungen im Oberschenkel, an der Ampel ging sie schon mal aus, und bei jedem Schlagloch hob die Hutablage ab. Auf der Autobahn war bei 130 Schluss. Wobei: Mehr wollten wir dem Mädchen auch nicht mehr zumuten.

Ausflüge in die nähere Umgebung waren aber durchaus drin: Köln, Venlo, Xanten. Und im Stadtverkehr machten wir aus der Not eine Tugend: Weil man so schlecht wieder in Fahrt kam, wenn man einmal gebremst hatte, fuhr ich – sagen wir mal – sehr sportlich durch die erstaunten Dreier- Piloten durch, die unseren Wagemut einfach unterschätzt hatten. Meinen und den unserer tapferen Bella.

Sie ließ auch nicht „jeden ran“: Wer nicht aufpasste, machte Bekanntschaft mit ihrer vollautomatischen Fahrertürverriegelung. Warf man die Tür zu, fiel der Verriegelungsknopf runter und die Tür war verschlossen. Dumm nur, wenn man mal eben nur zu einem Briefkasten huschen wollte, und bei der Rückkehr zu einer friedlich schnurrenden Bella kam – und vor verschlossener Tür stand, während der kleine Feuerwehrmann am Schlüsselbund keck unter dem Lenkrad schaukelte.

Ihre „türkische Klimaanlage“ nutzten wir im Sommer oft: Fenster vorne runter, Ausstellfenster hinten auf. Das Gebläselager hatte übrigens anscheinend einen Heidenspaß daran, einen dann und wann mit einem hohlen Schrei zu erschrecken. So ein Filou.

Die Heizung hatte im Grunde nur zwei Stellungen: Sommer: Aus, Winter: An. Daran leiden wohl viele ihrer Schwestern: Man kann die Heizung vom Armaturenbrett aus zwar öffnen, durch zu weiche Führung des Bowdenzuges musste man aber zum Zurückstellen das Ventil direkt am Lüfter von Hand schließen. Also, vom Motorraum aus. Das hieß: Im Winter war die Heizung im Dauerbetrieb, während man sich in kühlen Sommernächten auch schon mal den Hintern abfrohr, da man keine Lust hatte, nach dem abendlichen Betätigen der Heizung am nächsten Tag dann im Motorraum zu wühlen, um die Heizung wieder zu verschließen. Aber das alles machte unsere Bella auch liebenswert, verlieh ihr Charakter. Nicht so, wie die neuen, seelenlosen Luxuskarossen, die überhaupt keinen eigenen Kopf haben.

Was hatte mein Schatzi sich doch gefreut, als ich Bellas Äußeres mit chromfarbenen Flammen aufhübschte! Und wie lustig die blauen Plüschwürfel baumelten, während man mit Bella über Straßenschäden hüpfte! Auch die bei D&W erstandene Mittelarmlehne war sehr lässig. Marbella mit Mittelarmlehne! Allerdings brauchte man die auch. Denn wenn man ohne Motorlast über eine Bodenwelle fuhr, konnte schon mal der Gang herausspringen. Daher hatte ich auf schlechten Straßen immer lässig den Arm auf die Mittellehne gestützt und den Finger zärtlich um den Schaltknauf gelegt, um dieses zu verhindern. Schön wars.

Jetzt allerdings war es soweit. Während ich Bella vor 2 Jahren noch mit einer Notoperation ( dem Einschweißen von Massen an Blech unter ihren Bauch und dem Einbau einer Spenderbremse) vor dem sicheren Tod retten konnte, fand der Herr vom TÜV in diesem Jahr große Rostschäden an Stellen, die nur sehr aufwändig zu versorgen wären. Das war’s.

Nun wird sie den Weg allen Bleches gehen. Uns fällt es schwer. Und ich bin mir ziemlich sicher: Wenn wir sie beim Verwerter abgeben, wird uns eine Abschiedsträne über die Wange laufen. Und sie wird vielleicht eine kleine Ölträne unter sich lassen.

Unsere Bella.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Nachruf an eine Freundin

  1. Rettungsschnepfe schreibt:

    Neeeeeeiheeeeeein -.-

    Nicht die Bella :-O
    Möge sie in Frieden ruhen, vll. findet sie dort oben im Seathimmel meine Rennsemmel und sie sind nicht mehr alleine 😦

  2. phoenics schreibt:

    Wundervoll geschrieben. Ähnliches habe ich mit meiner kleinen „Erdbeere“ durch, die ich hegte und pflegte, bis auch bei mir der Herr vom TÜV sagte, dass es nicht mehr ginge. Auch ich ließ kleine Tränen zurück als ich meine Erdbeere abgeben musste… schnief…

  3. sst89 schreibt:

    Mein Beileid…
    irgendwann wird mein Clio auch das zeitliche segnen, ich hoffe aber, dass der wenigstens bis zum Ende der Lehre durchhält…

  4. Ich schreibt:

    Wenn Du mal wieder ausschlachten und abschleppen willst, weißt ja an wen Du dich wenden kannst. Hab da übrigends noch nen Skoda….

  5. Wolfram schreibt:

    ach, das ist die SEAT-Variante vom Ur-Panda… ja, das ist schon so ’ne Kiste. Die „Ente“ hat ihr nur zweierlei voraus: das skurrile Aussehen und die Klappfenster. Halt, noch eins: das Rolldach.

  6. Choga Ramirez schreibt:

    Ach ja … Mit solchen alten Autos lernt man noch richtig fahren. Ich erinnere mich gerne an den alten 91er Ibiza, mit dem ich nach der Fahrschule rumgedüst bin, bis er mit 17 Jahren einen kapitalen Getriebeschaden hatte – und der TÜV ging noch ein halbes Jahr.

  7. petrahannover schreibt:

    Wir haben meinen süßen Polo Classic auch erst letzten Freitag verkauft.
    Der hatte auch Charakter, der hat im Winter niemanden herein gelassen, hat einfach alle Türen verbissen zusammengehalten. Mit viel Überredungskunst konnte man Froggy dann überzeugen, wenigstens hinten eine Tür zu öffnen, so daß man dann über die Sitze nach vorne klettern konnte (bei 1,93m war das für meinen Mann nicht wirklich spaßig). Nun hat sich ein Händler erbarmt. Der eine wolltenur 200 Euronen locker machen, dabei hatte Froggy grad mal 85.000 Km runter. Ein anderer schob uns 800 rüber. Die konnten ein Tränchen aber auch nicht zurück halten.
    Aber immerhin darf er im Export weiter leben. Vielleicht in Afrika oder so. Polo goes on Weltreise. Hat doch auch was. 🙂

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