Gefangen im Wurmloch

03.40Uhr. Das Licht geht in der Wache an: „Einsatz für das LF, Sowieso- Straße. HP Tür.“ Aha. Wieder jemand, der seine Tür nicht mehr selbst öffnen kann. Warum auch immer.

Die Wohnung befand sich in einem Gebäude mit sog. Laubengängen, bei dem die Wohnungstüren und ein Fenster an einer Art Balkonflur liegen. Hinter dem Fenster mit heruntergelassenem Rollo klopfte der Bewohner: „Hallo? Ich komme hier nicht raus! Helfen Sie mir! Brechen Sie doch bitte die Tür auf!“Die Rollläden waren laut Aussage der besorgten Nachbarn, die der Herr schon kirre gemacht hatte, elektrisch zu bedienen und somit nicht so einfach hochzuschieben, ohne etwas kaputt zu machen. Also versuchten wir zunächst, die Tür mit einem Öffnungsblech zu bearbeiten, in der Hoffnung, dass das Schloss nur eingeschnappt war. Fehlanzeige.

Koffer mit Werkzeugen für verschiedene Türöffnungsmöglichkeiten

Dann versuchten wir, den Schließzylinder herauszuziehen. Doch der Zylinder war so – äh- preisbewußt gewählt worden, dass sich zunächst der komplette Zylinder herausbewegte (wie beabsichtigt), dann überlegte er es sich jedoch kurz vor dem Herausbrechen anders, der Zylinderkern schwächelte, brach ohne Zylinder heraus, und wir bekamen die Tür immernoch nicht auf: Kern weg, Zylinder verbogen, Schloß klemmt. Mist… „Hallo? Können Sie mich hier rausholen? Bitte!“

Da das Türblatt aber sehr stabil war (durch die Wand wäre man mit der Hilti wohl schneller gekommen), entschieden wir uns dafür, das Kunststoffrollo mit ein wenig feuerwehrtechnischer Überzeugungsarbeit (nicht- Löschis sagen auch gerne: Gewalt…) gegen die Mechanik zu drücken, bis die Ingenieurskunst vermutlich asiatischen Ursprungs das Zeitliche segnete.

Das Bild, dass sich uns dann bot, erinnerte mich irgendwie an die Muppet- Show. Oder an einen Verkaufsschalter: Rollo geht hoch, dahinter das geöffnete Fenster des dunklen Badezimmers, vor dem ein dickbäuchiger Mann im Schlafanzug steht. In einer Badewanne. Augenscheinlich zumindest physisch gesund. „Zwei Snickers und ein Feuerwehr- Magazin, bitte!“ , konnte ich mir gerade noch so verkneifen.

Der immernoch regungslos in der Wanne stehende Mann war heilfroh: „Stellen Sie sich vor, ich gehe auf Toilette, und komme auf einmal nicht mehr heraus! Die Tür ist weg! Helfen Sie mir bitte raus!- Wo bin ich eigentlich?“ – „In Ihrer Wohnung, im Bad.“ – „Und wo steht das Haus?“ Ok, der hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank. Zumindest nicht in der richtigen Reihenfolge, das war uns jetzt klar.

Ich schob ihn sanft beiseite, stieg durchs Fenster zu ihm in die Wanne (  😉  ), um dann zu sehen, ob die Badtür vielleicht abgeschlossen war. War sie nicht. Ich ging zur Wohnungstür. Abgeschlossen. Die Kollegen vom Rettungsdienst waren ebenfalls durchs Fenster gestiegen und hatten den verwirrten Herren dazu bewegt, aus der Wanne zu klettern (war ja eh‘ kein Wasser drin) und ins Wohnzimmer zu gehen. Dort lag dann auch der Wohnungsschlüssel, und die innere Schlosshälfte funktionierte zum Glück noch.

Beim weiteren Interview des Badewannenokkupanten kam dann heraus, dass er im Dunkeln auf die Toilette gegangen war. Durch die Tür geradeaus zur Schüssel. Aber während der Verrichtung seiner geschäftlichen Aktivitäten im dunklen Porzellanzimmer machte er wohl plötzlich einen Zeitsprung in das Jahr 1981 („Gniiiiih!“ – Puff! 1981…). Und als er dann vom Bello aufstand, wähnte er sich in seinem vorherigen Wohnsitz, in dem er sich von der Brüllkeramik aus nach links wenden musste, um die Toilettentür zu erreichen. Hier befand sich aber in der Wohnung, die er jetzt im Jahre 2011 bewohnt, nur das Fenster mit der Badewanne davor und dem heruntergelassenen Rollo dahinter. Verzwickte Situation. Gefangen im Wurmloch. Da er jetzt in Panik verfiel, war seine einzige Idee zur Lösung des Fehlers in seiner Lebensmatrix, in der Wanne stehend gegen das Rollo zu trommeln und die Nachbarn nachts um drei galore zu machen. Die riefen die Polizei, und die rief uns.

Übrigens: Am Wohnungsschlüsselbund befand sich auch ein Autoschlüssel. Ich hoffe ja, dass ich ihm nicht irgendwann begegne, wenn er sich beim Autofahren plötzlich wieder in seinem England- Urlaub wähnt und nach links rüberzieht…

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Gefangen im Wurmloch

  1. petrahannover schreibt:

    *brüll*
    Oh je, mir laufen schon fast die Tränen vor lauter lachen.
    Einfach nur herrlich.
    Versuch mir das grad vorzustellen, er und Du gemeinsam in der Wanne, beide mit leicht schrägem Gesichtsausdruck. Ich hoffe wenigstens, daß er noch so lichte im Kopp war, daß er die Spülung rechtzeitig vor Euerm eintreffen betätigt hat, oder hat er die Strippe zum Ziehen nicht gefunden, weil er ja jetzt nen Drücker hat? 😉

  2. uppss….sowas ähnliches hatte ich auch..nur das wirklich der schlüssel zur Wohnungstür fehlte. Was ist denn aus ihm geworden?

  3. mercator schreibt:

    Ich habe mich mal in meinem Bett verirrt.

    Mit 5 Jahren. Stockdunkel, in der Bettdecke verwickelt und irgendwie komisch gegen das Fußende gedrückt. Meine Mami hat (dann die Feuerwehr geholt) mich gerettet! ;-D

    Heute mit ca. 50 erinnere ich mich immer noch recht gut daran…

  4. leckermojito schreibt:

    ich hau mich weg. Echt super lustig geschrieben!

  5. Jasmin schreibt:

    Der arme Mann hat mein vollstes Mitgefühl.
    Unsere Katzen haben uns einmal im Schlafzimmer eingesperrt (klingt komisch, ist aber so), Haustürschlüssel steckte von innen. Retten konnte uns nur die Polizei, da sich weder Kleiderbügel noch Bindfaden zu unserer eigenen Rettung eigneten.
    Ein Zeitsprung wäre eine gute Ausrede gewesen, um dieser peinlichen Situation zu entkommen. Leider war ich zu dem Zeitpunkt schrecklich unkreativ.

  6. MadDog schreibt:

    Mir gefällt die Stelle mit den Snickers und dem Feuerwehrmagazin am besten 🙂

  7. Anna schreibt:

    „entschieden wir uns dafür, das Kunststoffrollo mit ein wenig feuerwehrtechnischer Überzeugungsarbeit (nicht- Löschis sagen auch gerne: Gewalt…) gegen die Mechanik zu drücken, bis die Ingenieurskunst vermutlich asiatischen Ursprungs das Zeitliche segnete.“ 😀
    Es hat bestimmt nicht lange gedauert, bis ‚die Mechanik das Zeitliche segnete‘ oder 😉

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