Wenn es soweit ist…

Oft erscheint auf unserem Piepser- Display „HP Straße“, also ausgeschrieben „hilflose Person auf Straße“. Dieses – sagen wir mal – Verzweiflungsstichwort schreibt der Leitstellendisponent häufig, wenn er aus der Notrufmeldung trotz Nachfragen nicht richtig schlau wird. Zum Beispiel, wenn der Anrufer bloß „im Vorbeifahren“ irgendwas gesehen hat. Noch öfter ist dieses Stichwort allerdings eine Umschreibung für jemanden, der es für eine tolle Idee hält, seinen Rausch auf dem Gehweg, in einer Bushaltestelle oder in einem fremden Hauseingang auszuschlafen.

Wobei die Umsetzung dieses grandiosen Einfalles völlig unabhängig von der Tages- oder Nachtzeit passiert. Meistens wird dann ein Rettungswagen ohne Notarzt geschickt. Oft genug stoßen wir den Schläfer an, klären ihn darüber auf, dass es so kalt ist, weil er auf der Straße liegt, und dass es keine gute Idee ist, hier zu schlafen. Der Mensch geht dann häufig nach Hause. Mehr oder weniger direkt. Manchmal sieht es auch so aus, als wolle er permanent wissen, wie breit der Gehweg ist…

So rappelte es auch dieses mal an unserer Buchse, als wir beim Frühstück in der Krankenhauskantine saßen. „Boh, ey, wie kann man morgens um diese Zeit schon so hackedicht sein!“ , entfuhr es dem Kollegen. Also das Brötchen halb aufgegessen liegen gelassen, sich vom Kaffee nochmal verabschiedet, und los. Könnte ja auch einer der wenigen Fälle sein, wo wirklich jemand Hilfe braucht.

Beim Eintreffen an der Einsatzstelle, die ganz in der Nähe war, stand ein älterer Mann an eine Mauer gelehnt, eine lederne Aktentasche neben sich. Wir stiegen aus und gingen zu ihm hin. Beim Näherkommen hörte ich schon, dass er am japsen war wie ein Maikäfer. Und eigentlich sah er so aus, als wäre er schon ein paar Stunden tot. Also doch kein einfacher Bachus- Verehrer!

„Hallo! – Haben Sie Asthma?“ – Naja, eigentlich eine blöde Frage, da das typische Pfeifen beim Ausatmen nicht zu hören war. „Nein“ bekam der Herr raus. „Vor Jahren mal was gehabt, aber seit dem nicht wieder!“ Der Kollege holte schon mal die Trage, da klar war, dass dieser Patient nicht mehr fähig war, selbst zu laufen. „Haben Sie Schmerzen in der Brust? Nehmen Sie irgendwelche Medikamente?“ Er gab an, zwar jetzt keine Schmerzen, aber vor einem Jahr schon mal einen Infarkt gehabt zu haben. Na, mir schwante Böses…

Jetzt musste ich mich schnell entscheiden. Leichenblaß, die Lippen blau, kalter Schweiß: Der Zustand des Patienten war eindeutig eine Situation für den Notarzt. Wenn wir den nachforderten, würde es inclusive Alarmierung aber etwa 8-10 Minuten dauern, bis er abgeholt war und bei uns einträfe. Wir hingegen standen etwa 2 Minuten vom zuständigen Krankenhaus entfernt, wo hoffentlich eine aufnehmende Ärztin wartete. Die uns aber womöglich „einen einschüttet“, weil wir so einen Patienten ohne Arzt transportieren.  Da ich aber der Meinung war, dass der Herr möglichst schnell einen Arzt sehen sollte, ging ich das Risiko, dass dem Herren in unserem Auto schon vor dem Eintreffen plötzlich die Hauptsicherung durchbrannte, oder dass die überaschte Ambulanzärztin verärgert ist, ein. Hier vor Ort gab es für uns jedenfalls nichts sinnvolles „zu spielen“, soviel war klar. Wir packten den Mann in den Pflasterlaster, und während der Kollege losfuhr, setzte ich dem Patienten noch eine Sauerstoffmaske auf und klemmte ihm das Pulsoxymeter an den Finger. Für mehr blieb keine Zeit.

Gedanken rasten mir durch den Kopf. Was, wenn die aufnehmende Ärztin gerade unterwegs ist? Oder wenn sie, ohne den Patienten zu sehen, entscheidet, erst einen anderen Notfall zuende zu behandeln?  – Dann würde ich ohne abzuwarten den Notarzt, der im Haus war, von der Leitstelle in die Ambulanz kommen lassen. Der wäre in maximal zwei Minuten in der Ambulanz, in maximal 60 Minuten wäre ich dann beim Chef. Um mit ihm und dem Verantwortlichen des Krankenhauses kreativ zu erörtern, ob es ein Problem in der Krankenhaus- Personalpolitik, oder – da ich das kleinste Licht dabei bin – ehr ein Problem in meinem Selbstverständnis gibt, wenn ich quasi an der Aufnahmeärztin vorbei nach 30 Sekunden Wartezeit einen Notarzt in die Ambulanz rufe.  (das hat glaube ich noch keiner gebracht…) Aber es erschien mir immernoch als die sinnvollste Idee, da es dem Mann wirklich nicht gut ging. Und wenn er mir auf dem Transport verstarb? Weil / obwohl / trotzdem ich entschieden habe, keinen Arzt zu alarmieren?

Ich bereitete noch den Beatmungsrucksack vor, damit unser Mann auch auf dem Weg vom Auto in die Notaufnahme noch mit Sauerstoff versorgt wird, und einen Moment später waren wir schon da. Um uns voranzukündigen, war auf der kurzen Fahrt keine Zeit geblieben. Man weiß ja, wie lange es dauern kann, wenn man erst von der Pforte (ich glaube ja, der Ruf wird dem Pförtner erst nach dem zehnten Klingeln überhaupt angezeigt) mit dem zuständigen Arzt verbunden wird.

„Können wir mal ganz fix einen Arzt haben?“ Glücklicherweise deutete die Ambulanzschwester meine etwas gestresste Mine richtig und lief zur Ärztin, die nicht nur in der ZNA war, sondern auch sofort reagierte und alles andere liegen ließ. Ich übergab den Patienten mit dem Hinweis, dass er bereits schon einmal einen Infarkt hatte. Das reichte ihr auch schon…

Jetzt fand ich erst die Zeit, in einem Behandlungszimmer das Rettungsdienst- Protokoll zu schreiben, das wir ja eigentlich bereits mit dem Patienten zusammen abgeben sollten. Da wir alle natürlich noch keine Personalien hatten, schauten wir in der Aktenmappe des Mannes nach. Vielleicht fanden sich dort auch irgendwelche Medikamente, die Rückschlüsse auf seine Krankheiten gaben? Dort fanden wir zumindest einen Brief mit der Adresse, wo wir den Senior gefunden hatten. „Dann wird er das wohl sein…“ Als ich die Personalien abgeschrieben und auch der Schwester gegeben hatte, ging ich wieder auf den Flur – und stellte fest, dass der Patient schon zur Intensivstation gebracht worden war!

Etwa 20 Minuten später klingelte in unserer Unterkunft das Telefon. „Schwester Ramona hier, Intensiv. Der Herr, den ihr gerade gebracht habt, hieß ganz anders. Wir haben Aufkleber [mit den Personalien] hier oben. Kannst dir gleich welche abholen!“ Also tiegerte ich zur Intensivstation.

Auf dem Weg zum Thresen kam ich an dem Zimmer vorbei, in dem unser Herr „behandelt“ wurde: Er war bereits Intubiert, Eine Ärztin drückte auf ihm herum, wärend ein anderer sich gerade vom letzten Reanimations- Zyklus erholte. Der Oberarzt stand abwartend an der Fensterbank, Pfleger zogen Medikamente auf. Eine Schwester sah mich und nickte mir zunächst zu, um danach den Kopf zu schütteln. Nonverbale Kommunikation: ‚Ja, es ist „euer“ Patient. Nein, das wird nichts mehr…‘

Etwas betreten fummelte ich mir die Personalien- Aufkleber von der Patientenakte. Hatte ich vielleicht etwas falsch gemacht? Eine Chance versaut? – Ich glaube nicht.

Der Mann, mit dem ich ein paar Minuten vorher noch sprach, dem ich auf die Trage half, dessen persönliche Gegenstände ich durchsucht hatte, für den ich das bisschen, was ich tun konnte, getan habe,

der Mann ist etwas später tot.

Was soll ich sagen: Wir hatten uns echt beeilt, inclusive Anfahrt und Transport ins Krankenhaus hat es vielleicht 10 Minuten nach der Alarmierung in Anspruch genommen, bis eine Ärztin sich um ihn kümmern konnte. Aber auch, wenn er im Krankenhaus schnell und lebend ankam und dort alle Möglichkeiten vorhanden sind:

Wenn die Zeit gekommen ist, ist sie da. Da machst du nichts. Trotz allem.

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8 Antworten zu Wenn es soweit ist…

  1. Wolfram schreibt:

    „Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte?“ Steht schon in der Bibel…
    Das ist kein Fatalismus, aber wenn der Ruf kommt, kommt er, und man geht.

  2. Egal wie schnell und gut wir manchmal sind, es bringt nichts. Und ich würde genau so handeln wie du, denn das bin ich meiner Meinung meinem Patient schuldig, auch wenn es danach Stunk geben sollte.

    • firefox05c schreibt:

      Es gab kein kritisches Wort, die Ärztin war entweder meiner Meinung, oder hatte „besseres“ zu tun. Nämlich den Patienten zu retten.

  3. rettungsteddySkinsept schreibt:

    Gut gehandelt. Würde es nicht anders machen und mich auch mit den Argumenten vor jedem Arzt oder Chef rechtfertigen wie du sie vorgebracht hast.
    Manchmal ist die Zeit einfach gekommen und dann können wir nichts mehr machen.

  4. dadreloaded schreibt:

    Ich glaube Du hast Dir nichts vor zu werfen. Das dumme bei solchen Sachen ist manchmal nur, dass andere sich Stunden, Tage oder Wochen Gedanken dazu machen, ob Du innerhalb von Sekunden die richtige Entscheidung getroffen hast.

    • firefox05c schreibt:

      Zweifel habe ich nicht mehr. Nur direkt nach so einem Einsatz sollte man natürlich einen Moment darüber nachdenken, ob man beim nächsten Mal vielleicht etwas anders macht. Das gilt besonders für Einsätze, bei denen man vom „Standart“ abweicht.

  5. BRC_MEDIC schreibt:

    Haette auch so gehandelt – wird auch so gedeckt/akzeptiert. Wenn MI diagnostiziert und das KH naeher ist als ein Warten auf den Paramedic wird „Scoop&Run“ praktiziert. Im KH hat man innerhalb von 20Minuten den Ballon drin (Gluecklicherweise ist hier in meiner Wahlheimatstadt das Cardio-Center der Region).
    Aber das manchmal trotz aller Hilfe nix mehr geht, ist eben Leben. Ist so, wird immer so sein.

  6. mellesworld schreibt:

    Die medizinische Sicht kann ich als Laie nicht beurteilen, aber aus rein menschlicher Sicht hast du alles richtig gemacht! So hatte der Mann die letzten Minuten seines Lebens noch das Gefühl, dass ihm jemand helfen will und musste nicht am RTW auf einen Notarzt warten.

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