Wie man „Flotten Hans“ politisiert

Menschen, die alles irgendwie für ihre Zwecke zurechtreden können, nennt man „Spin Doktoren“: Sie geben allem, was passiert, den richtigen „Spin“, um z.B. die Position ihrer Anliegen gut dastehen zu lassen. Gibt es in einer Chemiefirma z.B. einen Unfall, bei dem Stoffe entweichen, die die Umgebung gefährden, ist das kein Unglück, weil rundherum die Ernte untergepflügt und Spielplätze gesperrt werden müssen, sondern großes Glück und ein Beweis für das umfangreiche, freiwillige Krisenmanagement und die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften, die hervorragend funktioniert haben: Wir wären ja sonst alle tot gewesen! Boh, sind wir gut!

Einen ähnlichen Versuch  „im Kleinen“, einen „Zwischenfall“ für die Politik zu nutzen, durfte ich auch schon erleben, und zwar bei der Bahn.

Die Meldung unserer Leitstelle war etwas ungewöhnlich: „NOT, Bahnhof X, Gleis 4, HP intern, Kreislauf Zugführer.“ Da kann man ja von Glück sagen, dass nichts passiert ist! („HP intern“ heißt ausgeschrieben „hilflose Person, internistischer Notfall“)

Am Bahnhof angekommen, stürmten wir mit Notarzt und 4 Rettungsmenschen den Bahnsteig. An dem kein Zug stand. Auf Nachfrage meinte ein Bediensteter mit Mütze, der Zug würde in etwa 5 Minuten einfahren. Der Ersatzmann sei unterwegs und der Zug wäre auch schon auf dieses Kopfgleis umgeleitet worden, um die reguläre Strecke nicht zu blockieren. Oh Gott, wer fährt denn dann jetzt?? So saßen wir denn dann mit den übrigen Reisenden auf unseren Koffern und Rucksäcken und warteten etwas verwirrt. Für Gewöhnlich ist der Notfallpatient ja schließlich schon vor uns am Einsatzort! So schnell waren wir noch nie! 😉

Der Zug rollte ein, krachte entgegen unserer Befürchtungen nicht führerlos gegen die Puffer am Ende des Gleises, das Fenster am Triebwagen ging auf, und unser „Patient“ schaute uns etwas verärgert entgegen: „Mann, so ein Bohei! Die sind doch total bescheuert! Ich brauche keinen Arzt!“

Er öffnete uns die Tür „Jaaa! Ich darf in eine Lok! *jubel*“, wir betraten (soweit Platz für uns war) den Fahrerstand und ließen uns aufklären:

Der Fahrer hatte in seinem Dienst wohl ein Problem bekommen: Magengrimmen, vermutlich durch einen Magen- Darm- Virus. Dieses war auch Verbunden mit Diarrhoe, dem sog. „flotten Hans“. Nebenwirkung: An fast jedem Bahnhof platzte ihm fast der Hintern. Er musste dann also zur Toilette sprinten, schnell die Schüssel ausgießen und wieder zurück, um keine große Verspätung aufkommen zu lassen. Zusätzlich geht es einem mit den übrigen Äußerungen einer solchen Erkrankung auch nicht all zu gut: leichtes Fieber und Gliederschmerzen. Also funkte er die Leitstelle an, dass er gerne ausgetauscht werden wollte, weil er krank war und so natürlich nicht arbeiten könne, wenn er an fast jedem Bahnhof einen Zwischensprint zum Porzellanzimmer machen müsse.

„Aber in der Leitwarte ist heute auch der Kollege XxY, der ist bei der Gewerkschaft. Der hat wohl nur ‚krank‘ gehört, und weil im Moment ja die Verhandlungen über Tarife und Arbeitszeit laufen, will er dass wohl ausschlachten, der Vogel! Ich habe denen mehrfach gesagt, dass ich keinen Notarzt hier brauche, weil die schon so komisch gefragt haben! Ich habe doch bloß einen ‚Flotten‘ und will einfach nur zum Hausarzt und dann nach Hause. Idioten, die!“

Ach, so läuft der Hase! Dann wird also bei der nächsten Verhandlung wohl vorgebracht, dass man ja unbedingt die Schichten verkürzen (oder vielleicht auch nur besser entgelten) muss, weil die „Kollegen schon bis zum Umfallen arbeiten und aufgrund der hohen Belastung erkranken, ja, neulich musste sogar ein Kollege mit dem Notarzt vom Dienst geholt werden, und in so einem Zustand wollte musste der arbeiten!“ Sicher, ich höre die Politiker direkt schon. Insofern ist der Dünnpfiff eines Zugführers wohl ein gefundenes Fressen für die Gewerkschaft: Amtlich nachweisbare Verspätung, natürlich bestimmt durch Stresserkrankung. Besser geht es nicht.

Allerdings ging die Rechnung nur zum Teil auf: Wir wurden zwar auf den Plan gerufen, aber haben nicht einmal den Koffer aufgemacht. Wir sind nach der kurzen Aufklärung kopfschüttelnd und mit einem Gefühl des „ausgenutzt-werdens“ wieder abgerückt, der Zugfahrer ging dann doch selbst nach hause (wie schade…).

Mich hätte ja noch interessiert, ob dieser Fall tatsächlich in den Verhandlungen oder z.B. bei Demos in der Öffentlichkeit herhalten musste, oder ob der Aktionist aus der Leitwarte vorher von einem Vorgeordneten ausgebremst wurde. Aber das ist das Manko bei Feuerwehr und Rettungsdienst: Für gewöhnlich erfährt man nicht, was aus solchen Sachen wird. Schade eigentlich.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Wie man „Flotten Hans“ politisiert

  1. Was mich bei sowas ja am meisten aufregt: Man heizt mit Sosi durch die Stadt, fährt sich möglicherweise halbtot und wofür: Nüsse!
    Ich glaube das ist den Leuten gar nicht bewusst!?

  2. Mr. Gaunt schreibt:

    Ich weiss gar nicht was ihr wollt: „Kreislauf“ hat doch gepasst: Klo-Führerstand-Klo-Führerstand-Klo usw. 😉

  3. Wolfram schreibt:

    Kleine Anmerkung: wenn der ZUGführer tot umfällt, ist niemand in Gefahr, weil der Zugführer nur die Verantwortung trägt. Wenn der LOKführer, zeitweilig hieß der auch mal Triebfahrzeugführer, tot umfällt, ist das prinzipiell schon schlechter, wird allerdings durch die Sicherheitstechnik aufgefangen: binnen 60 Sekunden wird eine Notbremsung eingeleitet.

    Anders gesagt, der Lokführer ist für die Lok verantwortlich und der Zugführer für alles, was hinten dranhängt. Und wenn der Zugführer pfeift, muß der Lokführer fahren.

    Wird aber gern mal verwechselt, selbst von DB-Pressesprechern.

    • firefox05c schreibt:

      Dann war es definitiv der LOKführer. Und obwohl es mir immer etwas seltsam aufstößt, wenn ich den Begriff „Fahrzeug- / Lok- / LKW-Führer“ höre (der Führer ist tot, Berlin ist gefallen…), wäre „Fahrer“ hier wohl völlig falsch… 🙂
      Ich stelle mir das übrigens sauschwer vor, bei Tempo 130 immer genau auf den Schienen zu fahren!

    • THWichtel (und ex-Bahner) schreibt:

      Hey, um die Verwirrung noch größer zu machen: Es gibt auch noch so (Eisenbahn-)Züge, die sind recht klein und kurz, da ist dann nur eine Person drauf beschäftigt. In diesem Fall ist dann eine Personalunion: Triebfahrzeugführer und Zugführer sind dann ein und die selbe Person. Wenn dann der Zugführer umfällt ist der Triebfahrzeugführer mit kaputt 😉

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