Die Mikrowelle

…oder: Einem geschenkten Barsch…

Das Handy klingelt. Am Klingeln höre ich schon, dass es mein Schatzi ist: Sie war mit ihrem freiwilligen Löschzug „mal Klamotten organisieren“. Und das heißt in diesem Falle: Über Beziehungen durften sie eine kürzlich geschlossene Kneipe ausräumen. Und die Feuerwehr kann ja immer sowas wie Bestuhlung, Theke und Küchengeräte gebrauchen.

Jetzt ruft sie ja nicht nur an, wenn sie mir etwas wichtiges mitteilen oder auch nur meine gar liebliche Stimme mal hören möchte, sondern auch schon mal dann, wenn sie vor der Tür steht und zu faul ist, den Schlüssel aus den gefährlichen Untiefen ihres Drecksacks ihrer Handtasche zu wühlen: Ich darf dann also laufen, damit „Madame“ nicht an den Damenbeutel muss, und ihr die Tür öffnen. Dementsprechend begeistert ging ich an den Quasselknochen (Gegen ein Smartphone wehre ich mich ja noch aus Kostengründen. Aber seit dem ich ein modernes Handy ohne Kurbel und Wählscheibe habe, komme ich vom Komfort her ja auch so ganz gut klar!), und war doch etwas erstaunt, nicht bloß öffnen zu sollen: „Kannst du mal runterkommen und was rauftragen? Und bring ein altes Tuch mit!“ – Wattennu? Ich lief also mit Lappen bewaffnet die schier endlose Stiege (3 Geschosse…) hinab. „Ich habe da was im Kofferraum.“ – „Was denn?“ Einen Hund? Ein Baby?  Oder sogar Schokolade? „Eine Mikrowelle!“ Triumphierend schaute sie mich an. Ich indes war nicht so begeistert, wie sie erwartet hatte: „Wie? Mikrowelle? Aber wir haben doch eine, und die ist doch noch gut!“ – „Ja, aber diese hier hat auch eine 30-Sekunden- Funktion…“ – „Unsere kann ich auch so kurz einstellen.“ – „…und sie kann Grillen…“ – „Wir haben auch einen tollen Ofen, weißt du?“ – „… und man kann alles einstellen!“ Ich habe mich vor Freude offensichtlich fast nass gemacht. „Was? Auch noch viele Knöppe? Unsere hat 2 Tasten und 2 Drehschalter, die reichen doch völlig! – Hast du überhaupt eine Bedienungsanleitung mitbekommen?“ Sie bekam langsam etwas Frust.  „Mann, jetzt trag das Ding doch einfach nur rauf!“

Ich schützte mich also notdürftig mit dem Tuch vor dem Bauch und trug das Objekt ihrer Begierde schimpfend die Treppe rauf. Ich war irgendwie noch nicht so überzeugt: „Unsere alte ist doch noch gut! Und ich darf sie dann entsorgen… und wie das Ding aussieht… viel zu kompliziert…bestimmt viel Strom… Grillen, so’n Mumpitz…“ schimpfte ich vor mich hin. Mausi trottete etwas genervt hinter mir her. „Ey, iss‘ gut jetzt, ja?“

In der Küche angekommen, war ihr schon klar, dass sie in Sachen Promotion wohl noch den „Spin Doctor“ spielen muss. Sie fing also an, die ersten Schichten vom Küchenfett abzuspachteln, wärend sie mir den Resteboiler weiter anpries. „Da kann man auch Toast Hawaii drin!“ – „Da werden wir aber nicht beide von satt…“ – „Aber wenn ich mal alleine bin!“ – „Vielleicht, wenn du nochmal sowas anschleppst, dann bist du alleine…“

Jetzt spielte sie ihre letzte Trumpfkarte: Schnee von gestern. Frauen haben nämlich für manche Sachen ein Gedächnis, wovon Männer nur träumen. Oder keine Resourcen verschwenden, wie man es eben sehen möchte: Kann sich ein Mann auch nach Jahren noch an das Endspiel der vorvorletzten WM genau erinnern und wer auf welcher Position gespielt hat (also geschichtsrelevante Daten dieses unseres Vaterlandes), kramt die Frau bei Bedarf Sachen aus der Denkmurmel, die „Mann“ nach zwei Minuten schon in den mentalen Rundordner entsorgt hätte. „Aber wenn DU mal was mitbringst! Dann ist das toll, oder was?“ Ich überlegte krampfhaft, was sie wohl meinte. Die Rotaugen vom Angeln? Die Zeitung aus dem Briefkasten? Oder den Nachbarn zum Essen? „Na, das Funkgerät!“ – „Was für ein Funkgerät??“  – „Na, wie du vom Dienst gekommen bist, das, was du aus dem Schrott gezogen hast, und was dann jahrelang im Keller rumlag!“ Ah ja. Also das, was ich vor fünf Jahren beim Umzug wieder entsorgt hatte. Vor!!! 5!!! Jahren!!! Und noch fünf Jahre vorher hatte ich tatsächlich dieses Gerät mitgebracht. Ein Funkgerät aus den frühen 70ern, in der Hoffnung, dass es noch funktionierte. Aber der Beamte in der Funkwerkstatt war ein Spielverderber: Statt mir den Triumph zu gönnen, eine funktionsfähige Antiquität mein Eigen nennen zu dürfen, um damit anzugeben, schraubte er den Klotz auf, wemste zwei mal mit einem Hammer auf die Platine, und schraubte es ordentlich wieder zu. Um mich zu verarschen! Das konnte ich von außen natürlich nicht sehen. So. Und diese Episode von vor der Kubakriese, ach was sag ich, vor dem ersten Krieg, rieb sie mir jetzt unter die Nase. Frauen sind so. Machste nix.

Währenddessen spachtelte sie weiter an der Fettschicht rum, zog nach und nach alle Register, Küchenchemikalien und Putztücher, um dieses klebrige Zeug (in einer Kneipenküche fällt so einiges an Fett an!) zu entfernen. Was ihr irgendwann auch ansatzweise gelang.

Als sie keine Lust mehr hatte, stellte sie die Mikrowelle an die Seite. Beim Abendessen redete sie mir weiter ein, was das asiatische Wunderwerk der Küche alles ermöglichen würde. Naja, immerhin fing ich langsam an, wieder ohne Tüte zu atmen. Ja gut, und entschuldigt habe ich mich dann auch noch.

Am nächsten Tag verabschiedete sie sich zum Nagelstudio. Für mich Gelegenheit, mir den Kasten mal genauer anzusehen. Und die letzten Reste Fettschicht zu entfernen, unter anderem auch an den Grillröhren im Garraum: Die hatte mein hamsterndes Mausi nämlich vergessen. Als ich soweit damit durch war, dachte ich mir, dass es vielleicht am einfachsten sei, die Reste auf den Grillröhren einfach wegzubrennen. Hitze reinigt ja auch. Also den Grill angeschaltet und geschaut, ob die Röhren überhaupt anfangen, zu glühen.

Und es glühte. Anfangs konnte ich das sogar sehen. Doch dann setzte eine Rauchentwicklung ein, die seinesgleichen suchte: Aus allen Knopflöchern blies ein nach Fett stinkender Dunstschleier in meine Küche! Also sofort wieder ausgeschaltet. Wattnu?

Nun ja, immerhin funktionierte der Kasten. Wegschmeißen war also nicht indiziert. Allerdings hatten die Kneipenbetreiber wohl nie den Grill benutzt, sondern nur die Röhren mit aufgewärmter Hühnersuppe bespritzt. Und diese Schicht hatte sich auch in die Ecken verzogen, an die ich nicht zum Putzen herankam.Wegbrennen schien also (zumindest für mich als Feuerwehr- Pragmatiker) trotzdem noch die einfachste Lösung zu sein. Also: Fenster auf, geschaut, ob unten alles frei ist, um den Ofen im Notfall über 3 Stockwerke in den Garten der Nachbarin zu befördern. Und für den ersten Löschversuch einen Eimer Wasser bereitgestellt.

Todesmutig stellte ich die Mikrowelle wieder an. Und nebelte mir die Küche zu. Innerhalb kürzester Zeit roch die Küche wie ein Imbiss- Mülleimer! Aber da mussten wir jetzt durch, die Mikrowelle und ich! Seitlich und oben qualmte es heftig, im Garraum konnte man gerade noch erkennen, dass Licht an war, die Fliegen fielen von der Wand, und ich tastete mich zum Fenster vor, um im Notfall den erschrockenen Nachbarn zuzurufen, dass bei mir alles in Ordnung sei. Trotz Rauchfahne. Tatsächlich hörte die Rauchentwicklung nach etwa 3 Minuten wieder auf (wobei diese drei Minuten verdammt lange dauerten!), und bei näherer Betrachtung waren die Grillröhren freigebrannt. Erfolg! – Geht doch!

So. Und jetzt, nachdem ich den Apparat so intim geputzt und zusammen mit ihm fast an einer Rauchvergiftung gestorben war, hatte ich auch schon eine Art Verhältnis zu ihm aufgebaut.

Jetzt musste nur noch eine Bedienungsanleitung her. Nachdem ich im Internet eine gefunden und ausgedruckt hatte, konnte ich mich noch weiter mit dem Restewärmer anfreunden: Angeblich kann man da auch Fisch drin grillen! Als Mausi vom Nagelstudio (das hatte ich früher übrigens immer für ein Synonym für „Bordell“ gehalten. Stimmt aber garnicht!) wiederkam, meinte sie noch, dass wir dann ja jetzt auch im Winter vielleicht mal was grillen könnten. Aber dafür bin ich dann doch nicht zu begeistern: So „richtig“ grillt man ja nicht elektrisch von oben, sondern nur mit Kohle von unten! Also lieber wie letztes Jahr: Küchenfenster auf, Holzkohlegrill davor, und schön vom Tisch aus die Phosphatstäbchen wenden. Weil Männer tun so. *grunz!*

Na, vielleicht mache ich mir ja doch mal so ein Toast Hawaii. Jetzt, wo wir das Ding schon mal haben. Aber nur, wenn Mausi nicht guckt.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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4 Antworten zu Die Mikrowelle

  1. Wie man aus Müll Gold macht und darum beneide ich dich ein bisschen 🙂 Wie immer sehr schön geschrieben 🙂

  2. Thomas schreibt:

    § 1: Die Liebste hat immer Recht …

  3. Anna schreibt:

    und § 2: Wenn dem mal nicht so ist, tritt automatisch § 1 in Kraft 😉

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