„Für eine handvoll Dollar“ …

Immer für Sie da

…hieß vor ein paar Donnerstagen mal ein Film. Und dieser Titel fiel mir wieder ein, nachdem ich eine Nacht mit dem Pflasterlaster unterwegs war, die sich eigentlich so überhaupt nicht gelohnt hat – außer dafür, dass ich meine „handvoll Dollar“ dafür bekomme.

Anfangs fing die Schicht damit an, dass erst mal garnichts anfing. Also, nach dem mittäglichen Fahrzeugcheck und einer Besorgung auf der Hauptwache (weil die Kollegen so nett waren, uns ein defektes Gerät zu übergeben) war erst einmal nichts los. Bis wir dann um 00.00 Uhr, also so etwa gegen Mitternacht, beschlossen, uns zur Ruhe zu begeben (Ruhen = ein regloser, energiesparender Zustand in ständiger Aufmerksamkeit und Bereitschaft).

Die Ruhe endete dann gegen halb Zwei: „Hypoglykämie, BZ 33, Anrufer: JUH“, was soviel hieß, dass der Hausnotrufdienst des Herrn Johann Nieter anscheinend im Zuge seines Einsatzes bei jemandem war, der nur einen Blutzuckerwert von 33 hatte. Normal wäre um die 100, daher erwarteten wir einen schon sehr beduselten Patienten. Doch weit gefehlt: Die ältere Dame war zwar ziemlich dement und roch nach Altenheim, aber sie war ansonsten quietsch- fidel. Der Sani des Hausnotrufes erklärte uns, die Dame habe den Notrufknopf gedrückt und gesagt, sie sei gestürzt. Beim Eintreffen des Kollegen habe sie aber schon wieder unter ihrer Bettdecke hervorgelugt. Sporadische Kreislaufprobleme seien bei ihr bekannt. Nach dem Abtasten (keine Verletzungen gefunden) und der Blutdruckmessung habe er zur Ursachenforschung auch noch den Blutzuckergehalt gemessen und sei vom Gerät mit der Zahl „33“ überrascht worden. Tja, was sollte er tun: Den Rettungsdienst rufen. Soweit klar.

Allerdings schien mir die Dame für einen solchen Messwert etwas zu munter, darum machten wir nochmal eine eigene Messung. Und „sieh mal einer guck“: 132. Schon plausibler. Um sicher zu gehen, dass wir keinen Messfehler hatten (die Differenz der beiden Werte war schließlich nicht zu vernachlässigen 😉  ), machten wir noch ein weiteres Löchsken in die Patientin. Ergebnis: 128. Das lag in der Messtolleranz zu unserer ersten Messung. Da unsere Messungen auch mit dem Zustand der Dame übereinstimmten und unser Gerät mittags erst aus der Prüfung kam, erklärte ich dem JUH- Menschen, dass eventuell sein Gerät einmal zu viel runtergefallen war. Da kann er ja auch nichts dafür, auch, wenn es ihm etwas peinlich war.

Nach einer nochmaligen Untersuchung, ob die Frau wirklich keine Schmerzen hatte, erklärte ich ihr, dass sie nicht mit ins Krankenhaus müsse (zudem nicht einmal klar war, ob sie überhaupt gestürzt war, oder ihr die Demenz einen Streich spielte).

„Ich muss nicht mit ins Krankenhaus?“ – „Nein. Ich glaube, sie können hierbleiben.“ „Ich bin ja erst vor zwei Tagen (laut Papiere vor 12 Tagen…) entlassen worden! Und ich muss nicht mit?“ – „Nein. Sie können jetzt hier schlafen.“ Plötzlich fiel sie mir um den Hals und zog mich weinend fast mit in ihr Bett: „Sie sind ja sooo nett! Dass ich hierbleiben darf! Das ist ja soo toll! *schluchtz!* Und ihr Kollege ist auch so lieb! Ganz tolle Menschen…“ – Ja gut, mein Kuschelbedarf war also für diese Nacht schon mal gedeckt, der Kollege konnte also beruhigt sein 😉 . Einsatzende.

Etwa eine halbe Stunde auf der Wache, klingelte es erneut: „Unklare Faxmeldung“. Heißt: In der Leitstelle war ein Notfall- Fax, welches für Sprach- oder Hörbehinderte im Netz zum Download angeboten wird, aufgelaufen. Leider stand nichts zum näheren Notfall darauf, nur „Krankenwagen schnell kommen“. Kann alles und nichts sein. Dieses mal ehr „nichts“: Vor Ort empfing uns eine WG von 4 Bewohnern, davon 3 taub und eine Betreuerin mit – Erkältung!

Die Gute hatte seit zwei Tagen forcierte Rüsselseuche, starken Husten und die aus einer Infektion resultierenden allgemeinen körperlichen Beschwerden wie Gliederschmerzen und das globale „Ich kann nicht mehr“ – Gefühl.

Durch das starke Husten taten ihr die Bronchien weh, durch den Schnuppen waren wohl die Nebenhöhlen verstopft, so dass ihr auch noch das halbe Gesicht und die Ohren schmerzten. Tags zuvor war sie beim Hausarzt und hatte auch entsprechende Medikamente bekommen, die sie aber wohl nicht so ganz nach Anweisung genommen hat. Vielleicht war sie vom Abendessen noch satt…

Eigentlich sollte man die Medikamente nehmen, den Appel über eine dampfende Wasserschüssel mit Mentholzeugs halten, um die Rotze in den Nebenhöhlen zu lösen, das Fieber beobachten, tja, und dann muss man da halt durch.

Die Patientin allerdings jammerte so lange herum, bis die (tauben) Mitbewohner das Fax abschickten, um sie abholen zu lassen. Und das war jetzt unsere Aufgabe. Wir führten sie also ins Auto, nahmen noch einen der Gehörlosen mit, der uns bedeutete, er wolle sie betreuen, da sie sonst nicht richtig schlafe, und brachten die Patientin mit einem grippalen Infekt (nicht zu verwechseln mit Grippe!) ins nächste Krankenhaus. Unterwegs „erzählte“ mir der Begleiter noch, dass er es toll findet, wenn wir mit Blaulicht so einfach über rote Ampeln fahren können, und ob wir es jetzt nicht auch einschalten könnten, er betonte nochmal so ausladend, dass ich Angst um meinen Rückspiegel hatte, dass die Erkältete ja ohne seinen Zuspruch kaum ruhig schlafen könne, und noch einiges anderes. Was ich aber kaum mitbekam: Da man sich bei so einem Erzähler entscheiden muss, ihm zuzusehen oder den Blick auf die Straße zu lenken, und ich mich im Sinne eines unversehrten Ankommens für letzteres entschied, bekam ich nicht alles mit, was er so fuchtelte.

Dem „Notfall“ entsprechend schaute mich dann auch erst die Schwester, dann die aufnehmende Ärztin mit ungebügelter Stirn an. Aber wie so oft: Wattwillzemachen.

Einsatzende, wieder eine Sache, die nicht wirklich nötig war…

Nachdem wir dann einige Zeit von der Leitstelle in der Sicherheit gewogen wurden, diese Nacht doch noch ein Häppchen Schlaf zu bekommen, wurden wir um etwa 4 Uhr erneut aus unserem- äh – Konzentrationszustand gerissen. Dieses Mal wurden wir zu einer „Bewußtlosen Person“ geschickt. Beim Eintreffen sprangen mehrere Personen auf der Straße herum, wild in eine Richtung fuchtelnd, ein Mann sprang gazellengleich in die Grünanlagen. Ich nahm an, dass die Gruppe jemanden auf dem Rasen liegend gefunden hatte und stieg aus. Gerade, als ich schon unser umfangreiches Equipment aus dem Aufbau fleddern wollte, rief man uns entsetzt zu: „Da oben läuft er! Der haut ab!“ – „Watt? Wer? Der Bewußtlose??“ – „Ja! Bis eben hat er keinen Pieps gesagt, und dann ist der plötzlich aufgesprungen!“ Soso, wundersame Heilung durch bloßes Erscheinen der omnipotenten Lebensretter. Vor ein paar hundert Jahren nannte man das noch „ein Wunder“.

Zuviel Alkohol ist selten gut

Es stellte sich heraus, dass betreffender „Patient“, den wir dann auch nach kurzer Nachsuche ein Haus weiter vor seiner Haustür antrafen, sich wohl auf dem Heimweg nach dem Zechen aufgrund der fortgeschrittenen Stunde am Straßenrand einen Moment ausruhen wollte – und dabei einschlief. Wie so oft, wenn dann besorgte Menschen eintreffen, war ihm der Zustand wohl peinlich, und bevor man ein paar halbseidene Ausreden daherstammelt, stellte er sich weiter schlafend, in der Hoffnung, dass die Leute dann die Lust am Helfen verlieren und ihn einfach in Ruhe lassen. Klappt aber selten. In diesem Fall war einer der Finder auch noch sein Bruder…

Dass die Gruppe Spätheimkehrer ihn doch sehr ernst nahm, bemerkte der Zecher dann wohl, als die Gegend durch unser Blaulicht beleuchtet wurde. Durch seine wieselartige Flucht durchs Gestrüpp versuchte er dann, sich der Situation zu entziehen. Tja, und nach einem kurzen Gespräch, in dem ich klarstellte, dass es eine Scheißidee ist, auf offener Straße übernachten zu wollen, zumal sein Schlafzimmer ja nur zwei Häuser weiter komplett eingerichtet war, ging er dann ins Haus und (hoffentlich) ins Bett. Da er uns die ganze Aktion auch hätte sparen können, indem er dieses sofort getan hätte, war ich dabei etwas unentspannt. Einsatzende.

Gegen fünf Uhr fiel ich dann auf der Wache in meine Ladeschale, durfte mein Akku dann so zwei Stunden aufladen, bis dann um kurz nach sieben der nächste Bürger um Hilfe rief: Herzschmerzen. Er wolle in ein Krankenhaus, dass etwa 4-5 Stadtteile entfernt liegt, um dort eine Katheteruntersuchung zu bekommen. Und da bestand er drauf, auch, wenn der Notarzt aufgrund des EKGs das nächstgelegene Hospital für ausreichend hielt. Nein, er wollte UNBEDINGT eine Katheteruntersuchung. Hätte der Hausarzt schließlich sowieso auf der Einweisung, die seit letzter Woche auf dem Nachttisch liegt, vorgeschlagen…

Nach etwa 20minütiger sinnloser Diskussion zwischen Herzonkel und Notarzt, die teilweise seitens unseres Akademikers nicht gerade sehr einfühlsam und daher streckenweise ehr kontraproduktiv war (ich weiß nicht, ob er ihn bis zum Herztod trietzen wollte, um ihn dann nach der Reanimation ohne Widerrede ins nächste Krankenhaus bringen zu können), fuhren wir dann doch ins Haus der Notarztwahl. Einsatzende.

Bis zur Ablösung folgten noch drei weitere Einsätze im Dienste des hilfesuchenden Bürgers, so dass wir zwar in der Schicht auf nur sieben Alarme kamen. Aber die drei Klamotten, die uns die Nacht gekostet haben, hätten uns ruhig erspart bleiben können.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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13 Antworten zu „Für eine handvoll Dollar“ …

  1. Mal eine Nacht ohne Weltuntergang..aber so sehen wirklich die Nächte aus…

    • firefox05c schreibt:

      Man hat ja des öfteren Einsätze, die nicht erforderlich sind. Aber wenn man sich, wie in diesem Fall, eine ganze Nacht für Mumpitz um die Ohren schlägt, nagt das schon etwas an der Motivation.

  2. T K (@Sueder80) schreibt:

    Du kannst Gebärdensprache?

    • firefox05c schreibt:

      Nein. Aber aus den doch teilweise verständlichen Gesten und den Lauten, die der Gehörlose so von sich gegeben hat, konnte ich so einiges verstehen. Ich hätte bei der Möglichkeit, ihn genauer zu beobachten, bestimmt auch noch mehr verstanden. Aber dann wären wir womöglich an einem Baum gelandet…

  3. Hauptstadtsani schreibt:

    Kleine Nachfrage: Wenn jemand bei Euch wegen banalem Husten-Schnupfen-Heiserkeit per RTW in die Klinik transportiert werden möchte, dürft Ihr den Transport dann eigentlich ablehnen und an die Taxi-Innung verweisen, wenn Ihr wollt? Ich kenn nämlich Gegenden, wo man aufgrund einer Dienstanweisung quasi jeden „Patienten“ fahren muss, der das verlangt.

    • firefox05c schreibt:

      Wenn nichts dringendes vorliegt, können wir mit dem Patienten absprechen, dass er selbst zum hausärztlichen Notdienst oder zum Krankenhaus fährt. Grundsätzlich ist das aber eine heiße Kiste, da man oft nicht zu 100% ausschließen kann, dass sich der Zustand verschlechtert oder das der Patient vielleicht auf dem Weg zum Arzt aufgrund seiner Erkrankung verunglückt. In diesem Fall hat man, wenn man Pech hat, schnell eine Klage wegen unterlassener Hilfeleistung am (privaten!) Hintern. Ganz aktuell hier passiert!
      Aus diesem Grund nehme ich im Zweifel lieber einen Patienten mit und lasse mich im Krankenhaus dumm anschauen. Eine Anordnung gibt es meines Wissens dafür nicht.
      Allerdings habe ich auch schon des öfteren Patienten zu Hause gelassen. Aber immer mit deren Einverständnis und gegen Unterschrift!

    • Martin schreibt:

      Bei uns machen es die meisten Kollegen nach dem Motto „Wer nen RTW ruft, wird auch transportiert!“, völlig egal was er hat. Sonst gibts ja auch keinen Trapo und damit kein Geld…
      Wobei hier Rettungsdienst und qualifizierter KTW eh zusammengefasst sind.

      • firefox05c schreibt:

        Ich spare den Kassen nach Möglichkeit die Kosten. Gerade die „Stammkunden“, die sich mehrfach wöchentlich fahren lassen, kosten die Kasse an einem Tag manchmal mehr, als ich im Monat verdiene. Ich kann mir vorstellen, dass die Kosten für den Rettungsdienst um etwa 1/3 sinken könnten, wenn nur die „richtigen“ Notfälle gefahren würden. Und die Kassengebühren zahlen wir alle.
        Außerdem bin ich dadurch schnell wieder frei und dadurch für evtl. „wichtige“ Einsätze verfügbar. Ich kann mich jedesmal schwarz ärgern, wenn ich mit Blödsinn beschäftigt bin und der RTW aus dem Nachbarbezirk bei uns aushelfen muss.

  4. matzk schreibt:

    Ein Tag aus dem Leben – manchmal sind wir halt doch nur Fachkräfte für leicht erkennbare Krankheiten und Befindlichkeiten.

  5. chefarbeiter schreibt:

    Na toll! Seit ich die Überschrift gelesen habe, muss ich ständig „I neeeed a dollar“ singen…

  6. Bert schreibt:

    Das Facebook Like Button Plugin waere eine tolle Erweiterung. Oder habe ich es nicht gefunden?

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