Weihnachten und so…

Weihnachten. Heiliger Abend. Die Geburt unseres Religionsstifters. So besinnlich und so. Alle sind lieb zueinander. Und zwar auf Befehl! So sollte es zumindest sein.

Allerdings kennt man ja auch die Kehrseite der religiösen Medaille, die schon tagelang vor dem gesetzten Gedenktermin der Niederkunft Marias ihr angelaufenes Gesicht zeigt: Die Mutter dreht durch, weil die Bude noch nicht auf Links gekrempelt wurde, man wird zwangsweise eingespannt, um Tonnen von über die Jahre angesammelten Dekomaterials in der Behausung mehr oder weniger ästhetisch zu verteilen, Vater kämpft bis aufs Blut mit dem Baum, der sich standhaft weigert, sein Unterstes in den Ständer zu versenken, Sohnemann protestiert, weil die Mehrfachsteckdose seiner Anlage jetzt zur Fassadenbeleuchtung konfisziert wurde, die Tochter des Hauses ist genervt, weil sie ihre wichtige SMS- Tirade mit ihren Freundinnen über den neuen Schwarm sowie die lebenswichtige Überwachung der neuesten Statusmeldungen bei Facebook für die Weihnachtsverwüstung vorbereitungen ständig unterbrechen muss, und alle rennen zwischendurch – vorzugsweise zwischen dem 22. und 24. Dezember – immer wieder hektisch in irgendwelche Konsumtempel, um mehr oder weniger persönlich abgestimmten Tand für nervige Verwandte zu erstehen.

Am Nachmittag des 24. ist Mutter dann einem Weinkrampf nahe, weil die Klöse fürs Abendessen irgendwie matschig geworden sind, Vater flucht und randaliert, weil die Rene- Kollo- Weihnachts- CD weg ist, und die Kinder gehen allem nach Möglichkeit aus dem Weg, indem sie es ausnahmsweise für sehr wichtig erachten, noch schnell ihr Zimmer aufzuräumen. Ist das geringere Übel.

Und wenn dann abends die Verwandten einfallen und man sich von Tante Lisbeth zur Begrüßung in ihre volluminöse Brust stopfen lassen muss, geht man sich mit bescheuerten Gesprächen beim Essen so lange auf den Senkel, bis Bescherung ist. Und was sich dann so an geschenketechnischer Fantasie offenbart, hat bestimmt jeder schon X- Mal selbst erlebt. („Oh, toll… ein 6er-Pack Blümchenschlüpfer… Danke, Omi…“)

Das alles wird in unseren Sippen noch durch die Tatsache getoppt, dass die Familien von „ihr“ und „ihm“ zwar lieber separat feiern, aber nicht auf uns verzichten möchten. Also jedes Jahr das Weihnachts- Nomadentum: Nachmittags- Kaffee bei Familie 1, Abendessen bei Familie 2, Bescherung bei Familie 1, Rückkehr zur Bescherung Familie 2 mit anschließendem Ausklingen des seeligen Abends. Und wenn man noch Zeit hat, ist man zwischendurch an der Tankstelle auch noch etwas besinnlich.

Dieses Jahr lief es aber anders: Ich hatte bis zum Mittag des 24.12. Dienst und musste am nächsten Mittag schon wieder auf der Wache antreten, und mein Schatz musste am 24. früh morgens aufstehen, um bis etwa 14.00 ihren Beitrag zum Brutto- Sozialprodukt zu leisten. Die Reise aus dem Pott aufs platte Land zu unseren Familien lohnte also nicht. Daher: Das erste Mal, seit ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, Heilig Abend in meiner eigenen Wohnung, nur mit meinem Schatz (den ich ja im Gegensatz zu meiner Verwandtschaft selbst ausgesucht habe)! Ohne Stress, nur so, wie wir es für nötig halten! *seufz!*

Klein, aber fein. Incl. Krippe. So kann Weihnachten kommen.

„Was machen wir denn da?“ – „So vielleicht auf dem Kontaktgrill, aufgeklappt, mit Fleisch und Gemüse und so… ganz gemütlich.“ – Gebongt. Zwei Tage vor dem besagten Geburtstag habe ich also unsere chinesische Christstaude aufgepoppt, an der ich die Beleuchtung im letzten Jahr sinnvollerweise gleich drangelassen hatte, Mausi warf am Tag „-1“ noch ein paar Kugeln und – natürlich – das kleine Blech- Feuerwehrauto dran, noch ein paar – äh – Arrangements mit Teelichtern in der Hütte verteilt, fertig war der Lack. Natürlich habe ich auch meine selbst gebastelte Krippe neben die Tanne gestellt!

Jetzt brauchten wir aber noch für die Nachbarn im Haus eine Kleinigkeit, worüber sie abends nach dem Kirchgang stolpern konnten. So. Und jetzt finde du mal am 24.12., nachmittags um halb 4, noch eine Bude, die dir ein Pülleken Fusel verkauft! Selbst der Lidl am Bahnhof, eigentlich immer der letzte Trumpf, wenn am Sonntag mal das Arschpapier ausgeht, hatte seit zwei Uhr dicht! Tja, blieb nur noch die Tanke. Zwei Flaschen roten an die Kasse getragen, 5,49. Pro Flasche, versteht sich. Im Auto kurz mit dem Smartphone den Barcode gescannt (jahaaa, auf vielfachen Wunsch habe ich jetzt auch so`n Ding!): „Kaufland, 1,99“. Nun gut, frohe Weihnachten. Herr Aral will ja auch von etwas leben…

Nachdem wir dann am Rest des Nachmittags noch etwas traditionelle Hektik hatten (so die letzte Wäsche legen und Katzes‘ Kotze im Flur beseitigen), wobei ich ein Paar Aktivlautsprecher an mein Smartphone anschloss, um weihnachtliches Online- Radio zu hören (Jahaaa, seit dem ich auch so’n Ding habe, geht das ja!), kehrte tatsächlich etwas Ruhe ein. Mein Gott, Heilig Abend, 18.00, und alles, was man hört, ist das Radio… dass es sowas gibt… #hach

...wohl nicht ganz für die Hitze geeignet gewesen...

Dann das Essen: Mein Schatz schnippelte eifrig die Vitamine klein, ich das tote Tier, und dann machten wir den Tischgrill an. Als er dann heiß war, noch ein wenig Fett über die Garplatten- und der kostbare Schweineborstenpinsel sah verändert aus. War wohl doch etwas heiß: Die Haare nebelten uns mit ihrem Aroma ein, um sich dann etwas zu kräuseln. Na toll. Aber man soll sich durch diese kleinen Widrigkeiten ja nicht den Abend verderben lassen. Nun gut, die Wand war jetzt vom Pinseln auch lustig mit Fettspritzern gesprenkelt. Aber Renovieren wollten wir ja sowieso demnächst. Und irgendwas ist ja immer…

Mit einer totaaaal lieben Katze auf dem Stuhl nebenan brutzelten wir dann unsere Zutaten (komisch, wenn Fleisch im Spiel ist, ist die Katze immer sehr süß…), und nachdem die Hose dann nach dem Essen zur leisen Hintergrundmusik auch den Knopf verschossen hatte, lehnten wir uns entspannt zurück. Natürlich nicht, ohne dem Katzenvieh vorher sein Deputat zukommen zu lassen. Wonach wir sie dann aber schon wieder kreuzweise konnten, als sie merkte, dass wir fertig mit dem Essen waren. Schluss mit „süß“. So sind sie eben.

„Und Jetzt? Bescherung?“ – „Och, nö, lass` erst noch ein wenig sacken, der Bauch drückt so auf die Kniee…“ Wir genossen die entspannte Ruhe. So ganz für uns. Ja, und nachdem wir dann die Geschenke auseinander gefleddert hatten und uns über das eine wunderten und das andere freuten, ließen wir den Abend mit „Weihnachten bei den Hoppenstetts“  („Früher war mehr Lametta…“) ausklingen. Was sich aber meine Mutter dabei gedacht hat, mir unter anderem einen knurrenden Wecker mit einem sich drehenden Motorrad- Reifen zu schenken, bleibt ihr Geheimnis. Immer zu Scherzen aufgelegt, die Gute… 😉

Allerdings haben wir durch unser Zu- Hause- Bleiben nicht gesehen, ob das Pärchen wieder auf der Autobahnbrücke der A44 stand:

In den vergangenen Jahren bin ich manchmal alleine, weil mein Schatz schon tags zuvor voraus gefahren war, am heiligen Abend in meine alte Heimat gefahren. Ohne Weihnachtsgefühle, weil ja eigentlich alles war, wie sonst auch. Wenn man dann noch Musik aus der Konserve hört, unterscheidet sich so ein Tag eigentlich in nichts von anderen Tagen. Bis ich sie dann sah:

Ein Päärchen stand auf der Brücke, winkte den Autofahrern zu und hielten ein großes, selbstgemaltes Schild hoch, auf dem sie allen Vorbeifahrenden ein „Frohes Fest“ wünschten. Sie hatten dieses Schild für völlig fremde Menschen gemalt, ohne die Aussicht, irgendetwas dafür zurück zu bekommen. So standen sie nun Jahr für Jahr in der Kälte, manchmal auch bei Nieselregen, winkend auf der Brücke, und freuten sich wie Bolle, wenn der nette Wunsch mit einem Hupen beantwortet wurde. Völlig selbstlos gaben sie mir dadurch die Gewissheit, dass auch heute noch nicht alles nur auf Kommerz ausgerichtet ist, und das Gefühl, das ich schon glaubte, vergessen zu haben. Das eines ganz besonderen Tages: Heilig Abend. Denn in dem Moment, da ich sie sah, fing für mich Weihnachten an. Ganz plötzlich.

Wenn sie mal jemand treffen sollte, sagt ihnen ein ganz dickes Dankeschön von mir!

Allen Lesern wünsche ich noch ein schönes Fest.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Weihnachten und so…

  1. Ja.. sich selbst nicht so wichtig nehmen.. auch mal was für andere tun und nicht warten, das man was zurück kommt.. Daumen hoch!! Und wie immer toll geschrieben.

  2. Alea schreibt:

    Ooooh, wie süß das mit dem Pärchen auf der Brücke ist! Daran sollten wir uns alle mal ein Beispiel nehmen. 🙂

    • firefox05c schreibt:

      Ich habe beim ersten Mal gedacht, es ist nur eine spontane Idee gewesen. Aber ich habe sie mittlerweile schon in 3 Jahren gesehen! – Wenn sie nochmal dort stehen und ich sie sehe, drehe ich um und spreche sie an. 🙂

  3. Simon schreibt:

    Ich glaub nicht das er das so meinte 😉 Das mit dem Schild finde ich echt rührend….zeigt das es auch nette und selbstlose Leute gibt…mal eine angenehme Abwechslung….
    Dann kann man sich ja zum Jahreswechsel doch auch einfach mal die Zeit nehmen und Dir für Deinen Blog zu danken! Sehr unterhaltsam, immer wieder gerne gelesen. Nicht nur aus feuerwehrtechnischer Sicht (bin selber bei dem Verein 😉 ), auch die anderen Beiträge sind durchweg kurzweilig!
    Weiter so im neuen Jahr!
    Gruß aus Hannover + guten Rutsch!
    Simon

    • firefox05c schreibt:

      Danke. Es freut mich, dass euch meine Mischung gefällt. Davon ab: Um das Weblog nur mit „Feuerwehr“ zu füllen, ohne in schnöde Einsatzberichte zu fallen, ginge gar nicht, wenn ich regelmäßig was Neues schreiben möchte. Da muss dann auch das private herhalten. 🙂

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