Hugo

Vor Ewigkeiten (also gleich vor mehreren!) habe ich ja mal ein Seminar zum „Fang und Transport von Reptilien“ gemacht. Das war einer meiner ersten Postings im Blog.  (Btw: Müsste dort hinten mal wieder Staub wischen…) Damals hatte ich die Hoffnung, meine Reserviertheit gegenüber Viechern mit mehr als 6 Gliedmaßen etwas auflockern zu können. Hat irgendwie nicht ganz geklappt. Na gut, macht ja auch nichts: Wenn wir bei der Feuerwehr irgendwelche Viecher einfangen müssen, sind es ja meistens Schlangen. Und vor denen hatte ich vorher schon keine Angst, und nachher auch nicht. Im Gegenteil: Mein Interesse war geweckt.

Nur mein Schatz, der sich nicht dafür begeistern konnte, stand noch etwas im Weg. „Nö, lass mal: Ich finde die doof. Sehen ja aus wie Würmer… Aber wenn schon ein Reptil: Was ist denn mit einem Chamäleon?“ Das ging mir allerdings etwas zu weit: So ein Tier braucht ja auch das passende Domizil! Und ein Monster von 70cm Länge kann sich auf dem bei uns zur Verfügung stehenden Platz nicht einmal umdrehen, ohne sich den Stert zu ramponieren. Zudem finde ich diese Tiere nicht gerade sehr ansprechend: Einen Kinnlappen wie meine Oma, die Frisur wie mein Opa, eine Figur wie meine Tante: Die Viecher waren mir irgendwie unsympatisch… „Nein, so ein Tier ist zu groß.“ – „Aber es gibt doch auch kleine!“ – „Und die Haltung ist ziemlich aufwändig! Das sind tropische Tiere!“ – „Nicht unbedingt, es gibt ja auch einfachere Arten.“ …

So ging es einige Tage hin und her. Aber sie war davon nicht abzubringen. Auch nicht, nachdem ihr im Zoogeschäft um die 300 Euro für so einen Mitbewohner angedroht wurden. Exclusive des Terrariums, natürlich. Nachdem ich ihr dann vorgerechnet habe, dass es eine ganz schöne Investition würde, hatte sich zumindest der Termin für einen Kauf weit nach hinten geschoben.

Eigentlich hatte sie es schon fast vergessen. Aber wie das so ist: Immer, wenn gerade Gras über eine Sache gewachsen ist, kommt ein Kamel, um es wieder abzufressen. Dieses Mal in Form eines Freundes, der eine Bartagame besaß. Also ähnlich aussehend wie ein Chamäleon: Vorne Drachenkopf, hinten Schwanz, unten komische Füße. Und Schatzis Liebe entflammte aufs Neue. Mist…

Beim nächsten Einkauf von Katzendinner in Dosen blieb sie dann an der Reptilien- Peepshow hängen: „Guck mal,die Agame!  Wie hübsch!“ (‚örks…‘) „Und wie witzig sie sich bewegt!“ (‚die steht doch bloß da rum…‘)  Gelangweilt schaute ich in der Gegend herum und sah auch einen Kasten mit einer jungen Kornnatter. Mehr aus Trotz sagte ich gelangweilt: „Guck mal, die Korni bewegt sich auch ganz toll…“ Sie schaute tatsächlich. Und stellte fest, dass sie ihre Meinung ändern musste. „Die ist ja richtig hübsch! Und wie die klettert! Boh, guck mal! Das ist ja gar nicht so‘ n Wurm! …“ – Verloren. Manche Frauen sind sehr sprunghaft: „Duhuuu? Ich will eine Kornnatter…“ *stups*

Nun ja, immerhin fand ich eine Natter alleine schon vom optischen her viel interessanter: Klare, definierte Form, pflegeleichte Oberfläche, aufgeräumtes Muster. Wie Beamte es mögen. 😉 Zudem sind Kornnattern als Bewohner einer breiten ökologischen Nische einigermaßen Pflegeleicht: Bei Temperaturen ab 22° und einer Luftfeuchtigkeit von 40%, also im Grunde fast Wohnzimmerklima, fühlen sie sich wohl. Fressen tun sie nur alle 7-14 Tage, sie machen keinen Lärm, keinen großen Dreck, sind ungiftig (gaaaanz wichtig!), nicht so groß,  schön anzusehen (falls sie sich nicht gerade verkriechen) und kosten keine Steuern. Zudem kostet das Futter nur 2-4 Euro im Monat. Die Katze ist dagegen glatt ein Haushaltsschredder.

Also musste zunächst etwas Grundwissen aus einem Einsteigerbuch (9,80) und dem Netz (Internet ist da total klasse!) sowie das Zubehör her. Im größten Zoogeschäft der Gegend haben wir uns dann umgesehen. Doch da ich den vorgesehenen Platz in der Wohnung optimal ausnutzen wollte, hatten die Terrarien dort die falschen Maße. Und sollten etwa 120 Eumel kosten. Also: Wanderschuhe an, Verpflegung eingepackt, auf in die weite Welt von eBay. Dort gab es neben einigen gebrauchten Spannerkästen aus Glas auch einen Anbieter, der professionell Holzverschläge auf Bestellung fertigte. Auch Sonderwünsche möglich. Bingo! Er schnippelte also für 75 Mäuse einen Kasten mit Glasschiebetür für mich zusammen, der nur noch endmontiert werden musste.

Als der Kasten kam, mussten wir drei Rechengrößen zusammen bringen: Einen Beutel mit tausend Schrauben, einen leeren Akkuschrauber, und die Ungeduld, das Terrarium endlich zu montieren. Zur Vereinfachung der Gleichung ersetzte ich die zweite Größe durch zwei einfache Schraubendreher. So holten wir uns beim Zusammenprutschen der Bretter fleißig Blasen in den Handflächen. Opfer müssen eben auch mal gebracht werden. Hauptsache, das Ding steht erst einmal!

Noch eine Lampe mit 40 Watt am Baumarkt eingesammelt, nochmal ins Zoogeschäft, Zubehör kaufen, dazu gleich drei Verkäufer etwa 15 Minuten damit beschäftigen, herauszubekommen, was das überhaupt für Holzschnipsel in dem angebotenen Beutel sind (sie bekamen es nicht heraus…), und dann zu Hause erschreckt feststellen: Keine Steckdose in der Wand für die Terrariumlampe! Mist!

Also wieder in den Baumarkt, ein 60er Loch und eine Hohlwand- Steckdose gekauft, und den Vermieter um eine Steckdose in der Mietwohnung reicher gemacht. (Kollege auf Twitter meinte, ich solle das Loch mit einem 40er und einem 20er Bohrer selbst bohren. Auf meinen Vorschlag, zwei 30er Bohrer zu kaufen, damit ich mir zumindest das Wechseln spare, bekam ich dann keine Antwort mehr…) Naja, nachdem ich schon im Wohnzimmer Schatzi’s Nähecke mit einer Wand abgetrennt und im Schlafzimmer einen begehbaren Kleiderschrank eingebaut habe, kommt’s ja auf die Dose auch nicht mehr an. Der Vermieter besitzt schließlich ein ganzes Stadtviertel, da werden ihm die Veränderungen bei unserem Auszug wohl nicht auffallen. Hoffe ich.

Im Netz fand ich dann, nachdem ich die Temperaturzonen im Terrarium ein paar Tage im Probelauf beobachtet hatte, einen Züchter in der Nähe. Dieser besaß etwa 50 Nattern, 5-6 Boas und ein Wohnzimmer, in dem er die 5m- Viecher auch mal kriechen ließ, damit sie sich mal ordentlich bewegen können. Und nachdem er mir als Starthilfe etwa 2 Stunden etwas über Haltung von Nattern, deren Charakter und über kompetente Tierärzte in der Nähe erzählt hatte (so viel Zeit bekommt man im Zoogeschäft wohl nicht dazu) , bekam ich ihn zum ersten Mal auf die Hand gesetzt: Hugo. Den Namen hatten wir uns mit Hilfe einiger Twitterer ausgesucht. Ein Kornnatter- Männchen in der klassischen Färbung, etwa 10 Monate alt, so dick wie ein Stift und geschätzte 40cm lang.

Als ich ihn dann zu Hause hatte und ihn ins Terrarium setzte, verkroch er sich sofort in der Bodenkonstruktion aus Styropor. Weg war er. Und zwar bis zum nächsten Tag.

Dann hatten wir aber Sorge, dass es ihm unter all dem Zeugs im Terrarium zu kalt werden könnte: Unter 18° fahren Kornnattern nämlich langsam ihren Stoffwechsel zurück, wird es noch kühler, beginnen sie ihren Winterschlaf. Das Problem: Haben sie zu dem Zeitpunkt noch Futter im Verdauungstrakt, fängt dieses an zu verwesen- Und die Schlange kann sterben. Also: Bodengrund auseinandergebaut, Hugo rausgefingert  (Schatzi rupfte ihn mir begeistert aus der Hand, als ich ihn hatte), alles wieder zugebaut (und dieses Mal abgedichtet), Hugo wieder rein.  Und dieser zeigte seinen faszinierten neuen Besitzern gleich, warum Kornies zur Gruppe der Kletterschlangen gehören: Die Plastikpflanze rauf bis unter die Kastendecke und sich hinter den Blättern versteckt. Weg war er wieder. Für weitere zwei Tage.

Bon Apetit...

Dann musste er allerdings erneut umgesiedelt werden: In die Futterbox, wo er dann aus Mausi’s Hand Pinzette eine junge Maus bekam. Tiefgefrohren, aufgetaut und auf Betriebstemperatur gebracht, schmeckte Hugo die Maus anscheinend vorzüglich. Sogar ohne Senf. Und auch, wenn er anschließend äußerst pissig war, mit dem Schwanz wie eine Klapperschlange in der Dose rappelte und sich zusammenkringelte: Er musste wieder zurückgesetzt werden.

Seit dem schlängelt er sich alle paar Stunden mal von einem Versteck ins nächste. Nun gut, er wird die neue Umgebung erkunden müssen. Er hat jetzt aber bis zur nächsten Fütterung über eine Woche Zeit, sich an alles zu gewöhnen. Dann wird er wohl schon umgänglicher sein und nach seinem Lieblings- TV- Programm fragen. Zwischenzeitlich sollte er sich noch einmal häuten.

Tja, und wenn die Nachbarn unter uns wüssten, dass wir Hugo beherbergen, würden sie sich wohl einen Anwalt nehmen. Die haben sich ja schon wegen der Katze angestellt…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Hugo

  1. BRC_MEDIC schreibt:

    Klasse Blog. Habe den gelesen als wir „Daeumchen gedreht“ haben. Mein fremdsprachlich nicht so bewanderter Kollege hat mich nur verstaendnislos angeschaut als ich den Artikel genossen habe. Zur Schlange, wir hatten ausiten denke ich malch mal. Leider ist sie eingegangen wegen einer Hautgeschichte. Parasiten soweit ich verstanden habe.

    Frohes Neues Jahr auch dann.

  2. notizbuchfragmente schreibt:

    Kornnattern sind wunder-, wunderschön!
    Würden die keine Mäuse fressen, hätte ich mir das auch überlegt … Aber selbst eingefrorene zu verfüttern, da stell ich mich zu sehr an. Deshalb: Keine Schlange, die frisst schließlich keine Möhre. 😉

    Ist aber ein sehr hübscher kleiner Kerl. 😀

    • firefox05c schreibt:

      Gerade das Füttern der Schlangen wirkt auf viele abschreckend. Der Züchter sagte mir, dass bei ihm schon Menschen waren, die eine Schlange kaufen wollten- bis er sie über das Futter aufklärte. Was glauben die, was eine Schlange frisst? Brokoli? Eine Kundin hatte sich angeblich mal darüber beschwert, dass die Schlange das Futter verweigern würde: Sie hatte die Maus tiefgefrohren ins Terrarium geworfen…
      Schön, dass du zu den Menschen gehörst, die sich schon vorher überlegen, ob so ein Tier wirklich etwas für die eigene Wohnung ist. 🙂

      • notizbuchfragmente schreibt:

        Muss man ja! 😉
        Nein, ehrlich: Ich bin der Ansicht, wir bescheißen uns eigetnlich selbst. Hunde und Katzen fressen schließlich auch Fleisch, es sieht meistens nur nicht so aus – oder ist dem sehr ähnlich, was wir selbst auch essen.

        Bei allem, was dann aber „niedlich“ ist und verfüttert werden soll (beispielsweise kleine niedliche Mäuse), da heißt es dann immer: „Iiiiiiiiiihhhhh ….“, super.

        Freunde meiner Eltern haben mal Schlangen gehalten (auch Kornnattern) und dann letztendlich die Mäuse gezüchtet, weil die Kosten für vier Schlangen (zwei davon allerdings fast ausgewachsen) langsam, aber sicher zu hoch wurden. Und da muss ich echt sagen – das wäre mir definitiv zu hart. 😉

        Niedlich sind übrigens auch Hakennasennattern (Heterodon nascius), die gucken ein bisschen wie Calimero. Sind allerdings giftig, und selbst wenn man nicht allergisch ist: Der Biss sieht schon sehr unschön aus.

      • firefox05c schreibt:

        Tja, damit wären die Nattern schon nichts mehr für mich: Ich denke immer daran, dass mal jemand unbeteiligtes zu Schaden kommen könnte. Da sind Gifttiere tabu. 😦

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