Manöverkritik im Steakhaus

Alljährlich begehen wir mangels eines Hochzeittages unseren „Verlobungs- Memorial- Day“, indem wir fein angezogen in einem schicken Restaurant essen gehen. Dieses mal suchten wir uns eine Steakhaus- Kette aus, die irgendwie „Laredo“ oder „Murano“ oder so hieß… Naja, ist ja auch nebensächlich. Am Vorabend drohten wir dort unser Eintreffen schon mal telefonisch an, damit wir auch einen Sitzplatz bekamen.

„Nearer the date“ kramte ich dann meinen ollen Staubfummel für Feiertage aus dem Schrank, Mausi warf sich auch in Schale und wir fuhren los. Nach dem Betreten des Restaurants standen wir in einem Bereich, der offensichtlich dazu diente, die Gäste zu empfangen und ihnen Tische zuzuweisen. Allerdings war alles, was uns dort empfing, eine Registrierkasse mit einem freundlichen „Herzlich Willkommen“ auf dem Display. Sollten wir uns jetzt hier einloggen? Etwas unsicher vertrödelten wir dort eine Minute, bis eine Bedienung uns dort bemerkte. „Ja, da drüben ist noch einiges frei, suchen Sie sich was aus.“ Nun gut, ein Ecktisch vor einer Pflanzenwand sagte uns zu. Hinter der Pflanzenwand, wo sich weitere Tische befanden, wurde dann aber bereits kurz nach unserer Niederkunft ein fröhliches „Happy Birthday“ angestimmt: Eine polnische Familie feierte dort offensichtlich einen Geburtstag! OK, wir speisen ja auch nicht auf einem Friedhof.

Die Tisch- Windlichter haben ihre beste Zeit hinter sich. Hier wäre mal eine 50ct- Investition von Nöten.

Der Kellner kam an den Tisch: „Darf ich Ihnen schon etwas bringen?“ – „Ja, die Karte, vielleicht…“ Mit der Getränkebestellung zog er wieder ab. Plötzlich ein Piepsen: Hatte mein Mausi jetzt einen Feuerwehreinsatz? Erschrocken schauten wir uns an, bevor wir merkten: Ebenfalls auf der anderen Seite des Urwaldes befand sich eine weitere Kasse, die nach jeder Eingabe anfing, zu piepsen. Für jemanden, der auf solche Geräusche konditioniert ist,  sind derartige „Fehlalarme“ immer etwas nervig, da jedesmal ein wenig Adrenalin durch die Zellen gejagt wird. Aber es ist ja alles noch steigerungsfähig: Am Geburtstagstisch hinter dem Urwald spielte man sich jetzt Klingeltöne vor. Anscheinend die polnischen Charts: Ich erkannte kaum etwas von dem Gedudel.

Nachdem wir dann die Getränke bekamen und bestellt hatten -Mausi den Lachs mit Sauce Bernaise und ich ein Pfeffersteak, wobei sich der Koch aber wohl nicht ganz sicher war, ob die Sauce wirklich als „Bernaise“ betitelt werden kann, denn in der Karte stand „Nach Art Bernaise“ – sahen wir uns etwas um: An einem Tisch saß ein älteres Ehepaar mit – vermutlich- ihren erwachsenen Söhnen. Der eine im Flodder- T- Shirt (Außentemperatur um die 5°) hatte wohl einen VIP- Ausweis für die Muckibude. Er sah an den Armen aus, als hätte ihn etwas gestochen. Über seinen Körperkult vergaß er aber anscheinend, sich auch mit seiner Kleidung zu beschäftigen: Der Look entsprach in etwa „Katernberg ’95“. Neben ihm saß Heidi’s Geißen- Peter: Das weiß- rot karierte Hemd und das chicke Halstuch des etwa 25Jährigen ließen auf einen Schöngeist schließen, der keinen Wert darauf legte, sich „Mainstream“ zu kleiden. Wie albern es auch aussehen mochte. Und „Mutti“ mit der teuren Frisur verdrehte alle Nase lang die Augen, wenn von hinter dem Urwald mal wieder lautes Gelächter kam. Denn wie das so ist, wenn man mit etwa 10 Mann an einer Tafel sitzt, wurden die Gespräche der Geburtstagsgesellschaft nicht nur über Kreuz und über drei Nachbarn hinweg geführt, sondern sie waren wohl auch recht lustig.

Nachdem wir uns an der reichhaltigen Salatbar eingedeckt hatten, kam ich am Ende der Bar bei den Pötten mit dem Dressing an. Zwei Sorten, aber mein geliebtes „Joghurtdressing“ war nicht dabei. Das entdeckte ich erst zwischen den übrigen drei Sorten auf der gegenüberliegenden Seite, auf dem Rückweg, als ich mir den Teller aus Verzweiflung schon mit „French Dressing mit Knoblauch“ eingequanzt hatte. Blöd aber auch, an zwei Punkten Dressing zu verstecken, und dann auch noch verschiedene Sorten… Ich fand den Salat eigentlich recht frisch, er schien auch von Hand geschnitten worden zu sein. Abgesehen von dem Porree (oder was immer diese Kringel auch sein sollten), der schon etwas trocken war. Mausi meinte allerdings, ihre Radieschen könnten auch eine Oma wieder zur Jungfrau machen, oder ihrem Vater die Falten aus dem Sack ziehen, so bitter seien sie gewesen.

Wie auch immer. Beim Eintreffen an unserem Tisch war das Essen schon serviert. Allerdings nicht unseres: Zwar stimmte meine Bestellung, aber der Fisch für meinen Schatz lag an Blattspinat, und nicht an Reis mit Bernaise… Flugs beschwert, nach 2 Minuten war der richtige Teller da. Dann fuhren wir wieder hoch: Die Kasse piepste. Und das Essen wurde von offensichtlich lustigen Videos begleitet, die sich die Kinder am Geburtstagstisch mit dem Handy vorführten. Na gut, da kann das Restaurant ja nichts dafür. Der Kellner kam vorbei, nachdem wir die ersten Bissen intus hatten: „Ist alles zur Zufriedenheit?“

Das Restaurant kann auch nichts dafür, dass im weiteren Verlauf die Handyvideos anscheinend langweilig wurden und der Fenterkasten rausgezaubert wurde. „Düdellüh- Sproing- Sproing- Träller- Ding- Düdelüh…“ Schatzi sah mich genervt an: „Kann ma‘ jemand datt Blag datt Ding ausse Hand kloppen?“„Nö, lass mal. Lieber datt Gedudel, alzet geplärr gelangweilter Vorschulpupser. Denn was ich dann machen würde, wennich ’n Kaffee auf hab‘, könnteste morgen inne Zeitung lesen…“

Das Steak schmeckte echt gut und war nach meinem Wunsch „medium“. Nun gut, das sollte man in einem Steakhaus auch erwarten können. Ärgerlich war nur, dass der Unterschied zwischen einem Hüftsteak (180g) und dem von mir bestellten Rumpsteak (200g) nicht nur im Preisunterschied von 2 Euro, sondern auch in einem Fettrand lag, der geschätzt in etwa der Gewichtsdifferenz von 20 Gramm entsprach und am Tellerrand stiefmütterlich von mir mißachtet wurde. Hätte ich mir also sparen können. Mausi’s Lachs und die angebliche Pseudo- Bernaise waren aber wohl sehr gut, wie auch ihr asiatisches Grundnahrungsmittel. Zwischendurch kam der Kellner nochmals an den Tisch: „Schmeckt es? Ist alles in Ordnung?“ Ich fühlte mich irgendwie an den Sketch mit Loriot erinnert, in dem er nicht zum Essen kommt, weil er ständig gefragt wird, ob alles in Ordnung sei. Wir zuckten wieder zusammen: Die Kasse piepste.

Als die Teller so weit geleert waren, kam sofort eine etwas antiquiert aussehende Seniorin mit einer Schürze vor ihrer nicht unerheblichen erotischen Schwungmasse angeschwebt und zog einem das Geschirr fast unter der Gabel weg. „Alles OK? Hat gut geschmeckt?“ Erschrocken brachte ich mein halbes Glas Kola in Sicherheit. Nicht, dass die Mutti mit der grauen Wischmop- Frisur das auch noch an sich reißt! Und weg war sie auch schon wieder. Dann kam der Kellner vorbei, der unsere Bestellung aufgenommen hatte: „War alles in Ordnung?“ – Ja. Danke. Wenn Sie…“ – Weg war er. Wir sahen uns an und seufzten, denn mein Schatz war zwar genudelt, aber in meiner Gummihose war noch etwas Spielraum für einen Dessert. Meine Diät, die ich im neuen Jahr anfangen wollte, hatte dann allerdings keinen Platz mehr. Aber man muss schon Prioritäten setzen. So warteten wir einen Moment, bis uns Wischmop- Omma in fürsorglicher Bemühtheit den Wunsch von den Augen ablas. Oder sie hatte gesehen, dass ich noch angestrengt die Dessert- Karte studierte. „Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Einen Kaffee vielleicht? Oder einen Nachtisch?“ Wir bestellten beides. Ich entschied mich für einen Banana- Split, Schatz für einen Macciato.

Brunzen in HD? Bin ja mal gespannt... 😉

Zwischendurch suchte ich mal das Porzellan- Zimmer auf und erwartete Modernes: Das Hinweisschild versprach Toiletten in HD! 😉 In der sanitären Anlage roch man allerdings deutlich, dass man sich nicht z.B. in der Küche befand. Bei zwei der vier ausgestellten Pissoirs funktionierte zudem die Spülung nicht. Auch der Rest sah so aus, als hätte sich seit den 80ern kein Maler mehr hierhin verirrt. Ich konnte also nur hoffen, dass in diesem Restaurant die Regel, nach der in der Küche die gleiche Hygiene herrscht, wie auf den Toiletten, nicht 1:1 zutrifft. Na gut, wollen wir mal nicht vom Schlimmsten ausgehen.

Sieht ja schon watt lecker aus...

Zurück im Gastraum kam auch bald mein Banana- Split. Die Banane schmeckte noch nicht zu reif. Allerdings fanden sich im Vanille- Eis, das der Qualitätsbeschreibung in der Karte nach wohl eine konzerneigene Produktion ist, Wasserstücke. Ich meine mal gehört zu haben, dass dieses in der Qualitätsbemessung Abzüge geben soll…

Nachdem ich das Schüsselchen leergeschlabbert hatte, kam Frau Mop wieder vorbei: „Alles in Ordnung gewesen? – Darf ich ihnen noch etwas bringen?“ – Schwupps, weg war der Teller. Und ich hätte ihn noch so gerne abgeleckt… Schatzi klammerte sich an ihren halbleeren Kaffee, um ihn vor der Arbeitswut der grauhaarigen Tante zu beschützen. Mein „Nein, danke.“ hörte sie wohl noch, aber beim Durchstarten in Richtung Küche ging mein „Wir würden dann gerne Zahlen“ wohl unter. Also warteten wir geduldig noch ein paar Minuten, bis der Kellner #1 wieder vorbeikam, und völlig überraschend fragte, ob… ach, ihr wisst schon. Diesesmal konnte ich ihn allerdings noch damit beauftragen, die Rechnung zu stellen, bevor er wieder flitzen ging.

Kurz, bevor wir zahlen durften, brach auch die lustige polnische Truppe mit ihren Kindern auf, die sich Gott sei Dank nicht gelangweilt hatten. Also alles in allem: Keine Schlägerei, keine fliegenden Teller, kein Rauswurf mit Polizeieinsatz. Im Grunde ein schöner Abend mit leckrem Essen.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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9 Antworten zu Manöverkritik im Steakhaus

  1. NK schreibt:

    „Niederkunft“? Andere gehen dafür ja in eine Klinik… 😉

  2. Ulrich Wolf schreibt:

    Sehr schön! Erinnert mich an einen Besuch beim Griechen, bei dem sich eine Crew von Sparkassenangestellten so lautstark daneben benommen hat, dass wir fast vorzeitig die Flucht ergriffen hätten. Ich wusste bis dato nicht, wie biedere, schick gekleidete Banker so die Sau rauslassen können….

  3. ToWi schreibt:

    Irgendwie hinterläßt der Artikel den Leser mit dem Gefühl, das dier Abend dann irgendwie doch nciht so gut war, wie es im letzten Satz geschrieben steht…. 🙂

  4. lelei schreibt:

    Der Fettrand gehört zu einem Rumpsteak. Rumpsteak und Hüftsteak sind auch aus zwei unterschiedlichen Teilen des Rindviechs.

    • firefox05c schreibt:

      Dass die Steaks aus unterschiedlichen Teilen sind, wusste ich. Dass ein Rumpsteak einen Fettrand hat, nicht. Wenn das Hüftsteak keinen hat, sollte ich mir das nächste Mal besser gleich eines bestellen… 😉

  5. oschwab schreibt:

    Nette Beschreibung eines sicher doch auch amüsanten Abends – Pieps 😉

  6. nobelix schreibt:

    Brunzen in HD – das erinnert mich irgendwie an meinen letzten Urlaub:
    Camping in den schottischen Highlands. Passenderweise hatten wir uns eine „Brüllschlucht“ ausgeguckt – da gab es nicht nur HD, sondern gleich 3D, Dolby-Surround und das plätschern eines Flusses (sogar in Sichtweite…)

  7. ohres schreibt:

    Wir hatten frührer das Problem, das bei einem amerikanischen Schnellrestaurant die Friteuse die gleiche Tonfolge hatte wie der gute alte Pageboy 2. Nervöse Blicke während dem Burger schlabberns blieben da nicht aus.

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