Inside out

Ich dachte, es sei eine gute Idee. Weil ich ja “ ’nen Harten“ bin. Und Betäubung ist ja eh‘ nur was für Luschies.

Dachte ich.

Angefangen hat es damit, dass mir morgens fast immer übel war. Der Zustand verschlimmerte sich, so dass ich irgendwann sogar tagsüber aus unerfindlichen Gründen Brechreiz bekam: Egal, ob vor, nach oder während dem Essen, egal, was oder wieviel ich aß, irgendwie war mir immer übel. Da ich mir ziemlich sicher war, nicht schwanger zu sein, beschloss ich irgendwann, den Medizinmann zu fragen.

Der rieb sich die Nase wie Wicki, erzählte mir was über  Helikopter- Bazillen im Magen, die sowas verursachen könnten, und schickte mich erst mal zu einem Kollegen, der ja auch was verdienen mich weiter behandeln sollte. Dort wurden dann erst einmal andere Sachen wie Laktose- Intolleranz ausgeschlossen, bevor sich der Druide dazu entschied, handgreiflich zu werden: „Tja, da müssen wir mal eine Magenspiegelung machen. Also, dazu werde ich Ihnen einen Schlauch in den Magen schieben müssen…“ Dann erzählte er mir, was dabei so passieren könnte, aber natürlich noch nie passiert ist (das Relativieren, Abwiegeln und Beruhigen ist wohl eine Kundenbindungsmaßnahme, da sonst womöglich seitens des Patienten zu häufig im letzten Moment „noch was dazwischen kommt“…). Und dann die Frage: „Der Rachenraum wird ja sowieso örtlich mit einem Spray betäubt. Wollen Sie dazu noch eine leichte Betäubung, oder sollen wir es erst mal so versuchen? Wenn Sie die Betäubung nehmen, müssen Sie sich aber von jemanden abholen lassen. Außerdem dürfen Sie an dem Tag kein Auto mehr fahren und sollten unter Aufsicht bleiben.“ Also, bitte, Herr Obergedöhnsrat! Ich lasse beim Dentisten ohne Betäubung bohren, prüfe das Blutzuckergerät im Rettungsdienst schon mal an mir selbst und lasse mir dann und wann sogar den Rücken wachsen!  „Nö… wir könnten es ja erst mal ohne versuchen…“ Mein Gedanke: Lasse ich die Medikamente bei der morgendlichen Untersuchung weg, könnte ich später noch mit Mausi Einkaufen fahren. Oder Eis essen. Oder so. Auf jeden Fall wäre der Rest des Tages nicht „gelaufen“.

„Nimm lieber so’n gutes Tröpfchen! Ich kann dich doch abholen. Ist doch kein Problem!“, stubste mich mein Schatz an. – „Nö, lass mal. Habe ja noch was vor…“

Am besagten Tag erschien ich also frohen Mutes mit einer leicht naiven Grundhaltung und einer Verlobten, die sich ihren Beistand nicht verbieten lassen wollte, in der Praxis. Ich musste auch nicht lange warten. Während mein Personenschutz im Warteposition blieb, nahm ich auf der Folterbank platz und machte, bevor es losging, noch mit dem Studierten aus: „Wenn es zu viel für Sie wird, geben Sie mir ein Zeichen. Dann bekommen Sie etwas Dormicum, und ein paar Minuten später können wir dann weitermachen.“ – Also, sagte der Arzt zu mir, nicht umgekehrt…

So 'n Oschi hatte ich im Hals. In schwarz. Echt jetzt!!

Er sprühte mir also den Hals ein (*pfft-pfft* – „Angeblich soll das nach Banane schmecken. Aber watt-weiß-ich, wie die darauf kommen. Banane schmeckt anders!“ *pfft-pfft-pfft*), und ein paar Momente später fing er an, mir einen schwarzen Gartenschlauch, ach, was rede ich: Einen C52, nicht- enden- wollend in den Hals zu schieben, bis der 40-Meter-Haspel fast leer war! Luft wurde in mich rein-, und Tränen und Sabber rausgepumpt, ich würgte los, bis das Zäpfchen vor der Pritsche baumelte, der Akademiker verschwamm vor meinen Augen, die Arzthelferin  rollte pausenlos Auffangbehälter für meinen raustropfenden Speichel rein… „So, dann wollen wir mal sehen…“ – Ich glaube, ich war noch nie so ausgeliefert…

Nachdem ich also aufgepumpt war wie ein Wetterballon, begutachtete er Stellen von mir, die auch ich selbst zum ersten Mal sah. Eigentlich müsste ich ganz geil auf Arztbesuche sein: Ich entdecke dann immer wieder mal Neues an meinem Körper, und das nach über 40 Jahren! So war es bei meinen Herzklappen, den Wurzeln der Weisheitszähne, meinem Schädelknochen an der Stirn… und jetzt meine Magenwand. Während ich da also tausend Tode starb, mein Innerstes nach außen würgte (ich glaube, der Magen ist nur deswegen nicht rausgekommen, weil er mit der Sonde auf dessen Grund gegendrückte!) und vor Dauersabbern fast dehydrierte, schaute er sich in aller Ruhe in meinem Schnitzelfriedhof um. „Würg-ächts-rülps…“ – „Nö, nichts Auffälliges… nur so ein paar Rötungen…“ – „Örks-würg-gurgel…“„Tja, dann nehmen wir noch schnell eine Probe.“

Er ergänzte kurz das flexible Ofenrohr und rupfte mir innerhalb gefühlter 4 Stunden ein Pröbchen aus der Magenwand. Dann endlich zog er das wiederliche Ding raus. Durchgeschwitzt, rülpsend und mit geschwollenen Augen kämpfte ich mich wieder in sitzende Position, während das Karbolmäuschen mit einem Gabelstapler die randvolle Wanne mit Sabber entsorgte. Boh, Leute, ich war fertig wie ein Brot…

Die Erklärung dessen, was gerade passiert war, rauschte an mir vorbei, wie zuvor die Bilder meines Lebens. Ich wusste nachher nur, dass er wohl auch erwähnte, dass mein Hausarzt nochmals mit mir darüber sprechen wollte. Als ich wieder ins Wartezimmer wankte, saß da mein Schatz mit sorgenvollem Blick: „Und?“ „Nix. Will nach Hause…“

der Tag war gelaufen...

Mausi schleppte mich auf die Straße, wo ich immer noch Tapetenkleister hervorwürgte, verfrachtete mich ins Auto und gegen zehn Uhr morgens waren wir wieder zu Hause. Ich fiel aufs Sofa, verschlief das Mittagessen und kämpfte mich durch den Abend, bis ich ins Bett ging. Der Tag war auch ohne Sedierung gelaufen. Würgen ist Schwerstarbeit. Ich glaube, dass ich den latenten Würgereiz beim Putzen der linken Backenzähne (wo ja der Schlauch langscheuerte) auch erst seit der Spiegelung habe.

Vom Hausarzt bekam ich dann mitgeteilt, dass man nichts schlimmes gefunden hatte. Ein paar Tage Pillen schlucken sollten den Hubschrauber- Viechern den Garaus machen, das war’s.

Ein dringender Tipp: Solltet ihr mal vor einer Gastroskopie stehen, lasst euch ruhig ein Schlückchen Omaglück geben. An dem Tag läuft sowieso nichts mehr.

Denn eigentlich dachte ich, es sei eine gute Idee, die Sedierung wegzulassen. Weil ich ja “ ’nen Harten“ bin. Und Betäubung ist ja eh‘ nur was für Luschies. Dachte ich…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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17 Antworten zu Inside out

  1. Daniel Eschenlohr schreibt:

    Ich habe wärend des Lesens genauso viel geheult wie du, nur ich vor lachen, du ja nicht…

    Das liest sich Köstlich….
    Schön mal so zu lachen

  2. Jan Itor schreibt:

    ROFL. Wundervoll beschrieben, danke.

  3. Sehr schön geschrieben. Mein tiefstes Mitgefühl hast du auf jeden Fall 😉
    Da ich auch schon zwei Mal zur Magenspiegelung war kann ich nur sagen: Richtig dosiert ist Propofol ein echt geiles Zeug. Schön geschlafen, hinterher ziemlich schnell wieder fit, keinerlei Würgen, noch nicht mal Halsschmerzen.

  4. Biki schreibt:

    Hm, da hab ich wohl Glück gehabt. Hatte auch nur den Spray, konnte aber mit viel tiefem Durchatmen und konsquent an die Blümchenwiese denken überleben.
    Schön ist aber doch anders.

  5. Eric (@ro0f) schreibt:

    Geniale Lektüre für den Montag Morgen. Ich hab Tränen gelacht. 😀

  6. Björn R. schreibt:

    5 Magenspiegelungen bisher gehabt, jedesmal Helikopter, die 2 im Krankenhaus mit dabei pennen waren die Besten.

    • firefox05c schreibt:

      Wie jetzt, „jedesmal“? Mein Arzt meinte, dass eine Wiederbesiedlung ehr selten sei (wobei sein „selten“ noch absoluter war!)??

  7. soneakyralia schreibt:

    Wunderbar geschrieben. … jetzt weiß ich endlich mal, was die Alternative zu dem leichten Betäubungsmittel gewesen wäre… danke!

  8. Conny schreibt:

    Uff – für mich grad echt harte Kost. Ich krieg schon beim Lesen so’n leichtes Kitzeln am Zäpfchen *brrrr* Respekt für deinen Mut, ehrlich. Ich würd mir ne Vollnarkose geben lassen, wenn wir einen Ringkampf mit dem schlauchführenden Doc vermeiden wollen 😉

    Aber hey, gut, dass dir nix fehlt 🙂

  9. Herrlich! 😉 Ich konnte den angeblichen Bananen-Geschmack vom Xylo-Spray nun auch nicht wirklich als solchen identifizieren!
    Gottseidank musste ich aber noch nie zur Magenspiegelung und wenn es dann doch mal irgendwann auf mich zukommt, werde ich deinen Rat befolgen und mir ein Schlückchen genehmigen 😀

  10. blaulichtengel schreibt:

    Also ich glaube, ich wäre vor Würgen „gestorben“. Bin da schon beim Zahnarzt sehr empfindlich und dann so nen Schlauch schlucken, ne danke. Da will ich dann doch lieber schlafen und nichts mitbekommen. Das einzig „Interessante“ daran, sich selbst mal von innen zu sehen, wird so eher zum Albtraum.

    Aber herrlich zu lesen, deine Geschichte! Hab schon fast ein wenig Mitleid bekommen 😉

  11. Thomas (@Merlyn112) schreibt:

    Sehr schön! War schon viel zu lange nicht mehr hier.
    Ich hatte auch mal nen Schlauch im Hals, habe mich aber damals direkt für „mit Dröhnung“ entschieden und weiß so gut wie nichts mehr von der ganzen Sache.
    Dagegen kannste das Spray verbrennen, hatte mal eine Kehlkopfspiegelung und hätte da schon fast dem Herrn Doktor ins Gesicht gerülpst.

  12. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    egal, in welche körperöffnung ein arzt einen schlauch reinstecken will – niemals ohne betäubungsmittel! ich wäre sicher auch im dreieck geprungen… hatte schon drei magenspiegelungen, alle mit vollnarkose.

  13. Rene schreibt:

    Also ich hatte bei meiner Magenspiegelung keine derartigen Probleme. An das Rülpsen und leicht aufwürgen kann ich mich aber auch noch sehr gut erinnern. ^^ Wenn man versucht einfach nur abzuschalten und nicht darüber nachzudenken, dass man einen Schlauch im Magen hat, kann man es aushalten. Sobald ich daran gedacht habe, hat sich mein Körper gewehrt.
    Nach der Spiegelung bin ich übrigens noch auf Arbeit gegangen und der Tag verlief recht gut. ich würde wieder auf eine Sedierung verzichten und nur das Spray nehmen.

  14. Amila schreibt:

    Vielen Dank für den Tipp. Von Herzen Danke.

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