Gynäkologischer Notfall. Oder auch nicht.

Nachts um halb drei krakehlte der Melder los: „Gyn. NF, Dingensstr. , Pat. im 7. Monat“ . Na, hoffentlich keine Fehlgeburt!

Wir fuhren los zur angegebenen Adresse. Das hektische Blaulicht wurde von den Straßenschildern zurückgeworfen, zum Glück hielt uns nur wenig Verkehr auf. Die nächste Gynäkologie war jetzt in welchem Krankenhaus? Können wir in diesem Einsatz überhaupt etwas tun, außer schnell einpacken und in den Karbolschuppen fahren? Und warum kommt kein Notarzt mit? Auf jeden Fall machten wir schon „recht zügig“, um nicht schon auf der Anfahrt Chancen für das möglicherweise in Lebensgefahr schwebende Kind zu versauen.

An der Adresse, einem Wohnheim, standen verschiedene Leute auf dem Flur rum. Vom 6-Jährigen bis zum Greis, und das um diese Zeit!  Wir riefen nach unserer Patientin, die in einem der Zimmer am Flur stecken musste: „Hallo? Rettungsdienst! Wer hat uns gerufen? Hallo??“ Die umstehenden grinsten nur verständnislos und etwas amüsiert. Bis sich ein junger Mann meldete: „Ich habe angerufen. Wegen meiner Frau.“ – Gott sei Dank! Und ich dachte schon, er wäre schwanger! Wir interviewten die besagte, etwa 20jährige  Frau, die jetzt mit einem Volleyball unter dem Shirt und einem Pfund Damenspachtel im Gesicht (morgens um halb drei!) neben ihrem etwas dämlich aus der Wäsche guckenden Mann auftauchte, weswegen wir dort waren. „Sehen sie mal, im Gesicht! Hier!“ – „Watt iss’n da?“ – „Ja hier, die Pickel. Ich habe bestimmt eine allergische Reaktion!“ – „Wie jetzt? Worauf?“ – „Ich habe gestern Nachmittag eine Creme benutzt, und am Abend ging es los, und seit dem habe ich diese Pickel! Ich bin doch schwanger…“ Tatsächlich: Wenn man das Gesicht so drehte, dass das Licht schräg auf das Gesicht traf, sah man auf den Wangenknochen winzige Erhebungen. Und schwanger war sie auch, ja…

Sie erklärte uns, dass sich der Ausschlag im Laufe der letzten Stunden ausgebildet hatte, nachdem sie irgendein Schminkzeugs aufgetragen hatte. Keine Atembeschwerden, keine Schwellungen, keine Schmerzen, nicht einmal Jucken. Nur halt Pickelchen… „Aber ich bin doch schwanger… und das sieht doch auch Scheiße aus… das werden ja auch immer mehr…“ , stammelte sie, da sie selbst nicht genau wusste, wie sie uns das jetzt als „Notfall“ verklickern konnte.

Mein Kollege bekam gestaute Halsvenen: „Sie wollen uns jetzt nicht ernsthaft damit sagen, dass sie uns wegen der Pickel gerufen haben?“„Äh… doch…“ Der Kollege platzte: „Also wir rasen jetzt wie die Blöden durch die Nacht und machen den Verkehr strubbelig, weil Sie Pickel haben? Verstehe ich das richtig? Wissen Sie eigentlich, was sowas die Kassen kostet? Im Stadtteil nebenan hat vielleicht jemand einen Herzinfarkt, und der muss jetzt warten, weil wir mit Ihrem Hautproblem beschäftigt sind? Glauben Sie nicht, dass es vielleicht auch zuträglich wäre, wenn Sie sich zumindest nachts mal abschminken, damit die Haut sich etwas erholen kann? Wir sind der Rettungsdienst, für lebensbedrohliche Notfälle. Kein Kosmetik- Notdienst!“

Bevor er noch etwas sagen würde, was zu einer Beschwerde führen könnte, schob ich ihn wieder zurück: „Lass uns gehen. Das bringt hier doch nichts…“ Mit einem Verweis auf den Hausarzt, der ihr bestimmt mit einer Salbe helfen könnte und in etwa 5 Stunden seine Praxis öffnen würde, verließen wir das bedröppelt dreinblickende Päärchen, dem jetzt langsam klar wurde, dass sie vielleicht etwas überreagiert hatten, gleich mitten in der Nacht den Rettungsdienst zu rufen. Wegen ein paar unansehnlichen Hautunreinheiten…

Einsatzende.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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10 Antworten zu Gynäkologischer Notfall. Oder auch nicht.

  1. notizbuchfragmente schreibt:

    Oh. Meine.Herrn …

    Also ich als Frau kann ja schon verstehen, dass man knurrig ist, wenn man den obligatorischen großen Pickel kurz vor ’ner voll wichtigen Feierlichkeit auf der Stirn leuchten sieht (obwohl ich NICHT nachvollziehen kann, dass man da hysterisch wird …) …

    Aber mitten in der Nacht Leute aus dem Bett klingeln (warum sind die nicht in die Notambulanz gefahren, wenn es so dringend ist? Ginge auch?!?) und dann einen Aufstand wegen so einem Pipifax machen …. BOAH … Ganz davon ab, das auch der Besuch der Notambulanz ja totaler Kappes gewesen wäre. Lächerlich. Ehrlich.

    Übrigens: Respekt. Der Tipp vom Kollegen war richtig gut. Schminke gehört nachts generell nicht aufs Gesicht. Und schon gar nicht pfundweise. :mrgreen:

  2. Katha schreibt:

    Bisher haben wir immer über den umgebogenen Nagel gelacht. Ich glaub, das hat jetzt nen Nachfolger.
    Aber so ein umgebogener Nagel tut ja immerhin noch etwas weh *g*

  3. Da würde ich auch platzen…wie bin ich froh, dass ich das so nicht hier in der Schweiz erleben muss..Danke!!

    • Mr. Gaunt schreibt:

      Dito. Mein Geduldsfaden ist zwar recht stark, aber da wäre er gerissen. Für so eine Aktion muss man schon extrem einfältig sein. Leider ist eine Anzeige wg. Mißbrauch des Notrufs bei der Lokalität vergebene Liebesmüh und würde weitere Kosten verursachen.

    • Hightower schreibt:

      Wie ist sowas denn da geregelt ?

      • Soweit ich das bis jetzt überblicken kann, bekommt jeder hier erst mal die Rechnung selbst zugeschickt, die reicht man dann ein. Wenn die Krankenkasse denkt, das war unnötig, dann bezahlt man schön selbst, und das ist hier ziemlich teuer. Auch wird hier, so habe ich zumindest das Gefühl,die Ambulanz nur dann gerufen, wenn es auch nötig ist.

  4. spenceman03 schreibt:

    Ihr habt hoffentlich das Kreuz an der richtigen Stelle gemacht und die Fahrt als Fehlfahrt deklariert, damit die Solidargemeinschaft der Krankenkasse den Mist nicht noch aus den Beitragsgeldern der anderen bezahlt.

    • firefox05c schreibt:

      Aus so einem Einsatz kann man nur einen „Fehleinsatz“ machen. Denn ausser viel Schreiberei hätte man nichts von einer Kostenpflicht: Nach einem endlosen (und ebenfalls teuren) Verwaltungsvorgang bliebe die Rechnung offen, da solche „Patienten“ sowieso kein Geld zur Begleichung der Gebühren haben.

  5. Conny schreibt:

    Oh mein Gott, das ist ja nicht zu fassen!! Wobei ich zugeben muss – ich musste beim Lesen schon zimelich grinsen 😉 Und Hut ab, der Kosmetik-Tipp deines Kollegen trifft voll und ganz zu 🙂

  6. Wolfram schreibt:

    Klingt nach ner Patientin von Josephine, der Heldin im Chaos…

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