Wahnsinn in Tüten

Sonntag Morgen um halb sechs klingeln die Melder: „X-Straße, bewustlose Person, mit Notarzt.“ Ein „einfacher“ Rettungswagen war auch mit uns losgeschickt worden.

Am Einsatzort in einer alten Schule/ einem Gemeindezentrum / wattweißichwo stand der andere Rettungsbomber schon vor der Tür, wir wurden von einem jungen Mann empfangen: „Sie müssen da um die Ecke und dann in den ersten Stock!“ – „Was ist denn da?“ Die Antwort ließ nichts Gutes ahnen: „Ja, da sitzt der Niels auf dem Klo und randaliert, der ist voll aggressiv! Und da liegen zwei Mädels auf dem Boden! Die eine ist seine Freundin. Die schreien da voll rum!!!“ – „Wieso schreien die rum?“ – „Ja, die sind voll hysterisch, so besoffen und so!“

Als wir das Treppenhaus betraten, konnte man die Geräuschkulisse kaum überhören. Oben sahen wir das Chaos: Auf dem Boden lag eine etwa 20jährige, trat, schlug um sich, kreischte, dass einem die Ohren klingelten (ein Treppenhaus mit verputzten Wänden, Steinboden und hohen Decken ist akustisch sehr aktiv!), darauf lagen zwei weitere Mädels und brüllten sie an, dass sie nicht so brüllen soll, darum herum noch weitere Personen, die alle mehr oder weniger Laut auf das Knäuel einredeten. Die Kollegen vom Rettungswagen sahen wir im Toilettenraum vor einem der Separèes stehen, aus dem jemand ziemlich aggressiv schimpfte: „Ich habe da kein Bock mehr drauf! Ich mache euch alle platt! Lasst mich in Ruhe, gleich gibt’s was auf die Fresse, ey!“ Nun ja, etwas unübersichtlich, die Situation.

Ich rief unser Callcenter an, was bei dem Schallpegel, verursacht durch das sich wälzende Knäuel, kaum möglich war. Glücklicherweise vibriert mein Handy kurz in dem Moment, wo der Angerufene abhebt. So quatschte ich auf gut Glück einfach los, als es zitterte, denn trotz Freisprecheinrichtung konnte ich nichts vom Telefon hören: „Ja, der 6-81 hier, wir brauchen hier mal die Polizei. Ich denke, dass wir deren Unterstützung gleich brauchen. Hörst ja, was hier los ist.“ Ich hörte, dass der Lautsprecher im Quatschklotz irgendwas von sich gab, und ging davon aus, verstanden worden zu sein.

Die Kollegen hatten sich zwischenzeitlich aufgeteilt: Die RTW- Besatzung redete weiter den aggressiven Patienten runter, der Notarzt hatte sich erst einmal zurückgezogen („Das ist so’ne Kante, der pustet mich flott aus dem Anzug, wenn der will…“), entschied, dass die hysterische Quietsche ruhig noch etwas auf dem Boden zappeln sollte, und wir ließen uns erst mal erzählen, was hier überhaupt los ist:

Einer der Anwesenden, der in dem Theaterstück noch nicht seine Rolle gefunden hatte, berichtete, dass dort eine Party dem Ende zuging. Der Randalierer hatte bis vor ein paar Wochen Anabolika genommen. Nachdem er sie abgesetzt hatte, weil er die Nebenwirkungen nicht mehr ertragen wollte, verfiel er in Depressionen: Muckivolumen weg, Selbstbewußtsein weg, Job weg. Der Alkohol heute Abend gab ihm den Rest. Als seine Freundin mitbekam, dass er sich im Porzellanzimmer eingeschlossen hatte und mit Randale drohte, fand sie es an der Zeit, ihr geballtes Krawall- TV- Wissen einzusetzen und hysterisch zu werden. Damit war also auch die Identität der geräuschvoll am Boden zappelnden geklärt, die unter einem Wust von Freundinnen, die mittlerweile auf ihr lagen und sie anbrüllten, wie eine Bahn bei einer Vollbremsung klang. Jaja, die wissen, wie man feiert…

Vorhang auf, jetzt der Auftritt des vermutlich Verantwortlichen dieser entgleisten Zusammenkunft: Ein weiteres Jüngelchen, schnieke im Anzug wie ein Manager, der uns anranzte, warum wir nicht eingreifen würden: „Warum macht ihr denn nichts? Könnt ihr der da nichts geben und den Typen da wegfahren? Ich muss hier abschließen! Das ist ja das Letzte! Jetzt steht doch nicht so rum!“ Ich wurde bei so viel „Selbstvertrauen“ nun auch etwas ungeduldig. Mein Hinweis, dass er ja die Party vielleicht etwas ehr hätte beenden können, um so eine Eskalation gar nicht erst aufkommen zu lassen, konterte er nur damit, dass ihn das nichts anginge, und er Ärger bekäme, wenn er nicht bald abschließen könne. Da setzte ich noch einen drauf: „Sie sind also der Verantwortliche für diese Veranstaltung? Und wieviel haben Sie getrunken?“ – „Keinen Tropfen!“, warf er mir vorlaut entgegen. „Gut. Wenn Sie also völlig nüchtern sind, dann kann ich ja alles, was Sie hier so von sich geben und wie Sie sich hier bei diesem Notfall verhalten, für „voll“ nehmen. Sie sind sich dann der Situation und ihrer Äußerungen ja bewust. Die Polizei ist schon unterwegs, die will bestimmt wissen, wer hier der Verantwortliche für diesen Einsatz ist. Das Mädel hat doch bestimmt nicht nur Alkohol getrunken!“ Der hatte gesessen: Erschrocken über das, was ihm womöglich im Falle einer Anzeige negativ ausgelegt werden könnte, zog er sich zurück. Vorhang zu. (In der Tat hätte man ja nichts gegen ihn in der Hand gehabt, da anscheinend alle Beteiligten volljährig waren. Aber Klappern gehört zum Handwerk… )

Da das Mädchen sich immer noch extatisch auf dem Boden wälzte, als triebe sie gerade Unzucht mit Luzifer, und mir so langsam das Trommelfell ausleierte, fand ich es dennoch  an der Zeit, sie etwas zu beruhigen. Nachdem ich also ihre Freundinnen (ebenfalls einer Hysterie nahe) und einen Typen, der ihr ins Ohr brüllte, sie solle gefälligst „wieder runterkommen“, weggeschubst hatte, sprach ich dann mal ein Wörtchen mit ihr: „Hömma, Mädel, wenn du dich nicht gleich beruhigst, hole ich die Bullen. Die stehen auf Randale, und nehmen dich dann mal eine Nacht mit. Hörsse? Dann fährst du erst mal ein paar Stündchen ein!“ Und das Wunder geschah: Sie hörte auf, die Scheiben beben zu lassen. Zum Glück wusste sie nicht, dass die „grüne Zunft“ sie in diesem Zustand niemals mitgenommen hätte!

Der Patient im weißen Salon ließ sich auch so langsam beruhigen, drohte nicht mehr, uns den Frack auszustauben, und wurde zugänglicher. Ja, er wollte sogar psychologische Hilfe. Gott sei Dank! Nur die Polizei hatte er nicht sooo lieb. Also, gelinde ausgedrückt. Er versprach uns auf jeden Fall eine riesen- Show mit wirbelnden Leichenteilen, falls er einen Streifenwagen sehen sollte. Ich also vorausgeeilt und den glücklicherweise einsichtigen Ordnungshütern, die vor der Tür schon warteten, nahe gelegt, doch lieber noch einen Moment um die Ecke zu fahren…

Freiwillig und ohne Haue ließ der Mann sich von uns in den Pflasterlaster führen. Seine Freundin sollte mit dem Rettungswagen der Kollegen ins Krankenhaus: Sie konnte kaum noch stehen, so dicht war sie. Oder erschöpft vom Kreischen, ich war mir da nicht so sicher. Allerdings gab sie auf halbem Wege nochmal alles, was sie an hysterischen Reserven hatte, so dass sie von den beiden Kollegen und drei ihrer Freunde auf die Trage gepflanzt wurde, wo sie weitertobte: Schuhe flogen, sie kreischte, trat, schlug um sich. Bis wir sie mit den Sicherheitsgurten festgeschnallt und zusätzlich (zu ihrem und unserem Schutz) eines ihrer Handgelenke mit  Rollenpflaster an die Trage geklebt hatten. Die andere Hand bekamen wir so gebändigt. Doch die Kollegen hatten die tobende Bestie gerade in ihren Liegendtransporter geschoben, da hatten sie das nächste Problem. Denn es wollte nicht die eine oder andere Freundin mit, nein: Alle. Mit 5 aufgeregten Hühnern und zwei lamentierenden Gockeln belagerten sie den Patientenraum, bis es den Mitarbeitern zu viel wurde und sie alle rausschmissen, was den Zirkus wieder nach draußen verlagerte. Die hysterische Blondine im Auto beruhigte sich dann so ganz ohne Aufmerksamkeit ziemlich schnell. Es ist halt bei besoffenen Mädels schon mal wie bei Dreijährigen: Beraubt man sie der Aufmerksamkeit, verfliegt die Tobsucht.

In unserem Auto hingegen war der depressive Schrank mittlerweile am Boden zerstört. Sein Kumpel kam an: „Ey, kannisch da mitfaan? Der braucht misch!“ – „Na gut, aber bitte vorne einsteigen.“ – „Ey, dann muss meine Freundin auch mit, die kannisch hier nich‘ alleine lassen!“ Sein Weibchen schaute mich aus Häschenaugen klimpernd an. Tja, netter Versuch, aber Pech gehabt: Wir sind kein Omnibus…

Als wir in Richtung der nächsten psychiatrischen Station  losgefahren waren, erzählte er uns seine Geschichte:

Er hatte angefangen, in der Pumpstation regelmäßig Gewichte von unten nach oben zu befördern. Und zurück. Allerdings bekam er nach einiger Zeit mitgeteilt, dass man ohne „Hilfsmittel“ nie zum Gugelhupf wird. „Da kommt so’ne 50Jährige Kante an und sagt, dass man nie so wie die anderen aussieht, wenn man nicht spritzt!“ Also fing er an, die angebotenen Mittelchen zu nehmen, was dann natürlich immer mehr wurde, bis er sogar mehrere „Kuren“ machte: Drei mal jeweils eine Woche lang Extremdoping. Er hatte das Stadium der Pillen und Pülverchen schon hinter sich und spritzte sich jetzt jeden Tag. Die Muskeln schwollen an, er sah aus wie ein Schrank und platzte fast. Durch das Testosteron wucherte das Kraut im Gesicht und auf der Brust, das Selbstvertrauen war schier unendlich. „Sowas will man als Junge doch! Das war doch genau das Ideal!“ Er schmiss sogar seine Lehre, um fast jeden Tag in der Eisenkammer zu knüppeln.

Die Nebenwirkungen ließen ihn damit jedoch wieder aufhören, und er musste erkennen, dass nicht nur die Eier zu Erbsen geworden waren und er starke Hautprobleme bekam („Ey, da wirsse vielleicht lachen, aber ich habe da auch noch so’n Furunkel am Arsch, so seit Wochen schon!“) , sondern auch die Beziehungen um ihn herum durch seine Jähzornigkeit und sein Alphatier- Gehabe stark gelitten hatten. Auch einige Probleme mit der Polizei hatte er, weil er einem Ordnungshüter, der eine Ruhestörung beenden wollte, mal eben den Frack ausgestaubt hatte.

Dann setzte der „Muskel“- Schwund ein: „Das waren ja auch gar keine Muskeln, das war ja nur Wasser! Und das war nach ein paar Wochen alles wieder weg, da konnte ich pumpen, wie ich wollte!“ Jetzt ging sein Selbstvertrauen wieder flöten, und es beherrschten Depressionen seinen Alltag. „Die Jungs sind rausgegangen, und ich bin zu Hause geblieben. Ich habe mit umgehängter Decke vor dem Fernseher gesessen, und mich meiner Oberarme geschämt, obwohl ich ganz alleine da war!“ Er mochte nicht mehr in den Spiegel schauen. Einen angebotenen Arbeits- Festvertrag lehnte er ab, er schaffte es nur, Aushilfsjobs zu machen. Die Depressionen legten sein Leben immer öfter lahm. Als dann noch der Welpe starb, den er seiner Freundin geschenkt hatte, fiel er endgültig ins Loch: Nachdem der Alkohol seine Gemütslage verstärkt hatte, schloss er sich bei der Brüllschüssel ein und wollte sterben. Jetzt saß er heulend und fertig da wie ein Häufchen Elend und ließ sich bereitwillig in die Psychiatrie fahren. „Bist du wegen deiner Depressionen schon irgendwo in Behandlung?“ – „Nein. Aber es geht wohl nicht mehr ‚ohne‘ „ Wir redeten auf ihn ein, nach der Nacht im Krankenhaus nicht zu glauben, dass wieder alles in Ordnung sei. Wir sagten ihm auch, dass der Doc in der Nacht nicht mehr viel für ihn machen könnte, aber empfahlen ihm dringend, die angebotenen Kontakte und Möglichkeiten zur Therapie auch wahrzunehmen.

Als wir ihn dem Krankenhaus übergeben hatten, hatte ich auf der Rückfahrt das Gefühl, dass man den Jungen wieder hinbekommen könnte. Wenn er denn die Hilfe annehmen würde.

Über seine Freundin, die meinte, sich mit ihrem völlig übertriebenen Anfall plakativ in Szene setzen zu müssen, machte ich mir keine Gedanken. Wenn die ihren Rausch ausgeschlafen hatte, war für sie die Welt bestimmt wieder in Ordnung.

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Wahnsinn in Tüten

  1. Conny schreibt:

    Eijeijei… Eigentlich ohne Worte, aber ein Respekt an euch, dass ihr das so souverän gemeistert habt und die Kollegen in Grün sich taktisch klug verhalten haben. Das hätte auch ganz gut anders ausgehen können :-/

    Allzeit guten Dienst!!

  2. Mr. Gaunt schreibt:

    Puh, wat habt Ihr starke Nerven… Respekt vor der professionellen Abwicklung trotz massiv erschwerter Umgebungsbedingungen. Gibt es dafür eigentlich Lärmzulage?
    In solchen Fällen würde ich mir wahrscheinlich ein Tierarzt-Blasrohr mit passender Munition wünschen, um die ganze Truppe aus sicherer Entfernung in’s Land der Träume zu schicken.

  3. Katha schreibt:

    Klasse gemacht!
    Erstaunlich, was so zwei kleine Flunkereien wegen der Folgen bewirken können. Wenn man das nur gleich wüsste, dass das so einfach geht *g*

  4. Eric (@ro0f) schreibt:

    Das Dahinter ist immer das Interessante… Auf der einen Seite ist der Gute ja selbst schuld, er hätte sich mal vorher schlau machen sollen, was für Auswirkungen seine Experimente denn haben können. Auf der anderen Seite ist er ein armes Schwein, wenn man schon Anfängt sein Selbstvertrauen auf Basis des Aussehens aufzubauen. Da fragt man sich was denn vorher der Grund gewesen ist, überhaupt so weit zu gehen…

  5. Stephan schreibt:

    Puh, man da will ich aber nicht wirklich mit Euch tauschen! Hut ab!
    st
    http:// http://www.wallgang.de

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