Im Notfall: Beherzt klopfen!

Wir waren gerade auf dem Rückweg von einem Krankentransport, da klingelte es am Gürtel: „Umme Ecke 5, Zimmerbrand“ – Oha! Der junge Kollege war etwas erschrocken.  „Das ist ja um die Ecke, sofort da vorne links! Da können wir mit dem Rettungswagen doch nichts machen, was denn jetzt?“ Mir fiel da schon mehr ein: „Wir könnten andere Bewohner warnen. Erkunden. Den Einsatzraum schon mal ansehen. Rückmeldung geben, ob mehr gebraucht wird. Und bei Kleinigkeiten haben wir ja noch den Feuerlöscher…“ -Wie kann man nur so fantasielos sein? Die fünf bis sieben Minuten bis zum Eintreffen der Kollegen würden wir schon irgendwie sinnvoll überbrücken können!

Ein paar Sekunden später fuhren wir auch schon vor. Blaulicht einzuschalten hatte kaum gelohnt, die Reklame war nicht mal warm gelaufen. Rauch kam aus einem gekippten Fenster im Erdgeschoss, vor dem Haus winkte ein Mann. Ich teilte unsere Arbeit ein: Mein Kollege sollte nach dem Abstellen des RTW einmal ums Haus laufen, um zu sehen, ob er irgendwo Flammen oder Menschen am Fenster sah, in welchem Zimmer der Brand zu vermuten ist, ob es noch weitere Zugänge gab, wo der nächste Hydrant ist…  In der Zwischenzeit würde ich das Haus von vorne erkunden. Es gab genug zu tun! 😉 Ich stieg vor dem Haus aus, der Kollege stellte den Rettungswagen weit in die Gegend (schließlich sollte vor dem Haus ja noch ein ganzer Löschzug Platz finden, der für die Entwicklung etwa 45 Meter Straße braucht!) und lief zurück.

Ich befragte den Anrufer. Besagter Mann machte einen recht ruhigen, fast gelangweilten Eindruck: „Ich habe Sie gerufen. Bei meinem Onkel da kommt Rauch aus dem Küchenfenster.“ – „Ist der noch in der Wohnung?“ – „Joah… natürlich…“ Dass er nicht dabei gähnte, war alles!  Am Fenster war nur dichter Rauch in der Küche zu sehen. Keine Flammen, kein Onkel. Im Haus an der Wohnungstür fragte ich den müden Anrufer, ob er denn schon mal versucht hätte, zu klingeln und zu klopfen. „Ja sicher! Natürlich! Wie bekloppt.“ , sagte er mit der Aufregung, die man verspürt, wenn das Küchenpapier mal wieder alle ist, „Aber der macht nicht auf. Muss aber drin sein. Der schläft mittags immer ’ne Runde. Der hört das dann ja sowieso nicht.“ – Ich glaube, dem Menschen war nicht klar, dass sein Onkel gerade in Lebensgefahr war oder schon tot sein könnte!

Gerne hätte ich die Tür einfach aufgebrochen, um einen Blick in die Wohnung zu werfen. Sie sah nicht besonders stabil aus. Vielleicht war die Küchentür ja zu und es war im Rest der Wohnung noch nicht so stark verraucht, wie es durch das Fenster aussah. Vielleicht könnte man dann sogar kurz hinein, um den Bewohner heraus zu holen.

Das Problem dabei: Die Tür hatte eine Füllung aus sechs blinden Glasscheiben. Wenn ich da einmal beherzt gegen die Tür stolperte, ginge mit Sicherheit mindestens eine Scheibe kaputt. Und dann? – Ich würde, wenn die Wohnung nicht mehr betretbar sein würde, die Tür nicht mehr dicht bekommen. Mit der Folge, dass Durchzug entsteht (weil mindestens das Küchenfenster ja gekippt war!), der Rauch in das Treppenhaus dringen kann und den oberen Bewohnern den Fluchtweg abschneidet. Und dass das Feuer angefacht wird und sich schneller ausbreitet, was die Überlebenschancen eines womöglich auf dem Boden liegenden Onkel noch weiter herabsetzt. Mist, alles Kappes aber auch! Und die Kollegen mit dem Löschzug brauchen bestimmt auch noch ein Weilchen, die Alarmierung war ja erst etwa 2 Minuten her!

Ich entschied mich also erst mal für „das mit den Fähnchen“, indem ich nochmal beherzt an der Tür klopfte, und zwar in einer Lautstärke, dass die Bewohner im Zweiten nicht unterscheiden könnten, ob es im Erdgeschoss, oder womöglich an ihrer eigenen Tür klopfte. Der Kollege müsste ja jeden Moment von seiner Erkundung zurück sein, den würde ich dann nach oben schicken, um die anderen Bewohner heraus zu holen. Drööhn! Drööhn! Drööhn! „Hallo? Hören Sie mich?“ Drööhn! Drööhn! „Hier ist die Feuerwehr! Hallo?“ (Türklingeln werden überbewertet. Die hört man ja kaum… 😉  ) Der Neffe war wohl jetzt auch davon aufgewacht, zog den Kopf ein und fiel fast den Treppenabsatz hinunter: Anscheinend hatte sich sein „Klopfen“ etwas – äh – lieblicher angehört… 😀

Aber meine Bemühungen fruchteten. Hinter der Tür bewegte sich etwas, der verdatterte Onkel öffnete erschrocken: „Oh je, ich war eingeschlafen!“„Sicher. – Bei Ihnen brennt’s übrigens.“ Hinter ihm trieben Rauchschwaden aus der offenen Küchentür, man konnte unter der Rauchgrenze hindurch noch die Ursache erkennen: Das vergessene Mittagessen auf dem Herd. Die Suppe war jetzt nicht nur heiß, sondern auch fertig, um in Scheiben gesägt in Papiertütchen verpackt zu werden. Ich zog den Mann aus der Wohnung, schickte ihn und seinen verträumten Neffen auf die Straße und huschte geduckt in die Wohnung, um das Fenster ganz zu öffnen. Nach dem Ausschalten des Herdes brachte ich die qualmende und bestialisch stinkende Gulaschsuppe -kohle vor das Haus, bevor sie sich noch entzünden würde. Der Kollege gab noch die Rückmeldung: „Kochtopfbrand, Mittagessen ins Freie gebracht, brauchen nur noch ein Fahrzeug für die Belüftungsmaßnahmen.“ Einige Momente später kam dann auch das erste Löschfahrzeug vorgefahren. Alles noch mal gut gegangen!

Die Untersuchung des Bewohners ergab keine gesundheitlichen Auffälligkeiten, da die Wohnzimmertür, hinter der er auf dem Sofa friedlich schlummerte, geschlossen war. Darum war er von der einfachen Türklingel wohl auch nicht aufgewacht. Und vom Rauch wird man ja sowieso nicht im Schlaf gestört.

Aber wenn Feuerwehrler „klopfen“… 😉

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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16 Antworten zu Im Notfall: Beherzt klopfen!

  1. Mercator schreibt:

    Hihihi… Vielleicht war der Neffe gerade bei einem Clint Eastwood-Film gestört worden und hat versucht, die so überzeugend verkörperte Coolness ins eigene Leben zu übertragen.

  2. tofu schreibt:

    Ähnliche Situation, nur ganz ohne Rauch, sondern nur mit Wasserdampf und mit nem HiOrg-RTW. Leitstelle: „Wie, keine weiteren Kräfte? Sie sind ein Rettungsmittel. Zumindest der Gruppenführer des ersten LF muss sich die Sache auch mal ansehen.“ Ende vom Lied: die ganze Bagage, die zu nem Zimmerbrand ausrückt, ist völlig sinnbefreit durch die Stadt gebrettert um festzustellen, dass jemand sein Teewasser vergaß, und ein übereifriger Nachbar Alarm schlug…

    • firefox05c schreibt:

      Ach ja, mir wurde auch schon mal gesagt, dass ich als Rettungswagen- Besatzung etwas im Bereich Brandschutz nicht zu beurteilen hätte. Aber im Rettungseinsatz entscheidet man ganz alleine über Leben und Tod…

      • Gravfreak schreibt:

        Prinzipiell ist das auch richtig so, dass zumindestens noch ein GF mit Crew durchfährt. Der hat halt die Verantwortung für den ganzen Kram. Jedoch sollte man da auch seinen Kollegen vertrauen und den Rest in die 1 schicken.

        Ist doch logisch, wenn du Weiß anziehst, vergisst du doch alles Brandschutzmäßige….nicht! Trifft ja anscheinend bei deinem Kollegen zu 😉

        Zum Artikel: Typischer Mittagseinsatz ^^, wobei ich es immer interessant finde wieviele Mitbürger die Einsätze verpennen wenn man nen paar Meter nebenan die Bude löscht.

  3. Herrlich! In Wirklichkeit mache ich meine derzeitige Ausbildung nur deshalb, um auch mal so anklopfen zu können: BOMM – BOMM – BOMM – „AAAUFMACHEN! REEETTUNGS – DIIIIEEENST“! 🙂

  4. T K (@Sueder80) schreibt:

    Mir ist auch schon mal durch den Kopf gegangen, wie es wäre, wenn man als normaler Passant in so eine Situation kommt.
    Natürlich würde ich den Notruf wählen, aber was ist, wenn ich feststelle, das der Treppenraum schon total verqualmt ist?
    Trotzdem Sturmklingeln oder vielleicht eher auf der Straße Radau machen?

    • Gravfreak schreibt:

      112 anrufen und mitteilen, dass der Rettungsweg verqualmt ist (um das Programm zu erhöhen).
      Radau machen kommt auf die Situation an, gibt genug die dann die Tür aufreißen und merken, dass der Treppenraum verqualmt ist. Anstatt die Tür wieder zu schließen rennen die dann panisch zum Fenster und wundern sich, dass sie plötzlich nen heißen Arsch bekommen.
      Im Zweifel den netten Call-Center-Agenten deines Vertrauens fragen, was du machen kannst. 😉

    • firefox05c schreibt:

      Wenn das Treppenhaus verqualmt ist und du klingelst, machen die Bewohner die Tür auf. Nicht so gut. Dann lieber auf der Straße Radau machen und den Bewohnern sagen, dass sie die Türen geschlossen halten sollen. Wichtig auch: Die Menschen beruhigen, damit sie nicht springen. Hierbei kann es vielleicht helfen, wenn du dich als Feuerwehrmann zu erkennen gibst, weil der eine oder andere deinen Ratschlägen dann eventuell ehr glaubt. Aber auch als Feuerwehrmann ist man natürlich nicht unsterblich: Wenn zu viel Rauch im Flur ist, läuft man auch nicht hinein. Wenn es nicht geht, geht es eben nicht. Ich habe schon einen „Helden der Feuerwehr“ mit Rauchgasintox gefahren, der meinte, einfach noch mal (vor dem Eintreffen der Kollegen) das Treppenhaus kontrollieren zu müssen.
      Dein einziger Vorteil liegt darin, dass du mit entsprechender Erfahrung den Rauch besser einschätzen kannst, wenn du sie hast.
      Ferner könntest du versuchen, aus den Anwohnern heraus zu bekommen, ob in der Wohnung noch jemand sein könnte, und – wenn du eine sichere Quelle hast (z.B. direkt mit dem Bewohner der Brandwohnung gesprochen hast) – dieses der Feuerwehr in einer Art Rückmeldung mitteilst.
      Oft kommen bei der Leitstelle ja nur vage Meldungen an („Ich glaube, da kommt Rauch aus dem Fenster…“). Wenn dann eine halbwegs qualifizierte Einschätzung nachgeliefert wird (Flammenschlag sichtbar oder Scheiben geplatzt, welche Etage, Personen am Fenster, Bewohner gefunden oder noch vermisst, besonderer Anfahrtsweg…) , kann der Disponent eventuell frühzeitig das Stichwort erhöhen. So habe ich schon oft über Funk neue Infos bekommen, weil ein weiterer Anrufer die nötige Ruhe hatte, eine ordentliche Lagemeldung zu geben und auf Fragen vernünftig zu antworten. Das ging sogar soweit, dass ein zweiter (zuverlässigerer) Anrufer gemeldet hat, dass die Einsatzstelle sich in der Nachbarstadt in einer gleichlautenden Straße befand!
      Man muss sich nicht in Gefahr begeben, um sein Fachwissen anzubringen! 🙂

  5. tofu schreibt:

    Na ja…dass die Leitstelle meint, dass ein HiOrg-RTW keine Ahnung von Feuer hat kann, ich vllt noch ein kleines bisschen nachvollziehen, aber auf den BF-RTW sitzen ja Leute, die übermorgen und vorgestern auf dem LF sitzen/saßen. Das ist dann doch etwas albern…
    Dementsprechend finde ich „Abbestellungen“ nur durch Brandschutz-Kräfte zu akzeptieren tolerabel. Jedoch passiert dies ja auch bei Nachforderungen:
    Alarmiert zu Zimmerbrand. Bei Ankunft HiOrg-RTW als ersteintreffendes Fhzg. Flammen aus drei Fenstern. Rückmeldung mit Lagebeschreibung. Antwort der Leitstelle: Es ist noch kein Einsatzmittel des Brandschutzes in Status 4, wie könne man sich da erdreisten und auf Wohnung erhöhen wollen!?

    • firefox05c schreibt:

      Beschreibung der Lage wird dir ja zugestanden. Aber das Stichwort zu bestimmen ist etwa so, wie deinem Hausarzt zu sagen, was du für eine Krankheit hast: Das hat nur er zu bestimmen! 😉

  6. Rückmeldungen zu geben, hab ich mit meinem HIROG RTW auch schon gemacht, sogar ne Lage auf Sicht 🙂 Naja muss ja zugestehen, war ja im früheren Leben ja auch mal bei der Feuerwehr. Ich denke, wenn man ein bisschen Ahnung von dem Kram hat, dann sollte man auch Rückmeldung machen und das am besten über Funk, damit auch die anfahrende Feuerwehr davon gleich was mit bekommt.

  7. Mr. Gaunt schreibt:

    Wie man sich täuschen kann. Da denkt man, die Leute in den bunten lauten Lieferwägen und den grossen roten Spielzeugautos machen das, um mit Tatütata durch die Gegend zu fahren. Weit gefehlt, eigentlich wollen sie nur mal kräftig an die Tür bollern, wie es die Polizei im Fernsehen immer so schön macht. 😉

  8. Wolfram schreibt:

    Um den Onkel zu wecken, hätte der RTW mit dem Horn unterm Fenster sicher auch gute Dienste leisten können; schade, daß das den Löschzug so stört, wenn der RTW noch da rumsteht…

  9. Feuerwehrbedarf schreibt:

    netter Beitrag 😉

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