Hygiene, die Zweite…

Zu wenig genutzt?

Zu wenig genutzt?

Der ungepflegte Mann lag in seiner versifften Wohnung, in der überall schmutzige Kleidung, Bier- und Weinflaschen und Lebensmittelreste lagen, am Boden. Sein Kreislauf machte wohl nicht mehr ganz mit. Deswegen waren wir dort und untersuchten ihn kurz, ob wir vielleicht schon eine Ursache dafür herausfanden. Zu irgendwelchen Erkrankungen, die er womöglich hatte, konnte er uns nicht so recht Auskunft geben. Ein Virus? Entzugserscheinungen? Folgen einer Organerkrankung? Also brachten wir ihn ins nächstgelegene Krankenhaus.

Dort angekommen, holten wir die diensthabende Internistin, um ihr den Patienten zu übergeben – und sie rauschte gleich an uns vorbei, um dem Mann die schmutzige Hand mit den langen Fingernägeln zu schütteln: „Guten Tag, ich bin Doktor Dingens! Dann will ich ihnen mal hier in das Bett hinüber helfen!“ – Na super. Ihre Höflichkeit ja in allen Ehren, aber wenn sie selbst Patienten, bei denen die sichtbare Hygiene schon katastrophal ist (und aufgrund der Umstände die Wahrscheinlichkeit für irgendwelche Krankheiten stark erhöht ist) ungeschützt anfasst, macht sie es wohl bei jedem anderen Patienten auch. Und dieser Patient sah nicht so aus, als wenn er sich nach dem Toilettengang brav die Hände wäscht. Erst, als der Kollege sie und die Schwester am Ärmel zupfte und ihnen riet, sich (und den nächsten Patienten) vielleicht zu schützen, zogen sie sich Handschuhe an. Es ist schon erschreckend, wie unbedarft manches medizinisches Personal an Menschen herangeht, die sich und ihre Gesundheit verwahrlosen lassen. An alle anderen natürlich noch bedenkenloser.

In der gleichen Schicht erlebten wir auch in einem Pflegeheim, wie ernst man doch die Hygiene auch außerhalb der Krankenhäuser nimmt: Ein Herr auf der Pflegestation eines der besten Seniorenheime (!) des Stadtteiles hatte Atemnot, deswegen wurden wir mit dem Notarzt dorthin gerufen. An der Tür empfing man uns, zwei Pfleger gingen uns voraus und rauschten zügig in das Patientenzimmer. Unser Notarzt machte aber an der Tür eine Vollbremsung, dass der Teppich Falten warf: „Was macht denn der Hygienewagen hier? gibt’s hier ein Keimproblem?“ (Ein solcher Wagen mit Schutzkitteln, Handschuhen und Mundschutz steht oft vor Zimmern, in denen infektiöse Patienten liegen.) Die Pfleger schauten sich etwas erschrocken an: „Ja, äh… der Patient hat MRSA… An der Blasensonde und dem Tracheostoma [Atemschlauch von Außen durch den Hals]…“ Der Mann ist also mit hartnäckigen Bakterien besiedelt, die nur darauf warten, auf andere Patienten übertragen zu werden. Da wir uns auf einer Pflegeabteilung befanden, auf der auch viele Wachkomapatienten und sehr schwache Menschen untergebracht waren, war davon auszugehen, dass auch deren Immunsystem so aussieht wie „Dresden ’45“ . Und offensichtlich ist es für die Pfleger wohl normal, auch mit infektiösen Patienten ungeschützt umzugehen. Das ständige Umziehen mit Maskenball ist ja auch ziemlich lästig… Durch dieses Vorgehen haben dann wohl mindestens 50% der Patienten mittlerweile diesen Keim, will ich mal vermuten… „Ja gut.“ , meinte der Doc, rüstete sich mit Schutzkittel und Handschuhen aus, und sagte zu uns: „Dann bleibt ihr mal draußen, ich sehe erst mal, was der Patient hat.“ Die Pfleger kamen nun auch etwas betreten zurück und zogen sich Schutzkleidung an. Aber was nützt es den anderen Stationsbewohnern, wenn sie es sonst wohl für unnötig halten…

So konnte ich mal wieder gleich zwei krasse Fälle erleben, in denen Gedankenlosigkeit für Kontaminationsverschleppung sorgt. Aber wie reden sich einige Häuser raus: „Die Keime werden doch hauptsächlichst durch den Rettungsdienst eingeschleppt!“

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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17 Antworten zu Hygiene, die Zweite…

  1. gotsassaufeinemast schreibt:

    Sowas kann ich ja haben..und dann beschweren sich alle, dass die die MRSA/ESBL Kollegen nicht loswerden und Schuld sind immer die Anderen.

  2. AJ schreibt:

    Gut, dass Hygiene auchmal zur sprache gebracht wird…Hoffentlich lesen diesen Beitrag auch viele, die damit zu tun haben.

  3. Conny schreibt:

    *örgs* Mich schüttelts beim Lesen – wie eklig ist das denn bitte?! Und von der Gefährlichkeit gar nicht erst zu reden. Ich fühl mich grade zutiefst bestätigt – ich weiß beruflich zumindest immer, wo meine Latexhandschuhe und das Desinfektionsmittel stecken und verwende beides 😉

    Grüßle,
    Cony

  4. BRC_MEDIC schreibt:

    „Die Keime werden doch hauptsächlichst durch den Rettungsdienst eingeschleppt!“

    Stimmt doch. Wir karren die Kranken Typen doch rein …..

    • firefox05c schreibt:

      Mir schaute bei der täglichen Fahrzeugdesinfektion mal eine Schwester in ihrer Raucherpause zu. „Habt ihr irgendein Dreckzeug gefahren?“ – „Nö. Das ist die tägliche Routinedesinfektion.“ – „Boah… das ist ja aufwändiger als im OP…“ Ich habe mir meinen Teil nur gedacht und das mal kommentarlos stehen gelassen…

  5. Krangewarefahrer schreibt:

    Hm, das scheint wirklich oft ähnlich zu sein.
    Da bringt man einen Patienten mit MRSA überall und im Vollschutz ins Pflegeheim und die Schwester fällt ihm erst mal um den Hals, vollkommen ungeschützt natürlich.
    Oder „normale“ Patienten liegen mit MRSA-Patienten in einem Zimmer.
    Oder aus Zeitgründen wird sogar auf Handschuhe verzichtet.
    Oder oder oder…
    Es hat schon seine Berechtigung, dass manche Krankenhäuser Patienten aus Pflegeheimen erst mal isolieren. Wobei es natürlich auch immer mal wieder schwarze Schafe in Krankenhäusern oder auch dem RD gibt. Leider.

    • firefox05c schreibt:

      Richtig, auch bei uns gibt es „schwarze Schafe“. Wird z.B. die tägliche Desinfektion nach Vorgabe durchgeführt, wird nach der „Zwei- Eimer- Methode“ der komplette Innenraum inklusive der Decke abgewischt. Einige „Kollegen“ machen aber aus Faulheit in den Auto- Wascheimer mit den eingetrockneten Schampoo- Resten eine „ungefähre“ Desinfektionslösung (Seifenfehler!) und wischen mit dem (allerdings frischen) Bodenwischbezug am langen Stil einmal über die Seitenwände, bevor sie den Fahrzeugboden wischen. Trage, Decke, Ecken und Geräte werden dann mal „vergessen“…

      • Krangewarefahrer schreibt:

        Bei euch wird täglich desinfiziert? Respekt! Da unterscheiden sich die Hygiene-Standards dann doch noch etwas.
        Und diese Kollegen, die gerne mal Teile vergessen gibt es vermutlich überall. Aber jemanden, der mit dem Bodenwischzeug die Wände abwischt hab ich auch noch nicht gesehen.

      • firefox05c schreibt:

        Das mit der Hygiene des Wischmops ist relativ: Wir benutzen zur Desinfektion jeden Tag einen frisch und professionell gereinigten Mop.Dieser sollte also sauber genug sein, wenn man ihn VOR der Bodenreinigung für die Wände benutzt. Nur: wenn man diesen Mop in den Bodenwischer einspannt und damit über die Seitenwände fliegt, ist natürlich jede Ecke großzügig ausgespart worden.Man kann damit eben keine Winkel und Ecken reinigen, denn dafür ist das Ding auch gar nicht gedacht…
        Unsere tägliche Desinfektion ist eine „scheuer- wisch- Desinfektion“, bei der zwei Eimer mit der gleichen und bestimmten Desinfektionslösung genutzt werden (sollten!): Ein Eimer zum Ausspülen des Lappen / Mop, der andere, um ihn mit frischer Lösung zum Desinfizieren zu tränken.Und natürlich wird die Karre erst „oben rum“ geputzt, idealerweise auch erst die Fahrerkabine und danach der Patientenraum, bevor der Boden aufgewischt wird. Zusätzlich werden nach jeder Patientenfahrt die berührten Flächen abgewischt. Und wenn man mal „Dreckszeug“ fährt, wird natürlich nach Vorgabe erweitert desinfiziert.
        Dass dieses Prozedere von vielen Kollegen nicht immer so auch praktiziert wird, ist weder abzustreiten noch erfreulich.Ich denke dabei aber nicht nur an die Gesundheit des folgenden Patienten, sondern auch daran, dass ich eine Kontamination auch bis nach Hause zu meiner Frau schleppen könnte (z.B. ist auch die Weiterverbreitung über die heimische Waschmaschine ja möglich!), und versuche daher, mich an die Hygienevorschriften weitgehend zu halten. Eben zum Beispiel auch durch die tägliche Desinfektion zu Dienstbeginn, um die „Hinterlassenschaften“ der Vorgänger zu entfernen.

  6. DB schreibt:

    Allerdings, wieso kenne ich das auch irgendwo her? Im Heim hat niemand MRSA etc. Im Krankenhaus heißt es dann plötzlich der hat.
    Oder:
    Als Infektfahrt angemeldet und auch so von uns behandelt, der Pfleger auf der Infektionsstation des Hauses meint nur, so viel Aufwand ist doch gar nicht notwendig….
    Da könnte ich regelmäßig kot…

    Ich hoffe ja immer noch darauf, dass in D endlich verpflichtend die Lösung gewisser Nachbarländer eingeführt wird: Jeder wird bei Aufnahme getestet, bis zum Beweis des Gegenteils als Infektiös behandelt und erst entlassen, wenn er keimfrei ist. Kostet aber leider kurzfristig Geld 😦

    • firefox05c schreibt:

      Ja, das kostet. Und die Sanierung des Keimes wird meines Wissens nicht von den Kassen bezahlt, geht also „auf Kosten des Hauses“. Da ist dann klar, wie viel Interesse die Krankenhäuser an der Erkennung und Behandlung dieser Keime haben.

  7. tinkerbella712 schreibt:

    Urks. Das klingt ist ja beunruhigend. Ich kann mir gut vorstellen, dass das keine Einzelfälle sind. Da passt ja keiner auf. 😦 da kann man echt nicht ins Krankenhaus um gesund zu werden.

  8. almandor schreibt:

    Jupp, da kann ich DB nur zustimmen. MRSA sollte in jedem Fall auch meldepflichtig sein, damit mal ne Übersicht da ist.

  9. Felix schreibt:

    (Ironie an)
    Wieso Kontaminationsverschleppung durch die Ärztin? Die ist doch seit ihrem dritten Staatsexamen völlig immun gegen alles und kann auch nichts verschleppen!
    Das gleiche Prinzip wie die „Dräger-Lunge“ des Ortsbrandmeisters 😉
    (Ironie aus)

  10. Irgendeine schreibt:

    In keinem der Altenheime, in denen ich bisher arbeiten durfte, hat sich irgendwer um MRSA geschert….
    Es wusste schlicht niemand, ob überhaupt ein Bewohner den Keim hat. Gemäß dem Motto „Was man nicht weiß oder sieht ist auch nicht da“ wurde alles in die Richtung gekonnt ignoriert.

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