Die Frage mit dem Ei und dem Huhn

Was war zuerst da? Ei oder Huhn? Oder in diesem Fall: Rettungswagen oder Rolltor?

Jedenfalls fuhr der Rettungswagen in die Krankenwagenhalle , während sowohl das Ein- als auch das Ausfahrtstor geöffnet waren, luden ihren Patienten aus und schoben damit ab in die Notaufnahme. Dort übergaben sie den alten Mann der Ärztin und halfen noch dabei, ihn vernünftig „ins Bettchen zu bringen“, bevor sie die Trage wieder zurück zum Auto schoben. Dort angekommen, fiel ihnen fast alles aus dem Gesicht: Das Rolltor der Ausfahrt stand lustlos auf dem Stoßfänger des RTW rum! Die Motorhaube hatte sich etwas verschoben, der Kühlergrill war nach unten gebogen, eine Blitzleuchte darin zerbrochen, und das Tor war leicht nach außen gebogen. Eine kurze Sichtkontrolle ergab: Der Rettungswagen stand definitiv mit seiner Front in der Lichtschranke des Tores, die genau so etwas verhindern sollte!

Mit diesem Rolltor gab es in der Vergangenheit schon des öfteren Probleme. Oder besser gesagt: Mit dessen Steuerung. Mal fuhr es nicht mehr automatisch (nach Ablauf einer Verzögerungszeit) herunter, mal musste man den Steuerknopf dazu sogar festhalten, bis das Tor unten war, mal funktionierte die Steuerung überhaupt nicht, so dass man auf „Notbetrieb“, also auf die Bedienung des Kettenzuges per Hand, umschalten musste, um es zu schließen. Nun gut, ich hätte das Auto, quasi infolge einer Reflexreaktion, erst einmal einen Meter zurückgefahren, um den Schaden zu begutachten. Glücklicherweise war es aber nicht mein RTW, und der Fahrer hielt es für besser, erst einmal alles so zu lassen, wie es war, und verständigte das Callcenter. Es sollte sich herausstellen, dass es das Beste war, was er tun konnte. „Ja, dann schicke ich euch mal den Häuptling. Setzt euch so lange mal außer Betrieb„, ordnete die Leitstelle an.

„Habt ihr hier die Telefonnummer vom Haustechniker?“ , fragte er mich dann. „Nö… wir bestellen den immer an der Pforte, wenn was ist“ , sagte ich ihm, und er verschwand in Richtung des Haupteinganges. Bis er zurück kam, stand auch schon die Besatzung eines Krankenwagens in der Halle, und wir waren uns alle einig: Wenn das Kühlergrill herunter gedrückt wurde, was ja anhand der jetztigen „Passung“ und der Kaltverformung des eingebauten Frontblitzers ziemlich eindeutig zu sehen war, und nicht eingedrückt, musste das Tor – trotz Unterbrechung der Lichtschranke – herunter gekommen sein, während das Fahrzeug selbst still stand. Der Hallenboden war ja auch eben und hatte vor der Ausfahrt sogar einen kleinen Buckel, da konnte der Pflasterlaster auch bei schlechter Sicherung nicht von selbst losrollen. Zumindest dachten wir, dass diese Folgerung logisch sei.

Doch dann kam der Haustechniker: „Maaann, seid ihr schon wieder (!) in das Tor gefahren? Ist das denn so schwer, das zu sehen?“ – „Moooment, wir waren ja gar nicht am Fahrzeug, als das passiert ist!“ – „Dann habt ihr wohl die Bremse nicht angezogen.“ – „Natürlich, ist doch jetzt immer noch fest! Zudem rollt die Karre ja nicht einfach so los! In der Lichtschranke stehen wir auch, da hätte das Tor gar nicht runter fahren dürfen! Und am Grill sieht man doch, dass es runter gedrückt wurde.“ – „Ja eben, vom gegenfahren…“ Der Herr Allround- Sachverständige ließ sich nicht davon abbringen, dass die Versicherung des Hauses nicht dafür zuständig sei. Mittlerweile standen schon zwei weitere Krankenwagen in der Einfahrt und konnten nicht weiter, da der eingeklemmte Rettungswagen immer noch unter dem Tor stand.

Nun kam unser Chef, sah sich die Sache an und kam zum gleichen Schluss wie wir. „Wieso kann das Tor herunterfahren, wenn ein Auto in der Lichtschranke steht?“ Der Haustechniker wiederum stritt immer noch alles ab: „Das geht ja so gar nicht! Da müssen die Jungs gegen gefahren sein. Wenn das Tor runter kommt und auf ein Hindernis stößt, wird es doch über die Gummileiste, die unten dran ist, sofort gestoppt!“ Der Retter warf ein: „Genau. Und dann fährt es wieder hoch. Wenn alles funktioniert. Aber die Gummileiste schwebt ja quasi noch in der Luft vor dem Stoßfänger!“ Der Neonröhren- Beauftragte des Hauses wurde fuchtig, da ihm die „eindeutigen Fakten“ nicht so ohne Weiteres abgekauft wurden. Er demonstrierte die Funktionsweise der Lichtschranke am Einfahrts- Tor. Klar: An diesem Tor funzte alles ganz toll. Tor läuft runter, Fuß in die Lichtschranke, Tor fährt wieder hoch. Aber dieses Tor war ja auch in Ordnung… Der eingeklemmte Retter schob nach: „Glauben Sie etwa, da ist in unserer Abwesenheit jemand gekommen, und hat das Ding ins Tor gefahren? Oder besser: Geschoben, denn den Zündschlüssel hatte ich ja in der Tasche!“ – „Das werden Sie wohl selbst geschafft haben…“ Der Techniker unterstellte dem Kollegen also völlige Blindheit. Er hat sich nach seiner Theorie anscheinend ins Auto gesetzt und ist gegen ein fast geschlossenes Tor gefahren, welches sich etwa zwei Meter vor seinem Gesicht befand.

Die Rettungs- und Krankenwagen standen jetzt schon in einer Reihe vor der Zufahrt und schoben ihre Patienten über den Vorplatz ins Haus oder zu den Autos. Die Abfahrt funktionierte nur, indem die Fahrzeuge rückwärts vom Gelände zirkelten, während ein Kollege aufpasste, dass weitere zwischendurch anrückende Liegendtaxis auch warteten, bis die Zufahrt wieder frei war. Zwei der Krankenwagen waren ihre Patienten zwar schon los geworden, waren aber so hoffnungslos zugeparkt, dass sie sich ebenfalls außer Dienst setzen mussten. So standen mittlerweile zahlreiche Schaulustige in der Halle rum. „OK, so kommen wir ja nicht weiter“, meinte unser Chef, „Lasst uns den Bock erst mal ein Stück zurücksetzen, um den Schaden genauer zu sehen.“ Der RTW- Pilot setzte das Auto zurück – und als das Tor frei kam,  rutschte es etwa zehn Zentimeter nach unten, während das Kühlergrill etwas hoch federte. Jetzt bekam der Facility- Manager das erste Mal ein Problem in der Argumentation. „Äh… ja, aber die Lichtschranke hätte das Tor doch blockiert! Warum es nicht wieder hoch gefahren ist, als es auf den RTW traf, weiß ich nicht, aber wenn etwas in der Lichtschranke steht… Das geht doch gar nicht!“ Unser Chef wurde sehr müde: „In Gottes Namen, dann stellen wir uns doch jetzt einfach mal in die Schranke…“

Sie fuhren das Tor hoch, stellten sich in die Lichtschranke und diskutierten weiter, über die Möglichkeit von Vandalismus (die Theorie des unheimlichen RTW- Schubsers), ungesicherte Autos, die bergan rollen, blinde Fahrer… Und das Wunder geschah: Obwohl das Tor noch am Vorabend von mir per Hand geschlossen werden musste, weil die Automatik mal wieder nicht funktionierte, fuhr es plötzlich, obwohl vier Personen die Schranke blockierten, herunter, so dass der faszinierte Techniker fast vergessen hätte, rechtzeitig den Schließbereich zu verlassen! Yeah! Chefchen drehte sich um und ging: „Wir schreiben dazu was und schicken es Ihnen. Sie leiten das dann bitte entsprechend weiter.“ Für ihn war der Käse gegessen.

Jetzt endlich war der Hausboy mit seinen Theorien am Ende. Die Karte mit dem Voodoo- Zauber durch Schamanen, die im Rettungsdienst wirtschaftliche Konkurrenz sahen, ließ er leider stecken. Wir hätten ihn sonst zur Vergeltung wohl gerne für 24 Stunden eingewiesen…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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17 Antworten zu Die Frage mit dem Ei und dem Huhn

  1. katha schreibt:

    Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

  2. notizbuchfragmente schreibt:

    Ich liebe solche Leute. Absolut. katha hat absolut Recht

    Bei uns ist diese Spezies im Kunden vertreten, der einen beim Aushändigen des Wechselgeldes misstrauisch beäugt und dann einen Satz loslässt wie: »Sie sind doch neu, oder?!?«
    »Nein. Ich bin schon seit drei Jahren hier …«
    »Das kann nicht sein. Ich bin jeden Tag hier, und ich hab Sie noch nie gesehen. Sie sind neu.«

    Ich glaube, diese Leute sind wie bei »Matrix« auch nur dazu da, um aufzupassen, dass »das was nicht sein darf« auch nicht bemerkt wird … 😉

  3. Anya schreibt:

    Mein Ex-Mann, der in der Verwaltung einer Haustechnik arbeitete, sagte immer: „Rolltore sind besser als Renten…“

  4. AJ schreibt:

    Vielleicht sollte der „Hausarbeiten-mensch“ nochmal eine grundlegende Schulung über Roltore machen, oder es einfach reparieren lassen…das gleiche bei uns: Delle mit blauen Striemen im RTW, da war das erste vom Fahrer:“WAS? Ich brauch keine einweisung beim Parken, aber wenn der blöde Ziggarettenautomat auf einmal da ist…“ ;P

  5. ich schreibt:

    jaja, der Baum war vorhin noch nicht da oder der Pfosten ist mir plötzlich und ohne Vorwarnung ins Auto gesprungen……

    • firefox05c schreibt:

      In diesem Fall ist nachweislich das Tor trotz unterbrochener Lichtschranke auf das Auto gefahren. Das musste der Hausversorger auch einsehen. Wir sind nicht immer Schuld… 😉

      • „Vollkommen unmöglich!! Ein Rolltor fährt nicht runter wenn die Lichtschranke unterbrochen ist! Ihr habt das Auto unter das sich schließende Rolltor geschoben, um zu vertuschen, dass Ihr euch den Kühlergrill und die Blitzleuchte anderswo zerdeppert habt!!“ (mitdenFüßenaufstampf!)

      • firefox05c schreibt:

        Richtig! Und außerdem macht man sich ja gar kein Bild davon, wie aufwändig es ist, mit der Alufolie in den EKG- Elektroden- Packungen den Strahl der Lichtschranke so umzuleiten, dass er nicht beim Auto- Reinschieben unterbrochen wird! Echt, ey!

  6. red_cap schreibt:

    Ist mir als Fahrer des RTW auch schon passiert. Bei mir war es nur an einem alten Krankenhaus mit sehr kleiner Halle für die modernen großen Kisten.
    Naja, leider ist das Tor die letzten 10-15 cm nicht hochgefahren. Und leider kann man das vom Fahrersitz aus nicht erkennen. Das es nicht ganz passte, habe ich nachts um 3 Uhr gemerkt als mir sprichwörtlich das Tor um die Ohren geflogen ist.
    Aber die Rechtsabteilung der Stadt fand es dann komisch, dass dies der dritte Fall in kurzer Zeit war. Ich glaube das KH hat gezahlt – auch wenn nichts am RTW war. 😛
    ……
    Immerhin gibt es jetzt ’ne Warnleuchte.
    🙂

    Interessant wie egal einem ein solcher Unfall mitten in der Nacht bei Einsatz Nummer 13 sein kann.

  7. Hawkeye schreibt:

    Das erinnert mich an einen Fall, in dem ein örtliches Krankenhaus seine Anfahrtshalle nach einem ähnlichen Vorfall komplett umbauen musste. RTW voll besetzt mit dem Patienten, 2 RA’s, dem Notarzt, der NA-Praktikantin und einer Angehörigen auf dem Vordersitz. Der Kollege fährt vorsichtig mit dem neuen Wagen in die Halle ein, alles passt wie es sollte. Der Patient wird ausgeladen und flott in der Notaufnahme abgeliefert, alles wird wieder eingeladen und verstaut, der Notarzt und die Praktikantin steigen wieder in ihr eigenes Auto. Und damit fehlen mal knapp 350kg auf beiden Achsen des RTW’s. Beim Herausfahren aus der Halle gab es dann auf einmal blauen Glasregen vom Dach, weil die Karre unbeladen zu hoch für die Halle ist und am Dach entlangschleift. Totalschaden für die Dachaufbauten…

  8. Hehe, grandios! Ich hab‘ vor ein paar Jahren ein ähnliches Szenario erlebt, da hatte der Fahrer allerdings tatsächlich ein ganz besonderes „Talent“ gehabt 😉

    Gleiche Situation: Wir kommen aus der Notaufnahme zurück in die Fahrzeughalle, steht das Rolltor sauber auf’m Dach und hat – damit’s auch schön bequem ist – das Blaulicht ein Stück beiseite gerückt. Wir stehen erst mal doof da und fragen uns, wie das passieren kann…
    Man muss dazu sagen, dass die Klinik in unserem Fall nur über ein Tor verfügte. Man muss dort rückwärts einparken um vorwärts wieder rausfahren zu können. Ausserdem kann der RTW nicht komplett in die Halle gefahren werden, da sonst hinten kein Platz mehr zum Ausladen des Patienten bleibt.

    Nun, mein werter Herr Kollege hatte es tatsächlich geschafft – und es ist mir heute noch ein Rätsel wie er das angestellt hatte – dass unsere Seitenmarkierungs-/Positionsleuchte, die ja in einem Reflektor eingefasst ist, exakt in der Lichtschranke stand und den Lichtstrahl astrein zurückgeschickt hatte. Damit war das schlaue Rolltor natürlich davon ausgegangen, dass nichts im Weg steht und war fröhlich drauf los gefahren… 😀

    Nach diesem Vorfall hatte man dann die Lichtschranke dann etwas in der Höhe verschoben, damit sowas nicht wieder vor kommt, wobei ich vorsichtig bezweifeln möchte, dass noch mal irgend jemand so saublöd parken kann… 🙂

  9. Silver schreibt:

    Wenn ich ehrlich bin, klingt das als wäre die Sicherheitsschaltung schon länger gestört gewesen (manuelles runterfahren oder gar per Kette heißt meist, das eine Sicherheitsschaltung auslöst) und wenn das dann plötzlich wieder geht und kein Service da war, würde ich fragen, wer die Sicherheitskette überbrückt hat, es ist mehr als unwahrscheinlich, das eine Lichtschranke und die Prallschutzleiste nicht funktionieren.

    Gruß Silver

    • firefox05c schreibt:

      Die Sicherheitsleiste hätte funktioniert – allerdings schrammte das Tor schräg vor dem Kühlergrill her, so dass kein oder nur wenig Druck auf die Leiste kam. Dass die Elektronik in den Toren strubbelig ist, habe ich auch bei den anderen dort verbauten Toren schon erlebt: Eines Tore z.B. fährt teilweise nach einiger Zeit automatisch herunter, teilweise nur per Handsteuerung. Zudem geht das Herunterfahren per Handsteuerung meist nur, indem man zuerst den Knopf für Auffahren drückt (wobei sich das Tor aber keinen Deut rührt, da es ja schon ganz oben ist!), dann läuft das Tor nach dem Betätigen der Abfahr- Taste selbständig herunter. Drückt man nur die Abfahrtaste, fährt es nur so lange, wie man den Knopf betätigt. Lässt man ihn los, bleibt das Tor sofort stehen. Ganz kraus, das alles… Der Service war schon ein paar mal deswegen da, hat aber nie etwas gefunden – weil es den typischen „Vorführ- Effekt“ gab.
      Das besagte Unfalltor hatte auch schon einige Reparaturen und Wartungen hinter sich, bevor die komplette Bedieneinheit gegen ein anderes Modell ausgetauscht wurde. Störungen gab es trotzdem: Es fuhr manchmal nicht zeitgesteuert herunter, dann auch mal nur durch Dauerdruck auf den Taster, dann wieder mal gar nicht.
      Und jetzt der Klopper: Obwohl der Haustechniker beteuert, die Lichtschranke und die Zeitschaltung seien nach dem letzten Vorfall abgeschaltet worden, passierte das gleiche ein paar Tage später wieder!

  10. Silver schreibt:

    Ich denke über aussagen wie das die Lichtschranke abgeschaltet wurde lieber nicht nach, dafür habe ich im Kundendienst (Elektro) wenn auch Tore nur etwas seltenes sind schon zu viel erlebt

    • firefox05c schreibt:

      Wie auch immer, es ist gelaufen wie üblich: Der Verantwortliche hat behauptet, er könne „sich sowas überhaupt nicht vorstellen“, bis wir ihm bewiesen haben,dass es auch noch Dinge jenseits seiner Vorstellungskraft gibt. 😉

  11. Die Brücke in der Steuerung wurde kurzgeschlossen udn damit die Sicherugnseinrichtugnen in der Ab-Bewegung ausgeschaltet.
    Ein relativ häufig vorkommendes Problem.

    Gerd-Joachim Müller
    öbuv Sachverständiger Tore

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