„… könnse nich‘ mal…?“

Die Brandmeldeanlage eines Krankenhauses hatte ausgelöst. Während die Kollegen im Gebäude die Meldergruppe abliefen, um den Ursprung des Alarms zu finden (meistens ist es zum Glück Fehlalarm, z.B. durch einen technischen Defekt), wartete ich draußen mit dem Maschinisten unseres Löschfahrzeuges auf das, was da kommen möge: Entweder die Rückmeldung, dass ein defekter Melder gefunden wurde, oder „Mach schon mal Wasser, hier riecht es verschmort…“. Es trieben sich auch einige Patienten vor dem Eingang der Klinik rum, denn seit dem das Rauchen in den Buden verboten ist, trifft sich das gesellige Volk der seltsamen Sekte, deren Anhänger regelmäßig ihren Göttern Rauchopfer darbringen müssen, in Rudeln vor irgendwelchen öffentlichen Gebäuden. Ich glaube, sie nennen sich „Brüder des Sankt Rothändle“ oder so…

Während ich mich also mit dem Kollegen unterhielt, stach mir plötzlich ein ästhetischer Super- GAU ins Auge. Und das tat echt weh! „Ey, kumma, siehst du die Schnepfe, die gerade die Auffahrt raufwackelt? Im Rückspiegel vielleicht?“ – „Nö, welche denn…“ Ich rang nach den richtigen Worten zu einer nicht ganz so abfällig klingenden Beschreibung der besagten Dame: „Na, die Alte mit der Trainigshose und der Küchenschürze, mit die Schläuche bis auf Knie und der verbogenen Kippe inne Hand! Die sieht aus wie aus einem Comic! – Kennst du die Marktmutti aus dem ersten „Werner“, bei dem Fußballspiel? Die die Eier auf die Möpse bekommt? So sieht die aus!“ Der Kollege schaute aus dem Seitenfenster: „Aber echt! Boh, nee, ey…“ Wir glucksten still vor uns hin, bis der Maschinist mir ein Zeichen gab: „Oh Mann, die kommt hier her…“

Von nahem betrachtet sah sie noch schlimmer aus, als es die Distanz versprach: Die Frisur wie ein aufgeplatztes Plymmo, ein Gesicht wie die Wüste Sahara, eine schwarze Wollhose unter der vermeintlichen „Schürze“, die bei näherem Hinsehen ein knielanges  Blümchennachthemd war, dessen Grundfarbe in besseren Zeiten mal weiß gewesen sein mochte. In der einen Hand eine Flasche Fanta, in der anderen eine Kippe, die zwei mal ihre Richtung änderte, bis sie in einem angelutschten Filter endete. Und was die Brüste anging: Hätte man ihr gesagt, dass sich das Herz eine Handbreit unter der Brust befindet, sie hätte sich beim Suizidversuch ins Knie geschossen. Die Gravitation hatte ganze Arbeit geleistet! Und angeschnallt war sie sowieso nicht. Das ganze Drama endete in einem Paar grauer Filzpantoffeln, mit denen sie vor dem Krankenhaus im leichten Regen vor sich hin schluffte.

Und sie kam direkt – auf – mich – zu!

„Tach, Herr Feuerwehrmann. Was ist denn hier los? Brennt’s?“ – „Nö, keine Sorge. Ist wohl ein Fehlalarm. Passiert schon mal.“ – „Brennt also nix?“ – „Nein. Die Kollegen werden wohl die Ursache gleich gefunden haben.“ Sie fing an zu plaudern: „Also, ich komme ja von der ‚Psych-3‘  [hätte ich nie erraten bei dem Auftritt…], und da haben wir einen, der steht den ganzen Tag mit seinem Rollstuhl da an der Ecke, und der freut sich immer, wenn die Feuerwehr kommt. Wenn der mal nicht… Also, Sie wissen schon. Weil der sich doch dann immer so freut.“ Ich versuchte ihr zu folgen, um die Pointe nicht zu verpassen, denn auf ihrer Station gibt es nicht selten Menschen, die sich über ALLES freuen. Über die verstorbene Mutter, die sie besucht, über die gute Laune der Blumen vor der Tür (hatten sie ihnen selbst gesagt…), und wenn sie ihre Medikamente bekommen, auch über die rosa Elefanten auf den Wolken. Ja, und dann war es wieder mal ich, den das Schicksal erwischte. Weil ich wieder mal zur falschen Zeit am verkehrten Ort war: „Äh… Herr Feuerwehrmann… Sie sind doch immer so nette Leute. Ganz nett… Könnse mir mal helfen?“ – (Vorweg: „Nein“ wäre die richtige Antwort gewesen…) „Hmm… was ist denn?“ – „Könnense mir mal die Hose hochziehen? Die rutscht mir immer runter.“ – „Äh… bitte was???“ – „Ja, die rutscht immer. Und vielleicht auch den Gürtel watt enger schnallen, das kriege ich nicht so hin….“ Natürlich nicht. Dazu hätte das Huhn ja die mittlerweile erloschene Krüppelkippe und die Fantaflasche aus der Hand legen müssen! „Wennse mir bitte helfen würden?!?“ Sie machte den Eindruck, als hätte sie vom Schicksal erfahren, dass ich heute dran wäre. Darum würde sie nicht locker lassen. Solchen Menschen kann man sich nur durch eine Flucht entziehen. Aber der Gedanke daran, von ihr um das Löschfahrzeug herum gescheucht zu werden wie ein Huhn von Rocky, kam mir etwas peinlich vor. Und dann war da ja noch mein nicht austherapiertes Samaritersyndrom. In einem Anflug von Resignation ließ ich mich breitschlagen. „Dann kommse wenigstens hinters Auto, damit die Leute nix zu gucken haben…“ *seufz*

Nun verschwand das illustre Päärchen also hinter dem Dienstfahrzeug: Vorweg ein Feuerwehrmann, komplett mit Nomexmantel und Helm, hinterdrein eine benachthemdete Vogelscheuche mit verbogener Kippe und Vogelnest auf dem Döz.

Nachdem ich ihr dann das Hemd bis zum Hosenbund hochgeschoben hatte, schaute ich das Grauen in Tüten: Der Bauch sah aus wie 3x Dunlop! Kein Wunder, dass die Hose nicht darauf hielt: Das Gewinde war reichlich ausgenudelt. Ich schraubte ihr die Buchse also notdürftig hoch, klemmte ihr mit der Gürtelschnalle beim Festziehen (oder sollte ich sagen, beim Einholen des Anker- Reps?) noch ein gutes Stück Bauchfalte ein, weil der Buchsenknopf sich schon nach unten geflüchtet hatte, diese feige Sau („Nicht klemmen! Moment, ich ziehe mal meinen Bauch etwas ein…“), und kaum 30 Sekunden später hatte ich wieder mal eine Frau glücklich gemacht – und sie einen Mann traumatisiert.

Jetzt zeigte sie ihr wahres Gesicht: „Ja, ich würde ja gerne mit Ihnen mitfahren. Aber das geht nicht, ich bekomme nämlich die Zähne gemacht. Und das ist ja wichtig. Wissen, Sie, wenn man da schon mal so einen Termin hat… also, ich würde ja wirklich gerne mit Ihnen mitfahren, aber es ist ja auch wichtig für die Gesundheit…“ – Ja klar. Servier mich ruhig ab, du undankbare Spinne. Immerhin wollte sie anschließend nicht meine Adresse, sondern wanderte, nachdem sie sich ordentlich bedankt hatte, mit ihrer Pulle und der immer noch kalten Kippe in Richtung Krankenhaus- Eingang. Und mir dämmerte so langsam, dass das ganze Vorweg- Geschwafel nur dazu diente, mich später rum zu kriegen.

Ich komme mir so ausgenutzt vor…

Und was setzte der Kollege noch drauf, als er wieder Luft vom Lachen bekam? „Siehste, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort! Hätteste dich mal nicht so über die amüsiert!“ Na, Danke auch…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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16 Antworten zu „… könnse nich‘ mal…?“

  1. Hermione schreibt:

    Das nenne ich mal Einsatz! Und Nächstenliebe! Und heldenhafte Selbstaufopferung! \o/

  2. Ich beömmel mich immer noch 😀

  3. An-Kas schreibt:

    Einfach nur geil!
    Das ist weil Feuerwehrleute einfach so nette Menschen sind… 😉

  4. Antara schreibt:

    Held bleibt eben Held 😉

  5. notizbuchfragmente schreibt:

    Ich stehe noch unter Schock (hab aber für dich mitgezittert beim Lesen…!) … Oh man. Manchmal is so’n Tach ja sooo schnell gelaufen … 😉

  6. Nobelix schreibt:

    Immerhin, es gibt schlimmeres – oder? 😉 und eine gute Tat hast du auch getan.
    Gibts in solchen Fällen eigentlich auch eine Art Einsatz-Nachsorge? 😉

  7. AJ schreibt:

    WOW!!! Der hilfsbereite Samariter erfährt das Ausmaß seiner Selbstaufopferung 🙂

    • firefox05c schreibt:

      …und ich dachte damals, bei der Feuerwehr bräuchte ich nur ein wenig rumlöschen und gut ist’s. Dass ich zugleich auch noch staatlich geprüfter Hosenträger werde, stand nicht im Vertrag.

  8. Ergo schreibt:

    Die kenne ich auch, ganz ehrlich. Die stand letztens plötzlich mitten in meinem LSM Kurs und wollte in die Kleiderkammer, weil sie ja nichts passendes zum Anziehen hat. Und um mir das zu beweisen hat sie auch gleich mal schnell die Hosen runtergelassen.
    Nachdem ich ihr diese mit Hilfe eines Paars Einmalhandschuhe wieder hochgezogen und mit Leuko für den richtigen Halt gesorgt habe waren meine Kursteilnehmer davon überzeugt dass es doch keine schlechte Idee sei immer ein Paar Handschuhe in nem Ü-Ei mit sich rumzutragen 😉

  9. Micha schreibt:

    hihihi

  10. Ralf schreibt:

    Komisch in der Fantawerbung geht es zwar auch nur um das einer…
    aber irgendwie passt da die Beschreibung der Dame nicht dazu. 😉

  11. Frau Hilde schreibt:

    So was nennt man Freak-Magnet. Er aktiviert sich meist in den unmöglichsten Situationen und zieht dann Freaks fast magisch an. 😉

    • firefox05c schreibt:

      Genau den Eindruck habe ich auch des öfteren: Die Feuerwehr / der Rettungsdienst hilft ja sowieso schon, dann kann man von ihnen auch jede andere Hilfeleistung verlangen. Dach abdichten, Garten aufräumen, oder eben Hose hochziehen… 😉

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