Bambule inne Straße

Seit der letzten WM liegen bundesdeutsche Jubelfetzen bei den Fans unheimlich im Trend. An den Autos, um den Hintern, an den Häusern. Und es gibt dann natürlich Menschen, die es total toll finden, nach all‘ dem ‚Mülleimer von Laternen abtreten‘ und Haltestellenscheiben zerstören auch mal ein paar Fanartikel abzureißen. Die Linken haben ja sogar bundesweit zum Abreißen der Autofahnen aufgerufen (Gilt das eigentlich nur für Deutschlandfahnen, oder ist es bei ausländischen Fahnen auch so, dass sie nach deren Ansicht Nationalsozialismus fördern?)

So war ich wieder hellwach, als irgendwann nach einem gewonnenen Spiel die Stille der nächtlichen Straße durch Gebrüll zerrissen wurde: „Kommt da raus!! Sofort aussteigen! Und die Fahne her, das ist meine!“ Waaas? An unserem Auto waren auch diese Fähnchen! Waren die jetzt etwa auch weg? Ich sprang aus dem Bett zum Fenster, während das Gebrüll weiter ging: „Aussteigen! Kommt da sofort raus! Und auf den Boden! Hinlegen! Sofort hinlegen! Das ist eine Privat- Verhaftung!“ Ein Mann trommelte auf dem Dach eines BMW rum, der schräg gegenüber in der Einfahrt stand. Oh-oh, dachte ich, das sieht nach Ärger aus!

Ich sprang in meine Jeans, forderte mein mittlerweile ebenfalls aufgewachten Schatz dazu auf, die Polizei zu rufen („Ich glaube, da gibt es gleich Hauerei. Melde mal 3 – 4 Personen an.“), schnappte mir noch ein Shirt, welches ich mir auf der Treppe überstülpte, und lief auf die Straße. Gegenüber ging im Ersten ein Fenster auf, die Nachbarin rief halbherzig raus: „Jetzt ist aber langsam gut…“ , bis sie kurz darauf von ihrem Mann zurückgezogen wurde. Ich kann mir das schön vorstellen, wie das Mäuschen seiner Frau am Nachthemd zuppelt: „Ey, komm bloß rein, bevor wir noch als Zeugen aussagen müssen…“

Auf der Straße stand ein Bär, Barfuß, nur mit Shorts, einem Knüppel und zwei Eimern schlechter Laune bekleidet. Vor ihm lagen drei Halbstarke auf dem Boden. Ich glaube, beim Nähertreten stieg mir eine üble Note in die Nase: Die Jungs beschissen sich vor Angst waren ziemlich beeindruckt. Anscheinend hatte der höchst erregte Knüppel- Uwe die Lage gut im Griff. Und die Wimpel auf Mausis Auto waren auch noch da. Der halbnackte Mann war gut in Form und hatte von den jungen Randalierern schon die Ausweise eingesammelt. Was passiert war, fand ich in den folgenden Minuten heraus: Während er bei offenem Fenster noch in den Volksverblöderkasten starrte, hörte er, wie ein Auto mit röhrendem Auspuff vor dem Fenster stehen blieb. Nach dem Aussteigen fing dann einer der Rotzigen an, eine große Deutschland- Fahne vom Rollo des Kinderzimmers abzureißen. Die Fahne war aber mit Kabel- Schnellbindern befestigt, weswegen es sich so anhörte, als wenn gleich das ganze Rollo demontiert würde. Der Sohn, der in seinem Zimmer schlief, wachte auf und hatte natürlich den Drömmel in der Buchse hängen. Als Knüppel- Uwe dann auf die Straße stürmte, sah er gerade noch den BMW um die Ecke fahren. Dumm nur: Unsere Straße, in die sie einbogen, ist zur Zeit wegen einer Baustelle ein Beutelweg…

Am Ende der Straße stellte der Shortsträger die jungen Männer und schüchterte sie mit dem Gebahren eines Gorillas ein – seine ganz „private Verhaftung“: Trommeln aufs Dach, Rütteln an der Tür, Rumbrüllen und Knüppel schwingen machten ihn zum Chef.

Jetzt setzten die drei sich auf und gaben an, durch andere (angeblich „Kanacken“, wie einer der drei sagte, der selbst auch nicht deutschstämmig war… Hä??) angestiftet worden zu sein, eine Fahne zu klauen. Natürlich, sie selbst würden das nie von sich aus machen, da sie ja auch gar nicht wüssten, wie sie es dem Pastor im Bibelkreis erklären sollten. Überhaupt schienen mir die Kollegen recht grundkonfiguriert zu sein. Jetzt hatten sie jedenfalls die Buchse voll, auch, wenn sich die Situation durch mein Erscheinen etwas entspannt hatte: Meine bloße Anwesenheit gab dem knüppelschwingenden Nachbarn mehr Sicherheit, er wurde ruhiger. Dadurch sank die Gefahr von Kurzschluss- Reaktionen. Nicht, dass er den Kleinen noch mit dem Knüppel das Esszimmer umdekoriert…  Weil der Nachbar und ich schon zu zweit waren, sank auch die Gefahr, dass sich die drei plötzlich zusammenrauften und abhauen oder auf den Halbnackten losgehen würden. Und ich blieb schön auf zwei Armlängen Abstand zu den Deliquenten, die sich sogar trauten, wieder aufzustehen. Deeskalation gelungen. Zivilcourage kann so einfach sein…

Der Fahnen- und Rollo- Eigner hielt den armen Würstchen aus dem 3er noch einen Vortrag über Sachbeschädigung, dass sie seinen Sohn verängstigt hatten, regte sich über den Begriff „Kanacke“ auf (mit einem Rechtsexkurs zum Thema Volksverhetzung), und schimpfte sich so seinen Dampf raus. Als die Polizei mit zwei Wagen eintraf, konnte ich mich auch wieder verabschieden, da ich ja nichts gesehen hatte. Von allen anderen Nachbarn, von denen ja bestimmt zumindest einige etwas mitbekommen haben mussten, traute sich keiner auf die Straße. Dabei wäre es um so sicherer, je mehr Leute sich zusammen finden!

Überhaupt scheint mir die Sache mit der Zivilcourage etwas zu sein, was nicht mehr in Mode ist. Jeder will seine Ruhe, solange der Schaden nicht ihn betrifft, für sich selbst ist man aber entsetzt, wenn im Notfall keiner zu Hilfe eilt. Dabei muss man sich ja nicht gleich mit irgendwelchen Gewalttätern rollen, ein einfaches: „Hab‘ dich gesehen!“ würde ja oft schon reichen! Oder auch nur die Polizei rufen, während man weiter beobachtet. Denn die Polizei hilft – aber sie muss ja erst mal Bescheid wissen! In der Nacht hat jedenfalls nur meine Liebste bei der Polizei angerufen, alle anderen Nachbarn haben sich wohl zwar über den Lärm geärgert – aber nur heimlich den Vorhang etwas an die Seite gezogen. Ich bin ja gespannt, wie viele der Nachbarn wissen, wovon ich spreche, wenn ich die Nacht demnächst im Smalltalk erwähne.

Meine Erfahrungen sind jedenfalls bis jetzt so, dass man sich durch bedachtes Verhalten durchaus engagieren kann, ohne selbst sofort den Frack ausgestaubt zu bekommen. Und sei es nur durch einen Anruf bei der Polizei. In einem Fall musste ich sogar die Seiten wechseln und den Täter schützen, indem ich die aufgebrachten Zeugen (drei Jugendliche) davon abhielt, den Festgenommenen zu verhauen! Es gibt ja auch Sachen, die sollte man dem Richter überlassen.

Übrigens: Die „Privat- Verhaftung“, die der Fahnengeschädigte für sich in Anspruch nahm, ist vom Gesetz unter dem Namen „Befugnis zur vorläufigen Festnahme“ (§127 der StPO) jedermann unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit erlaubt, um Straftäter bei Erfordernis festzusetzen, wenn sie fluchtgefährlich sind. Eine ordentliche „Verhaftung“ ist (auch durch die Polizei) nur mit einem richterlichen Haftbefehl zulässig. Daher der geflügelte Krimi- Spruch: „Sie sind vorläufig festgenommen.“

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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15 Antworten zu Bambule inne Straße

  1. Herzchaosmama schreibt:

    Auch ich habe schon des öfteren die Polizei, Security oder den Notruf gewählt. Häufig aus der Distanz, denn als Frau, zudem mit Kind, geht man doch nicht in die Situation, wenn man recht allein dasteht. In einem Fall (bei dem ein Passant bereits die Polizei informierte) blieb ich in sicherer Entfernung stehen um auch als Zeuge zur Verfügung zu stehen.
    Ich blieb immer dabei bis Hilfe eintraf (wenn ich sah, dass sich sonst niemand um die Situation kümmerte). Und ich glaube und hoffe, wenn es nötig gewesen wäre (bspw. weil eine Situation zu eskalieren drohte,Lebensgefahr bestand) hätte ich andere Passanten bewusst angesprochen um Hilfe leisten zu können.

    • firefox05c schreibt:

      „Im Rahmen der Zumutbarkeit“ kann jeder helfen. So, wie du es gemacht hast, ist schon viel geholfen. Wie ich schon schrieb: Man muss sich nicht gleich heroisch abstechen lassen…

  2. sst89 schreibt:

    Der § 127 StPO ist aber auch nur zulässig, wenn:
    – Die Täter auf Frischer tat gestellt oder verfolgt sind.
    – Die Täter über 14 Jahre alt sind.
    – Keine exekutive Gewalt (Polizei…) in greifbarer Nähe ist
    – Die Verhältnismäßigkeit muss gegeben sein

    Das Alles trifft ja auf den Fall zu 🙂
    Dein Artikel ist übrigens mal wieder gelungen.

    • firefox05c schreibt:

      Richtig, ich hatte der Kürze wegen nur die „Verhältnismäßigkeit“ erwähnt.Ich hoffe ja, dass die Blogleser genug Grips haben, um zu erkennen, dass es nicht erlaubt ist, jemanden zu viert krankenhausreif zu prügeln, weil er gegen einen Mülleimer gespuckt hat. 😉
      Dass der Herr einen Knüppel mitgebracht hatte, fand ich schon etwas grenzwertig. Kann man aber nacher immer gut drüber diskutieren.

  3. TickleMeNot schreibt:

    Herrlich! Wunderbar geschrieben und beschrieben.

    Was die Zivilcourage angeht – nicht nur die scheint altmodisch zu sein. Auch einfach mal ansprechen, fragen, hingucken oder aussteigen (Autofahrer) wenn irgendwo etwas nicht in Ordnung scheint, scheint selten geworden zu sein.

  4. notizbuchfragmente schreibt:

    Ich muss sagen, ich hab erstmal sehr gelacht – man kann sich die Szene fantastisch vorstellen – der Kleine tut mir sehr Leid, der hat mit Sicherheit riesige Angst gehabt.
    Das Fahnenabreißen – ehrlich, gibts sowas? Meine erste Reaktion war auch erstmal ›BITTE?!? Wer macht so einen Scheiß?‹ Ich find zwar die bunten »Ohren« an den Autos auch doof, aber gut … 😉 Ich meine, hey, das ist Privateigentum! Ich will doch auch nicht, dass andere Leute an meine Sachen gehen! Manche Leute … Ehrlich …

    Das mit der Zivilcourage ist echt schwierig. Ich hab als Frau auch immer Schiss, wenn irgendwas ist. Helfen musste ich bisher zweimal – das letzte Mal vor ca. zwei Wochen, da hat ein Mann in der Straßenbahn nen Herzanfall gehabt. Nach meiner Prüfung nächste Woche meld‘ ich mich auf jeden Fall wieder zu nem Erste-Hilfe-Kurs an, um das aufzufrischen …

    Aber es wird einem schon gepflegt schlecht, wenn man dann in der Bahn (mir ist selbst der A*** ganz schön auf Grundeis gegangen!) nur groß angeguckt wird, wenn man etwas hektischer darum bittet, dass jemand mal mit dem Handy die 112 wählen soll … Gottseidank haben die U-Bahnen diese Notrufknöpfe.

    • firefox05c schreibt:

      Es waren in der Tat gleich 3 „Kleine“ in dem BMW. Die Sache hätte zu Anfang auch ganz schnell eskalieren können!
      Die Antifa hat über verschiedene Portale (Homepages, Facebook) dazu aufgerufen, die Fahnen von den Autos abzubrechen (Motto: Capture the Flag…). Häufig wird sogar ein Flyer zum Ausdruck mit angeboten, auf dem steht, dass die Fahne abgebrochen wurde, weil sie Nationalsozialismus fördern soll. Da muss man als Autobesitzer doch Verständnis haben, auch, wenn es womöglich dabei Kratzer am Auto gibt!
      Am Unverfänglichsten und einfachsten ist „Hilfe“ übrigens bei medizinischen Notfällen, weil dann keine Agressionen im Spiel sind. Dann ist es eben nur nervig, wenn man gegen Besserwisser kämpft, aber man läuft nicht in Gefahr, einen „vor die Mappe“ zu bekommen.
      Einen EH- Kurs aufzufrischen ist übrigens immer eine gute Idee. Und einmal ordentlich Essen gehen ist teurer. 😉

      • notizbuchfragmente schreibt:

        Waaah! Falsch ausgedrückt! Mit dem „Kleinen“ meinte ich tatsächlich den Sohn, an dessen Fenster die Fahne hing, die diese Idioten abreißen wollten … 😉

        Jaja, die Fahnen, durch die man automatisch im Stechschritt läuft … Kappes ist sowas. Wirklich.
        Das mit den medizinischen Notfällen stimmt natürlich; bisher hatte ich immer Glück und bin in andere Auseinandersetzungen noch nicht reingerutscht. Schiss hätte ich da aber auch! Hat mir immer schon gereicht, wenn wir wieder nen angetrunkenen Kunden im Laden hatten, der dann aggressiv wurde …
        Ein Freund von mir hat mir übrigens mal erzählt, dass viele, viele Leute in die EH-Kurse für TIERE rennen. Auch schön, dann is wenigstens dem Hund geholfen! Nenenenene …

      • firefox05c schreibt:

        Nicht unbedingt „Falsch ausgedrückt“. Ich habe es falsch verstanden… 😉

  5. BRC_MEDIC schreibt:

    Sollte mal sich einer hier wagen. Der wird von der gesamten Strasse an den Testikeln an die Laterne aufgehaengt.
    Wieso hat man in D damit Probleme, eine Fahne zu zeigen, die vom Ursprung her nichts, aber rein gar nichts mit NS zu tun hat? Wer sowas verbreitet gehoert auf die Liste der Demokratiefeinde und verboten (BfVS ist hier gefordert). Fussball an sich geht mir sowas von am Hintern vorbei, aber Sachbeschaedigung und das kleinkindliche Verhalten einzelner Gruppen provoziert doch eine Reaktion.

    Ich kann Deinen Nachbarn verstehen wenn er die Kelle auspackt und nach dem Rechten schaut. Der wuerde hier in die Landschaft passen 🙂 obwohl es dann ganz ganz eng wird mit der offiziellen Rechtsprechung, die ist dann schon teilweise sehr eigen.

    • firefox05c schreibt:

      In D muss man leider immernoch vorsichtig mit dem Nationalstolz sein. Weil wir vor einigen Jahren mal einen Krieg verloren haben, bei dem (fast) alle mitgemacht haben, wird man immer noch ganz schnell in die rechte Ecke gedrängt. Und wieder machen (fast) alle mit.
      Wenn die „Autonomen“ (so selbstständig sind die ja gar nicht, da sie oft genug an der Titte des Staates hängen) nur ihre Meinung verbreiten würden, wäre das für mich kein Problem. Dafür leben wir in einem Staat, in dem man das glücklicherweise ungestraft darf. Tolleranz sollte man nicht immer nur für seine eigene Meinung einfordern.
      Krawall, Sachbeschädigung und Forderung nach Anarchie sind indes tatsächlich nicht zu tollerieren. Leider verstecken sich solche Leute genau hinter dem System, welches sie bekämpfen. Das ist das perfide an der Sache: Werden sie für ihre Taten verantwortlich gemacht, schreien sie sofort nach genau diesem Rechtssystem!

  6. AJ schreibt:

    Hm, er nannte also andere Kanacke und war nicht deutschsprachig? Er wollte eine Deutschlandfahne klauen?!? Die gibts doch für unter nen 10er überall zu kaufen, und dann noch mit nem 3er rumfahren…TZ! Hast recht, Zivilcourage wird echt nicht mehr so groß geschrieben…

    • firefox05c schreibt:

      Deutsch- Sprachig schon. Deutsch- Stämmig nicht. Und Leuten, die randalieren, geht es selten darum, Geld zu sparen, sondern ehr um den Schwanzvergleich: „Ich traue mich aber mehr als du…“

  7. Conny schreibt:

    Ich schwöre: ich hab grad Tränen gelacht 😀 So genial geschrieben 😀

    Und – ganz wichtig: meinen Respekt für deine Aktion und die Hilfe deiner Partnerin!! Habt ihr genau richtig gemacht!! Sollte mehr Menschen geben, die das Richtige tun 😉

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