Ausparken in 38 Zügen

Angefangen hat es als ganz normale Meldung für einen Arbeitseinsatz: „Auslaufende Betriebsstoffe in Garage.“  Wahrscheinlich hatte jemand beim Ölwechsel die Dose umgeworfen. Na denn, mal los und ein wenig Bindemittel auf das Pfützchen gestreut.

Vor Ort wurden wir aber etwas überrascht vom Auflauf. „Watt iss‘ da denn los??“, entfuhr es unserem Wachführer, als wir in die Straße einbogen. „Da iss‘ ja voll Kirmes!“ Von weitem war schon ein Streifenwagen und ein RTW zu sehen, die vor der angegebenen Adresse standen. Und in der Garage ein Bild der Verwüstung! Es war eine Halle mit zwei Stellplätzen nebeneinander und zwei Garagentoren. Überall lagen die Trümmer des Regales, das vor kurzem wohl noch an der Rückseite der Halle gestanden hatte, zerplatzte Farbdosen, Öldosen, Werkzeug, alles, was man so in einer Garage aufbewahrt, lag verstreut, auslaufend und zerstört in der Garage rum. Und eigekeilt zwischen der Trennsäule der Garagenfront und Regaltrümmern auf der Rückseite stand ein verbeulter Golf, die hintere Stoßstange kaltverformt wie so ein Clip, den man von den Kekstüten her kennt. Vor dem Haus standen entsetzte Nachbarn und ein Polizist, im Haus hörte man eine lautstarke Diskussion.

Der Polizist klärte uns auf: „Die sind da drinne noch den Mann am Belatschen, dass er mitkommt. Der iss‘ total durch den Wind, der merkt gar nichts mehr!“ Der Autobesitzer, schon etwas älter, hatte demnach wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank. Also, zumindest nicht in der richtigen Reihenfolge. Und nachdem er sich im Beisein seiner Frau ordentlich einen gepichelt hatte, gedachte er wohl, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, den Sohn zu besuchen. Mit dem Auto! Leider hatte er in dem Moment mal wieder einen der befürchteten Aussetzer im Oberstübchen (da brannte zwar noch Licht, aber es war wohl momentan niemand zu Hause…), so dass er die Argumente seiner Frau, dieses doch besser zu lassen, für totalen Mumpitz hielt. „Ich? Getrunken? – Wann? Und warum soll ich nicht zu meinen Sohn, wenn ich will? Du willst uns doch bloß auseinander bringen!“

Er setzte sich ins Auto, welches in der Garage stand, seine Frau lief hinterher. Leider konnte sie nicht an den Zündschlüssel herankommen. Brauchte sie aber glücklicherweise auch nicht: Der Mann war so desorientiert, dass er es nicht schaffte, einfach rückwärts aus der Garage auszuparken! Statt dessen bumste er zunächst mit einer Ecke gegen die Zwischensäule. Damit nahm das Unheil seinen Lauf: Er setzte vor, schlug das Lenkrad falsch herum ein, nahm das Regal als Bremszone, bis es splitterte, setzte zurück, bumste wieder gegen die Säule, ruckelte hin, kurbelte her, bis er nach gefühlten 20 Versuchen mit der hinteren Stoßstange mittig vor dem Pfeiler stand, das Regal sich laziv auf der Motorhaube räkelte und der Inhalt desselben lustig über den Boden kugelte. Freiheit für die Holzlasur! Free Liqui Moly!

Nun gelang es endlich den herbeigelaufenen Nachbarn (das Geschrei der Ehefrau und der Lärm splitternden Holzes und abstürzender Werkzeugkästen machte sie wohl etwas stutzig), dem Fahrer den Zündschlüssel zu entwenden und ihn aus dem Auto zu ziehen. Immer noch uneinsichtig, warum er denn nicht zu seinen Sohn fahren durfte, wurde der alte Mann ins Haus geschoben und die Polizei geholt. Diese wiederum rief den Rettungsdienst, um den tobenden Knust einweisen zu lassen, und den dann anrückenden Kollegen fiel auf, dass in der Garage ein See aus den verschiedensten Chemikalien, von Zaunfarbe über Motoröl bis hin zu Rasendünger, schwamm. Und so kamen wir auch in den Genuss dieses Schauspieles.

Während wir also die Garage notdürftig säuberten, kam noch ein Notarzt hinzu, der eine Ordnungsverfügung schrieb. Der Mann wurde der psychiatrischen Station zugeführt, und die Nachbarn hatten wieder was neues zu erzählen. Der Autoschlüssel blieb sicherheitshalber bei der Polizei. Einsatzende…

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Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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7 Antworten zu Ausparken in 38 Zügen

  1. Biki schreibt:

    „da brannte zwar noch Licht, aber es war wohl momentan niemand zu Hause…“ „Also, zumindest nicht in der richtigen Reihenfolge“ „das Regal sich laziv auf der Motorhaube räkelte“
    kuller-trän-gicker

    Mehr davon!

  2. Nobelix schreibt:

    Oh Mann, was für ein Spektakel. Ich glaube zwar, die besten Geschichten schreibt das Leben, aber du würzt diese noch mit den passenden Formulierungen. Ka kann sich so mancher Dichter eine Scheibe von abschneiden 😉
    Ganz großes (Kopf-)Kino beim Lesen…ich seh das Chaos quasi direkt vor mir 🙂
    Wobei wahrscheinlich am wichtigsten war, dass die Nachbarn wieder was neues zu tratschen hatten 😉 besonders wichtig für die Nachbarn.

    Oder wie sagte es einst ein Freund: Die Welt ist schlecht und voller Menschen 🙂

  3. Immer wieder schön geschrieben und passiert leider öfters. Trotzdem lustig .)

  4. Hightower schreibt:

    Während ich erst noch an 38 Löschzüge dachte *scnr* mußte ich mich hinterher arg beherrschen um nicht laut loszuprusten (die anderen gucken dann immer so komisch)
    mal wieder sehr schön geschrieben !

  5. Conny schreibt:

    Lachtränchen wegwischt… Herrlich geschrieben 😀 Jep, sowas kommt schonmal vor… Das ist aber auch ein Kreuz mit dem Rangieren tststs… 😉

  6. Träumerin schreibt:

    Du solltest diese Stories echt mal als Buch rausbringen……herrlich *Lachtränenwegwisch*

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