Rettung in XXS

Wir diskutierten gerade auf der Wache, was in der nächsten Schicht gekocht werden sollte, als unsere Ideen zur kulinarischen Heldenverköstigung durch die Stimme aus dem Alarmlautsprecher beendet wurde: „Einsatz Frankfurter Straße 65, 3. Stock. Tierrettung. Dort ist ein Spatz in einer Wohnung gefangen.“

Ich holte noch einen der Kartons für Tiertransporte, die wir für so etwas vorhalten, und wir fuhren „ohne Blau“ los. „Dann sollen sie ihn halt rauslassen, der Vogel wird ja wohl ein Fenster erkennen!„, brummelte ich noch. Ein Kollege hatte eine andere Idee: „Wir könnten den Hermann hinschicken, der ist doch Koch…“ Ich bremste ihn aus: „Du, den wird das Vieh nicht interessieren. Mit so einem Spatz bekommst du ja nicht mal Geschmack an eine Suppe.“ Aber man konnte natürlich auch nicht verlangen, dass eine möglicherweise uralte Wohnungsinhaberin mit Besen und Bürostuhl hinter so einem flinken Piepmatz durch die Bude herjagt. Also mussten wir mal nach dem rechten sehen. Mein Spannmann suchte: „Wo sind denn meine Lederhandschuhe…“ Ich schaute ihn etwas irritiert an: „Was hast du denn mit den Handschuhen vor? Mann, datt issn Spatz, kein Kondor! Den machse doch kaputt mit den Dingern!“ Ja gut, bei genauerem Überlegen kam er dann wohl zum gleichen Schluss… 😉

In einer besser situierten Wohnsiedlung mit schmucken Mehrfamilienhäusern hielten wir an und wurden auch schon freudig vom Türsummer erwartet. Weil ich gerne mit Tieren arbeite, war ich natürlich der Erste auf der Treppe nach oben. Dort stand ein dicker Herr, schon etwas älter und schlecht zu Fuß, ans Geländer gelehnt. „Guten Tag! – Sie haben einen Vogel?“ , begrüßte ich ihn munter. „Richtig!“, feixte er zurück, „Im Arbeitszimmer. Der ist hinter die Heizung gerutscht, und da kommen meine Frau und ich nicht rein, weil es zu eng ist. Wir haben es wirklich versucht. Tut mir Leid, dass ich Sie bemühen muss, aber ich weiß da nicht mehr weiter.“ _ „Ja gut, dann schauen wir mal.“ Er führte uns durch seine luxuriöse Wohnung in ein helles Arbeitszimmer mit einer Schreibtisch- Anlage, auf der man auch Hockey spielen könnte. Dahinter eine Heizung vor der bis zum Boden reichenden Fensterfront. Ja… und nach etwas Suchen entdeckte ich tatsächlich ein Vögelchen dazwischen, das aber nicht viel größer als ein Tischtennisball war! Für einen Spatz viel zu klein, vermutete ich ehr einen Zaunkönig oder so etwas. „Der flattert da schon eine ganze Weile rum und kommt da nicht raus. Und der Spalt zwischen Heizung und Fenster ist so schmal, dass wir da nicht zwischen kommen. Was kann man da machen?“ Ich versuchte, meine Hand in den Spalt zu schieben. „Tja… das wäre jetzt in der Tat der Zeitpunkt, einen Gynäkologen nachzufordern. Der hat geschmeidigere Finger…“, musste ich einsehen. Auch, das Schreibtischmonster nur etwas zur Seite zu rücken, um etwas besser an die Glasfront zu kommen, war angesichts der schier verschwenderischen Masse undenkbar. So war an den kleinen Piepmatz nicht heran zu kommen. Unser Anstaltsleiter war schon auf den Balkon gelaufen, um sich die Sache von Außen anzusehen. Ich fragte ihn, ob er den Vogel, der hilflos auf dem Fensterrahmen zapelte, vielleicht durch irgendwelche Gesten von außen zumindest dazu bringen könnte, näher zu mir zu flattern. Also fuchtelte er ein wenig vor der Scheibe rum, und der Vogel kam tatsächlich in meine Richtung! Das hätten wir also schon mal. An sich erschien mir das kleine Wesen trotz seiner Zwangslage und der vielen Menschen recht gefasst.

„Unnu? Wir kommen da ja immer noch nicht zwischen!“, fragte ich etwas ratlos. Ein Kollege hatte eine Idee und wandte sich an den Wohnungsinhaber: „Haben Sie vielleicht einen Kochlöffel oder so?“ – „Was? Einen Kochlöffel?“ – „Ja. Damit kann man ihn vielleicht irgendwie hochheben.“ Der Mann schickte seine Frau, damit sie aus der Küche irgendwas in der Art rauskramte. Artig kam sie mit einem Pfannenwender aus Holz zurück. Ich hatte dann die Idee, dass der Vogel, wenn ich ihn denn ein wenig mit dem Utensil belästigte, auf den Stiel stieg, damit ich ihn herausheben könnte. Nö. Wollte er nicht. Dann bekam der Mann einen klasse Einfall: „Ich habe hier so einen Greifer, weil ich mich ja nicht so gut bücken kann.  Geht das vielleicht damit?“ Die Kollegen waren skeptisch: „Damit machst du den Kleinen platt. Das macht nur ein mal ‚Fitsch!‘, dann war’s das…“ Aber ich bin ja nicht unbedingt ein Grobmotoriker: „Gib mal her. Das ist ja keine Schraubzwinge.“Vorsichtig schob ich die beiden Greifzangen- Arme zwischen Fenster und Heizung links und rechts am Vogel vorbei. Noch vorsichtiger zog ich am Griff dann die Greifarme zusammen. Der kleine Federball fühlte sich jetzt natürlich bedrängt – und schob sich etwas zwischen den Greifarmen hoch, bevor ich ihn dann ein wenig einklemmte und herauszog. Das Wunder geschah: Ihm war nichts passiert! Ich nahm ihn in die Hand, fühlte sein leichtes Zittern.

Zaunkönig? Oder doch Zilpzalp?

Der ärmste machte nicht einmal einen Fluchtversuch! Ich trug ihn auf den Balkon, wo unser Chef noch ein Handyfoto machte. „Na, ob der nicht schon zu geschwächt ist, um weg zu fliegen?“ , mutmaßte er schon. Ich öffnete die Hand, der Minivogel kletterte auf meinen Finger und blieb aufrecht darauf stehen. Sah ja schon mal nicht schlecht aus! Und nach etwa 5 Sekunden Verschnaufpause und mentaler Sammlung flitzte er plötzlich durch die Luft in den Baum gegenüber – weg war er…

„Ready for take-off!“

Patient flüchtig, Wohnungsinhaber glücklich, Transportkarton wird nicht gebraucht. Nach ein paar beruhigenden Worten, dass der Einsatz in diesem Falle auch kostenlos ist, rückten wir wieder ab. Und wieder ein Leben gerettet. 😉

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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23 Antworten zu Rettung in XXS

  1. commonhoni schreibt:

    Total süß 🙂
    Kriegt man da auch mal das Bild zu sehen, das der Chef gemacht hat? So als Beweis, dass der Piepmatz wirklich heil geblieben ist? 😉

  2. FlauschiBauchi schreibt:

    Da sitz ich hier total gefesselt vor dem Lapi, gehe anfangs sofort in Gedanken meine Rezeptesammlung (Bereich Wohnheim/Camping/Saufgelage-Situationen) durch, fiebere dann ganz gespannt mit was man noch machen könnte um das kleine Federbällchen aus seiner misslichen Lage raus zu bekommen, vergesse nebenher sogar noch das Atmen und klebe mit der Nase knapp Fingerbreit vor dem Monitor um auch ja kein Wort zu überlesen und ganz nah am Geschehen dabei zu sein… um dann am Ende der Geschichte fix und fertig, entspannt, befreit und gerührt tief durchtamen zu können und mit einem dicken Grinsen im Gesicht mich für Vögelchens Rettung und Freiheit zu freuen … Hach *.* ❤ … nach meiner Wasserflasche greife und den ganzen Rettern und Helfern zuproste: Ihr seid echt super!!

    Grandiose Geschichte und megatoll geschrieben, ich freu mich jedesmal über eine neue Blognachricht in meinem e-Postfach 😀 Bitte weiter so 🙂

  3. Conny schreibt:

    Na, das ist doch mal eine hübsche Geschichte – find ich süß 😀 So ist der Samstag abend wenigstens gerettet – mal keine Dramatik, sondern was Nettes 🙂
    Schön, dass ihr das Kleine retten konntet!! Gut gemacht 🙂

  4. Träumerin schreibt:

    Süß… ein großes Danke an Euch Retter 🙂

  5. An-Kas schreibt:

    Super Bericht!
    Ich habe auch gespannt mitgefiebert und dem kleinen Kerlchen die Daumen gedrückt!
    Und ich finde, das Bild musst du wirklich noch besorgen und den Hauptdarsteller der Geschichte in diesem Artikel zeigen!!! *sehenwill*
    Viele Grüße, Anke

  6. frau k. schreibt:

    vielleich hätte ich, als mich damals die meise auf meinem nachttisch geweckt hat, die feuerwehr rufen sollen. dann würde sie vll. noch leben. *schnüff*
    aber eine süße geschicht ❤

  7. Conny schreibt:

    So ein 3-D-Erlebnis hatte ich gleich zweimal im Abstand eines Jahres mit einer Fledermaus… brrrr… Und alles schön falsch gemacht, was man falsch machen kann. Angefangen mit gedämmtem Licht, was sie ja anlockt – aber hey, ich dimme nunmal gerne das Licht des Deckenfluters… Und Balkontür auf – es war ein heißer Sommer.

    Und beim Erblicken dieses undefinierbaren schwarzen Etwas, was auf der Schwelle der Tür saß und im Sitzen schon mit den Schwingen Vollgas gab und auf nen guten Meter Entfernung senkrecht von unten auf mein Gesicht zustartete, den gellensten Schrei meines bisherigen irdirschen Daseins von mir gegeben. Folglich verlor das arme Dingen aufgrund des ohrenbetäubenden Lärmpegels die Orientierung und flog nur noch stoisch im Kreis anstatt in der immer noch sperrangelweit geöffneten Balkontür sein Heil in der Flucht zu suchen.

    Und ich verlor die Nerven. Handy, Zigaretten, einfach alles „Überlebenswichtige“ lag noch im Wohnzimmer… Licht an, Licht aus, kurz rein, wieder raus, abwarten – hoffen, dass das Dingen rausfliegt… Nach ner Stunde dachte ich, es wäre geschafft. Dringend erforderliche Dusche erledigt, stehe im Flur, Wohnzimmertür ist geöffnet – die Nachschau hatte ja ergeben: das Vieh ist nicht mehr zu sehen oder zu hören… wozu also die Hektik?! Und schwupps eine erneute Flugattacke im Flur mit erneut denselben Reaktionen Kreischen, Kopf bedecken, Schweißausbruch… Oh grauslig.
    Wenn ichs allein nicht schaffe, dann müssen jetzt zur frühen Morgenstunde eben Profis helfen…

    Die anrückende Tierrettung setzte mir im Zuge der Absuche nach dem verlorenen Etwas mal kurz die Wohnung grade, fand das Vieh aber nicht… Kaum waren die beiden wieder draußen, saß´das schwarze Etwas ganz entspannt vor dem Regal.
    Handtuch werfen mit zitternden Fingern ist nicht so leicht, auch der zweite Wurf scheiterte, denn das Köpchen lugte noch raus. Beim Berühren fiepte das Teilchen wie ein Quietsche-Igel für Hunde… Uah!! Anderer Plan – Küchendurchschlagsieb drüber, Pappe von unten drunter schieben und dann raus auf den Balkon mit dem Konstrukt, im Folgenden mit einem Besenstiel das Sieb runterstoßen, damit das Tierchen seine Freiheit wieder hat.
    Allein – der Plan scheiterte an den zwei Sekunden, die ich bis zur Küche und zurück brauchte – mittlerweile hatte es sich aus den Handtüchern befreit und war verschwunden. Bloß wohin? Die einzige Frage, die ich noch beantworten konnte, war, wohin meine Nerven waren – die waren genauso weg wie das Getier… Es wurde ein unruhige Nacht… Und ja, P.s.: ich find die eklig. Und irgendwie gruselig. So lautlos flatternd. Zudem hört sich das mehr als schrecklich an, wenn die wie ein awacs Aufklärungsflugzeug anmutend mit ausgebreiteten Schwingen übers Laminat kriechen.

    Persönlicher Horror, der sich dann ein Jahr später wiederholte. Nur diesmal war ich klüger, hatte mich ja nach dem 3-D-Erlebnis mal schlau gemacht, was den Umgang mit Fledermäusen betrifft.
    Und so blieb es dabei, dass ich durch die erneut weit geöffnete Balkontür vor dem romantisch verfärbten Abendhimmel ein schwarzes Flugobjekt im direkten Landeanflug auf mein Wohnzimmer auf mich zugedüst kommen sah. Und ich dachte noch „Nee, das Vieh dreht doch sicher vorher ab, oder…?!“ Pustekuchen – ungebremst hinein, Onkel Otto!! Und so blieb es bei Gänsehaut, den Arm über den Kopf und einem unterdrückten Fiepen meinerseits. Schnell raus, Tür zu und erstmal präventiv die Sicherung rausgehauen. So.

    Fledermäuse und ich – es ist eine sehr einseitige Liebe 😉

    • firefox05c schreibt:

      Dabei suchen die doch bestimmt nur nach den Spinnen und Käfern, die du bestimmt noch ekliger findest, nicht? 🙂

      • Conny schreibt:

        Hm naja, Käfer find ich ok, Spinnen je nach Größe schon nicht mehr – DIE findet man aber auch nicht in meiner Wohnung, die mach ich eiskalt platt *Killerblick* 😉
        Das kann schonmal zu Balance-Akten auf den Armlehnen eines Sessels führen, um an diese haarigen Biester dran zu kommen… *uaaah* Unangenehm.
        Also DAHINGEHEND bin ich echt völlig typisch Frau. Aber ein Klischee muss man im Leben ja schließlich erfüllen, nicht wahr?! 😉

  8. frolleinsia schreibt:

    Eine schöne Geschichte find ich 🙂 hab es mit Spannung am Anfang und amüsiert gelesen. Lg

  9. Micha I schreibt:

    Also, ich käme nicht auf die Idee, wegen sowas die Feuerwehr zu rufen. Ähm, dachte, die kommen, wenns brennt und gut is.
    Klar, bei Verkehrsunfällen, wenn Wasser irgendwo rausgepumpt werden muss.

    Wenn Du sagst, dass der Einsatz nichts kostet, was sind dann das für Einsätze, die kosten? Also den Anrufer.
    Danke und Grüße MIcha

    • firefox05c schreibt:

      Wenn der Besitzer eines Tieres ausfindig gemacht werden kann, wird der ersatzpflichtig. Zum Beispiel bei einer Rettung eines Hundes. Wenn aber kein Besitzer da ist (so ein wilder Vogel gehört ja niemanden), kann man auch niemandem eine Rechnung stellen.
      Da aber auch Tiere ohne Besitzer ein Recht auf Leben haben ( und uns bei diesem Einsatz auch keine großen Kosten entstanden sind), ist dieser Einsatz kostenfrei für den Meldenden – er hat ja schließlich vorher eigene Bemühungen gemacht, und – wie es nun mal so ist – kommt die Feuerwehr immer, wenn keiner mehr weiter weiß.
      Hättest du ihn hinter der Heizung gelassen? – Der hätte spätestens nach drei Tagen furchtbar gestunken. 😉

  10. almandor schreibt:

    Schniff. Bei uns machen es Vögelchen nicht allzulange. Zweier Katzen sei *dank*.

    Gestern haben sie sich eine Amsel gegriffen und lebendigerweise in die Wohnung geschleppt. Das erbärmliche Fiepen ging mir durch Mark und Bein. Das arme Vieh. Leider war nichts mehr zu machen. Ich bin leider auch nicht resolut genug um dem Vögelchen den Hals umzudrehen um das Leiden zu verkürzen. Also rausgebracht und im Baum versteckt. 10 Minuten später hörte ich das Fiepen wieder. Entweder vom Baum gefallen oder oder meine kleinen haben ihn bestiegen.

    Das ist das einzige was ich an Katzen wirklich nicht leiden kann. Immerhin fressen sie die erlegten Tiere nicht, immerhin ist der Futternapf ja gut gefüllt.

  11. I-Tüpfelchen-Defäkierer schreibt:

    Ready for Take-Off darf man nicht mehr sagen!
    Das heißt Ready for Departure, der Tower antwortet dann mit Cleared for Take-Off.
    „Ready for Take-Off“ hat 583 Menschenleben auf dem Gewissen.
    Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Flugzeugkatastrophe_von_Teneriffa und http://de.wikipedia.org/wiki/Startfreigabe

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