Löschen für Pflasterkleber

Ich hatte Dienst auf dem von der Mutterwache abgesetzten Rettungswagen mit einem noch recht jungen Kollegen. OK, „jung“ ist relativ: Er ist etwa seit zweieinhalb Jahren im Alarmdienst. Aber mit diesem Dienstalter ist ein Feuerwehrmensch ja noch formbar… 😉

So waren wir gerade mit der täglichen Fahrzeugübernahme durch, als die Melder klingelten: „Feuer Grundschule Dingensweg, schwarzer Rauch sichtbar“ , stand auf dem Klingelding. „Oha“, sagte ich, „dann lass uns mal fix machen, das ist hier umme Ecke!“ Der Kollege schaute micherschrocken an: „Was? Da sind wir dann ja noch vor dem LF da!“ – „Hol aber deinen Helm aus dem Seitenfach und setz den auf, wenn wir da sind, sonst macht unser Brandinspektor wieder Terror, wenn du da so Kopfnackig rumläufst! Kennst ihn doch…“

Wir fuhren los. Die Einsatzstelle war nur etwa 300m von der Wache entfernt. „Und was machen wir dann so alleine?“, fragte er mich, während wir mit Blaulicht die Ausfahrt passierten, „Ich meine: Wir haben doch nichts dabei, außer vielleicht dem Feuerlöscher!“ – Es war an der Zeit, den Kollegen zu motivieren: „Erkunden, zum Beispiel. Und Rückmeldung geben, damit die Anrückenden schon mal Bescheid wissen. Oder schon mal den Weg frei machen, Tore öffnen. Leute wegschicken. Da wird uns schon was einfallen.“ Schon ein paar mal hatte ich es erlebt, dass der eine oder andere Kollege in dieser Situation halblaut meinte: „Lass uns mal nicht so schnell machen, nochmal um den Block fahren, damit wir nicht als erste eintreffen! Wer weiß, wenn das ein dicker Hund ist, stehst du da mit dem Rettungswagen…“

Nicht aber mein heutiger Spannmann! In seinem jugendlichen Aktionsdrang fingen seine Augen an zu leuchten wie Eichhörnchenklöten, fast schon Unternehmungslustig grinste er mich an: „Watt? Rückmeldung? – Datt Dingen machen wir alleine!“
– Ich liebe Engagement und Optimismus im Dienst! 😀

Über Funk hörten wir noch weitere Informationen von der Leitstelle: „Der Anrufer wohnt in der Martinstraße und kann von dort auf das Schulgelände sehen. In dem Bereich irgendwo hat er dicken, schwarzen Rauch gesehen!“ Die Einsatzstelle war also nur „ungefähr von Weitem“ eingegrenzt.

Vor Ort war erst mal keine Rauchsäule zu sehen. „Guck mal weiter, da, den Weg runter, da ist noch ein Sportplatz. Vielleicht ist die Einsatzstelle ja da!“ Wir fuhren an der Schule vorbei, einen schmalen Weg weiter, bis am Wegesrand , fast zugewuchert vom Gebüsch, ein Metalltor den Weg zum Sportplatz versperrte. „Ich laufe mal zu Fuß auf den Platz, vielleicht kann ich da was sehen.“ Mit dem Handfunkgerät lief ich durch einen der Flügel des Doppeltores, welches zum Glück nur angelehnt war, auf den Sportplatz, und sah am anderen Ende ein kleines, verkommenes Gebäude – und davor eine Rauchfahne! „Rauchentwicklung aus Vereinsheim, wir erkunden weiter“, gab ich der Leitstelle für die anderen Fahrzeuge durch. „Mach mal ganz offen, dann kannst du auf den Platz fahren!“, rief ich meinem Spannmann zu, „da auf dem Weg kannst du nicht stehen bleiben, dann ist die Zufahrt dicht.“ Während der Fahrer anfing, mit dem verrosteten Tor zu kämpfen, lief ich über den Platz, um das Ausmaß des Feuers festzustellen. An der Hütte angekommen, einem maroden Vereinsheim mit eingeschlagenen Scheiben, stellte ich fest, dass zwar in der Hütte ordentlich randaliert und farblich verziert wurde, das Feuer sich aber auf ein Häufchen Papier vor der Bude beschränkte. Ich gab über Funk Rückmeldung: „Kleinbrand vor einem Vereinsheim, es brennt etwas Papier. Das ist nur etwas für die Kübelspritze. Warten auf Eintreffen des LF.“ Bis der Kollege mit dem Rettungswagen durch das Tor kam, versuchte ich schon mal mit ein, zwei Tritten, das Feuer zu töten. Dabei musste ich jedoch feststellen, dass unter dem Papier auch noch etwas Plastik brannte. Und dieses erwies sich nicht als besonders Kooperativ beim Löschversuch. Schuhsohlen verklebt, Feuer züngelte trotzig vor sich hin. So ging es also nicht.

Der RTW fur vor, Kollege stieg aus. „Was? Ist das jetzt alles? Da hätte der Anrufer ja auch mal genauer gucken können…“„Ach was, schau mal, der wohnt daaa hinten“, ich wies quer über den Platz und weiter über eine Kleingartenanlage hinweg, „da, noch hinter den Bäumen. Da kann man ohne Teleskop eben nur Rauch hier auf dem Gelände sehen.“

Hinter den Büschen am Platzrand sahen wir das Löschfahrzeug vorbei fahren: Sie hatten den Zuweg noch nicht gefunden. „Hol mal eine Infusion. Dann machen wir das eben aus. Ist ja lächerlich. Das löschen wir selbst.“ sagte ich zum Kumpel. Der schaute mich skeptisch grinsend an: „Ne Infusion. Klar…“  – „Sicher. Machste ein Loch rein und spritzt das aus. Wolltest doch Feuer löschen, oder nicht? Dann müssen die Kollegen nicht die Kübelspritze quer über den Platz schleppen.“ Er war zwar immer noch verunsichert, ob ich ihn nicht doch verarschen wollte, aber er ging dann zum Rettungsbomber, pflückte einen Infusionsbeutel aus der Schublade, biss ein Loch hinein und spritzte den Inhalt erfolgreich auf das zischende Brandgut. Der Löscherfolg schien ihn etwas zu erstaunen, baute aber bestimmt noch ein oder zwei Klötzchen auf sein Selbstvertrauen! „Feuer mit Infusion gelöscht, nur noch Brandnachschau nötig.“ , gab ich das Update über Funk weiter.

Da aus der Bruchbude noch leichter Rauch entwich, beschlossen wir, durch eines der geknackten Fenster einzusteigen, um nachzusehen, ob drinnen noch mehr Brandstellen kokelten. Überall umgeworfene Stühle, Berge von auseinander gefledderten Trikots, Aktenordner, auseinandergebrochene Möbel, eingetretene Türen. „Kaum zu glauben, dass hier letzte Saison noch gespielt wurde…“ , meinte mein Sani nachdenklich, „die Chaoten haben ganze Arbeit geleistet…“ Ein weiteres Feuer fanden wir jedoch nicht.

Als wir wieder heraus kamen, sahen wir auch schon den Führer des Löschfahrzeuges zu Fuß über den Platz kommen: Die Tordurchfahrt war zu schmal für den roten Bomber. Irgendwo noch weiter hinten schleppte sich der Angriffstrupp mit der Kübelspritze ab. Ich winkte ihnen entgegen. „Braucht ihr nicht mehr!!“ Bereitwillig blieben sie stehen. Sowas hört man gerne. Immerhin wiegt das Teil etwa 15 kg, und wenn man dann noch die komplette Schutzausrüstung inklusive Atemschutzgerät an hat, kann es der Weg über einen Sportplatz schon mal etwas feucht unter der Zunge werden lassen. (Warum Atemschutz? Immerhin wurde zu Beginn noch eine dicke Rauchsäule gemeldet…)

Der Chef schaute sich die Katastrophe noch mal aus der Nähe an. „Na, da haben wir ja Glück gehabt, dass durch euer beherztes Zuschlagen ein Übergreifen auf den Grossraum Rhein- Ruhr- Gebiet verhindert werden konnte…“ – „Ich wollte dir nur nicht vorgreifen und schon mal alles abbestellen. Du weißt schon… falsche Gehaltsstufe und so…“ frotzelte ich. Nun gut, zumindest hatte mein Sani schon mal für heute den „dicken Hund“ weg. Und er hat gelernt: Mit etwas Fantasie kann man auch Aufgaben erledigen, die jenseits der Stellenbeschreibung liegen. 😉

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Über firefox05c

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18 Antworten zu Löschen für Pflasterkleber

  1. Ich bin mal als RTW zu nem VU mit Brand gekommen.. und da unser Verletzter nicht wirklich was hatte, hab ich den Motorbrand mit nem Pulverlöscher ausgemacht. Wat glaubste was das für Ärger gab…und die armen freiwilligen hatten nix mehr zum löschen.

  2. AJ schreibt:

    Wir lernen das auch schon im Gl TeSi, wie man größere oder kleinere Brände mit Löscher löscht, falls uns genau sowas passieren sollte 😉

  3. Bernd schreibt:

    Infusion zum Löschen? Kommt bekannt vor: https://firefox05c.wordpress.com/2010/12/08/schaufensterkerze/

    Da könnte man doch echt mal „Kleinstfeuerlöscher“ draufschreiben.

  4. opatios schreibt:

    Und dafür nen Infusionsbeutel… naja, vermutlich passt ne Augendusche nicht in euer sonstiges Einsatzprofil.

    • firefox05c schreibt:

      Doch. Eine Augendusche haben wir auch. Die kostet aber wahrscheinlich das 5- fache von einem halben Liter Jonosteril! Wir wollen doch nicht mit Steuergeldern prassen…;)

  5. welikethemoon schreibt:

    „Lass uns nicht so schnell machen…“ Ehrlich? Unmotivierte Feuerwehrmänner? Ist ja lustig…

    • firefox05c schreibt:

      Das ist nicht mangelnde Motivation, sondern ehr ein Zeichen dafür, dass einige fw- Männer so auf ihre Ausbildung an den Geräten fixiert sind, dass ihnen nichts mehr einfällt, wenn sie die ganze Ausrüstung mal nicht zur Verfügung haben, also ehr mamangelnde Fantasie.

  6. Conny schreibt:

    Das ist mal ne richtig nette Geschichte 😀 Gefällt mir – man muss dem Nachwuchs ja auch mal den Erfolg gönnen 😉
    Aber zu der anderen hier verlinkten Geschichte… Kerze + Wasser = Buff, oder irre ich mich?!
    Hatte mal so ein „nettes“ kleines Erlebnis vor einigen Jahren. Ein Teelicht-Haltern war „in Brand geraten“, sprich: die Luftlöcher waren zu klein (nee, war nix Selbstgebasteltes) und innen drin brannte es dann munter vor sich hin. Aufgrund der Schrecksekunde und der mangelnden Ideenvielfalt des Besuchs griff ich zu ner Tasse Wasser und *schwupp*, gefolgt von deutlichem „Buff“ seitens des Teelichthalters. Der Schaden belief sich auf einen halbseitig abgeflämmten Blumenstrauß und einem gehörigen Schrecken unsererseits.
    Die Kerze enthält doch genügend Fett, um sich im Falle des Brandes nicht mit Wasser löschen zu lassen, oder täusche ich mich?!

    Lieben Gruß zur Nacht, Conny

    • firefox05c schreibt:

      Ich kenne jetzt jedoch nicht die genaue Situation, aber wenn du schreibst, dass wohl „die Luftlöcher zu klein“ waren, gehe ich mal von einem Hitzestau aus, der das Kerzenstearin nicht nur schmelzen ließ, sondern es so weit aufheizte, dass es auch ohne Docht genügend Gase bildete und eigenständig brannte. So etwas kann z.B. auch passieren, wenn man an Opa’s 60. die Geburtstags- Teelichter zu dicht zusammen stellt: Der „See“ aus Stearin brennt, die Flammen vereinigen sich, und es gibt daraus eine große Flamme.
      Gießt man dann Wasser hinein (welches ja schwerer ist als Stearin), können brennende Tropfen verspritzt werden (und durch die plötzliche Oberflächenvergrößerung auch kurz auflodern).
      An sich ist es aber bei einer „normal“ erwärmten Kerze / Teelicht nicht gefährlich, sie mit Wasser zu löschen, es sei denn: Oben beschriebener Hitzestau…

      • Conny schreibt:

        Ahhhhh, jetzt versteh ich, alles klar 😉 Jau, das wird das wohl gewesen sein, das mit derm Stearin-Stau 😉
        Danke fürs Erklären (… jetzt kannsch ja gaaar nisch mehr angeben aka klugscheißen mit de‘ Kerzenlöscherei… aber ich hab was Neues zum Posen gefunden – Stearin!! Ha!!) 😉

    • T K (@Sueder80) schreibt:

      Muss wohl gut 20 Jahre her sein da viel mir auch auf das in so einem Wehnachtshaus aus Porzellan ein Teelicht komisch brannte auspusten funktionierte nichtund das Haus war schon kochend heiss so das mein Vater zur Wasserflasche griff. Das gab bestimmt eine halbe meter hohe Stichflamme als der Wachs mit dem Wasser in Kontakt kam. zum Glück ist nichts schlimmeres passiert und dann konne mann auch die Flamme wohl auspusten.

  7. ToWi schreibt:

    Das klingt ja wirklich nach einem entspanntem Einsatz.
    Hier mal ein Beispiel, für eine „echte“ „dicke Rauchsäule“:

    http://tinyurl.com/cpqu488

  8. Mr. BubbleBath schreibt:

    And now for something completely different: Wenn’s den Sanis zu heiß wird, bestellen sie die Feuerwehr zur Schaumparty: http://www.swp.de/ulm/bilder/cme1180271,885950.html

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