Ein Rest Haltung…

Wir wurden in eine Wohnstraße geschickt, in der jemand mit „Kreislauf“ auf uns warten sollte. Die tristen Reihen- Mietkasernen von kurz nach dem Krieg waren mir bestens bekannt: Bereits mehrfach waren wir dort, um aus Wohnungen, in denen wahrscheinlich seit dem Bezug kein Müll mehr herausgebracht wurde (und natürlich auch nicht tapeziert. Oder Möbel ausgetauscht. Oder Reinigungsmittel benutzt …), Kettenraucher mit Atemnot (denn natürlich sind diese Buden bis auf 57° geheizt!), die eine oder andere vergessene Leiche oder – wie in diesem Fall – „HP Kreislauf“ zu bergen. Ja, „bergen“ ist in dieser Art Wohnungen wohl der richtige Ausdruck…

Wir fuhren also bei dem Backes vor, schauten an der Fassade hoch, an der man schon durch die Nikotinverfärbung über den ständig gekippten Fenstern sah, welche Wohnungen noch bewohnt waren, und gingen zum Eingang. „Wie hieß der Typ?“ – „Bei mir steht ‚Kolling‘ auf dem DME…“ (echter Name der Redaktion bekannt… 😉 ) Nun standen wir beide vor der Haustür – und suchten die nicht vorhandenen Klingeln! Richtig: Die Bude hatte nicht einmal Türklingeln am Eingang! Zum Glück war, wie man es in „schwachen“ Gegenden öfters hat, die Tür sperrangelweit offen, so dass wir zwischen Bergen von Stadtteilzeitungen, Supermarktprospekten und Kippen die Treppe nach oben erreichen konnten. „Na klasse. Und wo wohnt der Mensch jetzt?“ An den Wohnungstüren waren zwar Klingelknöpfe, aber keine Namen… Wir bölkten im Treppenhaus hoch: „Hallo! Rettungsdienst! Wer hat uns gerufen??“ Tatsächlich war dem Bewohner anscheinend sogar bewusst, dass man sich als Ortsfremder womöglich einen Ast suchen würde, wenn man keinen weiteren Hinweis bekommt, und wir hörten, wie im zweiten Stock eine Tür aufging: „Hier oben!“

In der Wohnung, in der wir erwartet wurden, wurden wir nicht enttäuscht in unseren Vorurteilen: Brauner, abgewetzter,zugemüllter Teppich, Tüten mit unbekanntem Inhalt waren in den Ecken verteilt, Bernsteinwände, der Herd siffig mit benutzten Töpfen drauf, löcherige Polstergarnitur, ein Tisch dazwischen (auf dem natürlich unter anderem Kippen, Tabak und Stopfhülsen verteilt lagen), drum herum zwei Männer und unser Patient, der sich wieder dazugesetzt hatte, und natürlich 45,3 Grad in der Bude. Auch das vom Dreck fast blinde Fenster und die halb vorgezogenen, vergilbten und verstaubten Vorhänge sorgten für ein „heimeliges“ Schummerlicht (wohl, damit man von der Bude nicht noch mehr unapetitliche Details erkennen konnte!). Der übliche Muff einer verwahrlosten Aufenthaltsstelle für Leute, die sich aufgegeben haben, schlug uns entgegen. „Ich hab‘ seit einer Stunde plötzlich Kreislauf.“ erzählte uns der Patient,  der nicht gerade so aussah, als wenn es ihm wirklich schlecht ging. „Und Atemnot? Hätte ich bei der Luft vermutlich auch…“, sagte mein Kollege und öffnete erst mal ein Fenster.  „Naja, so ein bisschen, manchmal. Auch so Schwindel, und schon mal Schwarz vor Augen. Habe ich noch nie gehabt. Außer einmal, vor ein paar Monaten, da haben die im Krankenhaus aber nichts gefunden…“ – „OK, dann haben Sie es jetzt vermutlich wieder“, diagnostizierte ich messerscharf.  „Da können wir hier vor Ort nichts machen, Sie müssten dann noch mal mit uns ins Krankenhaus. Sonst noch Krankheiten bekannt?“ – „Ja, ich soll wegen dem Blutdruck so Tabletten nehmen. Die nehme ich aber eigentlich schon nicht mehr.“ Ich hatte wenig Lust, in dem ganzen Dreck unsere Ausrüstung auszubreiten, nur, um bestätigt zu bekommen, dass der Blutdruck jetzt außerhalb der Norm war. Das konnte ich bequemer – und vor allem sauberer – im Auto haben. Übrigens höre ich so etwas öfter: Patienten nehmen Blutdrucksenker, stellen dann fest, dass der Druck in Ordnung ist, und fragen sich dann, wieso sie überhaupt die Tabletten nehmen sollen. Weil: der Blutdruck ist doch völlig OK… Dass die Beschwerden nur AUFGRUND der Medikamente weg sind, fällt ihnen nicht ein.

Über dem Mann hing ein Vogelkäfig mit einem Wellensittig drauf. „Lebt der noch?“ , fragte ich halblaut. „Sicher!“, meinte einer der Kumpel unseres Patienten. „Um den kümmern wir uns schon, wenn Klaus weg ist.“ Na, wenigstens etwas. Er saß anscheinend nur so ruhig auf dem Käfig, weil er nicht nachtflugtauglich war – die Hütte war schließlich runze- dunkel!

„Dann kommen Sie mal mit“, forderte ich unseren Patienten auf, der noch ganz gut zu Fuß war. Er stand auf und wandte sich an seine Kumpel: „Hängt ihr dann noch die Gardinen auf, wenn sie gewaschen sind?“ Toll! Dieser Mann hatte sogar noch Sinn für Humor, dachte ich! Mein Kollege und ich schauten uns grinsend an. Seltsamerweise sagte einer der am Tisch sitzenden Männer: „Klar. Machen wir. Mach dir keine Sorgen.“ Völlig ernst. Das Grinsen auf meinem Gesicht wich der Verwunderung. Aber wir wollten hier ja keine Gardinen- Diskussion anfangen…

Wir gingen also zum RTW, ich stieg mit dem Patienten hinten ein und maß den Blutdruck, Sauerstoff und Zuckergehalt im Blut und fragte nach weiteren Beschwerden. Druck etwas erhöht, sonst alles unauffällig.

Und dann fiel es mir auf: Der Muff der Wohnung war im Haus geblieben, und unser Patient roch – nach Seife! Nicht nach „3- Wochen- Schlüpper“, Alkohol, Schimmel oder sonst was, wie man es bei der Wohnung und den Erfahrungen erwarten würde: Seife!! Jetzt überlegte ich, ob er wirklich so viel Wert auf Körperhygiene legte, oder nach dem Waschen nur zu faul oder zu geizig war, die Seife wieder abzuwaschen. Auch die bei Licht betrachteten Propheten- Treter, die er unter seiner abgewetzten, fleckigen Jeans trug, sahen nicht nur recht neu, sondern auch nicht gerade billig aus. Ich war doch etwas erstaunt! Und nach dem Transport, als wir im Krankenhaus ausstiegen, machte er sich noch einmal besorgt Gedanken: „Hoffentlich hängen meine Kumpels auch die Gardinen wieder auf, wenn sie gewaschen sind…“ – Ja sicher. Das war in seiner Behausung auch eindeutig das dringenste Problem. Menschen gibts…

Zumindest haben mein Kollege und ich jetzt einen neuen Running- Gag. Denn die Bude darf aussehen, wie sie will: „Hauptsache, die Gardinen sind gewaschen.“ 🙂

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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12 Antworten zu Ein Rest Haltung…

  1. Herzchaosmama schreibt:

    Wohnte er vielleicht gar nicht in der besagten Wohnung sondern war nur ein Nachbar? (Allerdings wäre dann die Wellensittich-Geschichte etwas merkwürdig. Darum hast Du es auch sicher erwähnt.)
    )

    • firefox05c schreibt:

      Nein, er wohnte dort. Ich fragte ihn nämlich noch, ob seine Freunde dort auch bleiben dürften, wenn er selbst nicht anwesend ist. Und es waren ja auch seine heiß- geliebten Gardinen… 🙂

  2. Conny schreibt:

    Kenn ich. Bloß ohne gewaschene Gardinen.
    Man darf sich das gar nicht so reinziehen, wie die Menschen manchmal leben. Das macht einen sonst auf Dauer echt kaputt. Solche Wohnungen sieht man berufsbedingt leider viel zu oft. Glaubt man manchmal gar nicht, dass dort Menschen leben können.

    • firefox05c schreibt:

      An die Wohnungen habe ich mich schon fast gewöhnt. Aber dass jemand sich dann noch so viele Gedanken macht, ob seine Gardinen auch sauber am Fenster hängen, habe ich noch nicht erlebt. Passt irgendwie überhaupt nicht zusammen…

      • Conny schreibt:

        Ja, ich auch – es sei denn, es gibt mir jemand (so wie jetzt im Blog-Eintrag) einen Gedanken-Anstoß zum Reflektieren. Und ok, ich gebe zu – manche Wohnungen sind SO „durch“, dass man schon beim Betreten denkt „Wie kann man so leben? Traurig.“
        Aber stimmt schon – die Gardinen passen da so gar nicht ins Bild, stimmt.

  3. inneres Stimmchen schreibt:

    naja…vielleicht ist der Fokus auf den Gardinen, weil man sie weiß waschen kann- den Rest der Muchtelbude aber nicht?
    Empfindest du eigentlich so etwas wie Aktionismus („Denen muss doch mal jemand helfen“ (also egal jetzt wie) oder ausschliesslich diese hier schön zu sehende Bitterkeit und milde Verachtung, wenn du solche Existenzen siehst und erlebst?

    • firefox05c schreibt:

      „Verachtung“ möchte ich nicht sagen. Diese Leute sind ja nicht immer selbstverschuldet dort gelandet, wo sie jetzt sind. Allerdings haben sich auch viele der dahinvegetierenden halt nur irgendwann selbst aufgegeben. Und das verurteile ich in der Tat ein wenig: Denn auch als Arbeitsloser kann man seine Bude aufräumen, und auch mit Schulden kann man sich waschen und ordentlich anziehen. Es gibt genug Menschen, die das täglich beweisen.
      Ich habe aber gelernt, dass man Menschen, die „ganz unten“ sind, nur dann helfen kann, wenn sie es auch selbst (und zwar mit allen Konsequenzen!) wollen.
      Dieser Punkt ist aber bei den meisten noch nicht erreicht. Aufräum- Aktionen à la „Tine Wittler“ oder eine einfache Entgiftung bei Alkoholikern bringen da nichts. Und ein wirklicher Wandel kostet enorm viel Energie – die der Betroffene aber selbst aufbringen muss!
      Für Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie sich ändern möchten, und nur noch die entsprechende Hand brauchen, die sie führt (den Weg gehen müssen sie immer selbst!), habe ich die Telefonnummern der Anlaufstellen parat: soziale Eingliederungsstellen, Messi- Selbsthilfegruppe, Suchthilfe (auch für Angehörige), Frauenhaus, Schuldnerberatung, um nur einige Stellen zu nennen. Diese Nummern schreibe ich den Betroffenen dann auf, damit sie sie benutzen können, wenn sie wirklich Hilfe möchten, und nicht nur bedauert werden wollen. Ich erzähle ihnen dann natürlich auch noch einiges dazu, um ihnen die Bedenken zu nehmen, dort auch wirklich vorstellig zu werden. Mehr kann ich nicht tun. Ich kann nicht die Welt retten. Und ich finde, mein Job würde nicht leichter, wenn ich mir auch nach Feierabend noch zu den Zuständen Gedanken machen würde.
      Und wer keine Hilfe möchte: Jeder hat auch das Recht auf Verwahrlosung.

  4. Apotheker-Typ schreibt:

    Na das mit den Blutdruck-Medikamenten muss doch genau so funktionieren wie das mit den Kopfschmerz-Tabletten: Wenns nicht passt, nimmt man eine, und wenns besser ist, ist man doch wieder gesund! 😉
    Richtig lustig wirds doch immer, wenn es Medikamente sind, die man nicht einfach absetzen darf, weil es dann zu Symthom-Verschlimmerung kommen kann, wie z.B. Beta-Blocker. (Für alle Nicht-Fachleute eine abgekürzte Erklärung: die blockieren Rezeptoren am Herzen, und dann schlägt es langsamer. Der Körper reagiert aber unter anderem mit der Ausbildung von mehr Rezeptoren am Herzen. Läßt man die Beta-Blocker plötzlich weg, schlägt das Herz folgerichtig viel schneller als vor Behandlungsbeginn…)

    Aber als ich noch Student war, sah mein 1-Zimmer-Wohnklo mit Kochniesche auch nur annehmbar aus, wenn sich Besuch angekündigt hatte. Zugegeben, ich war Nichtraucher, hab regelmäßig gelüftet, und überheizt war die Bude auch nie (allein wegen der Heizkosten). Aber ansonsten… Der Frühjahrsputz war immer für den nächsten Tag geplant (bis halt Besuch kam…) 😀

  5. frau k. schreibt:

    ich bin geneigt, eher „armer wellensittich“ zu denken, als „armer patient“….

  6. Jan-P. H. schreibt:

    Welch Interresanter Bericht Wie immer sehr amüsant lieber schwager

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