„Alles in Ordnung“. Oder so.

DIGITAL CAMERASpät abends ging auf der Feuerwache das Licht an: „Einsatz für das LF, vermutlich Kaminbrand!“ Da es zu dieser Jahreszeit abends die ersten Nächte knackig kalt war, dachten wir an einen unfachmännisch mit feuchtem Holz angezündeten Kaminofen, der jetzt die Straße vernebelte.

Als wir an der gemeldeten Adresse ankamen, ging unser Anstaltsleiter ins Haus, um den Bewohner, der uns angerufen hatte, zu befragen, was denn passiert sei. Wir leuchteten zum Kamin hoch: Kein einziges Wölkchen. Wir blieben etwas gelangweilt und wegen der späten Stunde etwas müde vor uns hin starrend im Auto sitzen. Etwa drei Minuten. War ja nichts zu sehen…

Dann kam aber der Chef wieder zügigen Schrittes zum Löschbomber und erschreckte uns etwas: „Atemschutz aufsetzen, Verteiler mit Wasser bis zur Haustür, C-Leitung vorbereiten. Dann kommt ihr mit der Wärmebildkamera und einer Axt nach oben in den ersten Stock!“ Oha, was war denn jetzt los?

DIGITAL CAMERAWir bereiteten schnell alles vor, während auch der Abteilungsleiter eintraf. Der bekam von unserem Gruppenführer erzählt, dass in der betroffenen Wohnung Rauch aus den Fußleisten kam.

Nachdem in kurzer Zeit die Schlauchleitung bis ans Treppenhaus verlegt war, gingen wir mit geschultertem Atemschutzgerät und umgehängter Maske in die Wohnung im ersten Stock. Der Bewohner der Erdgeschosswohnung (gleichfalls Hauseigentümer) jammerte schon entschuldigend rum, dass sein Ofen ja nun schon längere Zeit in der Bude stehe und auch heute schon seit Stunden brennen würde. Oh je, dachte ich mir, ein Zwischendecken- Brand? Bei älteren Häusern kann es vorkommen, dass ein Kamin Risse bekommt oder ein Deckenbalken bis in ihn hineinragt, der irgendwann – durch einen Kaminofen zum Glühen gebracht – das Feuer in die Zwischendecke lässt.

In der Wohnung hing der Geruch von Rauch in der Luft, und in der Wohnküche gaben die Fußleisten tatsächlich Rauchzeichen! Allerdings nicht im Bereich des Kamines, sondern an der Wand gegenüber, die den Raum vom Schlafzimmer trennte. Und an der Außenwand des Zimmers. Mit der Kamera war seltsamerweise auch nur an den Stellen, an denen der Rauch hervor trat, Wärmeentwicklung zu erkennen. Beim weiteren Begehen der Wohnung gab der Rauchmelder im Schlafzimmer plötzlich Alarm: Hier hingen sogar richtig Schwaden in der Luft, die ebenfalls an der Außenwand, etwa 4 Meter vom Kamin entfernt, aufstiegen!

Nun gut, irgendwo mussten wir ja anfangen, die Ursache zu finden. Aus dem Keller kam zwischenzeitlich die Meldung, dass der Kamin durch die Reinigungsklappe ausgespiegelt worden war: Ohne Feststellung. Man konnte vom Keller aus die Sterne sehen…

Der meiste Rauch kam aus einem Bereich, der etwa 1,5 Meter vom Kamin entfernt war. An der Stelle standen zum Glück keine Möbel, allerdings hing genau über der qualmenden Fußleiste ein Flachbild- TV an der Wand. „Wir fangen mal hier an, wo der Kamin am Nächsten ist“, meinte der Anstaltsleiter. „Haben wir auf dem Auto einen Fuchsschwanz?“ Ich wollte gerade einen Witz über den Maschinisten loslassen, der noch im LF saß, biss mir aber dann doch auf die Zunge. Der Kollege antwortete statt dessen: „Nee. Aber auf der Leiter ist einer verlastet. Die steht auch schon unten in der Straße. Ich bestell‘ das Gerät mal über Funk.“ Flugs wurde das Werkzeug von den Kollegen der FF, die auch schon da waren, nach oben gebracht, und ich hängte noch die Zimmertür aus, damit mein Truppführer Platz zum Arbeiten hatte, bevor er unter der kritischen Aufsicht des Gruppenführers anfing, die Fußleiste an der entsprechenden Stelle vorsichtig zu entfernen. Er bekam sie im Ganzen ab, ich brachte sie für den eventuellen späteren Einbau in Sicherheit, und der Kollege nahm sich den elektrischen Fuchsschwanz, um eine saubere, etwa 20x30cm große Öffnung durch Laminat und Bodendielen zu sägen. Darunter befand sich die lose Schüttung, die in alten Geschossdecken verbaut wurde, die vorsichtig, Handvoll für Handvoll herausgegriffen und in einen Eimer, den wir fanden, gefüllt wurde. Langsam, damit nicht so viel Staub entsteht. Man will ja den Schaden aufs Nötigste begrenzen.

„Ja, hier kommt Rauch heraus. Ich glaube, da unter dem Tragbalken, der an der Wand entlang läuft, glüht etwas“, stellte mein Truppführer, der das Loch begutachtete, fest. Der Wachführer bestellte eine Kübelspritze, um eventuell eingreifen zu können, wenn wir die Brandstelle genauer lokalisiert hatten. Mein Kollege mit der Säge erweiterte das Loch etwas, die Laminatbretter im Bereich des Loches nahmen wir vorher für einen späteren Wiedereinbau heraus. Wiederum griffen wir vorsichtig die Deckenschüttung aus dem offenen Boden und legten sie in den erwähnten Eimer ab. Der betroffene Bereich am Balken wurde sichtbar.

Über Funk bekamen wir mit, dass in dem Geschoss unter uns an der gleichen Stelle die Decke geöffnet wurde: „Hier läuft das Ofenrohr unter der Decke entlang, da gab es vielleicht einen Hitzestau.“ Jetzt hörten wir auch von unten ein Schaben, klopfen und vorsichtiges Brechen.

Der alarmierte Schornsteinfeger kam in den Raum: In traditioneller, piekfeiner Kleidung, inklusive Zylinderhut, stand er nachts um elf jetzt an unserem Loch: „Na, ist doch alles in Ordnung…“, brummelte er. Ich blickte vom rauchenden Loch zu ihm und wieder zurück. „Naja“, meinte ich, „‚in Ordnung‘ ist angesichts des glühenden Balkens in der offenen Decke vielleicht nicht die richtige Beschreibung…“

„Die Anlage ist aber ordnungsgemäß eingebaut worden, die habe ich kontrolliert. Da gab es nichts dran auszusetzen“, klärte der Feger uns auf. Offensichtlich war hier aber trotzdem etwas schief gegangen.

Der Wachabteilungsleiter kam mit einem Messgerät in den Raum und verkündete, dass die Kohlenmonoxid- Konzentration etwas gestiegen sei, weshalb der Kaminkehrer den Raum wieder verlassen sollte. Wir natürlich nicht: Bei einem weiteren Anstieg hätten wir die Masken aufsetzen können, und der Gruppenführer, der jetzt das Messgerät zur weiteren Überwachung bekam, hat ja sowieso – wie fast alle Führungskräfte – „Kordelatmung„… 😉

Waren wir bisher vorsichtig, um den Schaden möglichst gering zu halten, schlug die Situation jetzt plötzlich um: Der Trupp unter uns hatte die Decke geöffnet, woraufhin Teile der Schüttung aus der Decke in einer riesigen Staubwolke in die untere Wohnung rieselten. Ohne Atemschutzmaske war unter uns kein Arbeiten mehr möglich, und die Bude war so vollgestaubt, dass es aussah, als sei ein Sack Mehl explodiert. Und bei uns im ersten Stock tauchte jetzt ein Kollege der Freiwilligen auf, seines Zeichens Zimmermann. Was er auch sofort durch sein Handeln unterstrich: „Watt? Der Balken da kokelt? Da kommwa so noch nicht ran. Gimma die Axt.“ – Sprach’s, und zimmerte wie ein Berserker auf die Küchendielen ein, dass die Splitter quer durch die ganze Küche flogen! Es wurde geholzt und gebrochen, dass der Boden bebte. Sicherheitshalber, um keine Trümmer an den Kopf zu bekommen oder bei Einbruch der mißhandelten Decke mit abzustürzen, nahm ich schnell noch den Flachbildfernseher von der Wand und stellte mich mit ihm auf den Balkon.

Sonderzubehör "wild gewordene Feuerwehrleute"?Der Zimmermann hatte schon etwa einen halben Quadratmeter aufgebrochen, da kniete er sich neben das Loch und schaufelte mit seinen Pranken die Deckenschüttung heraus. Der Anblick erinnerte mich etwas an meine Katze, wenn sie nach ihrem Geschäft die Chose zubuddelt: Wild spritzte das graue Material quer durch die Bude, so dass auch in dieser Wohnung jetzt alles total zustaubte. Bei meiner Katze ist wenigstens eine Haube drüber!

Als der Balken freigelegt war und sich der Staub etwas gelegt hatte, konnte man durch den Boden die Kollegen in der unteren Wohnung sehen. Und den Balken natürlich, der an der Unterseite vor sich hin glimmte. Was wir noch sahen: Genau unter der glühenden Stelle verlief mit etwa 10cm Abstand zur Decke das Ofenrohr. „Tja, da hatte scheinbar jemand zu viel eingeheizt. Der Wärmestau hat dann wohl den Balken angezündet“, fasste der Chef zusammen. „Das kann man am besten von unten löschen!“, rief er den Kollegen auf der unteren Seite des Loches zu. Einen Moment später spritzte das Wasser einer Kübelspritze aus dem Loch hoch, im hohen Bogen bis auf den Teppich im Flur. Schnell legten wir zwei von den geretteten Laminatbrettern über das Loch, damit nicht auch noch ein größerer Wasserschaden entstand.

Nach einigen Minuten war dann das Feuer aus, die Decke durchlöchert und zwei Buden sahen wie eine Backstube aus. Also, ich weiß ja nicht, was der Kaminkehrer so unter „in Ordnung“  versteht, aber ich wäre wohl ganz schön angepisst, wenn meine Küche so aussehen würde…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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16 Antworten zu „Alles in Ordnung“. Oder so.

  1. Daniel Eschenlohr schreibt:

    ich kann nicht mehr…
    “Na, ist doch alles in Ordnung…” lach

  2. Conny schreibt:

    Angepisst wäre kein Ausdruck – da würde nicht nur der Balken qualmen 😉
    Aber wieder mal – so genial geschrieben, danke fürs Grinsen-Können 😀

  3. Mercator schreibt:

    Boah! Was mich ja noch interessieren würde: mußte denn im anschliessenden Prozeß der Ofenbauer den Schaden übernehmen?

    • firefox05c schreibt:

      Da die Anlage ordnungsgemäß abgenommen war, denke ich, muss dem Hausbesitzer (der ja unten wohnt) zumindest Fahrlässigkeit, womöglich sogar grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden, damit er den Schaden selbst bezahlt. Andernfalls kann ich mir vorstellen, dass die Hausrat- bzw. Haftpflichtversicherung ersatzpflichtig ist. Ich bin aber kein Versicherungsexperte… 😉

      • Wolfram schreibt:

        Die Feuerversicherung?
        Selbst bei grober Fahrlässigkeit springen oft die Versicherungen erst mal ein, damit wenigstens das Opfer nicht schutzlos dasteht. Das hat Bismarck schon gut gemacht. (Hier zahlt die Versicherung erst, wenn eindeutig feststeht, daß niemand anders haftbar gemacht werden kann; das kann schon mal Jahre dauern. Bei Totalschäden von Geschäftsräumen – etwa: Hotelbrand – ist der Betrieb bis dahin hoffnungslos pleite.)

  4. Komische Fußbodenheizung haben die da.

  5. inneres Stimmchen schreibt:

    Spannender Einblick in ihre Arbeit!
    (Schon kras-s ein Rohr ist zu heiß und 10cm weiter kanns anfangen zu brennen?! o.O )

    • firefox05c schreibt:

      Das Tückische in diesem Fall war, dass von unten an der Decke nichts weiter zu sehen war, allenfalls eine vergilbte Stelle. Die Hitze hatte sich aufgrund verstärkter Befeuerung des Ofens erst in der Decke unter dem Balken gestaut – und ihn irgendwann zum Glühen gebracht.

  6. alekun schreibt:

    Ich habe letzten Winter mal beobachtet, dass aus einem Schornstein eines Hause offenbar älteren Baujahres, schubweise Funkenflug kam. Etwa so, wie wenn man beim großen Lager- oder Osterfeuer drin rumstochert oder was reinwirft. Die Funken sind dann meterweit durch die Luft geflogen und teilweise glühend auf dem Ziegeldach gelandet.
    Wäre da ein vorbeugender Anruf bei der FW angebracht gewesen?
    Da das Haus freistehend war und der Zauber nach ein paar Minuten aufhörte, hab ich damals davon abgesehen.
    Was sagt der Fachmann dazu?

    • firefox05c schreibt:

      Das hört sich für mich nach einem Kaminbrand an, denn aus einem Kamin sollten im Normalfall keine Funken fliegen. Wahrscheinlich ist der Kamin ohne Zwischenfälle ausgebrannt. Glück gehabt. 😉
      In deinem beschriebenen Fall hätte ich auf jeden Fall mal bei der Feuerwehr angerufen. Die Gefahr besteht ja nicht nur durch den Funkenflug für andere Gebäude, sondern auch durch das Feuer im Kamin für das betreffende Haus.

      • alekun schreibt:

        Danke für diese schnelle Antwort!
        Wir haben den Kamin an diesem Abend noch öfter beobachtet, da hat es nicht mehr gefunkt. Auch die roten Autos haben uns die Party nebenan nicht unterbrochen. War dann wohl auch wieder „Alles in Ordnung!“ Oder so 😉
        Demnächst weiss ich bescheid!

        Mach weiter so mit deinem Blog! Sehr unterhaltsam und dabei noch gehaltvoll informativ, auch wenn man nicht aus dem Geschäft kommt, oder es nur teilweise berührt. Super!

  7. firehirsch schreibt:

    Was mich da mal interessieren würde:
    Habt ihr den „Kollegen Zimmermann“ von der FF drauf hingewiesen, dass er das nächste mal doch etwas Feinfühliger an die Sache rangehen möge?

    • firefox05c schreibt:

      Der „Kollege Zimmermann“ war Führer der FF- Einheit, da war ich nicht weisungsbefugt.
      Habe meinem Wachführer (direkter Vorgesetzter) vorgeschlagen, etwas geeignetere Werkzeuge wie Kettensäge, Fuchsschwanz oder so etwas zu nehmen. Der wiederum hat es dann aber nicht dem Einsatzleiter vorgeschlagen, und dieser hat bei der Aktion nur interessiert zugesehen, fand es also wohl ein „angemessenes Mittel“. Hierarchiestruktur und Kompetenzdünkel gibt es bei einer großen Feuerwehr eben immer. Das nervt mich auch dann und wann… 😦

  8. Thomas Kuhn schreibt:

    Wir haben auf der Suche nach der Ursache einer feinen Rauchentwicklung im Giebelspitz eines Dachraumes auch mal mit der stückweisen Demontage der Deckenverkleidung begonnen. Zweieinhalb Stunden später war dann vom Dach innen im Obergeschoss über die Innenverkleidung ab Drempel bis Fußboden sowie die Isolierung auf der Außenwand des Hauses im Erdgeschoß alles etappenweise abgebaut. Und das Haus einsturzgefährdet.

    Weil nämlich einer der Tragbalken des Fachwerkbaues stikum weggeglüht war nachdem der Hausbesitzer den neuen offenen Kamin mal so richtig eingeheizt hatte. Denn leider hatte der Kaminbauer das Abluftrohr – unisoliert – direkt an dem Balken vorbei durch die Wand nach außen geführt.

    Und dann, nach dem ersten ordentlichen Heizen war der Kohlenmeiler in der Wand entfacht. Bis dann irgendwann, nach Stunden der Qualm ganz oben aus der Decke drückte, und die Nachbarn den aus dem Dachfenster austretenden Rauch als Kaminbrand interpretierten. Dabei war der Kamin am Ende so ziemlich das Einzige, was nicht betroffen war.

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