Passierschein A38

…oder: Der Doc, der nicht wusste, wo er ist

Immer für Sie da

Immer für Sie da

In einem Asterix- Comic mussten die beiden Helden einmal in einem Amtsgebäude einen Passierschein besorgen und wurden von den Bürokräften immer von einer Tür zur nächsten geschickt. Keiner zuständig… Und diese Szene fiel mir wieder ein, als wir mal versuchten, eine Patientin auf einem riesigen Klinikgelände unterzubringen.

Es fing an wie ein ganz gewöhnlicher Rettungstransport. Wir rückten mit der Meldung „schlechter AZ“ aus, was heißt, dass es jemandem einfach nur schlecht ging (AZ= Allgemeinzustand).

In der Wohnung einer Dame in den Sechzigern wurden wir von ihrer Nachbarin empfangen: „Der Frau geht es nicht gut, die ist gerade auch zusammen geklappt. Jetzt ist sie zwar wieder wach, aber sie ist immer noch so blaß und schwach!“ Die Patientin saß auf einem Stuhl und erzählte uns, dass sie eine Woche zuvor eine Spenderleber bekommen hatte. Jetzt sei sie sehr müde, ab und zu auch schwindelig. Eigentlich wolle sie bloß noch schlafen…

Die Werte wie Blutdruck, Zucker und so weiter waren weitgehend im Normbereich. Trotzdem sah sie tatsächlich aus, als sei sie schon tot. Sie war wohl nur zu schwach, um umzufallen.

Ich dachte an eine Funktionsstörung der neuen Leber. Die Giftstoffe reichern sich im Körper dadurch an, die Schwäche und die Müdigkeit passten als Vergiftungserscheinungen ins Bild. Also hielt ich es für Sinnvoll, die Dame – quasi als „Garantiefall“- wieder in das Haus zu bringen, in dem sie operiert wurde: Dem riesigen Klinikum.

Ich ließ mir die Nummer des behandelnden Arztes geben und rief ihn an. „Ja klar, bringt sie her. Direkt auf meine Station, bitte.“ – „Wo sind sie denn?“ Und das Drama ging los…

„In der medizinische Aufnahme, natürlich.“ – „Wo ist denn die?“

Hierzu muss man wissen, dass das Klinikum ein Dorf für sich ist, mit  mehreren Operationszentren, Herz-, Kinder-, Augen-, Haut-, Frauen- und weiteren Kliniken, Forschungs- und Untersuchungslaboren, Kantinen, Apothekenlager, Bla, bla, bla… Und alles jeweils in eigenen Gebäuden.

-„Na, in die medizinische Aufnahme, eben!“ Ich kannte als „Aufnahme“ hauptsächlichst die chirurgische mit den Schockräumen, die wir mit schwerverletzten Patienten anfuhren. Aber die machen da doch keine Transplantationen! Und eine allgemein internistische Aufnahmestation gab es dort nicht…

-„Sie meinen nicht die chirurgische Aufnahme, richtig? Welches Gebäude meinen Sie denn?“ Er schien mich nicht zu verstehen, im Unterton schwang „Bist du Banane??“ mit: „Nein, die medizinische Aufnahme eben!“ – „Wo denn?“ Er seufzte: „Wenn Sie auf das Gelände kommen, dann links. Und am Rondell vor der kardiologischen Klinik…“ – „Aaaah! Herzklinik! Die kenne ich.“ –
„Ja, richtig. Da ist auch die medizinische Aufnahme. Und dann kommen Sie direkt zu mir, Station B1. In die Transplantations- Ambulanz.“ Gut. Damit konnte ich etwas anfangen.

Wir stopften die Patientin in unseren Bomber und fuhren los. An der Herzklinik zogen wir die Trage mit der Frau, die bereits so müde war, dass sie auf der Trage fast einschlief, heraus und schoben sie in das Gebäude. Links ein Gang, rechts ein Gang, geradeaus eine Lobby. Wir fragten eine Schwester, die gerade unseren Weg kreuzte: „Zur Transplantationsklinik, wo müssen wir da lang?“ – „Ich glaube, den Flur hier runter, am Ende durch die Glastür rechts.“ Wir zogen los. Am Ende des Flures rechts durch die Glastür: Ein langer Gang, rechts und links Verwaltungsräume. Klasse. Wir fragten eine Bürokraft: „Nee, nicht hier. Die sind doch in der Ersten. Den Fahrstuhl rein und dann geradeaus. Da ist die Station!“ Nun gut, nächster Versuch: In den Fahrstuhl, und oben angekommen, wie beschrieben, geradeaus. Tür geht auf – Station leer. Es fing an zu nerven. Ein Handwerker nahm uns auch den Rest Hoffnung, irgendwo noch eine Tür zu finden, hinter der wir unsere Patientin abgeben konnten: „Nö, hier iss‘ nix. Gibt neue Leitungen. Ich habe aber keine Ahnung, wohin die sich verzogen haben.“

Also schoben wir die Patientin zurück, fuhren im Fahrstuhl wieder runter, den Flur zurück und wir betraten die Lobby der Herzklinik. Dort hielten wir vor dem Empfangstresen. Wegweiser zur Kardiologischen Ambulanz, EKG, Katheter- Labor, neurologische Stationen, Memory- Klinik …  Ein Hinweisschild, welches irgendetwas mit Transplantationen zu tun haben könnte, sahen wir aber nicht. „Wo ist denn hier die Transplantations- Ambulanz?“ fragte ich im Glauben, alles richtig gemacht zu haben. „Sind wir hier richtig?“ Die Schwester, die hinter dem Mords-Tresen geradezu winzig aussah, machte ein Blockflötengesicht: Kugelige Augen, dicke Backen. „Nö… Ich glaube, die Transplantationsklinik ist… Moment… Du, Sabine, wo ist denn die?“ Ihre Kollegin überlegte einen Augenblick: „Ja… da gegenüber das Gebäude. Da müsste das sein. Zu wem müsst ihr denn?“ Ich schaute auf die Gesprächsnotiz, die ich auf meinen Untersuchungshandschuh geschrieben hatte: „Zu einem Doktor Ewers. Der hat gesagt, wir sollen direkt zu ihm kommen, er sei gerade dort.“ Schwester Sabine griff zum Telefonhörer: „Da rufe ich besser vorher an. Moment.“ Sie ließ sich von der Pforte mit dem Doc verbinden: „Der Rettungsdienst ist hier. Wo müssen die denn hin? … Wo sind Sie denn? … Aha. Danke, ich schicke die rüber.“ Ich schaute sie erwartungsvoll an: „Und?“ – „Auf die B1, in der medizinischen Ambulanz“, sagte sie stolz. Klasse. So weit waren wir schon mal nach meinem ersten Gespräch mit dem Doc. „Und wo genau ist das hier?“ – „Na, bei … in … äh … im Operationszentrum 1. Da müsst ihr hier runterfahren, an der Frauenklinik rechts…“ – „Jaja, das Zentrum 1 kenne ich. Danke. Und da ist der Arzt jetzt?“ – „Ja. Hat er gesagt.“ Wir schoben die Patientin also wieder aus der Empfangshalle des Hauses und in den RTW. Entgegen seiner Vermutung arbeitete der Arzt also nicht in diesem Gebäude, in dem auch die Herzklinik untergebracht war. Sowas…

„Wir müssen leider noch mal ein anderes Gebäude anfahren, sind aber gleich da. Entschuldigung für die Umstände“, fasste ich für die Patientin, die frierend unter der Decke auf unserer Trage lag, noch einmal zusammen. Dann fuhren wir über das Klinikgelände zum beschriebenen Gebäude. Als wir die Frau am Operationszentrum aus dem Patientenraum zogen, raunte ich meinem Kollegen noch ahnend zu: „Ich glaube, wir sind noch nicht durch mit der Geschichte…“

Durch eine große Eingangshalle zogen wir mit der Trage vor einen weiteren Empfangstresen: „Wo ist denn hier die B1?“ – „Da drüben in einen der Fahrstühle, dann zwei Etagen höher“, teilte man uns bestimmt mit. Anscheinend waren wir hier richtig, dachte ich mir. Also betraten wir den Fahrstuhl – und wurden enttäuscht. „Du, B1 ist keine Station, sondern eine Ebene“, meinte mein Kollege. „Aber auf der Ebene sind scheinbar nur allgemeinchirurgische Stationen. Von Transplantationen steht hier nichts.“ Ich schaute auch am Wegweiser im Fahrstuhl rauf und runter. „Tja… vielleicht hat sich da was geändert. Hier ändert sich ja ständig etwas.“ Wir versuchten trotzdem unser Glück. Schließlich hatte der gesuchte Arzt jetzt schon zwei mal bestätigt, dass er auf „B1“ war.

Der Fahrstuhl fuhr hinauf, die Tür ging auf. Hier hatte sich tatsächlich etwas geändert: Der Bodenbelag war herausgerissen, Lampen hingen an Kabeln aus der Decke, Leitern und Baustellengedöhns stand rum. Um sicher zu gehen, dass nicht nur der Hauptflurbereich vor den Stationen renoviert wurde, machte ich zwei Schritte aus den Fahrstuhl hinaus: Keine Menschenseele. Totenstille in den Fluren der Stationen. Nicht einmal Türen gab es dort… Ich kehrte zurück, die Fahrstuhltür ging wieder zu. Wir schauten uns verwirrt an. „Hätte ja nur noch das Heuknäuel gefehlt, das vom Wind vorbeigetrieben wird“, murmelte mein Kollege. Ich wandte mich wieder dem Wegweiser im Fahrstuhl zu. Langsam wurde es sehr peinlich.  „Auf B3 gibt es neben weiteren allgemeinchirurgischen- auch eine Transplantations- Station. Von ‚Ambulanz‘ steht da zwar nichts. Die werden aber hoffentlich wissen, wo ihre Aufnahme ist!“, vermutete ich.

Der Fahrstuhl hielt auf B3. Dort trafen wir im Schwesternzimmer auf eine einsame Ärztin, die gedankenversunken an ihrem  Pausenbrot rumknuffelte. Sie erschrak etwas, als ich an die Tür klopfte: „Entschuldigung, wir suchen die Transplantationsambulanz, zu einem Doktor Ewers. Sind wir hier richtig?“ – „Zu wem? Ach so. Moment, ich telefoniere mal.“ Sie wählte eine Nummer. „Hier ist der Rettungsdienst, mit einer Patientin von dir. Ja… ja… aber wo bist du denn? … Ja… B1? Nein, da ist Baustelle, da bist du bestimmt nicht… Ja? OK. Ich schicke sie rüber.“ Sie wandte sich an mich: „Er ist in Ebene A1, Station AC3. Die warten schon.“ – „AC? Ist das nicht eine allgemein- chirurgische?“ – „Richtig. Aber er behandelt da gerade seine Patienten.“ Nun gut, ich musste das ja nicht unbedingt verstehen…

Wir rollten die Trage mit der Patientin also abermals zum Fahrstuhl und fuhren einige Etagen hinunter auf Ebene A1. „Hör mal, auf dieser Ebene ist doch auch die Notaufnahme und das Röntgen, nicht?“, fiel es meinem Spannmann ein. „Richtig. Na, ob wir hier aber richtig sind…“, wunderte ich mich. Wir schoben die Patiententrage bis vor die Rezeption vor der Röntgenabteilung. „Entschuldigen Sie“, störte ich zwei ins Gespräch vertiefte Verwaltungsdamen, „wir wollen zur AC3, Dr. Ewers. Wissen Sie, wo wir ihn finden?“ – „Ja sicher! Der wartet schon. Direkt hier rechts am Tresen vorbei. Untersuchungsraum drei, da macht er gerade eine Ultraschall- Untersuchung.“ Ich war etwas verblüfft: Nicht auf „Station B1“, nicht in der „Transplantations- Ambulanz“. Statt dessen wartete er in der Röntgenabteilung auf uns? „Na, da bin ich ja gespannt…“, sagte ich und drehte mich wieder zu unserer Patientin um. „Angeblich wartet Ihr Arzt hier schon auf uns. Aber keine Sorge: Auch, wenn er hier nicht ist, lassen wir Sie nicht im Stich.“

Wir betraten den Flur, auf dem auf der rechten Seite die Röntgen-, MRT- und CT- Räume waren, auf der linken einige Untersuchungsräume, übersichtlich durchnummeriert. Eine Schwester schob gerade ein Untersuchungsgerät quer durch den Flur. „Hallo! Wir suchen Dr. Ewers. Raum drei, richtig?“ – „Ja, der ist hier. Aber in Raum zwei.“ Watt ein Durcheinander!

Nach dem Klopfen betrat ich das Zimmer, während mein Kumpel mit der Patientin auf dem Flur wartete. Drinnen schob gerade ein Arzt einen Ultraschallkopf über den voluminösen Bauch einer Frau.

„Guten Tag. Sind Sie Dr. Ewers?“ – „Ja, richtig. Ich warte schon auf Sie. Entschuldigung, ich habe Ihnen wohl eine falsche Station angegeben.“ – „Nun gut, hier wird ja auch viel gebaut und umgezogen…“ – „Nein nein, mein Fehler. Ich habe da was verwechselt“, entgegnete er mit entwaffnender Freundlichkeit. Jetzt war ich etwas erstaunt: Nur selten gibt ein Arzt den „Krankenfahrern“ gegenüber einen Fehler so offenherzig zu!

Ich erklärte ihm kurz den Zustand der Patientin. „Sie können die Patientin draußen schon mal in ein Bett legen und die Papiere einer Schwester geben. Ich kümmer mich dann gleich um sie, wenn ich diese Untersuchung beendet habe. Danke.“ Der Gelehrte unterschrieb mir noch den Transportschein, wir besorgten ein Bett für die Patientin und konnten den Einsatz nach über einer halben Stunde Sucherei endlich abschließen. Unser Rückweg war dann wesentlich einfacher.

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Über firefox05c

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10 Antworten zu Passierschein A38

  1. Daniel Eschenlohr schreibt:

    Das kenne ich: da wirste durch die halbe Stadt gejagt, und keiner weiß was!

  2. sst89 schreibt:

    Leitstellen sind teilweise auch nicht besser… gestern wieder als HvO in die falsche Straße geschickt worden. Die Anwohner freuen sich jedesmal aufs neue, wenn ein DRKler die halbe Nachbarschaft mit pernamenten Klingeln aus dem Bett haut und doch falsch da steht…

  3. Julia M. schreibt:

    Da kann man fast dankbar sein, dass es ein Einsatz war, bei dem es nicht um Minuten ging … (das soll nicht respektlos sein. Wenn was mit der Spenderleber nicht stimmt, muss das auch schnell geregelt werden). Aber …. ohmann. Aber immerhin hat er von sich aus zugegeben, dass er was falsch gemacht hat. 🙂

  4. Das hier genannte Krankenhaus subsumiert unter Allgemeinchirurgie alle chirurgischen Disziplinen, außer der Neuro-, Herz/Thorax- und Unfallchirurgie/Othopädie. Seperate transplantationschirurgische Stationen gibt es nicht. 😉

    • firefox05c schreibt:

      Ja, das muss einem ja auch gesagt werden! 😉 Der Gelehrte sprach nämlich ausdrücklich von der „Transplantations- Ambulanz“.
      Der Bereich, in dem wir die Patientin abgeliefert haben, war jedenfalls keine „Station“, mit der ich gerechnet hätte, sondern eine Ansammlung von Untersuchungs- und Behandlungsräumen.

      • Prinzipiell kann man sich dort merken: immer wenns was mit Schneiden zu tun hat, OPZII anfahren. 😉

      • firefox05c schreibt:

        Kaiserschnitt auch? 😉

      • gedankenknick schreibt:

        Der Zusatz „Ambulanz“ heißt doch bloß, dass die Patienten da gebeten werden, ihre Körper nicht über Nacht in diesen Räumlichkeiten in Verwahrung zu geben, sondern dass um 15.30Uhr das Licht aus- und die Arlarmanlage angeschaltet wird. Ansonsten wär es ja eine (Transplantations-)Station.
        In Deutschland muss doch alles korrekt sein – nur die Wegbeschreibung nicht… 😉

  5. Conny schreibt:

    Uff, gut Ding will Weile haben 😉 Zumindest die Reaktion des Docs war ja nett.
    Und es geht nix über den Asterix-Vergleich 🙂

    Lieben Gruß,
    Conny

  6. Thomas Kuhn schreibt:

    Um den entsprechenden Asterix zu zitieren: Gehen sie doch zur Auskunft, da bekommen sie …
    🙂

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