Mal wieder Hygiene

Wir waren mit unserer Notärztin in einem Altenheim und haben „Omma mit Pinn im Kopp“ eingesammelt: Womöglich durch fehlende / falsche / neue Medikation (die Ursache war nicht bekannt) drehte sie etwas am Rad und schrie die Bude zusammen. Sie war beim besten Willen nicht zu beruhigen. Zugang in den Arm, etwas Haldol, danach, weil es nicht den gewünschten Erfolg brachte, noch ein Häppchen Dormicum (Beruhigungsmittel) gespritzt, Oma war glücklich. Eine Infusion zum Nachspülen legte Frau Doktor nicht an, weil sie es nicht für notwendig hielt.

Im Krankenhaus schoben wir die Trage mit unserer Kundin in die Notaufnahme. Während unsere Ärztin mit der aufnehmenden Studierten die Übergabe besprach, fragte ich die kleine pummelige Schwester hinter dem Tresen: „In welchen Behandlungsraum können wir denn?“ – „In die drei. Ist sofort für euch frei, der Patient darin wird gerade abgeholt.“ Ich schaute den Flur entlang, an dem beidseitig die Türen zu den Behandlungsräumen lagen, um die Tür mit der Nummer 3 zu finden, als diese auch schon aufging. Zwei Pfleger in Zivilkleidung, aber mit Mundschutz, dazwischen ein Krankenhausbett mit einem älteren Herren darin, ebenfalls mit Mundschutz. Einer der Pfleger rückte die Maske des Patienten nochmals zurecht: „Schön den Schutz aufbehalten. Ich weiß, das ist unbequem, aber das muss leider sein.“

Aha, denke ich mir, der Mann ist wohl mit irgendetwas infiziert. Vielleicht MRSA im Nasen- Rachen- Raum. Aber hatte die Schwester nicht gesagt, wir sollten unsere Patientin in diesem Raum auf die Untersuchungspritsche legen? Dann müsste er doch noch zumindest teilweise desinfiziert werden, so an den „Patientiennahen Flächen“ , wie es so schön heißt. Es sei denn, der Patient hatte nur in seinem Bett gelegen und es wurden keine Geräte oder Instrumente gebraucht. Zögerlich schoben wir die Fahrtrage in die Richtung, schüchtern linste ich um die Ecke in den Raum hinein. „Nur im Bett gelegen“ war eine Fehlannahme: Ein weiterer Pfleger kam uns schon aus dem Raum entgegen, ohne Mundschutz, ohne Handschuhe, und zerknüllte gerade die gebrauchte Papierauflage der Pritsche: „Fertig. Könnt jetzt rein.“ Drinnen war alles trocken. Kein Abwischen der Handläufe oder Instrumente also …

Wir lagerten die Patientin trotzdem – wie geheißen -auf die Pritsche um. Da kam Pummel von der Aufnahme in den Raum, kaute auf einer dicken Karotte rum, die sie nach einem freundlichen „Hallo! Wie gehts uns denn?“ auf die nackte Edelstahl- Arbeitsfläche des Raumes legte, um sich dann ohne Handschuhe unserer Oma zuzuwenden. Abgesehen von der Tatsache, dass Lebensmittel im Behandlungsraum meines Wissens nicht erlaubt sind und vorher noch ein infektiöser Patient in dem Raum war, würde ich meine Zwischenmahlzeit bestimmt nicht ausgerechnet auf die Arbeitsfläche legen, auf der sonst Laborblut, Patientenkleidung und Brechschalen rumliegen.

DIGITAL CAMERA„So, ich werde Ihnen mal ein wenig Blut abnehmen“, kündigte sie an, zückte die Laborröhrchen, spannte ein Stauband um den Arm der bedröhnten Patientin – und schloss das erste Röhrchen an die Kanüle an, die unsere Notärztin gelegt hatte. Und in der sich garantiert noch Reste der gespritzten Medikamente befanden. In wie weit so eine Probe dadurch verfälscht wird, kann vielleicht jemand aus einem Labor sagen. Aber ich habe schon oft gesehen, dass für das Laborblut extra ein weiterer Zugang gelegt wurde, damit im Röhrchen eben nur Blut und keine konzentrierten Medikamentenreste sind. Denn so eine Kanüle voll Dormicum – so stelle ich es mir zumindest vor – kann eine 10ml- Blutprobe von der prozentualen Zusammensetzung her bestimmt ein wenig durcheinander bringen.

Anschließend knabberte sie noch etwas an ihrer Karotte, während sie die Proben beschriftete und die Patientendaten in den Computer hackte. Also, mir war der Appetit erst einmal vergangen.

— Update —

Wie ich heute im Radio gehört habe, wurden alle hiesigen Krankenhäuser für ihre Hygienestandarts ausgezeichnet.

Zudem berichtete mir ein Kollege, dass er in einem Altenheim von einer Pflegekraft in Zivil gehört habe, dass sie dort nach einer Studie arbeiten, bei der das Personal „nichts mehr macht“, also: Keine Krankenhauskleidung, wenig Desinfektionsmaßnahmen…

Finde ich sehr befremdlich…

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Über firefox05c

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26 Antworten zu Mal wieder Hygiene

  1. AJ schreibt:

    Unglaublich…soviel zum Thema „Hygiene in Krankenhäusern“ solche Leute wie z.B. Pummel sind da dann entweder überfordert oder unterqualifiziert, da dieser Job doch schon eine Menge Routine was besonders das desinfizieren und die Hygiene angeht, erfordert…

    • firefox05c schreibt:

      Gerade das ist das Problem: Die Routine. Da fällt nach und nach alles weg, was nicht zu unmittelbaren Ergebnissen führt. Und Keime sieht man nicht.

  2. Hasenpaar schreibt:

    Haste denn nicht mal was gesagt? Ich mein’… ist ja keinem geholfen, wenn Omma und Pummel nachher auch noch was ansteckendes mit sich rumtragen.

    • firefox05c schreibt:

      Glaubst du, dass die Schwester, die vermutlich noch in einem Feldlazarett gelernt hat, sich auch nur ein Wort von mir (einem blöden Pflasterkleber, der die Keime ins Haus bringt) zu Herzen nimmt? – Aus Erfahrung mit eigenen Kollegen sage ich: Nein… 😦

  3. OP-Tisch-Pilotin schreibt:

    Ja, Dormicum macht Spaß!^^
    aber der Rest… die arme Oma! ’ne Infektion kann die nicht gebrauchen. warum hast du sie trotzdem, ohne selber rüberzuwischen, auf sie Liege gepackt!???

  4. WaPi schreibt:

    Dann will ich mal meinen Senf dazugeben.
    Essen in unmittelbarem Patientenkontakt/im Behandlungsraum, noch dazu bei Patient aus Altenheim? Geht garnicht, da schüttelts mich. Warum? -> siehe weiter unten.

    Zuerst aber noch die Frage mit den Medikamenten-Zugängen. Ich hab früher Blutbilder und Gerinnungen bestimmt, kann also nur für den kleinen BEreich und nicht vollständig antworten.
    Am schlimmsten sind Blutabnahmen aus den Infusions-Zugängen, da sie oftmals schlicht und einfach verdünnt sind. Da lief bis eben das Kochsalz durch und jetzt wird da Blut aus dem Zugang genommen. Als MTA erschrickt man bei unheimlich niedrigem Hb-Gehalt (Eisen im Blut), der Patient kriegt im schlimmsten Fall sogar unnötig Bluttransfusionen. Auch der mit Heparin nachgespülte Zugang ist tückisch, wenn es an die Gerinnungen geht, das kann auch verfälschte Werte ergeben. Andere Wechselwirkungen fallen mir grad nicht ein.

    Beruflich bedingt stand jüngst ein Besuch im Altenheim an.
    Bei diesem konnten wir auch Fragen stellen. Auf die Frage, wie mit multiresistenten Erregern, bzw deren Trägern, umgegangen wird, kam: Da fast alle Bewohner bei Screenings im Krankenhaus MRSA-positiv sind, muss der jetzt nichtmehr isoliert werden. Andere Multiresistente schon.
    Ich wünschte mir ein Sterilium-Vollbad herbei. Nichts persönliches gegen irgendwen, aber das ist wie der unterbewusste Juckreiz, wenn von Läusebefall die Rede ist.

    Dazu passt auch, dass seit Beginn diesen Jahres einige multiresistente Darmkeime, die gegen 2 gängige Antibiotika-Gruppen (genannt ESBL-ähnlich) oder sogar drei Antibiotika-Gruppen resistent sind, nicht(mehr) als multiresistent bezeichnet werden und die Träger dementsprechend nichtmehr isoliert werden müssen. Erst wenn gegen alle 4 großen Antibiotikagruppen Resistenzen vorliegen, wird der Erreger auch tatsächlich als multiresistent benannt und der Träger isoliert werden.
    Fairerweise muss man sagen, dass die drei am häufigsten krankmachenden Darmkeime, zu denen übrigens auch jener gehört, der die Probleme auf der Frühchenstation in Bremen auslöste, weiterhin in die drei Stufen der Multiresistenz eingeteilt werden und auch isolationspflichtig bleiben.

    Langer Rede kurzer Sinn: für mich klingt das wie „Wir haben den Kampf gegen die Multiresistenzen verloren.“

    • firefox05c schreibt:

      Du hast es im eigenen Umfeld erlebt: Diese Geschichten sind kein Einzelfall einer besonders katastrophalen Klinik. Diese Fälle tauchen überall auf. Und darum wird man in Deutschland noch jahrelang z.B. mit MRSA- Erregern, die anderswo (z.B. in den Niederlanden) kaum noch eine Rolle spielen, kämpfen müssen.

  5. Da bekomm ich irgendwie Angst, wenn das mal erst später erkannt wird, dass der Erreger eines infektiösen Patienten doch sehr gefährlich ist…

    • firefox05c schreibt:

      Es gibt Erreger, die für einen einigermaßen gesunden Patienten nicht bedrohlich sind. Ins Krankenhaus kommen für gewöhnlich aber kranke, oft alte Menschen, deren Abwehrsystem schon mit einer Grippe überfordert ist. Und die sterben womöglich an einer Infektion, über die wir nur lachen.
      Zudem: Fängt man sich etwas chronisches ein, wie z.B. Hepatitis, hast du kaum eine Chance, nachzuweisen, dass das Krankenhaus daran Schuld hat. Schließlich wird Hygiene doch nach außen hin immer sehr wichtig genommen…

  6. Hightower schreibt:

    Na super, das erklärt doch mal wieder warum der deutsche Krankenhausaufenthalt in dne Niederlanden als Risikofaktor gilt und AFAIK erstmal zur Isolation führt…

  7. Frollein Ronja schreibt:

    Bah, das ist echt widerlich! Abgesehen von den in den anderen Kommentare schon ausreichend diskutierten Problemen – ich will einfach nichts essen, wenn das auf ner Fläche lag die… neee.
    Ich muss mich ja schon wundern, wenn ich auf SanDiensten sehe wie andere Helfer zum Beispiel mit Händedesinfektion umgehen. Da freue ich mich dann immer wenn ich in einer Position weisungsbefugt bin und die Leute deutlich auffordern kann mehr zu desinfizieren, wenn sie schon auf Argumente nicht hören..
    Aber verstehen tu ich es nicht. Wie kann ich in eine Pizza beißen wenn ich gerade einen Patienten ohne Handschuhe umgelagert, womöglich noch Blut abgenommen habe? Geht gar nicht.

    • firefox05c schreibt:

      Mit seinem Rücken hat der Patient dann vorher auf dem Rasen gelegen, wo vorher die Hunde hingepinkelt haben. Die Pizza mit dem Zusatzaroma heißt dann wohl „Doggy Style“… XD

      • Hightower schreibt:

        Hingepullert geht ja noch, mir fallen grad noch andere nette Dinge ein, in welchen der Pat. gelegen haben könnte.
        Stichwort Flüssigpizza

  8. Conny schreibt:

    Ich bin fassungslos. Ehrlich. Ist selten, dass mir die Worte fehlen. Wie eklig.

    Du weißt, dass ich dich sehr schätze (ich hoffe, jedenfalls, du weißt das)- aber bitte: mach das nächste mal nen Aufstand. Du kannst das. Und du bist auch kein „Pflasterkleber“.
    Bei dem Wort musste ich echt nochmal gucken, dass ich auch wirklich in deinem Blog und nicht zufällig woanders gelandet bin 😉

    Also, wenn ich mir vorstelle, dass ich ins KH muss, dann wäre ich dankbar für einen (egal wer), der auf mich aufpasst, wenn was schief läuft.

    Oh weh, ich hoffe, du fasst das nicht als Kritik an dir selbst auf- der Fehler liegt bei der scheinbar diätenden Schwester und dem Kerl, der den Sch… nicht desinfiziert hat. Aber könnt ihr als einlieferndes Team nicht bei so eklatanten Regelverstößen die Anweisung verweigern auszuführen? Das Ömmchen selbst hätte ja selbst ohne den „guten Tropfen“ nichts gegen den Hygiene-Fehler sagen können. Und gerade diese Machtlosigkeit gegen Dummheit, Naivität, Gleichgültigkeit oder „schlechte Routine“ macht mich stinksauer. Das Krankenhauspersonal müsste doch zumindest ein höchstpersönliches Interesse daran haben, sich selbst zu schützen- wenn denen schon das Wohl der Patienten scheinbar am Arsch vorbeigeht. Ich versteh sowas nicht! Und euch sozusagen als Kollegen auch da hinein zu schicken- ist ne Frechheit sondergleichen.

    Insgesamt aber einfach nur traurig. Und ganz, ganz ehrlich gesprochen: das macht echt Angst.
    Dass das leider kein Einzelfall ist, ist unfassbar. Einfach unfassbar.

    Hoffentlich gehts dem Ömmchen gut und ihr habt euch hoffentlich auch nix eingefangen!!!

    Liebe Grüße,
    Conny

  9. Ohne Frage ein unschöne Situation und die patientennahen Flächen gehören nach jedem Patienten – egal, ob mit irgendwas infiziert oder nicht – wischdesinfiziert.
    Die Situation mag auf den ersten Blick den Anschein haben, hier wäre ein zu lascher Umgang mit multiresistenten Erregern der Fall. Vielleicht war der Patient aber auch einfach Umkehrisoliert. D.h., der Mundschutz hat nicht „uns“ vor seinen „bösen“ Keimen geschützt, sondern ihn vor „unseren bösen“ Keimen,

    • firefox05c schreibt:

      Dann bliebe trotzdem noch die Karotte im Behandlungsraum, das Arbeiten ohne Handschuhe am Laborblut (sehr oft „ohne“ durchgeführt, auch in anderen Häusern) und die Entnahme dessen aus dem medikamentenbelasteten Zugang.

      • Ohne Frage, Du hast vollkommen recht.
        Mir ging es nur darum, dass nicht jeder Pat. mit Mundschutz zwangsläufig irgendeine Infektion haben muss. 😉
        Die Blutentnahme aus dem Zugang muss kein Problem darstellen, wenn man vorher genug Blut aspiriert und verwirft.
        Der Rest ist daneben. Ganz klar!

    • ozyan schreibt:

      Man möge mir als Laie die möglicherweise dumme Frage verzeihen, aber warum hatten dann die beiden Pfleger, die mit dem Patienten unterwegs waren, ebenfalls ’nen Mundschutz auf? Oder habe ich das falsch verstanden?

  10. Hightower schreibt:

    Wobei sich mir die Frage aufwirft (warum eigentl. erst jetzt ?)
    Meinst Du so’n OP-Dingen (hilft ja immerhin gegen Tröpfchen) oder ne anständige FFP3 ?

    • firefox05c schreibt:

      Sie trugen die einfachen (Papier?-) Masken aus dem OP- Bereich, die vielerorts bei z.B. MRSA- Patienten getragen werden, um Tröpfchen- oder Aerosol- Infektionen zu verhindern.

  11. Todeskuh schreibt:

    Wäre es nicht mal wert gewesen nachzufragen, ob sich wenigstens die PDL für die Zustände interessiert?

    • firefox05c schreibt:

      Die fördert doch oft so etwas, weil duch Desinfektionsmaßnahmen Arbeitsmittel und Zeit „verschwendet“ wird -> Einsparungspotential.

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