Pfusch am Bau kann Leben retten

Unser RTW- Piepser klingelte: „Schulstraße, HP-Tür.“ Na ja, dachte ich mir, in der Gegend knacken wir des öfteren irgendwelche Türen, um dann festzustellen, dass der Bewohner nicht zu Hause ist.

Der etwa 25jährige Sohn, der uns angerufen hatte, erwartete uns vor dem Haus, als wir fast zeitgleich mit dem Löschfahrzeug eintrafen.
In russischem Akzent erklärte er uns, dass sein Vater sich telefonisch bei seinen Söhnen verabschiedet hatte, um sich dann das Leben zu nehmen, da er wohl in letzter Zeit viel Ärger mit ihnen gehabt haben soll. Als eines seiner Kinder dann vor der abgeschlossenen Wohnungstür stand, hörte er, wie drinnen randaliert wurde. Unter anderem, so berichtete der Sohn uns, habe der Vater auch die verglaste Balkontür eingeschlagen.

Wir gingen mit den Kollegen des Löschfahrzeuges in den zweiten Stock, in der sich die betreffende Wohnung befand, um festzustellen, dass in diesem Haus sehr gute Türen eingebaut waren: Doppelte Riegelschließung, massive Türblätter, Sicherheitsschloss. Auf unser übliches zartes Klopfen öffnete niemand. Also ein Job für die mitalarmierte Drehleiter, da das Knacken der Türschlösser auf jeden Fall sehr teuer gewesen wäre.

Als sie, gefolgt von einem Streifenwagen, eintraf, wurde die Leiterbesatzung vom Einsatzleiter über Funk angewiesen: „Leitert mal im zweiten Stock den Balkon an und geht zu zweit vor. Die Tür soll schon zerschlagen sein.“ Einige Momente später hörten wir, wie drinnen weiteres Glas klirrte und die Kollegen rufend in die Wohnung eindrangen: „Hallo? Feuerwehr! … “ Dann hörten wir aus der Wohnung ein Rumpeln und Krachen, gefolgt von einem verdutzten „Was machen Sie denn da?“ eines Kollegen. Kurz darauf wurde die Wohnung von innen von der Leiterbesatzung aufgeschlossen, so dass wir und die Polizei hinein konnten. Die Karawane aus sieben Helfern von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst zog ins Schlafzimmer, wo jeder einmal schauen durfte:

Im Zimmer waren die Matratzen und die Lattenroste aus dem Bettgestell gewühlt und neben das Bett geworfen worden. Zwischen den Brettern des auseinander gebrochenen Bettgestelles lag der etwa fünfzigjährige Patient auf dem Rücken, die Augen geschlossen, und reagierte nicht auf Ansprache. Auf seinen Beinen, die kreuz und quer zwischen den zerbrochenen Brettern steckten, lag die Schlafzimmer- Deckenlampe. Wir hätten laut loslachen können, wenn sich der Patient nicht offensichtlich in einer psychischen Notlage befunden hätte. Was war passiert?

Nachdem der Herr sich in seinem Gram über die Familienstreitigkeiten einen mit Metaxa gezwitschert hatte (die fast leere Flasche stand auf dem Wohnzimmertisch), entschloss er sich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Darum verabschiedete er sich telefonisch bei seinen Kindern. Schließlich sollten die auch wissen, dass sie Schuld daran hatten. Als einer der Söhne dann vor der Tür stand, wühlte er das Bett auseinander, schlug aus irgendwelchen Gründen noch die Glastür zum Balkon ein und beschimpfte den Sohn durch die geschlossene Tür. Nachdem wir dann eingetroffen waren, kramte er schnell einen Strick hervor, den er, auf der Bettgestell- Kante balancierend, an die Deckenlampe band und sich eine Schlinge um den Hals legte. Das Rumpeln, das wir hörten, als die Kollegen die Wohnung betraten, rührte von dem Versuch, sich aufzuhängen: Der Patient sprang von der Kante, der Haken riss samt Lampe aus der Decke und der Mann stürzte auf das Bettgestell, welches unter der plötzlichen Last zerbrach. Als der Herr zwischen dem Bretterhaufen liegend mit der Beleuchtung auf den Beinen erkennen musste, dass er den Lampenhaken damals besser mit einem ordentlichen Dübel hätte befestigen sollen, spielte er aus Frust einfach den toten Mann.

Nach einigem guten Zureden sprach er wieder mit uns (soweit es ihm mit seinen wenigen Deutschkenntnissen möglich war), schmiss seinen Sohn aus der Wohnung und kam friedlich mit in die Psychiatrie.

Wollen wir hoffen, dass er bei seiner Rückkehr die Lampe wieder so nachlässig aufhängt. Immerhin hat ihm der Pfusch am Bau das Leben gerettet.

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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6 Antworten zu Pfusch am Bau kann Leben retten

  1. Conny schreibt:

    Eijeijei!
    Tragisch und zugleich auch auf traurige Art komisch.
    Hoffentlich kann ihm geholfen werden.

    • firefox05c schreibt:

      Ich denke mal, dass es nur eine Krise war. Er machte mir nicht den Eindruck, wie ihn dauer- depressive Patienten hinterlassen. Und komisch war es trotz allem. 😉

      • Conny schreibt:

        Ja, ich weiß genau, was du meinst.
        Gut, dass manche Krise so glimpflich ausgeht.

  2. UW schreibt:

    So ein Deckendübel (6mm) mit Ösenschraube hält so ungefähr 20 – 30 kg Zugkraft, nach Herstellerangaben. Das sollte ja für eine Leuchte auch reichen. Von daher ist das kein Pfusch, wenn nun bei einer solchen Anwendung die Befestigung kollabiert… 🙂

  3. eigentlich komisch, aber trotzdem nicht zum lachen 😉

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