Wieder mal „Mentale Blockade“…

Der Piepser klingelte abends: Man brauchte den Rettungswagen. Mein Kollege und ich schauten aufs Display. „Hmm… da hat wohl jemand ganz schön viel Zucker im Blut. Angeblich 400…“,  meinte mein Kumpel. Wir besetzten also unseren Rettungsbomber und bügelten los.

DIGITAL CAMERAAm Zielort wurden wir an der Tür von einem jungen Mann empfangen und in sein Wohnzimmer gebeten. Dort saß eine etwa Dreißigjährige auf dem Sofa, vor sich das Blutzuckermessgerät, und schaute uns ängstlich entgegen. „Ich habe gerade einen Zuckergehalt von 400 gemessen. Jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll. Der Arzt hat gesagt, ich soll dann zu ihm kommen. Aber der hat doch jetzt zu! Ich muss ins Krankenhaus.“ Sie machte uns nicht den Eindruck, als hätte sie mit dem hohen Zuckerspiegel ein Problem. „Na, dann wollen wir doch noch mal messen. Sicher ist sicher.“ Unser Wert ergab 355mg/dl. „Sie sind Diabetikerin?“

„Ja.“

„Wie ist ihr Zucker denn sonst?“

„Och, mal so, mal so. In letzter Zeit immer um die 350.“ – Also nicht viel niedriger als jetzt…

„Und was sagt Ihr Arzt dazu?“

„Nix. Hat alle Blutwerte getestet, aber meint, es wäre alles in Ordnung. Der hat nur vor einigen Tagen mein Cortison etwas angepasst, aber es ist noch nicht besser geworden.“

„Äh… Cortison?“

Es stellte sich heraus, dass sie in einer Tumorklinik in Behandlung war. Und der Arzt, von dem sie mir erzählte, war nicht ihr Hausarzt (oder sogar ein Diabetologe), sondern der behandelnde Tumorarzt. „Wann waren Sie denn zuletzt bei Ihrem Hausarzt, um einen Langzeit- Check zu machen?“ – „Öhm… das war…“ Ihr Mann unterbrach sie: „Die in der Klinik untersuchen auch immer das Blut. Und die meinen, es sei alles in Ordnung, die haben nichts gegen den hohen Zucker gemacht. Nur das Cortison angepast.“ Natürlich. Wenn man wegen einen Tumor in eine entsprechende Fachpraxis geht, ersetzt das natürlich den Hausarztbesuch in Sachen Diabetes…

„Wie viel Insulin haben Sie denn heute Abend gespritzt? Die normale Dosis?“

„Insulin? – Nee, da habe ich nichts gespritzt… Weil auf der Liste keine Einheiten für diesen Wert stehen…“

„Welche Liste?“ Sie zeigte mir eine Tabelle, auf der für verschiedene Zuckerwerte fertig ausgerechnet die zu spritzenden Insulineinheiten standen. Und tatsächlich: Diese Tabelle endete bei 390! Na toll…

„Haben Sie denn irgendwelche Probleme? Schwindel, gesteigerter Durst, Kopf?“

„Nein. Gar nichts.“

Ich fasste für mich also zusammen: Sie hatte einen Blutzuckerwert von 400, und weil ihre tolle Tabelle nur bis 390 ging, beschloss sie, gar kein Insulin zu spritzen, sondern einfach den Rettungsdienst zu rufen. Obwohl sie keine Probleme durch den Zucker hatte.

Wir klärten sie darüber auf, dass es vielleicht eine gute Idee sei, jetzt die auf der Tabelle angegebenen Maximaleinheiten Insulin zu spritzen, zu beobachten, ob der Zuckerspiegel dadurch sinkt, und möglichst bald einen Hausarzt aufzusuchen, damit vielleicht die Einheiten angepasst würden. Völlig erstaunt hörten sie sich von uns an, dass ein Onkologe sich bei der Tumorbehandlung vor allem um seine Tumorbehandlung kümmert, in der Annahme, dass die Patientin ja wohl parallel auch wegen ihrer Diabetes bei einem geeigneten Arzt in Behandlung ist, und daher nicht grundsätzlich über Werteverschiebungen gesprochen würde, die ihn nichts angingen. Wenn ich mein Auto zum Lackierer bringe, erwarte ich anschließend ja auch keine neuen Bremsbeläge, nur, weil der Lackierer auch irgendwas mit Autos zu tun hat… Dieses Päärchen schien irgendwie den IQ eines Toastbrotes zu haben.

„Aber schauen Sie doch mal bitte, hier in meinem Auge, das ist seit heute Morgen so rot. Hat das vielleicht etwas mit dem Zucker zu tun?“ Sie hielt mir als letzten Trumpf ihr Gesicht hin und machte große Glubschaugen. Tatsächlich: In einem Auge war wohl ein kleines Äderchen geplatzt. Aber auch hierin sah ich keinen Grund für einen Transport ins Krankenhaus.

Also verabschiedeten wir uns wieder mit der Bitte, doch jetzt ihr Insulin zu spritzen und den Zucker in ein paar Minuten noch einmal zu mesen. Natürlich mit dem Hinweis, falls sich irgendetwas verschlimmern sollte, noch einmal bei der Feuerwehr anzurufen. Oder am Besten gleich mit dem eingenen Auto in das etwa 600 Meter entfernte Krankenhaus zu fahren. Geht schneller.

Da wir nichts mehr von der Dame gehört haben, gehe ich davon aus, dass die Insulingabe den erhofften Erfolg brachte. Wer hätte das gedacht…

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Über firefox05c

Firefighter, Kittyowner, Bagpipeplayer. Querulant. Manchmal bissig, aber im Großen und Ganzen handzahm. Die Themen hier: Feuerwehr - Rettungsdienst - Alltag .
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7 Antworten zu Wieder mal „Mentale Blockade“…

  1. sst89 schreibt:

    Solche Beispiele gibt es zu Hauf…

    Ich kam letztens als Nacht- KTW zu einem hin der schon seit zwei Wochen Grippe hat und jetzt Nachts um 4 Uhr gerne ins Krankenhaus möchte.

    Oder als HvO zu einer Atemnot, bei der die Frau mit gepackten Koffern an der Türe steht und bei mir ins HvO Auto steigen möchte.

    Auch den Fall, dass der Mann seine komplette Medikamente nur nimmt, wenn ihm seine Blutdruckwerte nicht gefallen und sich dann wundert, dass er einen Schlaganfall und Herzinfarkt nach dem anderen bekommt hatte ich als HvO.

    Aber ich denke, du kannst noch mehr Lieder als ich singen…

    • firefox05c schreibt:

      Auch sehr beliebte Aussage: „Ich weiß nicht, warum ich die Blutdruck- Pillen nehmen soll. Mein Druck ist immer in Ordnung.“ – „Sie sollten sich mal fragen, wieso…“ 😉

  2. Conny schreibt:

    Woohooo, heiligs Blechle!
    Ich kenn mich nur rudimentär mit Zuckerwerten aus, aber das ist ja schon gigantisch, was sie an Werten hatte.

    Sehr erstaunlich, dass sie keine Auswirkungen davon merkte- oder macht sich eher zu niedriger Zucker spürbar bemerkbar?

    Und wenn man schon quasi neben dem Krankenhaus wohnt, versteh ich den Anruf nicht wirklich.

    Beim Lesen dachte ich noch, dass sie vielleicht noch gar nicht lange Diabetikerin ist? Ich schätze, dass sie sonst anders mit der Gesamtsituation und auch der Vorgeschichte umgegangen wäre.

    Naja, auch wenn es fast ein Weckruf für euch gewesen ist- ich glaub, manches Mal werden Vertreter der Blaulicht-Fraktion fürs Händchenhalten gebraucht. Ist nicht Sinn und Zweck, ist manchmal mühsam und doch- manchmal ist das nötig.

    Liebe Grüße,
    Conny

    • firefox05c schreibt:

      Allgemein ist ein Mensch auf einen zu hohen Zuckerwert tolleranter als auf einen zu niedrigen. Als „normal“ werden Werte zwischen 80 und 120mg/dl angesehen. Während einige Menschen bei einem Zucker von unter 65 schon arge Probleme bekommen, sind bei schlecht eingestellten Diabetikern Werte bis 400 dann und wann schon mal anzutreffen, ohne, dass der Patient irgendwelche Ausfallerscheinungen hat.
      Ist der Zucker zu hoch, merken es die Patienten in der Regel so rechtzeitig, dass Gegenmaßnahmen getroffen werden können, eine „gefährliche“ Überzuckerung ist daher auch recht selten.
      Unterzuckerung hingegen macht sich teilweise recht plötzlich bemerkbar und passiert wesentlich häufiger.
      Daher, wenn ein Diabetiker „zusammenklappt“, aber noch gefahrlos schlucken kann: Zuckerhaltiges geben.
      Aber Vorsicht: Da bei einer tiefen Unterzuckerung das Gehirn nicht richtig funktioniert, kann der Patient „neben sich stehen“, uneinsichtig sein und gegen Helfer aggressiv werden.

  3. red_cap schreibt:

    Aber nicht vergessen, dass ein hoher BZ sich in der Regel über einen längeren Zeitraum aufbaut und eine anschließende schnelle Senkung mittels Insulin ggf. zu Elektrolytentgleisungen und Hirnödem führen kann. Aus diesem Grund wird ein hoher BZ in der Klinik auch nur langsam und unter Kontrolle der übrigen Blutwerte (z.B. Kalium) gesenkt. Gerade eine Kaliumverschiebung kann zu HRST führen.

    • firefox05c schreibt:

      Ich denke, da sie auch sonst etwa 350mg/dl hat und nach Tabelle spritzt, wird es ihr bei diesem leicht höheren BZ kaum geschadet haben, wenn sie auch dieses Mal nach Tabelle gespritzt hat. Dass der Zucker möglichst bald durch den HA neu eingestellt werden sollte, ist klar. Auf diese Idee mussten wir die Dame aber erst mal bringen!

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