Blutige Überraschung

DIGITAL CAMERAWir hatten gerade das Löschfahrzeug auf Vollständigkeit gecheckt, da ging das Licht in der Wache an: „Einsatz für das LF, Krähenstraße, First Responder.“ Es war also in unserem Bereich mal wieder kein Rettungswagen in annehmbarer Zeit greifbar, also schickte man uns zur ersten Hilfe. Wir besetzten schnell das Fahrzeug und wurden von der Leitstelle über Funk angesprochen: „Der Anrufer sagte, er wollte seinen Freund besuchen. Er sagte nur irgendetwas davon, dass die Wohnungstür offen stand, viel Blut zu sehen sei und er sich dann nicht mehr in die Wohnung getraut hat. Keine Ahnung, was da genau los ist. Schaut euch das mal an.“

Nun gut, „viel Blut“ ist häufig nicht so viel, wie man meinen möchte. Meistens beschreibt diese Aussage ein „Verteilungsproblem“: Jemand blutet irgendwo, versaut sich die Hände und fasst überall an. Oder ein paar Tropfen liegen auf dem Boden. „Vielleicht ist Opa auch nur eine Krampfader geplatzt“, vermutete mein Kollege. Auch der feine Strahl bei einer perforierten Krampfader kann ganz schön weit spritzen und ist dabei manchmal so dünn, dass man ihn kaum sieht. „Na, wir wollen mal sehen. Vielleicht ist das auch mit einem Pflaster abgetan“, meinte ich.

An dem Wohnhaus angekommen, stand ein etwa dreißigjähriger Mann am Hauseingang: „Gehen Sie mal rein, die rechte Wohnung. Da ist alles voller Blut, der ganze Boden. Ich warte hier.“ Unser Wachführer fragte nach: „Ist Ihr Bekannter denn da drin?“ – „Ich weiß nicht. Ich habe mich nicht hinein getraut.“ Wir nahmen den Rettungsrucksack aus dem Staufach und gingen ins Haus.

Die Wohnungstür stand tatsächlich offen. Und es war auch tatsächlich Blut zu sehen: direkt bei der Tür lag eine große Pfütze halb geronnenen Blutes, der Türrahmen war verschmiert. Eine breite Spur führte über das Laminat in den Wohnungsflur, mitten drin lag ein großes Küchenmesser, blutverschmiert, mit schwarzem Griff. Wir schauten um die Ecke und sahen einen Mann mit Trainingshose und einem mehr roten als weißen Unterhemd bäuchlings im Flur liegen. „Der ist hin“, dachte ich bei mir angesichts dieser Massen an auf dem Boden verteilten Blut, die ich noch nie bei einem lebenden Menschen gesehen hatte. „Den Verlust überlebt keiner…“

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Symbolfoto

Wir betraten die Wohnung, wobei wir aufpassen mussten, nicht in den Pfützen auszurutschen. Der sowieso schon schmale Flur war zusätzlich noch durch eine Kommode und ein Aquarium eingeengt. Unser Chef stieg über den Patienten hinweg, ich schob mich an ihm vorbei und legte den Rucksack ins Badezimmer, da im Flur kein Platz mehr war, und begann, die Fächer für die Arbeit vorzubereiten. Der Wachführer sprach den Patienten an: „Hallo? Hören Sie mich?“ Der Mann am Boden röchelte nur etwas, er war ganz kalt. „Was ist passiert?“, fragte der Chef und versuchte, die blutende Wunde ausfindig zu machen. Die Unterarme waren in einem Muster verletzt, dass an Haifischkiemen erinnerte, aber der größte Teil des Blutes kam wohl von woanders: Die Kehle des Mannes war durchschnitten!

Der Wachführer gab weitere Anweisungen: „Klaus, ruf mal die Leitstelle an. Wir brauchen einen Notarzt und die Polizei. Heinrich: Kompressen, Zugang, Infusion, Blutdruck.“ Ich suchte aus dem Rucksack ein paar Kompressen, die ich einem meiner Kollegen gab, damit er mit ihnen die Wunde am Hals zuhielt. Scheinbar war dort auch eine große Ader angeschnitten, anders ließ sich dieses Blutbad nicht erklären. „Sind Sie noch wo anders verletzt?“, fragte der Wachführer, während wir den Mann vorsichtig umdrehten. Natürlich kam keine Antwort, aber der Mann war bei Bewusstsein und schaute uns an. Um den Körper besser untersuchen zu können, schnitten wir das Unterhemd auf und versuchten mit den Resten, die großflächigen Blutverschmierungen zu entfernen, um eventuelle weitere Stichwunden zu finden. Aber wir fanden nichts.

Die Wunden bluteten nur noch wenig. Unser Anstaltsleiter fing mit dem von mir vorbereiteten Material an, einen Zugang in den Handrücken zu legen, während der Kollege die Kompressen am Hals fixierte und ich in der Enge, im Blut des Verletzten hockend, versuchte, den Blutdruck zu messen. „Systolisch gefühlt irgendwas um siebzig. Diastole konnte ich nicht hören“, teilte ich dem Chef mit. Der  Rettungswagen traf ein, die Kollegen unterstützten uns bei den weiteren Maßnahmen. Klaus, der jetzt nichts mehr zu tun hatte, lief zum Rettungswagen und kam mit einem Laken wieder, welches er im Flur so weit wie möglich über den Boden ausbreitete: Das Geschlitter auf den glitschigen Blutmassen hatte ein Ende. Draußen hörten wir das Martinhorn der Polizei, einige Augenblicke später standen zwei Polizisten in der Tür. Einer der beiden holte sofort einen Fotoapparat aus der Tasche und fing an, soweit es möglich war, ohne uns bei der Rettung zu behindern, den Tatort zu fotografieren. „Habt ihr schon geguckt, ob in den anderen Räumen noch jemand ist?“, fragte der fotografierende Polizist. Heiß und kalt durchfuhr es mich: Nein, hatten wir noch nicht! Die Tür zum Wohnzimmer war offen, an der Wand im Zimmer hingen verschiedene Mittelalter- Waffen. Aber die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen. Und wenn der Täter jetzt da drinnen noch wartete, dass einer die Tür öffnete, um mit einem Morgenstern aus dem Wohnzimmer auszuholen? Wir hatten den Eigenschutz völlig vergessen! Vorsichtig schaute ich auch ins Schlafzimmer, doch glücklicherweise war dort alles sehr aufgeräumt und Menschenleer. „Keiner mehr in der Wohnung“, teilte ich dem Polizisten erleichtert mit. Das hätte auch schief gehen können!

Die Infusion, die ich hochhielt, tropfte emsig vor sich hin. In Kriegsgebieten hatten die Amerikaner die Erfahrung gemacht, dass schnelle Infusionen bei schweren Verletzungen die Gerinnung so weit beeinflussen, dass die Soldaten auf dem Flug ins Lazarett verblutet waren. Andere Verletzte, die keine Infusion bekamen, hörten bei niedrigem Blutdruck auf zu bluten und überlebten. Sollte man hier, wo die Blutung fast zum Stillstand gekommen war, vielleicht auch sparsam mit der Infusion umgehen?

Noch mehr sich rasch nähernde Einsatzhörner waren zu hören. Wir entkleideten den Patienten weiter, um nichts zu übersehen. Die Notärztin betrat die Wohnung und übernahm nach einer kurzen Übergabe die Einsatzleitung. Langsam wurde es echt eng im Flur. Ich selbst stand jetzt im Bad beim Rettungsrucksack und kam kaum noch an den Türrahmen, in dem die Notärztin neben dem Kopf des Patienten hockte. Nun gut, jetzt wurde aus unserem Sack auch nichts mehr gebraucht, also machte ich alle Fächer wieder zu. Der Koffer des Notarztes lag im Treppenhaus, der Defi stand auf der Kommode im Flur, der Beatmungsrucksack im Wohnzimmer, wo er dem Kopf des Patienten am nächsten war. Von einem geregelten „Ausrüstungs- Management“ konnte man hier wieder einmal nicht reden. „Bereitet im Auto schon mal eine Intubation vor. Einen 7,5er, einen 8er Tubus. Nur, für den Fall, dass es notwendig wird“, organisierte die Ärztin.

Weitere Einsatzhörner näherten sich: Die Polizei fuhr groß auf. „Transport vorbereiten“, entschied die Ärztin, da es hier nach der Untersuchung und der notdürftigen Wundversorgung nichts mehr zu tun gab. Einige Momente später warf ein Kollege ein Tragetuch neben den Verletzten, auf dass wir ihn mit vereinten Kräften buchsierten, um ihn anschließend aus dem Haus zu tragen. Draußen legten wir ihn auf die vorbereitete Trage. Vor dem Haus hatten sich schon etwa drei Streifenwagenbesatzungen versammelt, immernoch waren weitere Martinhörner in der Ferne zu hören. Die Beamten sprachen sich untereinander ab, interviewten den noch wartenden Freund des Opfers, sicherten vor dem Eingang und im Treppenhaus schon erste Spuren. Unser Patient wurde in den RTW geschoben, kurz neu verkabelt, um ihn auf dem Transport zu überwachen, und in Begleitung eines Streifenwagens ins Krankenhaus gefahren. Unser Wachführer wurde von einem Polizisten noch ein paar Minuten über unseren Einsatz und den Zustand der Wohnung bei unserem Eintreffen befragt, dann konnten auch wir wieder zur Wache und unsere Ausrüstung und die Stiefel reinigen.

Wie wir später erfuhren, konnte der Verletzte nach ein paar Tagen bereits das Krankeinhaus wieder verlassen. Angeblich kannte er den Täter nicht, der plötzlich vor seiner Wohnungstür stand, auf ihn einstach und wieder verschwand. Naja, das werden hoffentlich die Richter klären, wenn man mal etwas mehr im Umfeld des Opfers stochert…

(Anmerkung: Der Einsatz ist schon mehrere Jahre her und wichtige Details natürlich verfremdet. Nicht, dass jemand Bedenken bekommt, ich könnte Ermittlungsarbeit behindern.)

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4 Antworten zu Blutige Überraschung

  1. Das hätte wirklich auch ins Auge gehen können, aber wir Retter stürzen uns leider manchmal blindlings auf den Patienten.

  2. gotsassaufeinemast schreibt:

    Im Umfeld des Opfers stochern? ^^ Großartig gewählter Satz. 😀

  3. Conny schreibt:

    Oh Mann, krass.

  4. blaulichtengel schreibt:

    Eigenschutz ist echt verdammt wichtig, aber leider übersehen wir Retter sowas echt gerne einmal.
    Erinnert mich ein bisschen an meine Silvesternachtschicht, bei dem ein Mann ein Messer im Bauch hatte. Allerdings haben wir dabei massiv Polizei dabei gehabt und uns erst einmal nach anwesenden Personen erkundigt. Hier kann man den Bericht nachlesen: http://blaulichtengel.wordpress.com/2012/01/09/silvester-eine-ganz-normale-nachtschicht-auf-dem-retter-oder-doch-was-besonderes/

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